Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Dezember 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 24.XII.05.
Liebes Fräulein Hadlich!
Durfte ich die Sommerfäden lösen, ehe der 24. da war? Ich habe es gethan und habe den Blick in die schöne Welt, die Ihre Kunst mir eröffnet, endgültig genossen. Was diese Gegend mir für mein Gemüt bedeutet, habe ich Ihnen zu selbsen Zeit durch eine Gedankenharmonie, die mir längst nicht mehr rätselhaft ist, ausgesprochen. Dies nun in einem so vollendeten Werk der Kunst, die den flüchtigen Moment zum Verweilen zwingt, zu besitzen, bereitet mir eine Freude, von der ich Ihnen in meiner unzulänglichen Sprache keinen Begriff geben kann. Durch eine Influenza zum Liegen gezwungen lasse ich meinen Blick immer wieder über die sonnige Landschaft bis zu den blauen Fernen schweifen, wo der Dilsberg emporragt und der Kundige Neckarsteinach ahnt. Ja,
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| wer dort leben könnte! Ich habe nicht das Gefühl, daß mir dieses Glück jemals werden wird. Um so herzlicher danke ich Ihnen für dies wundervolle Weihnachtsgeschenk, das mich nicht nur durch seine künstlerische Feinheit dorthin versetzt, sondern auch sonst tausend Gedanken weckt.
Auch für die gütige Mitteilung Ihrer Briefe danke ich Ihnen herzlich. Ich habe sie wiederholt mit dem größten Interesse gelesen und Züge darin entdeckt, auf die Sie nicht immer den Ton gelegt haben. Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich sie erst in einigen Tagen zurückschicke? Ich habe noch manches darauf zu antworten. Aber mein Kopf ist heute zu dumpf dazu und diese Positon legt jedem Schriftsteller das Handwerk. Nur das eine: Wie stellen Sie sich zu dem Centralpunkt des Christentums: Dem unendlichen Wert der einzelnen Menschenseele? Ohne dies, fürchte ich ist alles nur scheinbar äußere Deckung.
Kügelgen versetzt mich durch "Altrheinische
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| Geschichten" nach Bacharach, die er mir mit dem kläglichen Ausruf dediciert:
Zu Bacharach am Rhein
Da möcht'ich gerne sein.
Ich wäre gern, ach, ach
Am Rhein zu Bacharach.
So lebt jeder in tausend Sehnsüchten , und nur wer die Sehnsucht kennt - ...
"Führte doch plötzlich ein Gott über Nacht mich in südliche Lande
zauberte Neckargemünd vor meine Blicke mir hin!
Säh'ich im Sonnenglanz das liebliche Flüßchen sich winden,
O so flösse wohl auch ruhiger, leichter mein Blut."
Einen großen Teil dieser göttlichen Kunst haben Sie besessen. Einen weiteren sehr großen werden Sie beweisen, wenn Sie nach Berlin kommen. Meine Eltern bestehen darauf. Ich selbst thue es im Geheimen auch, ohne mich der daraus hervorleuchtenden Eigennützigkeit zu schämen. Also auf Wiedersehen in Berlin! Wenn durchaus nicht, so in Halle, falls alles glatt geht.
Verzeihen Sie, wenn ich heute nicht weiterschreibe. Ein "Brief" folgt noch. Heute bitte ich Sie nur, alle die werten Ihrigen, besonders Hermann, herzlich zu grüßen. Empfangen Sie selbst von
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| meinen Eltern und mir die lebhaftesten Grüße.
In herzlicher Dankbarkeit
Ihr
Eduard Spranger.