Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Dezember 1905 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 29.XII.05.
Liebes Fräulein Hadlich!
Nur wenige Zeilen, die darin gipfeln sollen, Ihnen beim Jahreswechsel von neuem auszusprechen, wie sehr ich von herzlichen Wünschen für Ihr Wohlergehen erfüllt bin. Nächst der Gesundheit möge nun auch Ihren künstlerischen Plänen ein glückliches Wachsen beschieden sein! Hoffentlich finden Sie in Halle reichlich was Sie suchen, und noch vieles darüber hinaus in Berlin.
Berlin also! Wann Sie kommen, muß ganz in Ihrem Belieben stehen; denn Sie allein können wissen, welche Zeiteinteilung
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| Ihnen günstig [über der Zeile] ist, während vor uns - darin gleichen wir Gott - ein Tag wie der andere ist; gänzlich Unvorhergesehenes natürlich abgerechnet.
Und nun lassen Sie mich über das Nähere gleich ganz offen reden. Am liebsten holte ich Sie gleich am ersten Tage von der Bahn ab zu uns und von da an, gegen alle Theorie, nicht mehr frei. Es ist mir garnicht recht, daß Sie Verwandte hier haben und noch dazu so viele. Doch da heißt es sich wohl bescheiden; nur nicht zu sehr bitte. Vom Bahnhof werde ich mich nicht vertreiben lassen. Aber ob Sie uns bereits am ersten Tage auch den Mittag widmen können? Das müssen Sie wissen. Bitte, verfügen Sie über uns. Am zweiten
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| Tage werden Sie wohl oder übel müssen. Das übrige wird sich leichter finden; ich erbiete mich Ihnen als Fremdenführer, während etwaiger Besuche bleibe ich auf der Straße oder im Lokal; in die Nationalgallerie werde ich möglicherweise sogar mit hereinkommen. (!)
Sollte es nicht vielleicht möglich sein, auch unsrer lieben Natur einige Stunden zu widmen? Das müßten wir besonders überlegen, weil es so früh dunkel wird.
Wenn meine Zeilen nicht ganz klar oder nicht ganz bescheiden sind, verzeihen Sie! Ich bin heute den 3. Tag nach 4 Tagen Liegen wieder auf und empfinde eher einen Rückgang als Fortschritt. Arbeiten kann ich garnicht, mein Kopf ist wie derou
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|tiert. An Weihnachtsfeier war natürlich nicht zu denken.
Bild von Nieschling.*) [re. Rand] heute Karte v. ihm u. Otto aus Wernigerode..) Aufsätze von Dilthey (über s. Hölderlin demnächst noch mehr.) v. Kügelgen: Schian, Unser Christenglaube, das ich Ihnen empfehle; von da an abwärts zu Cigarren u. derlei Teufelswerken.
Für Ihren letzten lieben Brief herzlichen Dank. Die Originalbriefe lege ich hier gleichfalls mit herzlichstem Dank bei. Sie nehmen es mir nicht übel, nicht wahr, wenn ich noch nichts darüber schreiben kann; es würde Unsinn werden. Ich habe mir Notizen gemacht. Wir reden hoffentlich darüber.
Bitte empfehlen Sie mich noch den hochgeehrten Ihrigen. Nochmals herzliche Neujahreswünsche auch von meinen Eltern, die sich auf Ihre Ankunft unendlich freuen. Einstweilen leben Sie recht wohl, amüsieren Sie sich in Halle und Cassel. (Bitte um Ihre Adresse in Halle.) Mit herzlich<li. Rand>sten Grüßen Ihr Eduard Spranger.