Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, Dezember 1905


Widmung.

In Diesen Blättern, meine hochverehrte Freundin, die nur für Ihre Augen bestimmt sind, gebe ich Ihnen ein Stück von meiner Seele. Sie sind in wenigen kurzen Abendstunden, oft unter dem Drang der Gegenwart, hingeworfen. Keine anderen Aufzeichnungen als das, was jeden Augenblick greifbar vor mir stand, hatte ich dafür zu Gebote. Sie wissen, wie ich, daß sich unendlich viel mehr über dies alles hätte sagen lassen, hätte eine freundlichere Ruhe über der Abfassung gewaltet. Mögen Ihnen dennoch das Stück der Kniebisstraße mit ihren ahnungsvollen Ausblicken, das ich vor einem Jahr empfing, dabei vor die Seele treten! Es waren Stunden, die nicht wiederkehren, und die doch unverlierbar sind. Sie werden in mir leben, auch wenn die Form, die ich ihnen hier in schneller Niederschrift gegeben habe, mir längst entschwunden ist. Indem ich mich von diesen Blättern trenne und den festen Blick wieder in die ungewisse Zukunft sende, bitte ich Sie, darüber als über Ihr unbeschränktes Eigentum zu verfügen und sie zu bewahren, wie ich die Erinnerung bewahre.
Ihr
Eduard Spranger.
Weihnachten 1905

<Tagebuch der Sommerreise 1904>

4. August 1905.
Der Erfurter Bahnhof, seit langen Jahren mir bekannt und lieb, war wieder erreicht. Die Uniform erleichterte mir das Suchen: Nieschling stand vor mir. Die seltsame Verlegenheit zweier Freunde, die nur in Ihrem innersten gemein leben und sich äußerlich ein wenig fremd sind, zeigte sich auch diesmal. Aber der Ort und seine Erinnerungen brachten mich bald in Stimmung: Hier war es, wo er als Fähnrich vor jedem direkten Vorgesetzen vom Bürgersteig herabflog; wo wir den seltenen Urlaub bis Mitternacht auf der alten Petersfeste in einer finsteren Laube vor der Kaserne beschlossen und gelegentliche Patrouillen uns mißtrauisch aufschreckten, - bis vom Turm der Gloriosa die Glocke zwölf schlug und ein schwermütiger Abschied uns wieder auf ein Jahr trennte. Das war nun alles anders. Herrisch beim Wein, nach außen mit lässiger Eleganz, spannen wir die alten Fäden wieder an. Die sengende Glut der Sonne auf den Straßen legte über unsre Seelen die wohlthuende Schlaffheit, die das Innere erschließt. Zeiten und Menschen, Gedanken und Hoffnungen zogen in unsrer Phantasie vorüber, und wir genossen die Freude, auch Kügelgen zum ersten Male als unsren gemeinsamen Freund in Gedanken in unsren Kreis zu ziehen. Dasselbe sollte derselbe eng auch auf Nieschlings Seite für seinen Freund Otto anbahnen. Noch aber durchkreuzten militärische Pflichten die Hoffnung, den Rest des Tages einem freien gemeinsamen Verkehr zu widmen. Durch die glutwarmen Straßen ging es auch diesmal wieder hinauf zur Petersfeste. In mittäglicher Müdigkeit lag der Dom, und über den sandigen Domplatz herüber erschien das niedrige Dach, unter dem Napoleon gewohnt hatte. Am Gitter des Kasernenhofes wartete der Bursche mit der Dienstuniform. Verwandelt trat mein Freund aus der Wachstube heraus, verwandelt war er, als er die Wache aufzog und mit einer Energie Kommandorufe erschallen ließ, von der ich genau wußte, daß er sie nicht hatte. Dies, dachte ich, ist das Werk des preußischen Staates: Seine moralische Gewalt umklammert den einzelnen wider Willen und weiß Erze aus dem Sandboden zu ziehen. Bald aber sank alles in die alte Schlaffheit zurück; die Sonne trieb uns in eine Café. Auf das Polster hingelehnt warteten wir gegenseitig, bis die Müdigkeit den einen oder anderen zur Vollendung eines Satzes gelangen ließ. Es waren nicht viele, aber wir fühlten uns beieinander; Freundschaft besteht eben nicht in den geistigen Reizzuständen. So dachte wohl auch Lieutenant Otto; denn bei unsrem Besuch ließ er durch den Burschen sagen, er schliefe, eine Sache, die mir schon damals als physiologische Unmöglichkeit auffiel. Auch dem behaglichen Heim meines Freundes, dessen erlesener, persönlicher Kunstsinn den Besucher schon beim Eintritt empfing, wurde ich nur zu bald entrissen, um stundenlang auf dem Anger promenierend eine entlose Offiziersversammlung abzuwarten. Als ich so am Ende meiner Kräfte war, wurde mir Nieschling endlich zur freien Verfügung für den Rest des Tages geschenkt. Diesen Rest kannte ich aus Weimar: er konnte immerhin bis 3 Uhr dauern. Wir fuhren ins Gernthal nach Hofheim hinaus, verweilten eine kurze Zeit im Steigerwald, um dann in der Dämmerung auf der Hofheimer Terrasse Otto zu erwarten, der mit dem Rade nachkommen wollte. Er kam, und die Aufgabe, uns kennen zu lernen, begann. Zwar kannte ich ihn schon aus seinen Briefen als eine schwärmerische, edle Natur. Ich hatte seinen Enthusiasmus mit dem Shafterburgs verglichen. Er ließ mir sagen, was ginge ihn Shafterburg an; er werde ein lebendiger Mensch und erfreute sich seiner Kraft, zu lieben und das Schöne der Natur zu genießen. Dabei litt er tief unter seinem Beruf. Eine Opferfreudigkeit, die ihn in meinen Augen herhob, hielt ihn daran gefesselt, obwohl reich, mit künstlerischen Talenten und Wünschen ausgestattet, eine feine und zarte Seele, im Grunde ohne die Kraft, die Askese der militärischen Idee ein ganzes Leben zu tragen. So saßen wir nun zu dreien persönlich bei einander. Das Dunkel, das den schwülen Sommerabend umhüllt hatte, hinderte uns, uns zu sehen. So suchten wir uns in einem doppelten Sinne. Immer wieder versicherte er seine bewundernde Scheu vor dem Leben eines Menschen, der die Welt mit durchdringender Denkkraft umfasse. Immer wieder versicherte ich ihm meine Sehnsucht nach einem Leben der That und gesunder gleichmäßiger Bethätigung der Kräfte. Aber da wir uns nicht sahen, so hatten wir keine Mittel, die Nuancen dieser Worte zu erfassen, das Maß ihrer Leidenschaft zu sehen. Freunde mögen sich im Dunkeln der Petersfeste näher bei einander fühlen. Freunde können sich im Dunkel nicht kennen lernen. Warum schweigen wir während der Fahrt durch einen Tunnel? Weil wir im Finstern die Worte nicht sehen, und Worte wollen ebenso gesehen wie gehört sein. Schwermütige Seufzer bildeten den Grundakkord dieses Abends; kein frischer jugendlicher Ton kam auf. Und so blieb es auch, als wir durch die Parkwege an der murmelnden Gera entlang zur Stadt zurückgingen. Noch denke ich der zahllosen Sterne, die ich dort sah. Welch ein Gedanke für den Großstädter, sich selbst mit dem Heer der Sterne allein zu wissen, diese Welten zu sehen, während der Pfad unter den Füßen wieder und wieder im Dunkeln des Laubes verschwindet! Otto verließ uns, und unter Offizieren im Café endete ein freundschaftliches Wiedersehen, das vergebens damit rang, sich auf Worte zu bringen. Freunde gemeinsamer That sind immer bei einander; metaphysische Freundschaften öffnen sich, wie der Sternenhimmel, nur in klaren Nächten stiller Einkehr.

5. August 1905
Ich hätte dort bleiben müssen und können. Aber meine Gedanken waren längst voraus in Heidelberg. Der neue Tag ließ mir Erfurt fremd erscheinen. Mit Nieschling den Vorabend seines Geburtstags zu feiern, konnte mich nicht verlocken. Wir schieden, um Worte verlegen, am Bahnhof, noch nicht ahnend, daß schönere Herbsttage in Berlin uns wieder innig verknüpfen würden. Über Thüringen lagerte die Glut, die am Morgen so belebt; aber ich wagte nicht zu denken; ganz von außen wollte ich das Tiefe, das der Nachmittag mir bringen sollte, empfangen. Und sonnig wie die Welt war der freundliche Greis, der im Wagen durch leichtes Geplauder mir die Fahrt verkürzte.
Frankfurt am Main, eine kaiserliche, eine erhabene Stadt; wieder wurden tausend Erinnerungen wach, Erinnerungen, die den nicht schaffenden, fortschreitenden Menschen mit ihrer Gefühlsgewalt erdrücken würden. Dunkle Wetter ballten sich über Darmstadt zusammen. Felder und Wälder beugten sich den orkanischen Sturm, Blitze rasten, und ein ferner Feuerschein verkündete ihre Gewalt. Strömender Regen peitschte an die Scheiben. Mir aber bedeutete der Gedanke, daß ich nach Heidelberg führe, das Zentrum der Welt. Keine Geschichtsschreibung kann ein solches zentrales Erleben wieder ins Dasein rufen: aller Heroismus weicht auch solchen Gefühlen. Ich war nicht Hölderlin mehr. Ich war nicht mehr Sklave meiner Phantasie, die ich vor wenigen Wochen, Abschied nehmend von alten Träumen, von mir geschüttelt hatte. Aber noch war ich nichts nach außen: alles stand innerlich auf mir selbst. Um so glücklicher das Gefühl innerer Gewißheit, das mir in dem Moment gekommen war, als ich zum ersten Mal dahin gelangte, einen Stoff durch seine Objektivitäten auf mich wirken zu lassen. Diener des Objekts zu sein, darauf beruhte mein Heroismus. Ein Selbst ohne Kultus, allmählich frei sich läuternd aus dem Kampf, der zwischen Sujekt und Objekt zur entscheidenden Stunde stattfindet, das begann ich damals zu sein, dies Gefühl gab mir die Flügel. Wie anders, als ich vor einem Jahr die Hauptstraße Heidelbergs bei Tag und Nacht durchwanderte! Ein Herr auf eignem Grund, kehrte ich zurück, und doch waren die Erinnerungen lebendig genug, daß mir die Namen Hölderlin und Shaftesburg und Werther noch etwas bedeuteten. Erschöpft, nervös erreckt vom Geschehenen und kommenden, fand ich im Café Impérial eine kurze, erfrischende Rast. Die Poesie des Cafés hatte für mich von je ihren Reiz. Fast ungern schied ich von meiner Einsamkeit. Die Vergangenheit hatte Gewalt über mich. Was brachte die Zukunft? Ein ängstliches Gefühl mischte sich in meine Fröhlichkeit. Das Herzklopfen, das mir jede fremde Treppe verursacht, war unendlich stark, bis ich die Klingel zog. Vergebens suche ich mir heut, wenig mehr als ein Jahr später, die Gefühle, dieses Augenblicks deutlich zu machen. Ich suchte etwas; ich suchte gleichsam das Siegel zu den Briefen, die für mich den Inhalt des vergangenen Winters gebildet hatten. Das aber ist das Schicksal jeder Geschichtschreibung, daß sie Erfolg und Folgen der Begebenheiten, die sie vorstellt, schon in diese selbst hineininterpretiert. Damals hätte ich vielleicht noch nicht gewagt, den Namen "Freundschaft" in dem tiefen und einzigen Sinne, wie er sich mir später aus diesen Stunden heraus entfaltete, auszusprechen. Ich kam fragend. Das Werden der Antwort zu schildern, ist der Zweck dieser Blätter.
Beherrschender und strahlender, als es in meiner Phantasie lebte, erschien mir das Auge meiner Freundin. "Man muß erst wieder mit einander bekannt werden". Unter Gesprächen von Hermann, dem ruhenden Vater und den lebenden teuren erreichten wir den Wald. Mir scheint, als achteten wir gleich wenig auf unsre Reden wie auf den Pfad. Es war die Rede von der sozialen Frage und von der Medizin, gewiß nicht die Fakultäten, die uns am Herzen lagen. So erreichten wir den Speyerer Hof. Hier hatte ich vor einem Jahr, vom Kohlhof kommend, den ersten inneren Schritt zur Befreiung von der ästhetischen Übermacht gethan, die mich zu erdrücken drohte. Seitdem war ich tausend Mal in der Phantasie die dämmernden Windungen des Weges hinabgegangen, wie damals, und ich ließ es Winter sein, bald frühlinghaft; hier schwor mir die Freiheit. Vielleicht war ich in Wirklichkeit weniger frei. Der mühselige Kampf um die Form, der jeden Verkehr für mich so aufreibend gestaltet, bedrückte mich auch jetzt. Deshalb führe ich jedes Gespräch am ersten Tage mit innerer Unruhe, mit zersplitterter Aufmerksamkeit und ohne wahren Gewinn. Wie wir in der Schwüle des Augustabends das Thor der Stadt und das Haus erreichten, steht mir nur dunkel vor der Seele. Den Rest des Abends widmete ich dem Pfälzer Wein, er hat eine beruhigende Gewalt über mich; ich kann keinen Tag beschließenr, ohne stille Sammlung in mir selbst. Trotzdem brachte mir die Nacht keine Ruhe. Ich mag in diesen Tagen wohl drei Nächte ohne Schlaf gewesen sein. Eine unerträgliche Schwüle füllte das Zimmer; so brachte ich den größten Teil der Nacht am Fenster zu, lauschte auf das Plätschern der Brunnen und fühlte mich in der Welt Eichendorffs:
"Wo die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht."
Die bunt durcheinander greifenden Dächer, die dunkel bewaldete Berglehne, das Schlagen der Glocken beschäftigten meine Einbildungskraft stundenlang. Die verabredete Vorlesung Windelbands nicht zu versäumen, war mir Ehrensache. Ohne geschlafen zu haben, betrat ich die Aula der Heidelberger Universität, wie ich gestehe, mit stillen Zukunftsprätensionen .

6. August 1905.
Es ist immer störend, einen hervorragenden, produktiven Geist neutral die Ansichten anderer referieren zu hören. Vielleicht hätte ich auch dann keine Aufmerksamkeit gehabt, wenn mir die einfachen Gedanken Wundts, die der Redner entwickelte, weniger bekannt gewesen wären. Aber seine Schlußworte, die in die übliche Persönlichkeitsphrase ausklagen und lose dem Zusammenhang aufgepfropft waren, hätten mich gewiß geärgert, wenn ich diese Vorlesung als Selbstzweck behauptet hätte.
Auf der Bank am Universitätsplatze lernte ich Frl. Knaps kennen. Ein unbegrenztes Vertrauen zog mich vom ersten Augenblick zu ihr hin, und unwillkürliche Vergleichungen mit dem Vorabend in Erfurt drängten sich mir auf. So wirkten alle Naturen, deren Grundzug die Sorgfalt und die liebevolle Versenkung in menschliche Verhältnisse ist. Auch dann hätte sich diese Eigenschaft mir vom ersten Moment an nicht verborgen, wenn nicht im Schloßhof darauf ein Obstfrühstück gefolgt wäre, das mir ebensoviele technische Schwierigkeiten bereitete, als es vorzüglich schmeckte. Vor der Sonne fliehend, wechselten wir den Tisch. Hier sprach ich über den Bildungswert Goethes mit einer Unbefangenheit, aus der ich sehe, daß ich mich nicht fremd fühlte. Dies waren seit meiner Thüringer Reise 1902 für mich zentrale Gedankenweichen. Aber während ich dort ein stumm-bewunderndes Nichtverstehen geerntet hatte trotz Ilmenau und Weimar, fand ich an diesem Ort, wo Goethe mit Vorliebe weilte, ein Eingehen, das mir unendlich wohltat. Auch von Hermann und seinen Geschwistern, von Windelband und Herbart war die Rede. Dann betraten wir die Terrasse; ich dachte an die Abende, die ich hier zugebracht hatte, als ich in der neuen Schloßstraße wohnte, noch mehr aber an den Heiligenberg mit der rätselhaften Wetterfahne, der uns grüßte, und so that sich ein Ausblick über die Berge in vergangne Zeiten auf. Beim Abstieg sprach ich von dem Glück der Versenkung in Dokumente vergangner Zeit, meine Urkundenarbeiten im Sinne, und, früher als ich wünschte, verließ uns die neugewonnene Freundin. Ich habe die Erfahrung, daß tiefergehende Gespräche, die so ganz vom Zeitmoment losgelöst, aus dem metaphysischen Teile unsres Wesen auftauchen, dem associativen Gedächtnis weit mehr entschwinden, als die vom Augenblick hervorgerufenen Unterhaltungsthemata. So weiß ich, daß wir auf dem Eisengeländer höchst unbequem schwebend am Karlsthor ernste Dinge besprachen. Aber sie sind mir ebenso entfallen, wie die Tischgespräche im Jägerhaus oberhalb des geliebten Neckars. Während ich deutlich weiß, daß ich dort eine Karte nach Hause schrieb, ist mir der geistige Gehalt der Stunde völlig entschwunden. Unser Ziel für den Nachmittag war das Neckarhäuser Thal, einer der Lieblingsorte meiner Freundin. Schon die Bahnfahrt am Neckar erfüllte mich mit wonnevoller Erinnerung. Fast verzage ich, ob ich unter den trüben, ernsten Eindrücken des Tages, an dem ich schreibe, (17. XI. 05.), mir den strahlenden Sonntag lebendig ins Gedächtnis zurückrufen kann. Zur linken floß der grünumgebene Neckar; bald erreichten wir die Biegung, wo wie ein tiefer Gedanke der Natur die gehaltvollste Windung des Flußes sich aufthut. Oben der Kümmelbacher Hof; an seinem Fuße Neckargemünd, und in der Ferne der poetische Dilsberg. Das alles war mir vertraut; aber es erschien mir nun in einem neuen geselligen Lichte. Unter den Burgen Neckarsteinachs hindurchfahrend, erreichten wir Neckarhausen, das ich vor einem Jahre auf dem Wege nach Eberbach bereits berührt hatte. Die Fähre, die der Einfachheit ihrer Technik mir immer wieder interessant, brachte uns an das andere Ufer. Wir gingen an ein paar ärmlichen Häusern vorüber, und bald nahm uns ein von beiden Seiten ziemlich eng geschlossener Thalweg auf. Waldduft umfing uns. Aber es fehlte das Rauschen des Berges, das vor der glühenden Hitze, die zum Schweigen einlud, verstummt war. Bald zeigten sich auch vereinzelte Felspartien. Ich weiß nicht, ob meine Begleiterin es mir nachfühlte, wie diese plötzliche Veränderung der Landschaft, das Bild einer ganz freien, stillen Natur einen Tag nach dem Abschied von großstädtischem Leben, auf mich wirkte. Es giebt eine Stimmung, in der wir uns der Musik nicht hingeben, sondern sie nur zum Hintergrunde unsres Innenlebens und seiner subjektiven Phantasien machen. So genoß ich dort die Natur. Ich achtete nicht auf sie, sondern ich ließ mein Inneres gleichsam auf ihrem Hintergrunde spielen. Dies zog mir dann die <XXX> zu, nicht mit gesenktem Kopf unter den Bäumen zu wandeln, sondern aufzublicken und - folglich - aus mir herauszutreten. Den Anlaß bot bald eine versteckt gelegene Bank am Rande des Baches, auf der wir in eingehende Betrachtungen darüber eintraten, in welchem Grade Pilze übel riechen können, dies alles mit praktischen Demonstrationen. Weitergehend sprachen wir vom Zusammenhang des Stieles mit der Unmittelbarkeit der Produktion und von der Gabe, rednerisch zu wirken. Der Wald wurde höher und freier - ich meine, es waren Buchen, der Weg stieg an, und schließlich befanden wir uns an dem Wiesendreieck, daß mir seitdem unvergeßlich geblieben ist. Dort rasteten wir und ließen die Stille des Nachmittags über uns kommen. Während unsre Blicke über die Wiese bis zu den ahnungsvoll dämmrigen Waldrändern schweiften, kehrten wir in uns ein. Dort zuerst wurde mir das Gefühl einer Melancholie, die auf uns lastete, übermächtig, obwohl es sich mir schon im Schloßhofe aufgedrängt hatte. In späteren Briefen kleidete ich es in die Formel der "unbestimmten Landschaft". Man giebt sich an solchen Orten metaphysischen Offenbarungen hin, die man sich nicht deutlich und greifbar machen kann. Man ist gleichsam losgelöst von allem menschlichen Treiben; deshalb genießt man tiefer, aber mit einer innerlich sehnsuchtsvollen Schwermut. Unter fröhlichen Neckarmenschen, die auf dem Boden einer volkstümlichen Vergangenheit wurzeln, fühlt man sich, ohne es zu merken, innerlich gestützt. Der Natur gegenüber fühlt man sich ganz auf sich gestellt, und man wird die Empfindung nicht los, daß die Auseinandersetzung mit ihr und ihrer Lebensform allein nicht zum Ziel führt. Gerade dort aber, und gerade deshalb scheint mir, wurde uns klar, wie viel wir uns zu sagen hätten. Da dort zwei Menschen ganz allein waren, so ergab sich gleichsam von selbst die Aufgabe für sie, sich das Menschenproblem gegenseitig immer tiefer zu entwickeln. Und das ist der Gedanke, der für mich der Träger der ganzen Reise geworden ist und noch über sie hinaus unablässig fortwirkte. Dann folgte, gleichsam symbolisch, der tief verwachsene Weg, den meine Freundin schließlich doch sicher zu finden wußte, und wie sie mir ein Jahr später im tiefsten Dunkel Führerin wurde, was ich nur unwillig geschehen lassen konnte, war sie es auch hier. An der Stelle, wo es Waldmeister geben sollte, vorüber erreichten wir den steinernen Tisch; dann auf großem Bogen den Neckar, der im Sommerglanze scharf gegen die Waldesdämmerung abstach. Die Bahn führte uns gegen Abend nach Neckargemünd, von wo aus wir zum Kümmelbacher Hof emporstiegen. Dies ist einer meiner Lieblingsorte. Ich hatte mich mit dem Gedanken getragen, dort den ganzen Sommer zuzubringen. Schon diesen Abend aber störte die unglaubliche Menge von Sommergästen etwas, die in ihrem konventionellen Nichts die Landschaft geradezu entehrten. Wir aßen zu Abend, um dann in einem Tempo, das ich nicht für möglich gehalten hätte, den Zug nach Schlierbach zu erjagen. Jetzt nämlich machten wir den Heimweg in immer kleiner werdenden Portionen, gleich der geometrisch-konvergenten unendlichen Reihe, die sich der ganzen Zahl zu nähern scheint. Die erste Strecke wollten wir im Nachen zurücklegen. Das war von je für mich der Gipfel der Poesie. So war ich mit Kügelgen am gleich sonnigem Tage über den Rhein von Bingen durch das Binger Loch nach Aßmannshausen gefahren. Diesmal aber kam die milde Dämmerung hinzu, die den müden Tag zur Ruhe wiegte. Nie ist mir eine Fahrt so traumvoll schnell vergangen. Sie war zu Ende, ehe nur das Bewußtsein des Genusses aufzog. Unterhalb der Stiftsmühle stiegen wir am rechten Ufer aus; und Brentanos Gedanken, ein Licht der Sterne, überschritten wir die alte Brücke. Es waren die Abschiedsminuten. Wie und wann wir uns wiedersehen würden, war damals noch fraglich. Aber wir hofften, daß uns der Schwarzwald wieder zusammenführen sollte. Und es mußte so sein. Denn nichts erträgt der Mensch weniger, als Fragen, die aufgeworfen und der Lösung nahe, aber noch nicht bis zur Lösung durchlebt sind. Im Bewußtsein, das chaotische Gewirre in mir irgendwie zur Sammlung bringen zu müssen, beschloß ich diesen stillen, tiefgreifenden Tag.

7. August 1904
Der nächste Morgen brachte ein dumpfes, lastendes Gewitter. Alles lag in unbestimmten Umrissen, ganz wie in mir. Es war ein Sonntag. Ich war wohl zum Abschied noch einmal in der Rohrbacher Straße. Aber ich war seelisch erschöpft, unklar, neuer Aufnahme nicht fähig. So änderte ich auch meinen Plan, über Maulbronn und Stuttgart nach dem Schwarzwalde zu fahren, und fuhr auf der badischen Seite über Karlsruhe, Offenburg zunächst bis Hausach. Nie habe ich so wenig Interesse an der Landschaft gehabt. Die fernen Höhenzüge des Schwarzwaldes nach dem sich seit Jahren alles in mir sehnte, waren mir gleichgiltig. Ich begann zu merken, daß der Gewinn und das Schwergewicht dieser Reise für mich auf anderem Gebiet liegen werde. Keinem Menschen werde ich eine Vorstellung davon geben können, was sie mir wurde und bedeutete. Wer aber ein Gefühl dafür hat, daß ich seitdem nie wieder in den Ton meiner 4 frühesten Aufsätze habe zurückkehren können, wird verstehen, daß mich die tiefen und echten Gefühlseindrücke dieser Zeit zum eigentlichen Manne erst geläutert haben. Ich halte diese Aufsätze als Ausdruck einer tief innerlich erlebten Wahrheit noch heute sehr hoch. Meine eigentlich wissenschaftlichen Arbeiten haben doch nicht diesen unmittelbaren Lebenswert. Ich vertraue darauf, daß auch die späteren Epochen meines Lebens noch solche unmittelbaren Produkte fördern werden. Aber damals schloß ich die erste, etwa in meinem 15. Jahre beginndende innerlich ab. An Hölderlins Grab in Thübingen nahm ich Abschied von ihr. Seitdem erfüllt mich der Glaube, daß im Bewußtsein unseres Wirkens höchste, objektive Lebenswerte liegen, ein Glaube, der sich mir in Verbindung mit dem Christentum als der wahrhaft lebensfähige Weg erwiesen hat. - In Hausach aussteigend empfing mich sonntägliche Festesfreude und Musik. Noch ahnte ich nicht, daß der Garten, in dem mich damals die vollendeten Weisen einer Militärkapelle empfingen, ein Jahr später auch von meiner Freundin betreten werden würde. Ich selbst vermochte ihn sogleich nicht zu betreten. Meine Melancholie war tiefer als je. In meinem freundlichen Zimmer schrieb ich eine Karte nach Haus und einen nach Heidelberg. Wohl nur die letzte war ganz aufrichtig. Meine Nerven versagten in der plötzlichen Einsamkeit ihren Dienst. Ich fühlte mich, wie von aller Welt verlassen, gestrandet, und als ich mich bei dem letzten Stück doch noch unter die freudige Menge mischte, muß es guten Beobachtern wohl aufgefallen sein, was man bei einem Concert wohl zu weinen haben könne.

8. August 1904.
Den nächsten Tag, der wiederum trübe und gewitterschwer war, begann ich auf der Ruine Hausach, weit hinausblickend über das Kinzigthal, mit der Seele in Heidelberg. Planlos wandernd gab ich mich der Reizlosigkeit der Landschaft mit Befriedigung hin. Am Nachmittag sah ich, mißmutig auf der Chaussee marschierend, die malerischste, reinste Gegend des Schwarzwalds mit ihren charakteristischen Häusern. Gutach, in dem der Freund meines seelenreichsten Lehrers, wie ich später erfuhr, sein glückliches Heim gewählt hatte, wirkte nicht so tief auf mich, als es sonst beim Anblick ursprünglichen Volkstums geschieht. Hornberg ließ mich geradezu kalt, und ich erinnere mich, daß mir beständig die halbbitter gemurmelten Worte druch die Zähne schlüpften, wenn ich etwas Besonderes sah: "Was ist mir <XXX>". Vor allem die Luft wirkte geradezu herabstimmend auf mich. Deshalb atmete ich auf, als ich am nächsten Tage langsam mit der ächzenden

9. August 1904
Bahn durch das Kinzigthal hinauffuhr nach der Württembergischen Seite des Schwarzwaldes. Eine herbe, strenge, durch den Dampf der Lokomotive schwefelhaft wirkende Luft umwehte mich. Meine Brust begann freudiger zu arbeiten. Gleichviel, was kam, diese Atmosphäre entsprang meinen damals so dringenden physischen Bedürfnissen. Ein grandioser Wald umgab die Bahn. Tiefe Blicke in Thäler thaten sich auf. Alles schien emporzustreben. Bei Loßburg-Root endlich war alles frei, und rechts in der Ferne grüßten die Alpen. So erreichte ich kurz vor Mittag Freudenstadt, den einzigen Ort, an dem ich mich jemals freigefühlt habe. Keine landschaftliche Schönfärberei reizte das Auge. Alles war sauber, frisch, gesund, aber nichts romantisch, nichts einschmeichelnd. Wie könnte ich dich, geliebtes Städtchen, daß mir so unendlich viel geworden ist, hier würdig schildern, mit deinem Markt, deiner Kirche, dem freundlichen Christophsthal, dem stillen Wald, ohne ins Endlose, Subjektivste zu kommen? Und schließlich, sind mir nicht die Menschen in dir noch lieber geworden, als alles dies? Schon die Kellnerin in der "Linde", deren ich noch heute gern gedenke, nachdem das Ungeschick eines Dritten die Möglichkeit, Grüße zu tauschen, gestört hat, ließ mich die ursprüngliche Frische und Freudigkeit dieses lebhaften und doch so einseitig begabten Volksstammes empfinden. Ungetrübter aber gedenke ich des freundlichen Häuschens am Abhang, das dann meine Wohnung wurde, und der treu sorgenden, jungen Mutter und Frau, deren Heim mir anfangs zu einfach und abgelegen schien, und in der ich dann den Edelstein eines vollendet sittlichen, feinfühligen und darum gebildeten Gemütes entdeckte. Dieses Gärtnerhäuschen, dem Wald gegenüber, einsam vor der Stadt gelegen, zu dessen Füßen sich unter Wiesen das freundliche Thal ausbreitete, in dem die sinkende Sonne und der Mond und die Sterne sich so gern spiegelten, wo ich den Lehnstuhl zur Tageszeit tief einatmend genoß, dem Leben so nah, der Phantasiewelt fast gleich nah, - es ist nicht wie das behagliche Zimmer der Heidelberger Neuen-Schloßstraße eine Stätte der Produktivität für mich geworden, und doch verdanke ich ihm mehr als irgendeiner Stätte der Erde. Das aber ahnte ich damals noch nicht; vielmehr trieb mich ein unendliches Fluchtbedürfnis vom ersten Augenblick aus ihm hinaus; ich verließ es am Morgen, und betrat es anfangs erst in tiefer Nacht wieder. Die Ursache lag wohl in dem Brief, der mir Griesbach definitiv als Ort des Wiedersehens bezeichnete. Seitdem beherrschte mich nur die eine Idee, Griesbach täglich so nahe zu sein, als es meiner schwachen Leistungsfähigkeit nur möglich war. 20 km betrug die Entfernung auf der Fahrstraße. Ich aber wollte der Luftlinie eine kürzere Entfernung abtrotzen. Morgens mit dem frühesten aufbrechend ging ich schon am zweiten Tage auf den einsamsten

11. August 1904
Schleichwegen des Waldes, oft erschreckt durch das ungewohnte Geschrei des schwarzen Eichhörnchens hoch über die Berge in der Richtung auf Griesbach zu. Nach stundenlanger Wanderung erreichte ich den Kastelstein, oberhalb von Rippoldsau. Aber ich wollte das Bad liegen lassen, geradewegs durch das Thal und auf der anderen Seite wieder empor mich dem ersehnten Orte soweit nähern, um wenigstens das Gefühl zu haben, recht nahe zu sein. Dabei verlor ich den Weg. In dem halb trockenen Bett eines Baches gleichsam abwärts fließend kam ich gänzlich zerrüttet schließlich im Thale an, und fand mich außerstande, weiterzugehen. So zog ich mich auf Klösterle zurück, und dieser idyllische Ort entschädigte mich auch insofern für meinen mißglückten Versuch, als ihn meine Freundin ursprünglich als Aufenthaltsort in Aussicht genommen hatte. Ich trank dort sehr viel Markgräfler Wein. Aber die Stimmung zauberte er nicht hervor, die ich von ihm erhofft hatte. Bald saß ich, auf dem Rückwege nach Freudenstadt, wieder, und diesmal einsam, an einem Wiesendreieck auf einem gefällten Baumstamm. Der Bach rauschte, und das Gefühl, im Schwarzwald zu sein, kam über mich. Aber schon nach zehn Minuten wurde mir das Alleinsein mit mir, dies "Vegetieren", unerträglich. Die unendlichen Fragen, die auf mich einstürmten, peitschten mich fort, und ich sah ein, daß ich laufen müßte, laufen, wenn ich mir selbst entgehen wollte. In dieser seelischen Verfassung bestärkten mich ähnlich klingende Briefe aus Griesbach. Auch dort, im Strom der Geselligkeit, war es einer tieferen Natur unerträglich, und nun: sich so nahe sein, und eigentlich doch getrennt wie Heidelberg - Berlin, das trieb mich von jeder Waldesstille fort, machte mir meine eigne Gesellschaft zur Qual. Denn was mich vor allem dabei bedrückte, war die Schwermut meiner Freundin. Dieses Rätsel hatte mich angesteckt. Mir war, als müßten wir uns gegenseitig helfen, und ich habe damals manch bitteres Urteil über Freudenstadt gefällt, das doch nur darin wurzelte, weil es nicht 10 km näher an Griesbach lag.
Von der Einsamkeit, in der ich lebte, kann man sich schwer einen Begriff machen. Ich kannte keinen Menschen, verkehrte mit niemandem und machte meine stundenlangen Waldwanderungen stets allein. Diesen absichtlichen Durst nach Einsamkeit erkläre ich teils aus der krankhaften Schwäche meines Nervensystems, teils aus dem Drang, erst den inneren Reichtum meines Lebens in mir selbst zu verarbeiten. Gesellschaftlich hätte man mich vielleicht für voll genommen; aber nicht in dem Sinne, wie ich für voll genommen sein wollte, Dies ist seitdem anders geworden: sobald ich das unweigerliche Plus in mir fühlte, wurde mein Auftreten sicherer, aber ich muß es zur Schande der Gesellschaft sagen, daß sie mir diesen Schritt erst erleichterte, als ich die Achselklappe des Titels mit mir herumtrug. - Es waren jedoch nicht fachphilosophische Probleme, die mich beschäftigten; es ist mir noch heute rätselhaft, daß ich mit keinem Gedanken während dieser Zeit zu dem Rohbau meiner geliebten Arbeit zurückkehrte. Sie war mir wert, aber ich dachte nicht an sie. Vielmehr waren es rein menschlich-psychologische Fragen, die mir durch den Kopf gingen, und da es sich um meine Selbstbildung handelte, so waren sie unmittelbar auf mein Individuum und die mit ihm verbundenen Menschen bezogen. Ich glaube noch heute, daß diese intensive "Selbstverständigung" der einzige Weg ist, um zu Resultaten zu kommen, die für alle Menschen gelten. Ich habe darin einen weit schwierigeren Standpunkt gehabt als Paulsen, dem diese gesunde Isolierung durch seine ursprünglichen Verhältnisse zuteil ward, während ich sie mir, manchmal mit einiger Resignation, künstlich schaffen mußte. Dieses innere Bedürfnis ging so weit, daß ich absichtlich in den Jahren 1902/3 jeden Verkehr mit Universitätsprofessoren vermied. Zweier tiefer Eindrücke erinnere ich mich aus diesen Tagen: Einmal, wie ich am offenen Fenster im Lehnstuhl sitzend, serena die, quieta nante Frenssens "Jörn Uhl" fast in einem Tage verschlang. Dieses Buch, mir von Freundeshand geschenkt und daher ein gleichsam wider meinen Willen bei mir eingeschmuckelter Roman, fesselte mich durch seine gesunde Größe, freilich mehr durch das, was es seiner Tendenz nach bekämpft, als was es lehren will. Mein Fall war eigentlich der umgekehrte wie der Jörns; nur daß ich ebensoviel natürlichen Drang zur ernsten Tätigkeit hatte, wie ihm die Begabung für den still-heiteren Lebensgenuß abging. - Tiefer noch wirkte auf mich eine Gewitternacht. Jedes Gewitter versetzt mich in einen ungeheueren Paroxysmus und steigert meine Lebensfunktionen ins Unnormale. Während ich, im Bett liegend, seiner Entwicklung mit Spannung entgegensah - vorher hatte ich einen krankhaften Brief an meine Mutter aufs Papier geworfen, den ich am nächsten Tage zerriß - bemerkte ich an der Wand meines Zimmers einen hellen Schein. Ich stand auf und, das Fenster öffnend, sah ich unten um Thale das erste Haus in hellen Flammen stehen. Die Feuerwehr mit ihren Fackeln bezeichnete den abwärts führenden Weg. Der Bach, der das Haus von beiden Seiten umfloß, erschien wie ein glutroter Ring. Ich hörte das Krachen der Balken und, trotz der viertelstündigen Entfernung, die Kommandos der Feuerwehr. Der Regen strömte; aber immer tiefer verbreitete sich das Feuer, und bald hatte es das Gebäude bis zu den Grundmauern verzehrt. Nun erst begann das Gewitter zu toben; das Echo des Donners klang grauenvoll; unter dem Eindruck des Vorangegangenen empfand ich zum ersten Mal ein lebhaftes Unbehagen beim Gewitter, so daß ich es angekleidet abwartete. Meine liebsten Beschäftigungen waren es, Briefe nach Griesbach zu schreiben, oder von dort zu erhalten. Meine Vorstoßtouren gab ich nicht auf. So drang ich einmal bis zur Alexanderschanze vor. Aber meine

13. August 1904
Hoffnung auf ein zufälliges Zusammentreffen blieb unerfüllt. Mit Freuden gedenke ich des Abstieges nach Baiersbronn. Zur linken des weiten, einsamen Weges eröffneten sich mir die herrlichsten Schwarwaldblicke bis zur Hornisgrinde hin. Zuletzt erreichte ich den Abhang, von dem aus ich die weitverstreute Gemeinde vor mir sah. Auf einer Bank, an einem mit Inschriften bedeckten Tisch rastete ich, und dachte nach über das menschliche Leben, das mit seinem Glück und seinem Kampf unter den Dächern zu meinen Füßen wogte. Das sind Eindrücke, mit denen man nicht fertig wird; man ist wehrlos gegen Sie, wenn man sie erlebt. Ich wäre ihnen vielleicht geistig erlegen, hätte ich sie nicht in meinen Briefen so, wie ich sie erlebte, aussprechen können, und das empfand ich mit innigstem Dankgefühl. So nähere ich mich den Mittwoch, für den meine zweitägige Fahrt nach Griesbach verabredet war. Zwei Tage waren angesetzt, schon weil die Verbindung es nicht anders gestattete. Dadurch wurde es mir zugleich möglich, die unangenehme Postfahrt zu vermeiden. Aber ich muß mich doch in die Lage hineinversetzen, was der Weg von über 20 km für mich bedeutete. Mein damaliger Gesundheitszustand war so, daß das allein für mich eine moralische Anforderung bedeutete. Heute würde mir das gleiche wenig Entschluß kosten. So aber mußte ich mir Zeit und Leistung von vornherein einteilen. Und der Vorgenuß der Freude erleichterte mir den Weg. Um 7 Uhr bei herrlichstem Sonnenschein August 1904 aufbrechend, legte ich den Kilometer in wenig mehr als 10 Minuten zurück, nach meiner Gewohnheit mein ganzes Lieblingsrepertoir singend (ich habe nie singen können!) und pfeifend. Hinter der Alexanderschanze begann der Abstieg in zahllosen Windungen, deren letzte der Ort des Zusammentreffens sein sollte. Diese Windungen mit ihren ahnungsvollen Durchblicken in ein tiefeinschnittenes, ungekanntes Thal waren unendlich vielsagend. Ich konnte nicht wissen,wann die letzte Biegung erscheinen würde; schon an der dritten kam ich von dem Thema: "Winterstürme weichen dem Wonnemond" nicht mehr los. Aber die Biegungen waren endlos, der Staub lag fußhoch; ein ganz anderer Landschaftscharakter begann: immerhin etwas einengend, Kesselartiges, Geschlossenes. Endlich sah ich meine Freundin und den als umgänglich signalisierten Vetter. Ich war sehr glücklich. Aber das alte Elend des Ceremoniells ergriff wieder ganz von mir Besitz. Von da an bis zum Hotel, zur table d' hote, zu den ersten Gesprächen habe ich kein natürlich empfundenes Wort herausgebracht. Die ganze Umgebung war mir beengend; zur Selbstkontrolle gesellte sich die von außen, und ich war froh, als der Nachmittag für einen Waldspaziergang frei gegeben wurde. Da erst fand ich mich wieder. Wir sprachen viel von Hegel und Kant; immerhin blieb diese Begegnung ein wenig Schulphilosophie. Die genossene Ordnung diese Badelebens stand wie eine Gesetzestafel vor meinen Augen. Heute vielleicht würde ich die gesellschaftliche Routine oder Gleichgiltigkeit besitzen, darüber hinwegzukommen. Damals konnte ich es nicht. Die weiteren Spaziergänge durch den Wald zum Wasserfall teilten sich zwischen einer zweifelhaften Faustinterpretation und dem konventionellen Gespött über den Griesbacher Despotismus. Ich darf sagen, daß ich für das Verständnis gesellschaftlicher Erscheinungen dort viel gelernt habe; sie erschienen mir als die Schutzwehr und der Herdeninstinkt des traurigsten Mittelmaßes, als ein Beispiel, wie wenig der durchschnittliche Mensch, sich selbst ganz frei überlassen, sein Dasein schön und glücklich zu gestalten vermag. Durch diese Tyrannei der Menge, der bloßen Zahl, der allzuvielen geriet ich in einen halb lachenden Ärger hinein, den ich schon damals vielleicht zu wenig verschwiegen habe. Die tiefe Stille, die über diese Stätte menschlichen Kampfes schon vor 10 Uhr hereinbrach, wäre mir vielleicht lieb gewesen, wenn ich in meinem Gemach das geringe Maß ästhetisch - freier Schönheit gefunden hätte, dessen ich zu meiner Existenz bedarf. Ich erinnere mich, daß ich die Abscheulichkeit jedes neuen Gegenstandes, den ich entdeckte, mit lautem Lachen begrüßte. Ob man am andern Tag darüber gesprochen hat? Während der Nacht ging wiederum ein Gewitter nieder. Meine Uhr blieb stehen; so verließ ich zu unge-

18. August 1904
wöhnlich früher Stunde, ohne geschlafen zu haben, das Zimmer und war der erste am Kaffeetisch. Wie ein Verbrecher beeilte ich mich, um auf eine Stunde in den Wald zu entfliehen. Alles war feucht, regenschwer und in einem Nebelschleier gehüllt; aber versöhnter kehrte ich zu der Gesellschaft zurück. Sollte dieser Tag doch noch einer der schönsten und erinnerungsreichsten für mich werden. Ich glaube, ich habe auch wirklich keinen der erforderlichen Ausdrücke vergessen. Nach dem Kaffee gingen wir beide allein empor zu der Kapelle. Dort saßen wir nebeneinander in der Morgenkühle auf einer Bank, und die tiefhängenden, dichten Wolken zogen über unser Haupt hinweg nach Freudenstadt. Da ich weiß, für wen ich dies schreibe, brauche ich nicht zu erwähnen, wovon wir sprachen. Tiefe Unmittelbarkeit, Leben und Wärme kehrten wieder zurück. Es waren ja Fragen, auf die ich keine Lösung wußte, als die, mein inneres Vertrauen, meine im Grunde daseinsbejahende Weltauffassung auszusprechen. Ein Wort Wildes, das mich später unendlich gerührt hat: "Es ist unbedingt nötig, daß ich es irgendwie finde", das war wohl auch der Inhalt meines Glaubens. Dieses teleologische Vertrauen auf die Unversieglichkeit des Lebensdranges und der Glückfähigkeit, auf die Möglichkeit einer befriedigenden, inhaltvollen Gestaltung des Daseins, war es ja, was mir seit den Heidelberger Tagen als dringendes Bekenntnis auf den Lippen schwebte. Nicht, daß ich es selbst so intensiv an mir selber jederzeit empfunden hätte; aber die Notwendigkeit, daß der Mensch es irgendwie fände, die war mein Postulat und Lebenselement, und ich glaube, daß der Inhalt dieser Stunde für uns beide nicht verrauscht ist. Indem ich über alle diese Beziehungen nachdenke, wird mir heute deutlich, auf welche unmittelbaren Einflüsse es zurück ging, daß ich nach der Rückkehr in mein Buch erst die ganze teleologische Auffassung hineinkorrigierte, die sich heute darin findet. Wie tief reichen doch die Wurzeln dessen, was wir mit bloß wissenschaftlichem Verstande formulieren und als kritische Einsicht hinzustellen meinen! Von da an war mir Griesbach nicht mehr zur Last. Ich dachte nicht mehr an die Menschen, die hier lebten; und wie weit sie hinter uns blieben, hätte ich auch an der opferwilligen Begleitung empfinden müssen, die den schlimmsten Regen und den ansteigenden Weg auf durchweichter Chaussee nicht scheute. Wir sprachen noch von dem Segen der Leidenschaft, ich sprach gegen die einseitige Philosophie, die ihr wesentlichstes Ziel in der Unterdrückung aller grundgeborenen Leidenschaftlichkeit und Wärme erblickt. Die Opposition, die ich fand, werde ich dereinst noch durch meine Darstellung des modernen Humanitätsgedankens und seines Gegensatzes gegen die Stoa, der in dem gefühlswarmen Stoiker Rousseau seinen Wurzeln hat, ausführlich belegen. Es war der symbolische Abschluß dieses denkwürdigen Tages, als wir kameradschaftlich auf einem regenfeuchten Baumstumpf saßen und die Vorräte miteinander teilten. Dann ging es noch ein Stück auf schmalen Waldpfaden abwärts, und ich weiß nicht, wie oft ich mich, wiederaufsteigend, nach den unscheinbaren Birken umsah, bei denen wir uns, zum zweiten Mal in diesem Sommer, trennten.
An diesem Tage lebte ich in einem doppelten Sinne von dem, was ich mit auf den Weg bekommen hatte. Ich zehrte geistig und leiblich davon. Der Wald war noch immer in Nebel gehüllt und regenschwer. Die Windungen der stillen Waldchaussee wiederum aufwärts steigend, blickte ich immer von neuem verweilend und sehnsüchtig in das Thal der Wilden Renz hinab, in denselben wildromantischen Grund, in den ich ein Jahr später, Erinnerungen feiernd (mit welchen Gefühlen!) hinabstieg. Unter solchen Gedanken etwa, wie Schuberts Wanderlied und seine Fantasie sie ausspricht, erreichte ich unvermerkt die Paßhöhe des Kniebis und das traurige Gasthaus der Alexanderschanze. Gegen melancholische Stimmungen ist nicht so wirksam als Ärger; denn da der eigentliche Ärger eine aller Poesie entbehrende Stimmung ist, während Melancholie immer mit einer Art von lyrischen Selbstgenuß verbunden ist, haben sich beide Seelenzustände Feindschaft geschworen. Und da ich von meinem Vater ererbt habe, daß ich erst dann Wut bekomme, wenn ich mich ärgere und so schließlich am Ärger selbst wieder ein belebendes Vergnügen empfinde, so hätte mich die klägliche Bedienung dieses Höhenwirtshauses fast ganz aus meinem tieferen Zusammenhange gerissen. Übrigens war dies ein prästabiliertes System des Schicksals; denn bei der Heimkehr setzten sich die Anlässe zum Mißvergnügen fort, so daß ich bald das stumpfere Gleichgewicht wiederfand. Vom Kniebis wanderte ich abwärts, schmerzlicher Wollust voll, und die jagenden Wolken über meinen Häupten, die im finsteren Zuge einen Vorsprung über mich nach Freudenstadt zu gewinnen <XXX>, gaben mir unablässig zu denken. Wir sind auf diese Wolken und ihre Symbolik noch in manchem Brief zurückgekommen. Damals waren sie mir ein willkommener Stimmungshintergrund, so schwer sie mich mit ihrer trüben Rätselluft quälten. Auch die Antwort gaben sie wohl schon: denn so schrecklich sie drohten: kaum ein Regentropfen fiel in den zwei Stunden, die ich einsam marschierte, und, zum Schluß immer antemloser eilend, erreichte ich erschöpft - wie ich schon damals sagte: "mein liebes Freudenstadt."
Von da an kam das Vorgefühl einer tiefen glücklichen Ruhe über mich; meine Rastlosigkeit wenigstens war etwas gemildert. Aber sie war nicht ganz verflogen. Eine plötzliche Laune trieb mich, von jetzt an häufiger dem Neckarthal zuzustreben, dessen ahnungsvoller Einschnitt mich immer fesselte, wenn ich zur schwäbischen Alb und zum Säntis (damals noch ganz anders als 1905) hinüberblickte. Auch das ist wohl väterliches Erbteil, daß ich auf möglichst ungewöhnlichen, verzwickten Entdeckungsfahrten dorthin gelangen wollte. Was aber eigentlich in mir lebte, war die Sehnsucht nach der Natur, als deren "Blüte" sich der zarte Hölderlin bezeichnet hatte. Seine Verse klangen wie bleibende Grundakkorde in meiner Seele; keinem Dichter habe ich mich je so verwandt gefühlt. Noch heute, schon ihm ferner, denke ich an ihn wie an einen vertrauten Freund vergangener Tage, ich, der ich mir nie ein Hehl daraus machte, daß Lyrik überhaupt nicht tiefer zu meinem Herzen sprach. So kam ich nach dem romantisch - altertümlichen

20. August 1904
Horb, so recht hinein in Schwabenland. Erst zur Rechten des Neckars auf stiller Berglehne hingelagert, dann in der Dämmerung auf dem Schütteturm oberhalb, ließ ich meine Seele durch das Neckarthal schweifen. Die individuelle Intensität solcher Momente hält keine Erzählung fest. Wer sie nicht genossen hat, spricht vom Leben wie ein Schulknabe; es ist mir immer lächerlich vorgekommen, mit Menschen zu verhandeln, die nicht gelebt haben. Ich darf von mir sagen, daß ich der magnetischen Gewalt des Zieles und der Tiefe des Moments immer in gleicher Weise gedient habe. Was ist das Geheimnis der Lebenskunst, daß man keinem von beiden ausschließlich gehört. Ob aber andere Menschen gleich viel genossen haben wie ich? - Angelockt durch diese Eindrücke, redete ich mir beim zweiten Regentage ein, es wäre in Freudenstadt nicht mehr auszuhalten, ich müßte entfliehen, nach Stuttgart oder Tübingen, wäre es auch nur auf einen Tag. Meine Wahl fiel auf Tübingen. Mußte ich dorthin doch weit durch's Neckarthal fahren, um dann außer der Universität Hölderlins langjähriges Heim und sein Grab zu finden. Der Blick vom hohen Schloß fesselte mich dann auch wenig. Nur die Architektur der Stiftskirche interessierte mich, und daneben die stille Weinstube "zum Zuaren", wo ich Tiroler Wein trank und mit dem Wirt von der Universität plauderte. Dann ging ich hinunter zum Stift, von dem das jugendmutige Dreigestirn Schelling, Hegel, Hölderlin seinen Ausgang nahm; der letztere, um ihm gegenüber, in einem kleinen, am Neckar verborgenen Häuschen sein Ende in fast vierzigjähriger Geistesnacht zu finden. Es war seine einzige Freude, daran zu denken, daß er in guten Tagen schöne Bücher geschrieben habe. Wie zerstörbar, wie verletzlich ist doch das Leben! Wie rauh verfährt es mit seinen Lieblingen, wenn dieser Geist, der alle Tiefen des Inneren durchmaß, dem alle Harmonie gestaltender Sprache ward, zuletzt nicht einmal dieses ärmliche Zimmer beherrschte. Außer Nietzsches Los hat es nichts Tragischeres gegeben. - An der Universität vorüber erreichte ich den Kirchhof; dort lag ein anderer Denker, den seit wenigen Tagen die kühle Erde deckte: Christoph v. Sigwart. In dankbarer Erfurcht nahte ich dem kränzebedeckten Hügel. Wie klar spiegelte sich in diesem durchdringenden Geiste die Welt und die Wissenschaft, wie wußte er die Kraft des schärfsten Denkens mit dem tiefen Bewußtsein der Irrationalität dieses Daseins zu verbinden. Dort ruhte er nun neben der Gattin, und gewiß war ich nicht der einzige seiner Schüler in deutschen Landen, die ihm damals eine dankbare, tief empfundene Thräne weihten. Er war einer von den Anspruchslos-Großen, von den preußischen Naturen, die am Kleinen wie am Umfassenden dasselbe üben: die Pflicht! - Verborgen, und lange vergeblich von mir gesucht, lag dort auch unter dichten Büschen Hölderlin selbst. Schöne Verse von ihm selbst zierten das Eisenkreuz, das den Ernst des Todes versinnbildlichte, während der ideale Genius, der ihm im botanischen Garten als Denkmal gesetzt ist, mit griechischer Anmut an die beflügelte Macht des Geistes erinnerte, die sein eigenstes Evangelium war neben dem anderen: dem Evangelium der Natur. - Auch nach Bebenhausen wollte ich meine Schritte lenken; aber ein mißpärstiger Regen vertrieb mich. Sollte ich je nach Tübingen zurückkehren, wenn mir Heidelberg und Freiburg verschlossen blieben, so zweifle ich nicht, daß ich dort glücklich sein werde. Ein freundschaftlicher Besuch, dem aber die Gabe freier

25./6. August 1904
Herzlichkeit, wennschon nicht das Streben danach fehlte, entzog mich auf zwei Tage meiner stillen Träumerei in Freudenstadt. Meine Zeit auf der "Eremitage" war überhaupt vorbei. Ein biederer, gutmütiger, aber ganz ungebildeter Rheinländer schloß sich an mich an. Sein natürliches Wesen gefiel mir. Wir verlebten heitere und lange Abende, machten auch einen Spaziergang, auf dem wir die ersten Herbstzeitlosen mit stillem Mißtrauen bezüglich etwaiger Giftigkeit pflückten, und sannen doch im ganzen auf Flucht aus Freudenstadt. Ein beträchtliches Honorar, das unerwartet für mich dort eingegangen war, ließ mir freie Disposition, und so wurden wir uns an einem Sonntag einig, gemein-

28. August! 1904
sam nach Schaffhausen und zum Bodensee zu fahren. Mein stilles Thal, in den samften Schatten der Abendsonne ruhend, machte mir den Abschied recht schwer. Einsam durchstreifte ich noch einmal den Wald, der sich vor meinem Fenster an gegenüberliegenden Berghange erstreckte. Das Bewußtsein, daß man nicht weiß, ob man wiederkehrt, breitet über unser Dasein diesen tragischen, tief religiösen Zug. Dankbarkeit und Liebe hegen wir in unsrem Herzen. Für die Natur, als wäre sie ein menschliches Wesen. Und mein stilles Häuschen, das von der waldigen Höhe so klein erschien, stimmte mich doppelt wehmütig. Ich bin der festen Gewißheit, daß solche Momente, wenn wir sie auch nie wieder in gleicher Form und Tiefe erleben, doch ihre unvergängliche Wahrheit haben. Indem ich dies schreibe, ist mir ganz so zu Mute, wie einst, und ich genieße im Vorgefühl das Glück des Alters: die Wahrheit des Lebens in zahllosen und doch gleich intensiven Gestalten sich wieder ins Gedächtnis zu rufen. Könnten doch meine Zeilen da, wohin sie gerichtet sind, noch einmal diesen tiefen und doch so tragisch umkleideten Sinn unseres Daseins lebendig machen! Denn was nützte es sonst, die tote Vergangenheit in ihrem Schlummer zu stören? Fröhlich begannen wir die Fahrt; sie ging recht

29. August 1904
langsam. In Hausach bestiegen wir die Schwarzwaldbahn, und in der etwas verflochtenen Art, wie sie die gemeinsame Betrachtung von Naturschauspielen mit sich bringt, genossen wir den Blick über Windungen und Thäler dieser interessanten, waldigen Bahnstrecke. Ein freies Gefühl kam über mich, je höher die Bahn den Schwarzwald hinaufklomm. Zu unsren Füßen Triberg, Bachjörg, eine immer wechselnde, immer waldigliebliche Scenerie, dann Sommerau und die frei atmende Hochebene hinter Villingen, das alles entzückte meinen ausschließlich auf deutsche Landschaft gerichteten Sinn, der selbst die Natur nicht anders als politisch - und historisch zu genießen wußte, unendlich. Die Donauquelle bei Donaueschingen erweckte weitausschauende Phantasien. Zerfallene Schlösser und Burgen verkündeten bald den Hegau, also Scheffel'-sches Land, und so wenig ich den besonderen Accent dieser Eindrücke meinem Begleiter klar machen konnte, so fühlte ich mich doch bei seinen harmlossen Scherzen und dem unversieglichen Ausdruck seiner vornehmen Gutmütigkeit sehr wohl. "Die Hauptsache ist, daß wir verdammt was sehen", aber sein ständiges Losungswort, und hin und wieder zweifelte ich, wie weit meine Leistungsfähigkeit mit ihm Schritt halten würde. - Bei Singen zweigte die Banhn ab; um den Hohentwiel herum ging es in Schweizer Gebiet, und schon reckte ich mir den Hals aus, in der Hoffnung, den geliebten Rhein, den ich zuletzt bei Speyer gesehen, hier wieder zu erblicken. Der Tag war der sonnigste, den ich je verlebt habe; vielleicht aber auch der heißeste; nun ließ er die Atmosphäre klar und leicht, so daß jede Farbe mit fast südländischer Intensität wirkte. Schaffhausen mußten wir liegen lassen; erst in Neuhausen stiegen wir aus. Der Rheinfall war durch den Wassermangel sehr eingeschränkt. Aber um so tiefer vermischte sich das Sonnenlicht mit den gelblichen Felsen, über die das Wasser hinrauschte, und Licht und Schatten schufen so ein unendliches Gemenge von zart nuancierten Farben, worin für mich der eigentliche Reiz dieses Schauspiels lag. Die Eindrücke des Wassers in Bewegung - Wasserfälle und Springbrunnen - waren eine ästhetische Entdeckung des 18. Jahrhunderts, die seitdem bei uns viel an Lebhaftigkeit der Wirkung eingebüßt hat. Gewissenhaft umkreisten wir alle sehenswerten Aussichtspunkte, von denen der Fall erscheint. Dies - und die häufig damit verbundenen Eintrittsgelder - sind die Ursache, daß man sich den Genuß solcher Eindrücke verdirbt; jeder offizielle "Ansehen" zerstört die Wirkung. Wieviel man gewinnt, wenn man das alles mißachtet, sah ich noch am selben Tage in Konstanz ein. - Schwitzend und keuchend gingen wir einen der Abhänge hinab; aber wie glücklich waren wir im Vergleich zu einem katholischen Geistlichen, der seine beleibte Person in umgekehrter Richtung hinaufschleppen mußte. Man sah ihm die heiße Arbeit an, und mein Begleiter fand die dem Augenblick entsprechende Sentenz, wenn er sagte: "Ja, das ist schwerer als das Hallelujasingen!"
Am Bahnhof, dicht neben dem Hotel Schweizerhof, das mir durch zahllose Grüße Kügelgens lange bekannt war, empfand ich eine dunkle Freude, die Schweiz sobald wieder zu verlassen. Ich habe von der politischen und gesellschaftlichen Art der Schweizer nie besonders hochgedacht. Nach ....... zurückgekehrt begann nun die reizvollste Fahrt des Tages: Zur Rechten strahlte in einem unbeschreiblich schönen Grünblau der Ausläufer des Bodensees, hinter dem mächtig, vielsagend die ätherklaren Umrisse des Säntis aufstiegen, an dem wir Gletscher und Schneefelder deutlich unterscheiden konnten. Kähne, lange mit frischem Gras bedeckte Fahrzeuge kreuzten traumverloren über die ruhige Fläche und strebten der Reichenau zu, die mit Kirche, Häusern und Gehöften wie ein glückliches Eiland herübergrüßte. Auch Schloß Armenborg erschien, während zur Linken Scheffels Radolfzell poetische Erinnerungen weckte. So, ehe wir es ahnten, fuhren wir in Konstanz ein. Noch sahen wir nichts von der Schönheit dieser Stadt. Mein Begleiter konnte sich garnicht beruhigen, daß wir im berühmten ....... im 3. Stock "unter den Pfannen" wohnen mußten. Dann aber eilten wir an den Hafen. Welch ein Anblick, plötzlich eine spiegelglatte Wasserfläche ohne Ufer vor uns zu sehen. Große, stolze Schiffe am Bollwerk, ein ragender Leuchtturm, kommende und gehende Dampfer, spielende Ruderboote, kurz ein Bild, wie am Meer, und doch südländischer und milder. Ich liebe das Wasser leidenschaftlich, wennschon nicht das Meer. Deshalb ist mir bis heute der Bodensee das Ideal einer Seelandschaft; ganz wie er es für Kügelgen war. Hier hatte er Wochenlang geweilt, als die glücklichen Aussichten einer Baseler Professur so greifbar schienen. Wäre er damals nicht an theologischer Gemeinheit gescheitert, hätte sein Leben - daran zweifle ich nicht - mit dem größeren Wirkungskreis einen großen Inhalt empfangen. Wir hätten vielleicht in wenigen Jahren, wie Jacob Burckhardt, Erwin Rothe, Nietzsche, zusammengewirkt. Das alles ist unwiederbringlich dahin; und fast fürchte ich, daß er damals mit seinen Lebensplänen gescheitert ist. - Ich wußte genau, daß ich seiner Hußleidenschaft einen sorgfältigen Besuch aller dieser Stätten schuldig war; aber wie sollte ich meinem Begleiter diesen sonderbaren Wunsch verständlich machen? So schwieg ich davon und habe Konstanz verlassen, ohne eine einzige gesehen zu haben. Nur in das Münster, das mich anzog, konnte ich mich auf wenige Minuten stehlen. Am Abend besuchten wir das Konzert im Stadtgarten am Ufer des Bodensees. Eine seltsame Gesellschaft, beherrscht von vornehmen Gästen des Inselhotels und den unangenehm dominierenden Gymnasiasten der Stadt, fand sich an diesem schönen Orte zusammen. Weniger die Musik aber fesselte mich als die große, blasse, die Sonne fast an Umfang erreichende Scheibe des Mondes, die langsam fern aus den Fluten emporstieg und so gleichsam das kosmische Rätsel in diese gesellschaftlich-historisch-interessante Umgebung mischte. Dieser Anblick ist mir unvergeßlich geblieben. Da wir noch vor 5 mit dem Dampfer, vielleicht nach Bregenz fahren wollten, kehrten wir lange vor Ende des Konzerts in das Hotel zurück. Hier gelang es mir, meinen Gefährten von dem ersten Dampfer, einen Gedanken, der mich mit Schrecken erfüllte, abzubringen. Wir haben nachher mit Mühe im Laufschritt den 3 Stunden später gehenden erreicht. Noch heute bewundere ich mich, daß ich ohne weiteres in die Gemeinsamkeit des Zimmers gewilligt hatte. Vertrauen hatte ich im höchsten Maße; aber meine Ahnung, das erste Mal, daß ich mit Erfolg apriori philosophierte, hatte mich nicht getäuscht: er schnarchte entsetzlich. Dieses menschliche Phänomen, das mich von der Seite meines Vaters vertrieben hatte, kostete ich dort bis auf die Neige. Halb deswegen, halb, weil ich nun immer wieder lachen mußte, habe ich selbst von dem köstlichen Schlaf dieser glücklichen Natur nichts genossen. Auch von der zwecklosen Fahrt nach Bregenz

30.August 1904
brachte ich den willfährigen Freund ab. Wir benutzten zunächst den Dampfer nach Meersburg mit seinem hochgelegenen Schloß und den berühmten Weinbergen. Der Tag war nicht minder schön als der vorangegangene. Aber die übergroße Helligkeit hüllte uns diesmal das jenseitige Ufer mit den Alpen völlig ein. Dann fuhren wir in den Überlinger See hinein nach der Insel Mainau. Die Fahnen des Dampfers und des Schlosses kündeten uns an, daß der greise Großherzog in diesem seinem Tuskulum weilte. Während wir den schönen Park und das Schloß neugierig umstreiften, kamen wir in den Hof, der beide Flügel des Gebäudes trennte. Da trat uns in grauem Hut und Anzug ein alter Herr mit einer kleinen, schwarzgekleideten Dame entgegen. Ich hatte den Großherzog nie gesehen. Aber ich wußte im Augenblick, daß er es war. Front machend, empfing ich den Gruß dieses von mir schwärmerisch verehrten Paares. Ein kleiner Hund, der ihnen folgte sprang umtreibend und eifrig zurück, um die Diener, die die Stühle nachtrugen, zu größerer Eile zu ermuntern. Dies Bild paßte so zu meinen ganzen Vorstellungen. Ich bin monarchisch gesinnt; nicht aus Gefühl, sondern gegen mein natürliches Gefühl, aus Gründen , die ich allein meinem Nachdenken verdanke. Die Ansicht, daß Baden ein Musterland sei, habe ich nie geteilt. Aber daß es ein begnadetes, ein echt deutsches und deutsch-gesundes Land sei, nicht so herb und erhaben, wie Preußen, aber thätig, glücklich und kulturfreudig, das wußte ich. Und von seinem Herrscher wußte ich nur eins: daß er ein Mensch sei auf dem Throne, ein Sonnenschein im deutschen Land. Deshalb freut es mich bis heut, einen von seinen Strahlen erhascht zu haben. Denn die Begeisterung für das Gute geht über alle Stände hinweg, und wenn er mich auch nicht kannte und kennen wird, so wird sein Geist vielleicht auch in der Art meiner Staatsauffassung zum bescheidenen Teile fortleben. Nachdem wir ein Glas Mainauer Wein auf seine Gesundheit geleert hatten, ging es eilig zurück, mit dem Schiff nach Konstanz, mit der Bahn nach Trieberg, wo uns nur eine halbe Stunde Zeit blieb, und sodann nach Hausach. Dort nahmen wir Abschied. Friedrich Mahn fuhr nach Freudenstadt zurück. Wir waren beide gerührt. Es war kein Freund der Feder. Wir haben lange nichts von einander gehört. Dann aber sahen wir uns in schönen, heiteren Tagen in Berlin wieder, und ich habe ihn trotz seines langen Schweigens vorher und nachher immer als den selben erfunden. Ich sagte ihm beim letzten Abschied: "Wir werden uns vielleicht auf Jahre hinweg nicht sehen, aber wenn wir uns je wieder treffen, wird uns sein, als hätten wir immer miteinander gelebt". Und diese Überzeugung habe ich noch heute, obwohl das Wiedersehen in Freudenstadt, wo auch er wiederum war, nicht zustandekam. Als ich so in Hausach allein war, war es

31. August 1904
mein Erstes, mich auf Heidelberg zu präparieren und das Vergangene noch einmal klärend zu überdenken. Aber diese Aufgabe war mir jetzt leicht. Eine innere, sieghafte Gewißheit über den objektiven Wert unsres Verhältnisses war da. Ich fühlte, daß das gegenseitige Verstehen bis in die letzten Tiefen durchgedrungen war, und deshalb hatte ich für das, was mich noch von Heidelberg trennte, nur ein geteiltes Interesse. Eine Karte, die ich aus Straßburg in Hausach empfing, machte mir den Besuch dort wertvoller. Zunächst aber blieb ich einen Tag in Hausach. Es war einer der wenigen Regentage des Jahres, dessen machtvolle Sonne mich belebt und gekräftigt hatte. Durch den Lehm trottend, auf ungewissen Wegen am Rande des Kinzigthales, hielt ich mich in der Richtung auf Haslach zu. Gänzlich durchnäßt, erreichte ich endlich diesen Heimatort Hansjakobs, der mir nur aus Erzählungen von Fräulein Mauderer bekannt war. Ich habe ihn seitdem gelesen und einen großen Zug in ihm gefunden, der etwas von dem undefinierbaren Ding "Wahrheit" in sich trägt. Nach Hausach zurückgekehrt, vegetierte ich inhaltslos umher. Aber das Bewußtsein, den letzten Tag im Schwarzwald zu sein, trieb mich noch einmal hinaus. Ich ging nach Wolfach und freute mich über den lieblichen Charakter dieses Städtchens, das mich noch einmal an die oberen Thäler am Kniebis, an Rippoldsau und Griesbach erinnerte. In der Dämmerung ging ich dann den Pfad an der Kinzig zurück, auf dem in Hansjakobs Novellen eine der schrecklichsten Mordthaten geschieht. Und am nächsten Morgen verließ ich den Schwarzwald. Von Kehl aus über den Rhein marschierte

1. September 1904
ich im schrecklichsten Regen in Straßburg ein. Ich gab mich dem Eindruck des Münsters hin, sah die Uhr, die "gedeckten Brücken", das neue Viertel mit der Universität. Wieder wurde ich die cynische Wendung: " Was ist mir Hakuba?" nicht los. Etwas wärmer stimmte mich der Elsasser Wein in dem interessanten Stiftskeller. Von ihm beflügelt, bestieg ich den Turm und sah noch einmal die Alpen, während die Vogesen und der Odilienberg nur undeutlich durch den Nebel schienen. Da lag auch der Kniebis; das alles war so voll von Fragen, und selbst Goethes Andenken war hier so mit "Sturm und Drang" vermischt, daß mich das nicht glücklich machte. Da es erfreulicheres Wetter geworden war, hoffte ich in der "Rheinlust" bei Kehl, einem Lieblingsort Kügelgens, fröhlicher zu werden. Aber der Rhein floß träge, und die Mücken wurden meinen poetischen Träumen, wie einst in Speyer, ein Stachel zur Realität. Mürrisch zog ich mich auf Appenweier zurück, wo ich die Nacht blieb, um am nächsten Tage recht früh in Baden-Baden zu sein. Auch am Sedantage regnete es zunächst.

2. September 1904
Kühl und feucht war der Weg nach Hohenbaden empor; aber trotz der fehlenden Aussicht wirkte die Romantik des Ortes auf mich; war ich doch - unvermutet - noch einmal still im Schwarzwalde, zu dem ich das vornehme Baden-Baden gerechnet hatte. Nach dem Essen absolvierte ich das übliche Konzert. Es war langweilig und kaum so reizvoll, wie ich es in Wiesbaden wieder und wieder genossen hatte. Aber die Lichtenthaler Allee übertraf alle meine Erwartungen; das war vornehme Schönheit im höchsten Sinne. Der Luxus ist für mich ein eignes Phänomen; ich gehöre nicht zu seinen blinden Bewunderern, aber auch nicht zu seinen Verächtern. Es giebt eine behagliche Lässigkeit des Lebens, nach der ich mich sehne, wenn sie nämlich die Kehrseite eines gehaltvollen Daseins von dieser geltenden Wert ist. Herrschen war ja von jeher mein geheimster Traum. Darum möchte ich leben, darum immer wieder über dies Leben nachdenken, um zuletzt auf beiden Gebieten ein Herrscher zu sein, ein virtuoso, dem nichts Menschliches fremd ist. Der Haß, mit dem ich dieses Treiben etwas ansah, war der Neid der besitzlosen Klasse. Denn schon damals glaubte ich, die seelische Not und das menschliche Leiden, das hinter all dem Glanze steckt, tiefer zu beherrschen als die stolzen Erscheinungen, die vielleicht das Geheimnis ihrer Knechtschaft schmerzvoll-ratlos in sich verbergen. Im ganzen aber strebte ich fort; noch an diesem Abend wollte ich meinem Ziel näher sein. So sah ich nur noch die römischen Bäder, verzichtete auf das Abendkonzert und erreichte noch am selben Tage Rastatt, wo ich ein weites Zimmer mit großen Balkons bewohnte. Von dort sah ich am nächsten Morgen noch einmal sehnsüchtig nach dem Schwarzwald hinüber, dessen dunkle Linien am trüben Horizont erschienen. So fand ich mich dann wieder in der Bahn nach

3. September 1904
Heidelberg; wie viel reicher als vor wenigen Wochen! Ohne diese Gewißheit wäre mir die Aussicht, daß uns nur der kurze Rest des Tages bleiben sollte, vielleicht unendlich bedrückend erschienen. Aber freier und frischer betrat ich jetzt das Haus in der Rohrbacher Straße. Heidelberg war mir jetzt so bekannt und vertraut, wie ich es in meinen am folgenden Tage in der Bahn hingeworfenen Zeilen aussprach. Wir verabredeten eine Wiederholung des Weges nach dem Schriesheimer Hof. Vorher aber besuchte ich Fräulein Knaps. Ich habe im Besuchen ein starkes Pflichtbewußtsein. Dieser aber that mir wohl. Ich hatte unendlich viel zu erzählen. Bedenklich wurde ich nur durch die dringende Mahnung, für den Nachmittag keine zu großen Anstrengungen zu planen. Ich habe es nachträglich bedauert, daß es wohl doch geschah. Der Gedanke, den Weg des Vorjahres noch einmal ganz so zu wiederholen, war überhaupt psychologisch falsch. Lieblingswege kann man haben, wenn man dauernd zusammenlebt. Bei einer Entfernung von einem Jahr aber sind die Eindrücke einer solchen Erinnerung zu tief und innerlich, um den ungestörten Genuß der Gegenwart aufkommen zu lassen. Noch einmal war es ein sonniger Tag am Neckarstrande. Die freundlichen Uferberge lagen in stillem Glanz, als wollten sie uns die Gewißheit geben, daß es einen Frieden der Seele, einen glücklichen Zustand giebt. Dies alles sollte ich verlassen; ich hielt es für nicht möglich, dauernd ohne dies zu leben. Noch ein Jahr später war es mir unmöglich; aber ob ich damals so ganz verstanden worden bin? Mein Leben hat von jeher an tiefen, freundlichen Eindrücken mit großer Zähigkeit gehaftet. Hier, wo alles für mich und in mir Epoche machte, hätte es nicht sein sollen? Noch einmal führte uns die Bahn ins Neckarthal kreuzten wir den lieben Fluß und zum ersten Mal saßen wir in der Stiftsmühle zusammen. Hier hatte ich tausend Mal allein in Sturm und Regen gesessen, als Heidelberg für mich noch nichts war, als eine freundliche Landschaft, hier hatte ich das beglückende Gefühl absoluter, unerreichbarer Einsamkeit mit mir selbst genossen. Heute nun, welcher Zusammenklang! Während der Mahlzeit lasen wir Briefe, und wechselweise lasen wir sie uns vor. Unter den meinigen war auch einer von Ernst, ein Thema, das mich im vergangenen Jahre viel und ich darf sagen leidenschaftlich beschäftigt hatte. Auch dies gehört zu den Ereignissen, die in meinem Leben nicht wiederkehren werden. Ich hätte viel über diesen Gegenstand zu sagen. Genug aber ist wohl das eine, daß die Enttäuschung, die ich hier etwa erlebt habe, zu meiner Selbstbildung gehörte. Gerade dies eigenartige Phänomen: Jude, äußerlich vollendet, innerlich rein, begabt, aber nicht ohne nationale und standesmäßige Eigenschaften, war geeignet, mir das Problem der Pädagogik klar zu machen: Ich hoffte, aus dieser Seele zu machen, was ich wollte, und - in und mit diesem Wahn hatte ich die Freude, aus ihr das Höchste zu machen, was sie werden konnte. Ich werde nie daran zweifeln, daß ich diesem Menschen den Blick für den Idealismus auf alle Zeiten geöffnet habe. Natürlich war auch davon die Rede. Dann stiegen wir aufwärts, am Stift vorbei, wo Kügelgens Goethebildnis ist, in das kühle, feuchte Mausbachthal. Ich empfinde noch heute deutlich, wie viel charakteristischer mir dort Landschaft und Vegetation erschienen als im Schwarzwalde. Herbstzeitlosen sahen wir dort, die "giftigen" Blumen. Dann trafen wir eine Bank an einer Quelle. Dort sprachen wir von der "Phantasie". Wir wurden nicht ganz einig, weil ich in diesem Aufsatz nichts hingeworfen hatte, als eine ganz einfache Lebenserfahrung, wie sie mir eben zu abschließendem Bewußtsein gelangt war, nichts von philosophischer Theorie, nicht von Lösung. Wir werden gleich sehen, daß ich Recht behielt. Allmählich kamen wir in bekannte Gegenden. Da war die Quelle am Zollstock, die "nach dem Papierbecher schmeckt" und die ich im Bilde besitze. Dann die Hochstraße, der geheimnisvolle alte Grenzstein, die Erinnerung an geologische Gespräche, die Verwunderung, daß wir vor einem Jahr nicht auf den Weg geachtet hatten und daher garnicht wußten, ob wir diesmal demselben Pfade folgten. Die Bank, von der man den Neckar sehen möchte; der "Weiße Stein", der nicht da ist; der verfallene Turm, und - - schließlich die Windung zu den "einsamen Kiefern". Hier hatte ich vor einem Jahre zuerst den Mut gewonnen, von persönlichen Dingen zu reden: von Dilthey, von der Möglichkeit einer Geisteswissenschaft, von dem Schicksal des Enthusiasmus. Und nun - vergeblich suchten wir das magische Licht, in dem die Kiefern damals erschienen: Sie waren einsame, trübe, von nebliger Luft umschleierte Kiefern. War das nicht "Phantasie"? War das nicht ein Anspruch, über den wir hinaus waren? Waren wir nicht beim Kern unsres Wesens angelangt? Warum zurück in die alte Symbolik? Aber so ist der Mensch: er projiziert alles nach außen; seien es "die einsamen Kiefern", sei es die Natur als Ganzes, immer strebt er aus sich heraus und vertraut nicht der Selbstgenügsamkeit in sich. So kamen wir zum Schriersheimer Hof. Warum war diesmal das Bier sauer? Warum zog am Horizont eine finstere Nebelschicht empor? Aber es regnete nicht, und wie einst, gingen wir abwärts durch das stille Thal, mit seinem Bach, seinen Rehen, doch ohne den Mondschein, auf Schriesheim zu. Mit Besorgnis empfand ich, daß der Weg meiner Freundin zu weit wurde, die Kühle ihr schaden könnte. Ganz wie im Beginn des Sommers waren unsre Gespräche zur sozialen Frage, zum politischen Leben zurückgekehrt. Die Gedankenweichen des Jahres 1902 kamen wieder lebhaft über mich, und die Waldumgebenen Fabriken im Thale legten wohl den schmerzlichen Gedanken nahe: wie ist das soziale Elend der Industrie mit dem Frieden der Natur, dem Genuß begünstigterer Seelen in Einklang zu bringen? Ob diese Flucht in die Realität uns damals beiden so ernst war, wie sie sollte? Genug wir sprachen es als ethische Forderung aus - auf der steinernen Brücke - und so entdeckten wir ein Gebiet, auf dem wir beide an uns weiterzuarbeiten hatten, um den Ansprüchen eines allseitig realen Lebens zu genügen. Und es ist eine Täuschung, wenn ich behaupte, daß wir beide im vergangenen Jahr hier einen großen, erheblichen Schritt vorwärts gethan haben? Ganz wie damals durch die dunklen Straßen Schriesheims, unter der ragenden Burg, wie damals - nur mit der Unterbrechung eines denkwürdig frugalen Abendbrotes - mit der düsteren Bahn erreichten wir Nauenheim, die Neckarbrücke, die Stadt. Den Rest des Abends verlebten wir in der Stadthalle. Jeder Abschied macht stiller. Und als wir zuletzt durch die stillen Straßen nach der Rohrbacher Straße gingen, wurde ich zur Unzeit gesprächiger. Das plötzliche Schweigen meiner Freundin erfüllte mich mit der Angst, etwas gesagt zu haben, was ich lieber hätte verschweigen sollen. Daß mir die kurze Zeit eines Jahres Recht gegeben hat, ändert nichts an meinem Fehler. So schieden wir an der Gartenpforte, wie ich meinte, auf lange. Noch einmal in der Morgenfrühe suchte ich

4. September 1904
die alte Neckarbrücke auf. Ich ahnte nicht, daß ich diesmal Heidelberg nicht ohne Geleit verlassen sollte. Als der Zug aus der Halle fuhr, wußte ich eines. Ich hatte in schweren Tagen zu mir gesagt: "Diese Krisis ist die schlimmste deines Lebens; überstehst du sie, so hast du gesiegt; <XXX> , so wirst du nie wieder siegen." Wie die Entscheidung ausgefallen war, das war mir jetzt klar. Die Worte Enrosons waren das, was ich mir in dieser Stunde selbst sagte. Und ohne auf die Landschaft zu achten, warf ich bis Marburg hin in wenigen Worten aufs Papier, was hier in vielen Worten steht. Ich bin eitel. Auf meine Verse werde ich es nie sein. Sie sind der innerste Ausdruck meines Lebensbedürfnisses. Ich muß mich in den erhobenen Momenten meines Daseins befreien. Was in solchen Augenblicken entsteht, ist objektiv minderwertig: aber es hat den Vorzug einer durch nichts zu ersetzenden Wahrheit. Deshalb hat man, außer in Heidelberg, noch nie etwas von den Erzeugnissen solcher Stunden gesehen. Mit froher Begeisterung aber habe ich den objektiv gestalteten Gehalt dieser Tage in meiner Arbeit in die Öffentlichkeit hingeworfen, und werde es künftig thun. Welches Leben dahinter wogte, haben die feineren Geister wohl erkannt. Gern denke ich daran, daß dieses Reiseerzeugnis ein andrer Mann auf Reisen zum dritten Male gesehen hat: Franz von Liszt , als er im Sommer 1905 nach Wien fuhr! Und nun Cassel. Es erschien mir unter dem Gesichtspunkt Heidelbergs; nicht mehr und nicht weniger. Mit Hermann disputierte ich auf dem Wege nach Wilhelmshöhe mit Anspannung aller Kraft: ich wollte und mußte ihn gewinnen, sollte ich auf ein ganz geklärtes Resultat meiner Reise zurückblicken. Unterwegs trafen wir seine verehrungswürdige Mutter. Auch die einsame Höhe auf dem Plateau des Herkules, der gemeinsame Genuß des einzigen Sonnenunterganges brachte uns nicht zur Einigung. Ich gestehe aber hier frei, daß ich aus Hermanns Standpunkt damals gelernt habe, daß das dritte Kapitel meiner Schrift davon beeinflußt ist, und daß ich heute, nachdem ich einen Aufsatz von Brunstäd, Hermanns Freunde, gelesen habe, sehe, daß auch der Hegel'sche Standpunkt zu denen gehört, die ich als möglich anerkennen kann. Am Abend, dem trauten Tisch der Familie, war ich trotz meiner Abspannung ein eifriger Beobachter. Die sorgende Art, das tiefe Wesen der jüngsten Schwester fiel mir von vornherein auf. In dem jüngeren Bruder, dessen leicht-gefällige Art mir unendlich zusagten, habe ich mich getäuscht. Schließlich gerieten wir in die Musik und in die Photographien. Nach außen für war die Musik mir immer nur eine gesellige Kunst. Hier, an Heidelberg und die Vergangenheit des Hauses gedenkend, spielte ich mit innerer Begeisterung, die einzige Verfassung, in der der Dilettantismus entschuldbar wird. Schließlich begleiteten wir Kurt zur Bahn, die ihn nach Rügen bringen sollte. Der Tennisschläger an seinem Gepäck schien mir besondders vielsagend. Und doch habe ich kaum einen Menschen so falsch beurteilt, wie ihn. Vorher verteilte ich zwei Heidelberger Bleistifte. Den dritten habe ich noch in Benutzung, möge er nie abgeschrieben sein! In der Nacht fühlte ich mich plötzlich krank.

5. September 1904
In der Frühe schrieb ich noch einen Brief nach Heidelberg. Aber mir war mit Mühe quälte ich mich in Hermanns Begleitung durch die Stadt, die "schöne Aussicht", die Gemäldegalerie, zuletzt in seine Wohnung. Alles, was ich sagte und erlebte, war äußerlich; es bedurfte meiner ganzen Selbstbeherrschung, um nicht zu versagen. Ich sah noch manches interessante Familienbild, manch fesselndes Buch; erfuhr noch einmal die Güte der verehrten Mutter; dann, bei einer Flasche Rotwein kam der Abschied - auf mehr als ein Jahr. Bald befand ich mich im Zuge nach Göttingen, sah von Ferne den Harz, passierte Magdeburg und versicherte bald darauf meinen Eltern, es ginge mir vortrefflich. Es giebt Zeiten, in denen uns das Leben wohl will. So fand ich meinen Vater, der die Krise zum Greisenalter in diesem Sommer durchgemacht hatte, erstaunlich frischer, munterer, als vorher, und heiter wie sonst. Wer je mit den finsteren Mächten des Schicksals gerungen hatte, wird mir das Dankbarkeitsgefühl und das Bewußtsein, daß es keine finsteren Mächte giebt, nachempfinden. So endete meine Reise. Habe ich viel erlebt? nein! Habe ich gelebt? Mehr, als es je wiederkehren wird. Hieran knüpfen sich meine Schlußgedanken. Der wesenhafte Inhalt dieser Tage beruhte für uns beide auf folgendem: Wir sind beide Naturen, die zu selbständiger Reflexion gegenüber dem Leben gelangt sind, vielleicht mehr getrieben als gedrängt. Es giebt eine Stufe menschliche Entwicklung, auf der sich zum Kampf ums Dasein der Kampf um die geistige Existenz gesellt. Das gewaltige Gefühl des Alleinseins in sich, des schweigenden Zwiegespräches mit dem Geheimnis der Welt, alle diese Realitäten von Natur und Gesellschaft, Pflicht, Neigung, Leidenschaft und Hoffnung, das alles ist eine centnerschwere Last. Aber während es Menschen giebt, die nur in flüchtigen Momenten solches Fragen empfinden und dann in den Schoß einer geheiligten Überlieferung fliehen, d. h. zu Menschen, die vorbildlich geistige Schöpfungen produzierten, finden andere nur in der selbstthätigen Auseinandersetzung mit ihrer Welt Frieden. Diese Aufgabe ist unendlich; der Genuß der selbstgeschaffenen Welt wird nur durch schwere Kämpfe und Zweifel erkauft, und selten entsteht auf diesem Wege etwas anderes, als einseitig-subjektive Stellungen zur Realität. Die Religionsstifter allein dringen zu breiter Wirksamkeit hindurch. Die Philosophie aber hat unter einer Thatsache immer zu leiden gehabt, die erst heute zur Klärung gelangt: Sie hat sich unter die Knechtschaft der Wissenschaft begeben, statt über sie wie über einen Teil des unermeßlichen Ganzen zu reflektieren. Wenn sie nicht ganz Wissenschaftslehre wurde, so hat sie das nur gewissen großen Persönlichkeiten zu verdanken, die wie Spinoza unter den Formeln der gerade herrschenden Wissenschaft ihre tiefe Innerlichkeit aussprachen. Unter der Führung Diltheys hatte ich diesen tief unter den Systemen rauschenden Quell früh verspürt. Es war mein Bestreben, die Philosophie zurückzuführen zu dem, wovon sie ausging, zur religiösen Gemütsverfassung. Wodurch unterscheidet sich neue Philosophie und Religion? Vor allem dadurch, daß die Besinnung über das Leben, die der Philosoph anstrebt, immer geleitet ist durch das, was auch vor der Wissenschaft haltbar ist; nicht aber glaubt er deshalb, daß auch das ganze Leben in der Wissenschaftlichkeit auflösbar sei. Behält doch die Religion ihre Wahrhei, obwohl sie in ihrem Ursprunge nach der Wissenschaft überhaupt nicht fragt. Erst als Religionsphilosophie ensteht ihr dieses Problem. Man sieht, daß die Scheidung eine Begriffsbestimmung davon voraussetzt, was "Wissenschaft" sei. Kant hat diesen Ausschnitt zuerst zu umgrenzen versucht. Auch meine Arbeit will ein kleiner Beitrag zu dem sein, was man auf historischem Gebiet als Wissenschaft bezeichnen kann. Statt der Kantischen Frage: "Wie ist Wissenschaft möglich", würde ich lieber die Formel wählen: "In welchen Grundoperationen bestehen die als "wissenschaftlich" zu bezeichnenden Stellungnahmen gegenüber der Welt?" Aber das ist nur ein unendlich kleiner Ausschnitt aus der gewaltigen Sphäre unseres Lebensbewußtseins. Worin besteht das Ganze? Es besteht in dem bewußten Leben dieses Lebens selbst, in der glutwarmen Hingabe an das Maß von Intensität und Inhaltlichkeit, was sich im fortschreitenden Prozeß des Daseins offenbart. Deshalb kann ein Mensch dem anderen Helfer werden - nur auf eine Weise: im gemeinschaftlichen Leben. Alles andre ist kalt und starr. An die Menschen mit denen wir leben, heften sich unsre vitalen Worte. Dabei kommt es freilich, daß man den Sinn dieses Lebens herausstellt in Symbolen und Formeln, schon um es mitteilbar zu machen; aber dadurch wird es zugleich mittelbar. Was ich in dem Umgang dieser Tage empfangen habe, war nicht die wissenschaftliche Diskussion und Aussprache; die Zeiten sind vorbei, in denen die Unterhaltung und die Correspondenz eine wirkliche Förderung der Wissenschaftlichkeit werden konnte. Aber der Stoff des Wissens, die Tiefe und Eigenwert des Erlebens, die Gemeinsamkeit des Fühlens, Suchens und Strebens, die hinter diesen Symbolen ruht, wurde das Befruchtende. Den Frauen ist es eigen, still sinnend an den Momenten des Lebens zu haften; sie nehmen sie reiner und tiefer auf. Beim Mann wird der Wille zum Gestalten durch eine Verwischung und Verflachung des Eindrucks erkauft. Hier also muß eine Ergänzung stattfinden. Welch unendlicher Gewinn nun, wenn man auf solchem Wege gemeinsam lernt, zu leben. Denn das Leben ist nicht nur rätselhaft, sondern grausam und hart, wie es auch lustvoll emporragt. Die Qual der Einsamkeit, die vernichtet, wird nur in Zeiten gegenseitigen Erschließens überwunden; man ist dem anderen dankbar, weil man selbst an ihm wächst und stärker wird. Dieses Kraftgewinnen kann auch zur wissenschaftlichen Form führen; aber das ist zufällig; es ist die Übertragung der Arbeit auf ein besonderes Kulturgebiet; warum könnte es nicht auch ein anderes sein? Wenn ich also den Gehalt der Gespräche an den Sommertagen 1904 zu meinem Erstaunen oft vergessen habe, so sehe ich nunmehr den Grund. Wir leben in einer Täuschung, wenn wir meinen, gemeinsam philosophiert zu haben. Wir haben zusammen gelebt, und das war mehr. Was an objektiven Schöpfungen daraus hervorging, ist eine sekundäre Frage. Wir werden es niemals ergründen, welche Unausweichlichkeiten in unsren Tiefen vorgingen. Es ist da, es lebt, es wirkt; wer wüßte mehr? Aber die Inhaltlichkeit dieses Wirkens hat dadurch eine Gewißheit empfangen, die triumphiert über den Lauf der Welt. Wer könnte uns die Wichtigkeit und die Sprache solcher Stunden streitig machen? Wer aber auch wollte sie deuten? An uns nun ist es, hinauszutreten und zu sagen: Das ist das Leben, denn so sprach es zu uns! Kann uns der Widerspruch kümmern? Wird unsre Welt unwahr dadurch, daß andre eine andre haben? Wer sie nachfühlen könnte, diese Welt, der müßte mit uns am Neckar, im Schwarzwald, im Odenwald gewandert sein; durch Zeiten und Räume; sie gehören dazu. Denn wir sind Menschen, keine reinen Geister. Deshalb haben wir eine Geschichte. Möge uns die Erinnerung an sie durch helle und dunkle Tage strahlen; es ist eine Stimme in meiner Seele, daß wir auf unsrer Wanderung nichts Köstlicheres finden werden. Und wenn ich es wagte, in Symbolen zu denken, so spräche ich von einer Welt, in der uns der Sinn der Sommertage 1904 in noch viel herrlicherer Verklärung aufgehen wird. Glückauf allen Wegen. Macte virtute!
Eduard Spranger.