Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4./5. Januar 1906 (Berlin)


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Berlin, Historisches Seminar,
den 4.I.1906.
Verzeihen Sie diesen Briefbogen!
Liebes Fräulein Hadlich!
Herzlichen Dank für Ihren lieben Brief und auch von meinen Eltern für Ihr freundliches Gedenken durch mich aufrichtigen Dank!
Ich freue mich, daß die Zeit Ihres Kommens näherrückt. Alle Ihre Vorschläge sind wunderbar schön; Näheres erörtert sich besser an Ort und Stelle. Würden Sie mir nicht doch gestatten, nur als Gepäckträger auf 5 Minuten auf der Bahn anwesend zu sein? Ich frage deshalb noch einmal an, um es zu unterlassen, falls es Ihnen ausdrücklich unangenehm sein sollte. Am Mittwoch erwarte ich Sie wie verabredet um ½ 10 vor dem Predigerhause, und danke Ihnen heute bereits, daß ich sie begleiten darf. Für den Rest des Tages, so hoffe ich mit meinen Eltern, gehören Sie dann uns,
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| nicht wahr? An diesem Tage überlegen wir dann auch das weitere.
Ich bin ein Mann der Vorsicht, resp. der Ängstlichkeit und knüpfe hieran noch 2 Bitten.
Erstens will mich der kleine Scholz in den nächsten Tagen einladen. Ich werde wohl nicht hingehen; ist es vor Dienstag, so angeblich wegen Befindens, später aus anderen Gründen. Sollte etwa zufällig davon die Rede sein, bitte dementieren Sie mich nicht.
Zweitens ist es möglich, aber nicht sicher, daß ich am Montag mich beim Regiment vorstelle. Wenn ich nicht sofort untersucht werde, so bestimmt man mir möglicherweise zwangsweise einen Termin, den ich dann natürlich nicht umgehen kann. Sollte dieser Fall eintreten, so würde es sich ja nur um eine kurze Morgenstunde handeln; ich glaube nicht, daß unsere Dispositionen dadurch irgend gestört würden, würde Ihnen aber doch, falls es etwa den Dienstag träfe, dann telegraphisch Nachricht geben. Der Sicherheit wegen er
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|bitte ich auch Ihre Adresse in Berlin. Wie gesagt, dies ist alles eigentlich unnötige Vorsorge (denn vorläufig habe ich die Papiere noch nicht einmal); aber lieber zu viel als zu wenig Vorsicht!
Nun wünsche ich Ihnen fröhliche Tage in Halle, eine gute Reise, und, für die Berliner Woche, auch schönes Wetter. Mich hatte die Influenza doch recht kräftig gepackt. Ich bin eigentlich seit gestern erst wieder arbeitsfähig und nun doppelt thätig. Denn 10 verlorene Tage bedeuten viel, wo ich die Sache mit Diederichs abschließen wollte. Dieser ist ein Umstandskommissarius und bringt einen auf liebenswürdigem Wege zur Verzweiflung. Alle Verleger scheint ein Dämon zu besitzen; man muß ihnen gut zureden, ihren Vorteil einzusehen.
Unter den Neujahrsbriefen war mancher, der mir großer Freude bereitete. Frl. Knaps sandte mir die Stelle angekreuzt, wo wir 1904 saßen. Sie werden sich freuen, wie schön
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| jetzt die Harmonie zwischen mir und Hermann ist.
Ärgerlich bin ich auf meinen Glaser, der zur Unzeit krank geworden ist. So kann ich Ihnen das Neckarthal noch nicht gerahmt zeigen. Wie freue ich mich, Ihnen nun hoffentlich das Havelthal zeigen zu können oder etwas Ähnliches. Klein-Machnow ohne Herbst und Laub? - o nein; überdies ist die Romantik seit Erbauung des Großen Kanals fort. Ihre Idee für den Sonnabend ist herrlich. In Erwartung dieser Tage fühle ich mich wieder jung; denn in den letzten Tagen wollten mir schon Eiszapfen auf dem Haupte wachsen oder so ähnlich, a` la "Winterreise."
Mit herzlichen Grüßen von meinenEltern und mir auf frohes Wiedersehen
Ihr dankbarer
Eduard Spranger.

5.1.06
Meinem gestrigen Brief habe ich heute hinzuzufügen, daß sich meine Militärangelegenheit unerwartet schon heute erledigt hat. "Wegen Herabsetzung der Sehschärfe untauglich".