Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Januar 1906 (Charlottenburg)


Ich kann nicht reden, schäme mich der Worte
So Aug' in Auge; und satirisch fast
Verberg' ich dann am zugangslosen Orte
des Innenlebens oft zu schwere Last.
Doch was wir sahen, wovon Wirklichkeiten,
Kein Traum, zur Sommernacht nur leicht geträumt,
Wie schön, daß auch in diesen neuen Weiten
der Freundschaft Wein uns reich entgegenschäumt.
So tragen wir gemeinsam nun seit Jahren
Bald leicht, bald schwer, den Kelch, der uns berauscht;
Was diese Jahre Köstliches gebaren,
Liegt mir in dem, was ich mit Dir getauscht.
Nicht immer ward' ich mit gefaßten Blicken
Der Zukunft dunkel die Gedanken zu:
der Mensch ist schwach; doch über den Geschicken
Steht das, was war, und was er war, schufst Du!
Charlottenburg, den 12. Januar 1906