Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Januar 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 18. Januar 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Ihre wohltuenden Zeilen bedeuteten für mich den schönen Ausklang einer schönen Zeit, die mir, besonders was den Potsdamer Tag betrifft, unvergeßlich sein wird. Auch mein Gefühl ist es: Bleiben Sie bei mir, helfen Sie mir, auch da, wo es Ihnen trocken und unwert erscheint; ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich das brauche und wie dankbar ich empfinde, was Sie bisher für mich gethan haben. Dazu gehört aber vor allem die Sorge für Ihre Gesundheit: Ich muß Ihnen noch einmal ans Herz legen: achten Sie auf Ihre Ernährung, essen Sie mehr und trinken Sie wirklich einmal - stärkende Biere. Ich bin überzeugt, mein Laster müßte bei Ihnen zur Tugend werden. Die Anstrengungen in Berlin, die Ihnen zugemutet wurden, haben mich beunruhigt.
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| Auch bei Ihrer späten Abfahrt allein wurde mir zuletzt doch ängstlich zu Mute. Ich freue mich, daß Sie mir über diese Punkte Gutes berichten. Fast hätte ich gesagt: "Fahren Sie sofort"; aber es fällt mir ein, daß ich ja gar kein Staatsexamen habe.
Ihre freundlichen Zeilen an meine Eltern haben sie sehr erfreut. Suchen Sie nichts dahinter, wenn sie nicht selbst antworten. Mein Vater hatte nach dem langen Herumlaborieren schließlich doch noch Fieber bekommen und mußte sich hinlegen. Wenn ich etwas bedauere, so ist es das, daß Sie von ihm kein entfernt treues Bild mitnehmen; denn infolge seines Befindens, vielleicht auch infolge einer gewissen Schüchternheit, die er bei allem hat, was er zart anfassen möchte, war er nur der Schatten seiner üblichen Lebendigkeit. Meine Mutter war vielleicht, ohne es zu wollen, hierdurch ein klein wenig abgelenkt, da ihre Geschäftigkeit allein dieses seltsame Dreigespann sich lieben
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|der Antipoden zusammenhält. Nehmen Sie also durch mich von beiden herzliche Grüße und innigen Dank für Ihren freundlichen, langerhofften Besuch, und bedenken Sie, daß die Gefühlsäußerungen des Alters, an sich von Natur matter als die der Jugend, auch deshalb nicht so deutlich zu Tage treten, weil sie das Bewußtsein haben, über die moderne Sprache nicht in vollem Maße zu gebieten. Ein Beispiel dafür will ich Ihnen anvertrauen, wenn Sie mir versprechen, dies Geheimnis nie mit einem Wort oder sonstwie zu berühren: Ich habe es geradezu erzwingen müssen, daß ich die silberne Hochzeit meiner Eltern am 3. Januar wenigstens durch ein bischen Musik und einen kleinen festlichen Aufbau feiern konnte. So ist den alten Leuten geradezu eine Flucht vor tieferen Erregungen eigen, und oft, wie hier, nur deshalb, weil sie leicht allzutief ergriffen werden. Wenn das Alter nicht stumpfer würde, vermöchte es seine Tragik
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| wohl garnicht zu ertragen. - Der Geburtstag meines Vaters war übrigens nicht; wir werden aber Ihre freundlichen Gesinnungen dankbar vornotieren!
Um noch einmal auf Berlin zurückzukommen, so ist Ihr Urteil ganz richtig. Sie werden jetzt verstehen, weshalb ich immer im Sommer auf dem Balkon sitze: ich mache dann die Thüren hinter mir zu und höre nur Stimmen, an denen ich nicht gefühlsmäßig beteiligt bin. Im übrigen weiß ich doch sehr gut, weshalb ich nicht tausche, - mit wem es auch sei. - - Bei Keller und Reiner war die Ausstellung von Const. Meunier (Lebenswerk), wie ich auf der Rückfahrt v. Anhalter Bahnhof sah. Wenn mir nie der Gedanke gekommen ist, daß ich eigentlich Ihre Kunstzwecke in Berlin wenig gefördert habe, so wäre (!) das eigentlich auch Egoismus, wenn ich nicht von vornherein eine ganz andere Auffassung über Ihr Kommen gehabt hätte. Ihre Anwesenheit - in ruhigen Stunden, - wirkt auf mich wie der Blick in den Spiegel eines klaren, tiefen Sees; moderne Kunsteinblicke
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| daneben hätten mich unsäglich gestört. Wie gut, daß wir Potsdam hatten, diesen Ort mit dem historischen Hintergrund, den Sie wiederum ganz vergaßen (!), mit der Melancholie, die uns nie mehr bezwingen soll, weil wir ja nun gemeinsam arbeiten, wie schon bisher, und unser Werk uns unter den Händen wächst!
Meine Angelegenheiten nämlich schreiten günstig fort. So fand ich noch am Sonnabend Abend eine Karte von Paulsen, in der er mir schrieb, daß sich Hans Taps (Prof. Delbrück, Hermanns übler Examinator) für meine Schriften interessiert u. daß ich sie ihm schicken sollte; (wohl wegen der geringen Professorengehälter). Rudolf Lehmann ersucht mich um Mitarbeit an s. Monatsbeilage: Erziehung und Unterricht; und Prof. Hans Groß, für Strafrecht in Graz, schreibt im (Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik ":... Was man heute unter moderner Behandlung der Geschichte versteht, das ist in Sprangers Buch unvergleichlich gut dargestellt. Ich wollte, ich vermöchte unsere jungen Kriminalisten zu bewegen,
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| dieses allerdings nicht bequem zu studierende Werk zu lesen, sie würden reichen Gewinn gerade für unsere Arbeit finden."
Eben kommen wieder dicke Korrekturen und so geht es fort und fort, stets beschäftigt, aber selten in freier Besinnung und Sammlung. Man kann sich in dieser Lage sehr glücklich fühlen, um so mehr, als dann solche Wiedersehen wie das letzte, wie goldene Inseln aus dem Strom emportauchen, nach denen der rastlose Schiffer noch lange traumverloren zurückblickt. Die Melodie des Lebens muß sich jeder selbst führen; aber die Harmonie entsteht erst aus dem Zusammenklang, und oft giebt ein tiefer, voller Akkord viele Takte hindurch die Tonart an, auf deren Hintergrund der schwebende cantus, Halt, Klangreiz und Fülle findet. So tönt Ihre Anwesenheit in mir fort.
An Hermann habe ich geschrieben. Mein Reisebericht war kurz; ich wollte u. konnte Ihnen nicht vorgreifen. Vielleicht teilen Sie mir gelegentlich seine neue Adresse
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| mit. Und Fräulein Knaps - war sie nicht allzu böse über unsren Wettermut? Retten Sie unsern Ruf und bekommen Sie ja keinen Schnupfen. Bei mir brauchen Sie sich darüber nicht zu beunruhigen. Ich bin im Ganzen sehr taktfest.
Nehmen Sie für heute mit diesen eiligen Zeilen vorlieb. Ich muß doppelt schnell schreiben, denn wenn m. Vater zu Hause ist, fallen die Abende, so die sonst zum Schreiben so trauliche Zeit, fort. Also herzliche Grüße in treuer Freundschaft; auch nochmals Dank und Grüße von m. Eltern und meine lebhaftesten Empfehlungen an Frl. Knaps. Ich verbleibe
Ihr getreuer
Eduard Spranger.

Können Sie vielleicht einige Probenummern von Renner placieren. Er schickt mir 30 Stück (!). Ich kann doch nicht damit hausieren gehen.
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| Haben Sie auch die Rousseaustelle gelesen? Hierzu habe ich einen drohenden Finger entworfen; er ist aber zu unähnlich geworden, bleibt also fort, sonst glauben Sie noch, er sollte bedeuten, mir wäre so als wenn mir -