Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29./31. Januar 1906 (Charlottenburg 2)


[1]
|
Charlottenburg 2, den 29.I.06.
Liebes Fräulein Hadlich!
Erwarten Sie nichts als einen sehr konfusen Brief von mir. Seit Oktober bin ich der reine Geschäftsträger geworden; ein doppelter Bekanntenkreis, verdreifachte Thätigkeit, das erfüllt allerdings allmählich mein lebhaftes Bedürfnis nach Aktivität; aber es ist deshalb so aufreibend, weil es von mir alles überhastet wird und darum nur durch geistige Höchstleistungen zu stande kommt. Eine gleichmäßigere und späterhin wenig anspannende Thätigkeit erwarte ich von dem Töchterschulunterricht*) [re. Rand] *) Anweisungen, Belehrungen, Winke sind sehr willkommen!, der allerdings zunächst nur Projekt, aber ziemlich festes ist. Paulsen war sehr dafür, (er hat selbst früher da unterrichtet): es giebt etwas Aktivität zu geregelten Zeiten, während ich jetzt unter dem Recensieren, mit dem Verleger korrespondieren, Zeitungsaufsätze schreiben, Zeitschriften-Lesen eigentlich nicht mehr zum Arbeiten und noch weniger zur philosophischen Besinnung komme. Ich betrachte das nicht
[2]
| gerade als einen Verlust, da ich so einmal wieder Stoff sammeln kann und die Epoche zur Verarbeitung des Erlebten gewiß auch kommt. Sie sehen in meinem Altenstein, daß ich unpersönlich im höchsten Maße sein kann. Wie ich das konnte, verstehe ich nur, wenn ich bedenke, daß er direkt für Hintze geschrieben ist, der zwar durchaus Persönlichkeit ist, aber gleichfalls durchaus "verdeckte". Daß der Stil des Aufsatzes, wie man gesagt hat, nichts wert ist, hängt natürlich damit zusammen. Heute oder später erhalten Sie mit den Probenummern von Renner einige Recensionen von mir, unter denen ich Sie die über Simmel zu lesen bitte. Der Schluß enthält prinzipielle Thesen, über die man ja wohl hinweglesen wird, die aber das Thema meiner späteren Arbeiten bedeuten.
Gegenwärtig bin ich mit Genuß zu W. v. Humboldt zurückgekehrt, da der Troeltschkessel einem dunklen Gefühl zufolge noch nicht ausgebrodelt ist.
Es ist doch sehr merkwürdig, daß sich selbst Freunde das Leben schwer machen können, wäre es auch nur durch Kleinigkeiten. Solche
[3]
| Friktionen sind manchmal allerdings geradezu notwendig und werden von beiden Seiten geflissentlich gesucht, weil sonst die Affektivität des Verhältnisses allmählich unter die Schwelle des Bewußtseins sinkt. Ich kenne sogar sehr gut Momente, in denen man eine wahre Spielerleidenschaft daran empfindet, mit allem zu spielen. Dies wäre moralisch sehr bedenklich, wenn nicht eben die Grundlage für die Thatsache dieser Möglichkeit wäre, daß der Kern eines Freundschaftsverhältnisses sich völlig unantastbar weiß. Das ist ungefähr so, als wenn der Staat selbst die nicht verkauften Lose spielt; er kann dabei höchstens gewinnen, und nicht verlieren; trotzdem "spielt er Lotterie." Was dem nicht standhält, war nicht echt. So ist, um ganz andere Beispiele zu wählen, die Leidenschaft Rousseaus für Frau v. Warens, die Goethes für Frau v. Stein nie erloschen; wohl aber die dieser Frauen, weil sie nachweislich im ersten Falle nicht sehr tief, im zweiten Falle nicht sehr aufrichtig war. So auch unter Freunden und unter Freundinnen. Aber da könnte ich bis ins Endlose reden. Kügelgen hat mir
[4]
| gestanden, daß er einmal im Begriff war, meine Briefe zu verbrennen. Ähnlich mit Nieschling und Ludwig.
Von des letzteren Examen muß ich Ihnen einige Anekdoten erzählen. Voranschicken muß ich, daß ich mit Lasson garnicht persönlich bekannt bin. Bei der Antrittsvisite fragt er Ludwig: Sie haben da am Schluß Ihrer Arbeit etwas von Psychologie gesagt: Giebt`s überhaupt eine Psychologie? L: Ja, Herr Professor, ich soll doch von Ihnen darin geprüft werden. Lasson: Sehen Sie, das ist nichts; und Sie citieren da eine Arbeit von Spranger, sehen Sie, das ist auch nichts. Und nun will ich Ihnen was sagen, Herr Kandidat: wenn Sie was wissen, dann lächeln Sie mir freundlich zu, und wenn Sie nichts wissen, dann zwinkern Sie mit dem Auge; aber machen Sie's diskret." Dazu müssen Sie sich nun das unendlich komische Äußere, die lebhaften Gestikulationen und Schulterklopferei, den seltsamen Dialekt des guten alten Herrn, der jetzt ca 73 Jahre ist, denken.- Heute Abend nun war die Prüfung in Philosophie. Morgen folgt ein mir sehr bedenkliches, unangenehm-persönliches Nachspiel bei Lenz. Gegen meine Absicht ging ich um 7 Uhr auf das Provinzialschulkollegium. Während ich mich durch
[5]
| den Korridor schleichen will, kommt mir Lasson, und Münch, der das Protokoll geführt hatte, entgegen. Ich grüße Lasson und halte mich im Hintergrunde. "Na, kommen Sie mal, kommen Sie mal. (Dabei reichte er mir die Hand, die er während des ganzen Gesprächs nicht mehr los lies.) Wie heißen Sie denn eigentlich?" Spranger, Herr Professor. "Sie haben doch geschrieben über - - warten Sie mal - tttt über Windelband- Rickert?" Ja wohl, Herr Professor. "Und was thun Sie denn jetzt?" Ich arbeite wissenschaftlich weiter. "Da möchten Sie wohl (bedeutsam:) die akademische Carriere machen?" Ich möchte wohl, Herr Professor. (Inzwischen reichte mir Münch die geheimrätliche Rechte und bewegte sich senkrecht zur Ebene und zur eignen Axe vorüber.) "Da kennen Sie wohl auch Herrn Brunstäd". Ich bin in Paulsens Übungen mit ihm zusammengewesen. "Sososososo tttt" "Und was machen Sie denn hier." Ich warte auf Ludwig. Fortissimo: "Der hat's eben bei mir gemacht. ttt . Großartig, sage ich Ihnen, ganz glänzend. (schmelzend:) Das ist ein feiner, ein liebenswürdiger Mensch. Wenn einer auch
[6]
| nichts weiß, der Eindruck macht's schon. (forte): Aber der weiß auch eine Masse. (fortissimo) tttt Sie brauchen's ihm ja nicht zu sagen: er hat's ganz großartig gemacht." Das freut mich außerordentlich, Herr Professor.(Händeschütteln.) Ich sage Ihnen, er hat es glänzend gemacht! Das freut mich außerordentlich, Herr Professor. "Sind Sie nicht ein Schüler von mir gewesen". Jawohl, Herr Professor. (Händeschütteln: ganz süß:) "Guten Abend, guten Abend." Sie können sich denken, wie glücklich der arme Kandidat war, als ich ihm diese Nachricht ebenso indiskret wie sie gedacht war (denn an Lasson ist alles Menschenfreundlichkeit und Liebe) sofort überbrachte.
Beiliegende Abschrift einer Recension dürfte Sie amüsieren, wie Sie uns tagelang amüsiert hat. Kügelgen sprach von "gewässerten Häringen." Denn er und der Verleger sandten sie mir an einem Tag brühwarm zu.
Am vorletzten Sonntag war ich bei Scholz eingeladen. Ich bin nicht hingegangen, weil ich, wie ich offen gestehen muß, die salbungsvolle Art
[7]
| des Sohnes nicht vertragen kann und weil es mich hin und wieder stört, wie sich Vater und Sohn zur Aburteilung eines Menschen etwas konventionell zusammenfinden. In der unklaren Suppe der Theologie zu rühren ist ein Vergnügen, das mir durch neuerliche Erfahrungen allmählich ausgeht.
Mein Vater will Ihnen längst schreiben; wenn es auch lange dauert, es wird was. Im Vertrauen darauf beauftragt mich meine Mutter, Ihnen für Ihren lieben, herzlichen Brief an sie zu danken. Wir alle erinnern uns mit Freude an das Zusammensein hier und wünschten uns mehr so schöne Tage. So etwas belebt immer die Produktivität. Sie werden nächstens einen zweiten Humanitätsaufsatz von mir lesen, der Ihnen äußerlich zwar ein Rückschritt seit 1903 erscheinen wird, innerlich betrachtet aber alle die Bildungsmomente in sich enthält, die ich seitdem in mich aufgenommen habe.
Von Hermann, für dessen Brief ich Ihnen danke, habe ich seitdem keine Nachricht. Hoffentlich liegt es nicht mehr am kranken Finger!
Die deutschen Studenten in Prag (Rede- u. Lesehalle) ersuchten mich um Schenkung eines
[8]
| Exemplars der "Grundlagen." - Paulsen, sagte mir am Sonntag Rudolf Lehmann, soll es wieder nicht gut gehen. Es ist ein Jammer.
Der Rousseau ist hinausgeschoben. Ich werde mit ihm ein eigentümliches Experiment machen: die Einleitung soll das Extrem subjektiver Geschichtsschreibung werden. Ich werde ihn ganz loslösen aus der eigentlichen Zeitsphäre und ihn nur als Menschen, wie er heute noch unter uns wandeln könnte, zeichnen. Sein Werk will ich reduzieren auf eine "Philosophie der Sehnsucht" und alles Persönliche, was nur irgend geht, in ihn hineinprojizieren. Dieser Gedanke kam mir daher, weil eine objektive Schilderung R.s. einfach eine lächerliche Utopie wäre. Im Humboldt hoffe ich dann mein philologisches Meisterstück zu liefern, und werde in der Habilitationsarbeit doch wohl auf meinen systematischen Kernpunkt: den Wahrheitsbegriff der Wertstandpunkte kommen. Renner möchte gern die Philosophie organisieren. Ich zweifle aber nicht, daß ich mich schon im Sommer wieder auf die Einsamkeit zurückziehen werden, in der allein die innere Gewißheit wächst. Helfen Sie mir dazu!
[9]
|

Den 31.I.06.
Da ich auf die Ankunft der erwähnten Recensionen wartete, ist der Brief liegen geblieben. Sie sind nicht gekommen, also muß er so fort. Mein lieber Ludwig hat inzwischen sein Examen vortrefflich bestanden und alle gewünschten Fächer bekommen: Philosophie u. Geschichte Hauptfach. Deutsch Nebenfach. Wir haben kräftig gefeiert.
Die Jahrhundertausstellung in der Nationalgallerie ist eröffnet worden. Kügelgen, der auch ausgestellt hat, war dazu eingeladen, kam aber nicht, da ihn eine Kirchenfehde in Dresden festhält.
Bald schreibe ich mehr und weniger geschäftliches Zeug. Von Windelband sah ich gestern bei Reuther einen Brief. - Es freut mich, daß Sie mir über Ihr Befinden so Gutes berichten, ebenso von Ihren Schülern; möge es so bleiben! Ich fühle mich augenblicklich etwas abgearbeitet. Aber wir gehen ja dem Frühling entgegen: "Die Sonne - Sonne kommt!" Mit den herzlichsten Grüßen von uns allen und den besten Empfehlungen an Ihre Freundin
Ihr Eduard Spranger.
[li. Rand,S.6] Bitte verzeihen Sie, hier ist ein Gummitopf zu nahe gekommen, u. ich habe im Moment keine [re. Rand] Zeit zum Abschreiben.
[10]
|

Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung.
Dienstag den 23. Januar Abends.
Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft. Eine erkenntnistheoretische psychologische Untersuchung von Eduard Spranger. Berlin, Reuther u. Reichard. 1905. XI. 147 S. 8. Preis 3 M. - Wie die Pilze aus der Erde schießen immer noch theoretische Untersuchungen zur Geschichtswissenschaft in Menge hervor. Kaum waren Simmels "Probleme" in 2. Auflage erschienen, da veröffentlichte M. L. M. Hartmann seine 6 Vorträge "über historische Entwicklung". Dann tötete Ottmar Dittrich (in der Hist. Vierteljahresschrift) in geradezu vorbildlicher Weise Gottls "Grenzen der Geschichte". Und nun die vorliegende Schrift. Sie ist eine Berliner Doktordissertation, die angeregt zu haben Friedrich Paulsen wirklich stolz sein darf. Sie zeugt von einer bei derartigen Anlässen seltnen Reife des Urteils und einer ziemlich umfassenden Belesenheit, namentlich auf dem viel angebauten Felde der Geschichtsphilosophie; auch gereicht ihr eine recht geschmackvolle Darstellungsweise nicht zum Nachteile. Sie betont den hohen Wert der psychologischen Methode für eine eindringende Erkenntnis der historischen Kräfte: "Das Verfahren der Geschichtswissenschaft muß auf ein psychologisches Verstehen gerichtet sein." Wer das
[11]
| moderne historische Bewußtsein in seine Weltanschauung aufnehmen will, muß es ganz in dem Umfang anerkennen, wie es sich nach den gültigen Ergebnissen der letzten positiven Forscher gestaltet hat, und darf nicht gleichzeitig das Rational-Über (oder Un) historische wollen: das ist ungefähr der Leitgedanke der Untersuchung. Wo sie sich mit anders gerichteten Ausführungen von Lamprecht, Wundt oder Sigwardt, von Rickert oder Münsterberg abzugeben hatte, berührt sie wohlthuend durch die vornehme Art der Polemik. Kurz: eine Doktorarbeit, vor der man Respekt haben muß. Dürfte man Anm. 1 auf S.140 bei der Suche nach den Kreisen verwerten, aus denen der Verfasser hervorgegangen sein mag? Jedenfalls wird sich aus seiner gewandten Feder noch mancher gediegene Beitrag erwarten lassen.
Ht.
(wohl Helmolt, der Herausgeber der neuen großen Weltgeschichte.)