Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Februar 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 15.II.06
Liebes Fräulein Hadlich!
Wie soll man Mut und Freude zur Docentenlaufbahn behalten, wenn derartige Fälle grober Unaufmerksamkeit möglich sind? Was soll man sagen, wenn die Devise statt Gothein "Mode" lautet und man die Kolleghefte mit fremden Federhüten schmückt. Ein Lob soll ich dieser Kunstfertigkeit erteilen? Nimmermehr. Um so weniger, als ich dringenden Verdacht habe, daß die Besitzerin des Hutes nun gar geschlafen hat. Ich sehe nichts als ein Sündenbabel und erkenne von neuem, daß die Kunst die Sitten verdirbt. In unsrem Städtchen übrigens wäre das erste gewesen, was man entfernt hätte: der Federhut.
Zur Strafe werde ich Sie heute nur von Hegel unterhalten, und ich lege Ihnen deshalb sogleich den Originalbrief des lebenden
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| Hegelianers bei. Dieser bedarf einiger Erläuterungen. Zunächst die Nachschrift. Das sieht nämlich gerade so aus, als hätte ich von Gründen, nicht zu schätzen, gesprochen. Die Mystik Hegels beginnt eben schon beim Stil. Dann aber sachlich: Dieser Brief mit seiner klassischen Formulierung der entscheidenden Punkte bietet mir eine greifbare Gelegenheit, meinen prinzipiellen Gegensatz zu Hegel zu erläutern. Es sind zwei Punkte.
Erstens glaube ich nicht an die Zufälligkeit der Leidenschaften u. Triebe im Menschen. Sie sind mir nicht minder real und notwendig als alle höheren Funktionen, ja ich halte sie für sicherer gegeben als die "Logik der Thatsachen", die wir erst suchen, nicht haben. Ich kann den Menschen nicht so zerreißen, in eine noble und in eine ordinäre Hälfte; er ist für mich Einheit, u. damit spreche ich nichts aus, als das allgemeine moderne Lebensbewußtsein.
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Der zweite Punkt hängt damit zusammen: Das erste ist für mich nicht das Denken, sondern das Leben, richtiger das Lebensbebewußtsein, wie wir es vorfinden, wenn wir zur Selbstbesinnung gelangen. Die Hegelianer machen einen Schnitt zwischen der Vernunftnatur u. der Triebnatur. Dieses Werturteil mag berechtigt sein; es hat den großen Vorzug, in der Anwendung auf die Geschichte nicht bloß eine beschreibende Psychologie, sondern einen Wertmaßstab zu bieten. Dieser Maßstab aber ist mir zu grob. Er rationalisiert den Menschen, statt ihn zunächst zu belauschen u. zu analysieren. Auch da werden sich Werturteile bilden, aber fundiertere, mehr mit der Wirklichkeit des gegebenen Menschen im Zusammenhang bleibende. Allerdings, wenn wir durch das Denken uns eindeutig verstünden, dann hätte Lasson recht. Aber wie verzwickt ist der Weg zu diesem
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| Ziel! Das allgemeingiltige Denken ist Produkt, nicht Anfang. Und eine endlose Arbeit ist zu leisten, ehe wir uns diesem wahrhaft hohen Ziele nähern. Wer wollte es in Formeln fassen! So schrieb ich an L., die Metaphysik sei allenfalls etwas für Gereifte, nicht für Lernende.
Zweiter Hegelpunkt. Am Sonntag war ich in größerer Gesellschaft bei Scholz. Die Anwesenheit des mir bekannten Historikers u. Bibelhandschriftenkenners Lic. Frhrn v. Soden machte mir die Sache leichter. Es kam spät Abends zu einer langen, prinzipiellen Diskussion über theologisch-philosophische Fragen, die mich recht befriedigte. Scholz wandte sich an mich, als einen "in Kniffeleien bewanderten", bezüglich der Brunstäd'schen Schrift. Sie war ihm mit dem Bemerken von dritter Seite zugesandt worden, daß man von hier aus eine Neuschöpfung unserer Kultur zu erwar
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|ten habe, u. daß diesem Standpunkt gegenüber ein Buch wie Harnacks "Wesen des Christentums" nur als "eine große Naivität" erscheinen könne. Ich liebe das Buch nicht; aber dieser Hegel'sche Hochmut war mir immer noch unerträglicher. Scholz seinerseits war ganz untröstlich; er rief wiederholt aus: "Mein Gott, wenn das wieder anfangen soll!" Geantwortet hat er: Der Versuch scheine ihm im wesentlichen auf Repristination hinauszulaufen; möglich daß Verf. noch einmal etwas für die Kultur leiste; bis jetzt scheine ihm die Sache für die Theologie ohne Belang. Sehr amüsiert hat er sich über meine Äußerung: "Diskussion einfach ausgeschlossen"; er wollte gleich eine Karte nachsenden. Dann kam die Rede auf die subjektive oder objektive Geschichtsauffassung. Hier hätte ich gern gesehen - bitte betrachten Sie das nicht als Eitelkeit - wenn er meine Schrift gelesen hätte. Denn er kam ganz auf solche
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| Möglichkeiten hinaus, und ich hatte den Eindruck, daß die moderne phil. Arbeit hier der Theologie weit voraus ist. - Ein ärgerlicher Beweis seiner Vielbeschäftigtheit war es mir ferner, daß er nicht einmal nach Ihnen fragte. Man sieht, wie die allzugroße distractio das Gedächtnis zerstört.
Da habe ich Ihnen gleich noch eine andere Ketzerei vorzuführen. Frl. Mauderer, die seit 8 Tagen wieder hier ist, sagt mir jedes Mal mit großer Emphase: Und grüßen Sie mir meine Käthe Hadlich. Ich habe ihr nun einmal gepredigt, daß man, wenn man so oft nach dem Süden reist, auch einmal Heidelberg berühren kann. Sie war so häufig in Miltenberg; warum kein Abstecher statt der Emphase? Paulsen war an diesem Abend frisch und heiter wie lange nicht. Ich selbst geriet ganz unter die philosophischen Privatdocenten und ließ ca 4 verschiedene Standpunkte über mich er
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|gehen. Nachher saß ich mit Oesterreich, Dr. Gusti u. einem japanischen Professor noch bis 2 Uhr in einem Café. Überhaupt ist die Bokbierzeit eine sehr unsolide Zeit, und ich habe mich manchmal fast wider Willen vorzüglich amüsiert. -
Die Rousseau-Einleitung ist im Entwurf fertig. Es wird kaum viel daran geändert werden. Ich habe mit Wärme geschrieben und glaube, jetzt so weit in Rousseau zu leben, um ihn auch anderen zu beleben. Sie fragen nach Gottl. "Wunderlich" ist der einzige Ausdruck für diesen Mann. Ebenso mystisch wie wirr. Seine Schrift ist gänzlich unklar und dilettantisch, wennschon nicht ganz so greifbar selbstverständlich wie die von Gottl. Dittrich.
Sehr gefreut habe ich mich über das gütige Schreiben von Frl. Knaps, wie auch über die schöne Schneekarte vom Schloß. Der Natur bin ich entfremdet. Überhaupt setzt
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| der Winter, je weiter er vorrückt, meine Gefühlsexistenz auf ein Minimum herab. Ich hätte so viel zu schreiben, so viel wissenschaftliche Winke zu geben, die ich für fördernd halte, so auch die Sache Troeltschs betreffend, der mit Hahn mitunter weiter korrespondiert; aber es fehlt an Zeit und an Wärme.
Die Töchterschulsache geht noch nicht einmal glatt. Bis zum 1.1.07 will man es mir gestatten, wenn ich bis dahin eine "Lehrbefähigung" erwerbe. Wie konnte ich wissen, daß es mir dazu an Befähigung fehlen würde. Aber Paulsen, denke ich, wird diese Sache schon regulieren.
Und nun noch etwas über die christlichen Briefe. Christ ist heute jeder schon durch sein Teilhaben an der Kulturentwicklung der christl. Welt. Man kann sich aber seine Stellung und sein Innenleben sehr verschieden und sehr falsch deuten. Nur gegen diese Thatsache mache ich bei Ihnen Front. Die der Natur
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|wissenschaft entlehnten Ausdrücke sind keine adäquate Wiedergabe eines christlichen Innenlebens. Das ist ganz entschieden eine Selbsttäuschung und bei näherer Selbstprüfung sehr leicht zu finden. Ihr neugeschaffenes Dogma steht zum Kern Ihrer Persönlichkeit nicht in so enger Beziehung, wie Sie glauben. Deshalb haben Sie auch dieses Kontinuitätsbewußtsein Ihrer Entwicklung, weil Sie sich innerlich nicht fundamental geändert haben, nur unter medicinischem Einfluß von der naturwissenschaftlichen Begriffswelt bestochen worden sind, die natürlich garnicht in der Lage ist oder sein will, über den Wertzusammenhang dieses Lebens etwas auszusagen. Diese Angelegenheit wird Ihnen so lange Rätsel bleiben, bis Sie sich gewöhnen, beim Erlebnis stehen zu bleiben, statt sogleich zum Symbol überzugehen.
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Hermann hat mir neulich ausführlich geschrieben. Über seine Unternehmungen ein fortwährendes Censoramt zu führen, haben wir ja beide kein Recht. Aber diese Mischung von Arbeit zum Doktor und zum Staatsexamen scheint mir doch auch wieder nicht das Richtige. Dabei gedeiht keines von beiden, und bis zum Mai ist nur eine kurze Zeit. Er schrieb mir auch etwas von Frl. Thönes' Ansichten über das Frauenstudium, die entweder nicht richtig wiedergegeben waren oder gründlich auf Sophistik revidiert werden müssen. - Den Brief v. Lasson schicken Sie doch bitte recht bald - vielleicht mit einer kurzen Erläuterung - an Hermann und bitten Sie ihn, ihn mir nach Durchsicht wieder zuzustellen.
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Möglich, daß ich noch manches vergessen habe. Aber es hilft nichts, ich muß nun schließen, und wünsche Ihnen nur noch das beste Wohlergehen. Grüßen Sie bitte Ihre Freundin von mir und richten Sie ihr meinen herzlichsten Dank aus. Wir alle grüßen Sie herzlich, und ich bleibe
Ihr getreuer
Eduard Spranger.

Eben recensiere ich Rohrbacher Str. 17.