Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Februar 1906 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 24.II.06.
Liebes Fräulein Hadlich!
Wie Sie aus meinem Altenstein gesehen haben, glaube ich nicht an die Möglichkeit eines adäquaten Ausdrucks für Wort- und Wunschgefühle auf dem Gebiet der Vorstellung. Aber daran zweifle ich nicht, daß Sie eine Vorstellung davon haben, wie herzlich und aufrichtig ich Ihnen bei Gelegenheit Ihres Geburtstages Alles Gute wünsche. (Flüchtige Skepsis in Potsdam als [über der Zeile] historisch irrelevant bei Seite gelassen.) Wie man dieses "Gute" einteilt, wissen Sie ja selbst. Soll ich aber die Frage philosophischer behandeln, so wünsche ich Ihnen Kraft. Denn auf dieses Gut lassen sich alle unsere Gaben zurückführen. Kraft zum Beruf, zum Genießen, zum Geben und Aufnehmen, Kraft zum Wege aufwärts, dessen Biegung sich schon so nahe unsrem Auge ver
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|birgt, aber an dessen Vollendung wir glauben. Sie haben die Gabe, andern auf dieser Wanderung erfrischende Wünsche zuzurufen, also hoffe ich und vertraue ich, daß sie Ihnen selbst immer leichter und freudiger werden wird. Die Landschaften, die dabei an Ihrem Auge vorüberziehen, sehen Sie mit dem Auge der Kunst und mit dem des Naturfreundes; wie leicht muß das Herz dabei aufwallen (wenn es will) und wie frei ist diese Sphäre gegenüber der Welt erkenntnistheoretischer Spekulation und kleiner Materialschaffung, an die ich gewiesen bin. Eben der alte Gegensatz: Heidelberg - Berlin; Sonne und Nebel.
Überraschen konnte ich Sie diesmal leider nicht. Gern hätte ich mein Tagebuch fortgesetzt (und es wird geschehen); aber mein Kopf war lahm, und Sie wissen ja, daß ich alles, was ich arbeite, im Gedanken an Sie thue. Überraschen kann Sie auch der Dilthey (der hoffentlich in Ihre Hände gelangt ist?) nicht. Denn Sie müssen nun endlich einmal diesen
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| sublimen Geist aus eigener Anschauung kennen lernen, und ich bitte Sie, atmen Sie ihn langsam, in bedächtigen Zügen ein. Es weht hier eine Luft, von der die Heidelberger Philosophie und alle Welt nichts weiß, ein feines südliches Klima von schmiegender Weichheit und ahnungsreichem Gefühl, das Gedenken eines Greises an Frühlingstage, ein Stück modernster Mystik. Die Grenzen sehe ich leider heute tiefer als je; aber welcher Geist hätte sie nicht und welcher wäre weiter als dieser? Was am Hölderlin zu tadeln ist, hat Hermann sehr richtig bemerkt; es war auch mein erster Eindruck.
Ein neues Problem fesselt mich leidenschaftlich bis zur Erschöpfung. Ich bin so gut wie fertig damit, aber auch mit meiner Arbeitskraft. Eine längere Pause muß dann folgen. Über die Resultate des vorigen Jahres sende ich Ihnen als Drucksache ein Stück Eigenloob und zugleich ein Referat von Oesterreich,
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| das vielleicht Sie oder Herrn Professor Schwalbe interessiert. - Der Rektor der Universität Czernowitz, Prof. Herzberg-Fränkel, sandte mir durch Reuther und Reichard seine Antrittsrede, die mir im Quellenverzeichnis einige Elogen macht und meine Auffassung in wesentlichen Punkten acceptiert. Dieses Dokument von Wirkung hat mich sehr erfreut.*) [re. Rand] *) und es kam ein anderer Mann, der wußte nichts v. Spranger; das war Max Weber im Archiv f. <Kopf> Sozialwissensch. u. Sozialpolitik. Vielleicht kommt es noch. Ich selbst <li. Rand> beginne demnächst meine Heidelberger Kreuzzüge. Ende April!- Nächstens soll ich im kriminalistischen Seminar als phil. Sachverständiger über das "richtige Recht" fungieren. Dr. Gusti, mein neuer rumänischer Freund, referiert, und das Ganze soll die Basis für einen Vortrag werden, den v. Liszt in Wien halten will. Renner zieht mich in der heutigen Litteraturzeitung liebenswürdiger Weise in eine Controverse a la Runge hinein. Kügelgen veröffentlicht im Protestantenblatt vom 17.II. einen fulminanten Artikel: "Gespräch eines modernen Theologen mit Hus, Zwingli u. Luther über gegenwärtige Nöte der evangelischen Kirche." Wenn Sie das auftreiben könnten, wäre sehr nett.
Doch ich will Ihre Zeit an diesem Tage, dem ich einen sehr schönen Verlauf wünsche, nicht länger in Anspruch nehmen. Grüßen Sie bitte Frl. Knaps von mir und seien Sie selbst herzlichst gegrüßt
von Ihrem
Eduard Spranger.
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<Beigelegtes Kärtchen>
<Gedruckt:Franz Spranger> u. Frau
<Charlottenburg 2 Kant Str 140>
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Die herzlichsten Glückwünsche zum Geburtstage gestatten sich hochachtungsvoll und freundschaftlichst
D. U.
24.2.06.