Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. März 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 13. März 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Als ich im Jahre 1903 nach Heidelberg fuhr, hatte ich ein paar lose Blätter der "Christlichen Welt" in der Tasche, auf denen mir der Name Troeltsch zum ersten Male entgegentrat. Seitdem sind mir Heidelberg und Troeltsch immer "bedeutsamer" geworden, und vielleicht wird dieser Troeltsch mein Verhängnis. Weil ich sah, daß Sie sich für ihn interessierten, daß Sie mit seiner Schülerin Frl. Thönes befreundet waren, daß die beiden Scholz, deren Bekanntschaft mir durch Sie wertvoll wurde, der eine so, der andere so zu ihm standen, endlich auch das Bedürfnis, einmal öffentlich für Kügelgen einzutreten, trieben mich förmlich wider alle bewußte Besinnung zur Aussprache über seine Religionsphilosophie. Wenn ich inzwischen recht lange geschwiegen haben, so müssen Sie sich denken, daß ich vom Morgen bis zum Abend und Nachts wenn ich aufwache nur darüber nachgedacht habe, ohne einen Menschen zu haben, mit dem ich darüber sprechen konnte. Dazu nun
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| die jedem ernsten Denker unvermeidliche Erschütterung durch jeden neuen Standpunkt, der einem in festgeschlossener Begründung entgegentritt, die Qual im Kampf um Aufrechterhaltung und Bewährung der einmal statuierten Ausgangspunkte und Wege - dies alles habe ich nie mit so elementarer Gewalt erfahren, wie in den letzten Wochen. Vor allem waren es Eucken, Paulsen und Wobbermin, die mir von entgegengesetzter Seite entgegentraten; die Fehler im System besonders des letzten sind ja zu eklatant, die beiden ersten mir zu lange bekannt, als daß sie mich absolut erschüttert hätten. Dazu aber gesellte sich nun in Nr. 6. der Harnackschen Theologischen Litteraturzeitung die Recension Otto Ritschls, (Sohn des großen Ritschl u. früherer Freund Kügelgens) über mich, die mich in pleno ablehnt und gerade das, was ich im Einklang mit Simmel definitiv statuieren wollte, garnicht erfaßt. Ich habe nie eine so große systematische Erschütterung durchgemacht. Das Resultat ist etwa dies, daß ich die erkenntnistheoretische Position Troeltschs für
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| jeden Urteilsfähigen widerlegt und durch die Skizze eines Besseren ersetzt zu haben glaube, daß aber mein Verhältnis zur Metaphysik mir mindestens neuen Nachdenkens bedürftig erschienen ist, und diesen Punkt mußte ich in dem 2 große Bogen umfassenden Aufsatz über Troeltsch offen lassen. Ob es in der Kraft aller Menschen liegt, was ich z. Z. kann, sich aller Vorstellungen über den Zusammenhang der Welt im großen zu enthalten, ein Agnosticismus, der bei mir auf der Überzeugung von der Inadäquatheit unsres ganzen Erkennens gegenüber dem Weltzusammenhange beruht, ist mir zweifelhaft geworden. Wenn ich [über der Zeile] auf die Stützen der rationalen Metaphysik verzichte, so ersetze ich diese durch die innere Gewißheit, die im Leben und Erleben selbst gegeben ist. Diese Gewißheit aber bedarf irgend eines Regulativs, eines erprobten Maßstabes, den ich ja z. T. aus Psychologie und Geschichte (als erweiterter Lebenserfahrung) entnehme, der aber dabei doch immer bedingt bleibt durch den eben lebenden Menschen mit seiner ganzen
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| Subjektivität. Dies ist eine Resignation des Wissens, die man vielleicht den Thatsachen sehr entspricht, die man dem Künstler, dem Handelnden, dem Genießender und auch dem Theologen zumuten darf, aber anscheinend eben nicht der Philosophie. Und doch ist hier alles so bodenlos, so gänzlich aussichtslos in den ersten Anfängen steckend, so belastet mit historischem Begriffswerk ohne Selbstdurchdenken, daß man nicht gut zu einem anderen Resultat kommen kann. Ich habe Troeltsch auf diesen Boden hin deduciert, aber wenn ich ganz offen sein sollte, so müßte ich sagen, daß auch der von mir vertretene Standpunkt noch viel zu dogmatisch-zuversichtlich ist, d wenn er auch zunächst den einmal (dogmatisch) gewählten Ausgangspunkt zu richtigeren Consequenzen fortentwickelt. Wenn man nun sieht, wie Eucken, Paulsen, selbst Troeltsch im Genuß einer Gewißheit schwelgen, die sie nur ihrer Person, nicht aber der Gewißh Wissenschaft entnehmen, so wird man neidisch und kommt auf die Idee, die Funktion der Philosophie überhaupt anders zu bestimmen. Vielleicht liegt jene Akribie garnicht in ihrer Aufgabe, sondern mehr die produktiv-zusammenfassende That eines Eucken oder Paulsen.
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| Dann aber hat Riehl wieder recht: Das ist mehr Kunst, als Methode. Wer nicht mitwill, braucht nicht; Überzeugungskraft logischer Art liegt nicht drin, vielleicht aber eine ethische und ästhetische. Hermann schreibt, er fände, daß ich in historischen Darstellungen glücklicher und allgemeingiltiger wäre als in theoretischen Fragen, "in denen ein andersgerichteter nicht mitzugehen vermöchte." Das Letzte nimmt mich nicht Wunder und soll überall so sein. Aber Hermann sollte doch bedenken, wie viel quälende Kämpfe gerade mit der systematischen Arbeit verbunden sind, wenn man sich - nicht wie er geradezu an ein vor 75 Jahren giltiges System anlehnen möchte, wie mühsam hier jeder Schritt gemacht wird durch die s völlige Phantasiefreiheit, während bei historischen Arbeiten alles gebunden ist. Nun ist ja m. Altenstein nichts als der Spiegel meiner Theorie. Ich möchte also präjudizieren, daß mich Hermann im Altenstein wohl, nicht aber - mangels Litteraturkenntnis - im Systematischen verstanden habe. Soviel sehe ich jetzt freilich auch, daß es eine böse systematische Erbschaft ist, die Dilthey uns hinterläßt, und daß da irgendwo etwas völlig umgeändert werden muß. Ich Unglückswurm bin der einzige aller Diltheyschüler, der
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| öffentlich systematisch weiterarbeitet. Zum Teil mit äußerem Loberfolg, der jedoch ohne Verständnis, und z. T. mit größter Anfeindung, die ebenso weit vom Kern bleibt. Ich sollte bei guter wissenschaftlicher Sitte meinen Aufsatz über Troeltsch nicht drucken lassen. Aber ich will es thun, nur um das meinige beizutragen, die Diskussion einmal ins Rollen zu bringen. Dazu bedarf es freilich einiger Umwege. Ich selbst werde meine Skizze, die unter dem Titel "Ernst Troeltsch als Religionsphilosoph, Darstellung u. Kritik" zunächst bei Renner im April in 3 Teilen erscheint, dem Titelhelden ja nicht zu senden. Aber ich werde den Aushang in Heidelberg veranlassen und bitte Sie, ev. die Aufmerksamkeit Ihres Buchhändlers darauf zu lenken. Zum ersten Male werde ich Ihnen also mein Elaborat nicht zusenden, sondern es Ihrer eignen Mildthätigkeit überlassen. Sobald die Lieferungen vollständig sind, erhalten Sie dann so viel Exemplare für Ihre Freundin, Fräulein Thönes u. a. so wiel Sie wollen. Die Darstellung ist äußerst trocken und subtil; sie wird
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| Ihnen als solche wenig Freude machen.
Gleichzeitig habe ich nun die Correspondenz mit Eucken angeknüpft, während ich mit Wobbermin nichts zu thun haben möchte, weil seine Faselphilosophie meinen Zorn reizt. Das ist mir Paulsen gegenüber, der mich mündlich und schriftlich und gedruckt auf Metaphysik verwies, nicht angenehm, aber es hilft nichts. Delbrück schrieb mir über Altensteins Denkschrift, die in seinem eignen Leben eine gewisse Rolle gespielt habe (Kaiser Friedrich hat sie ihm als ersten Gelehrten gegeben) sehr liebenswürdig, fügte aber hinzu, daß ich ihm die Hegel'sche Philosophie zu unterschätzen schiene. (Er ist Anhänger Lassons.)
Nun aber heraus aus dieser trocknen Welt in eine poetischere Sphäre. Meine in diesen Tagen mühsam unterdrückte Sehnsucht nach ihr habe ich durch fleißiges Betrachten der schönen Rose gestillt und mich dabei immer wieder der schönen Gestaltungskraft und des großen Könnens gefreut, das Ihnen verliehen ist, wo
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| ich als Maulwurf arbeite. Ein Meisterwerk aber scheint mir geradezu das Mausbachthal, das ich soeben empfing und für das ich Ihnen herzlich danke mit dem schulmeisterlichen Hinzufügen, daß Sie mich nicht verwöhnen sollen durch so viele kostbare Geschenke, die doch oder vielmehr deren Anfertigung, wie ich wohl weiß, auch dem geborenen Künstler Mühe kosten. Diesmal aber setzen Sie mich geradezu in Erstaunen und ich kann mich nicht genug wundern, wie es möglich war, diese charakteristische Beleuchtung so meisterhaft zu erzeugen. Erzeugen sage ich; denn Wiedergabe kann es garnicht sein, weil die Natur nicht so viel Individualität und Geist hat - es sei einen flüchtigen Augenblick. Je länger ich es betrachte, umso mehr Eindrücke gewinne ich ihm ab, umso mehr beginnt diese Landschaft zu leben und "zu überzeugen". Die feine Tönung der Berge weckt tausend Phantasien, und wie viel nun, gar in mir!
Glauben sie, daß es der Beginn eines langsamen Eintrocknens ist, wenn ich mich jetzt immer viel kühler-verständig, wunschloser
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| finde, als vor wenigen Monaten? Sie merken es ja an meiner Sprache, daß die Emotion der Produktivität bedeutend gesunken ist. Dabei aber ist sie im Moment der Conception noch ganz so wie früher, nur beim Hinschreiben ist alles Disposition und Logik. Und keiner weiß mehr wie ich, wie mühsam ich noch heute die aufwallende Sehnsucht zurückdämme und mich bescheide bei der täglichen Geschäftigkeit. Wenn ich dann einen Blick auf das Neckarthal werfe, über dem die doppelte Sonne des Bildes und der Wirklichkeit liegt, dann erlaube ich mir einen Seufzer und sortiere meine Zettel weiter. Auch mein pädagogischer Enthusiasmus ist doch - aus Mangel an Stoff - vielleicht, sehr geschwunden, und von der Höheren Töchterschule mache ich mir nun schon gar keine Illusionen, sondern denke an sie mit verächtlich-praktischem Sinn: vielleicht 2 oder 3, die Interesse haben.
Den Grunewald, der nun sehr unsicher ist, sehe ich entsprechend auch seltener. Neulich, als ich Ihnen schrieb, machte ich mit Paulsens*) [li. Rand] *) Als ich dabei über die Hegelei klagte u. auch Brunstäd erwähnte, wurde P sehr lebhaft u. nannte B einen <Kopf> Magno promissor hiatu! einen Spaziergang. Gott vertausche mir meine Nerven mit einem solchen Herzleiden! Vier
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| Stunden marschierte der alte Herr ohne Pause an der Spitze, und die sehnsüchtigen Blicke, die der eine oder der andere, besonders die ungefrühstückten Damen auf ein nahes Lokal warfen, rührten ihn nicht. Ich bin manchmal im Grunewald weit marschiert; aber in dieser Weise habe ich es nie getrieben, und Paulsen hatte noch nicht einmal genug. Frl. Mauderer drang sogleich auf die Ansichtskarte. Der mitunterzeichnete Yoshida ist der japanische Professor, und die Kräkelei sein Name in japanischer Schrift.
Ihre Oposition gegen Moebius, der mir im Goethe übertreibt, beruht doch wohl nicht auf einem "Sich-bewußt-Blindmachen"? Das wäre sehr unrecht.
Ich werde nun etwas nachlassen in der Arbeit und den Frühling genießen. Es schneit eben draußen. Aber das thut nichts. Denn ich habe am Bhf. Börse eine badische Weinstube entdeckt, die ich mit Ludwig frequentieren werde. Die Großherzogin sah ich neulich hier und freute mich doch, daß sie jetzt mein Chef geworden ist (Kön. Augusta - Regiment.) - Mit dem Mausbachthal erhielt ich leider keine Nachricht von Ihrem Befinden. Ich hoffe und wünsche das Beste. Hier war die Schnupferei wochenlang fürchterlich. Bitte empfehlen Sie mich auch Frl. Knaps und seien Sie selbst herzlichst gegrüßt von uns allen Ihr getreuer Eduard Spranger.