Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. März 1906


Wir haben nach dem sonnenhaften Süden
Nun auch das Nebelland getreu geteilt;
Du sahst die Fesseln, sahst es, wie dem Müden
Geschäftig wechselvoll die Zeit enteilt.
Hier ist nicht Freiheit; keiner Dichtung Schleier
Unverhüllt die Risse dieser Alltagswelt.
Vergebens suchten wir die stille Feier,
Die glanzvoll sonst die Seele uns erhellt.
Wie oft begehrt' ich, Dir die Hand zu drücken
Und Dir zu sagen, was mich jetzt durchdringt;
Wie tief muß diese Stunde uns beglücken,
Wenn uns ihr Sinn ganz rein entgegenklingt.
Du weißt wir haben niemals uns gefunden,
Daß nicht ein Neues, Wahres uns erschien.
So laß uns auch aus diesen kurzen Stunden
Mit ernstem Sinn die tiefren Schlüsse ziehn!
Vermocht ich doch kaum so mich zu erheben,
Um Dir zu sagen, wie ich es gefühlt,
Wie dankbar, daß Du kamst; wie das mein Leben,
Auch Dir verborgen, förmlich aufgewühlt.
Wie sich der Frühlingsduft mit sanft umschmeichelnden Lüften
Uns in die Seele senkt - belebend, so war mir Dein Schreiben,
Das mit den Frühsonnenstrahlen die Strahlen der Wahrheit mir sandte.
Ja, so ist es! Du fühlst im stets untrüglichen Herzen
Da den Weg, wo der gliedernden Hand die Einheit entschwindet,
Und die getötete Welt beseelt Dein verjüngender Atem.
Nimm vermag es der Geist, betrachtend sich selbst zu entäußern;
Schaffen muß er und schafft aus der Fülle sich neue Gestalten.
Einmal schon berührte dies Wort mich mit mächtigem Klange:
Rudolf Eucken erschloß mir den Sinn des geistigen Lebens;
Noch erfüllt mich sein Ruf: "Laß fürder zusamen uns halten,
Schütze das Tiefste mit mir vor dem Hauch der feindlichen Zeiten!"
Nun Dein Ruf! er klingt in denselben Akkorden, als sollte
Ernste Mahnung mich rings mit tröstenden Stimmen umgeben:
Nur der Einzelne baut aus innersten Grund sich das Dasein,
Aber sein Schaffen, es wirkt hinaus auch über die Schranken,
Die ihm Zeit und Natur und menschliches Können umgrenzen.
War doch im Anfang die That, und sie schuf "aus verborgenen Quellen"
Welten empor; die Welt der Arbeit, der Willensentscheidung.
So im blutigen Kampf erwächst uns die köstliche Gabe
Wahrheit: ein Wissen nicht mehr, ein Leben, ein stetes Gestalten;
Aber die Krone erhält nur der, der in treuem Entsagen
Seine Jugend verschmerzt und die heilige Stunde erharret,
Wo er Mann wird und klar die Welt seinem Blick sich eröffnet.
Nicht vergönnt ihm die Zeit, sich der Frühlingsblüte zu freuen:
Seine Stunde erscheint mit des Sommers reifenden Gluten;
Und wie des Landmanns Sinn mit ängstlicher Andacht betrachtet,
Was er gesät, so schweift ihm das Aug' in dämmernde Fernen,
Rastlos am Werk, und still ein Gebet um gute Vollendung.
Am 21. März 1906