Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. März 1906


Hymnos

Auf des Schwarzwalds Höh'n, im Morgenwind,
Wie wuchs mir der Mut, wie wogte die Brust,
Wie reich war mein Herz, mein Schritt so geschwind,
Und alles voll jubelnder Schaffenslust:
Das ist der Wald, das ist Natur,
Von Göttern ringsum lebt die Flur,
Sie flüstern mit heimlichen Stimmen uns ein
das Geheimnis, das Rätsel - ein Mensch zu sein.
Wie die Sonn' auch steigt, kein menschlicher Laut
Mit den Wipfeln nur tost in den Lüften der Hauch;
Frisch auf dann gefolgt der stürmenden Braut,
Laß sie rauschen dem Ohr, ja dir gilt es auch!
Sie spricht verwandt dem offenen Sinn,
Sie raunt mir zu, daß ich König bin;
Und wo in der Wildnis der Pfad sich verliert
Mit Augen die Einsamkeit auf mich stiert,
Da fühl ich mich frei, da wandert mein Herz
Über Fernen dahin ins endlose Land,
Wo das Wasser enteilt und Ebenenwärts
An den Busen sich wirft dem goldenen Strand,
Da steht die Welt, wo ich heimisch bin,
Da strebt mein rastlos Sehnen hin,
Und dorther ertönt mir in freundlichem Chor
Von verwandten Seelen ein Echo empor.
Wenn die Sonne sinkt und mit Schatten umhüllt
die Bergeshöh'n, der Nebel vom Grund
Mit feindseligen Geistern die Luft erfüllt:
Wehmütiger Schmerz thut der Seele es kund.
Es kommt, es kommt der große Plan,
Eiskalt sein Griff, sein Hauch, sein Nahn -
Dann traulich beim fahlgelben Dämmerschein
Und Abendstille - gedacht ich Dein.
Dann senkte der Friede sich über mich hin,
Und ich dankte dem Wald mit andächtigem Sinn. -
Ihr aber, was stört Ihr die heilige Welt,
Deren Strahl noch nie Euren Busen erhellt?
Die mit taubem Ohr und verschlossenem Geist
Ihr die Stätte der Offenbarung umkreist!
Wie wunderbar Euch die Waldesluft deucht -
Wie habt Ihr den tröstenden Zauber verscheucht.
25. März 1906.