Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. April 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 5. April 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Trotz meines Hanges zur Bescheidenheit fängt es an, mich zu beunruhigen, daß ich seit Ihrem Brief vom 20. März, datiert vom 17., ohne Nachrichten von Ihnen bin. Ich hoffe, daß nur zufällige Umstände die Veranlassung dazu sind, daß Sie selbst sich sehr wohl fühlen, mir wohlgesinnt blieben und den Frühling genießen, statt, wie ich, mit dem Papier zu verkehren. Fahren Sie noch nach Schwetzingen? Was machen die keramischen Studien, die Mißbildungen, wie hat Gothein geschlossen und wie begann das Régime des neuen Universitätsgewaltigen? Warum fallen die Sonnenstrahlen aus
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| dem Süden, die sonst mein stilles Dasein belebten, nicht mehr in mein Gemach? In der Erwartung, bald von Ihnen zu hören, bleibt mir nichts übrig, als einstweilen von hier weiter zu erzählen.
Ich bin gegenwärtig so überlastet, daß ich selbst nicht weiß, wie ich alles neben einander zu treiben im stande bin. Gewöhnlich häufen sich die Geschäfte immer auf einen Termin, dann ist wieder wochenlang nichts Erhebliches zu tun. (Hiermit beginne ich die neue amtliche Orthographie. Näheres s. u.) Zu den Geschäften rechne ich auch diejenigen gesellschaftlichen Verpflichtungen, die sich bei näherem Besehen als Pflichten herausstellen und unter dem Schein, Erholung zu gewähren, für mehrere Tage kaput machen. So war ich Sonntag vor 14 Tagen mit Paulsens Hinterbliebenen, d. h. Frl. Mauderer und meinem -Uzfreunde Oberlehrer
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| Ziertmann
in Potsdam. Mauderers Sturmlied, beiliegend, werden Sie mit medicinischer Nachsicht als Mißbildung, aber als Schlußprodukt des genannten Tages verschwiegen annehmen. Dazu kommen dann tausend Besuche mit Anliegen ausgestatteter Freunde, die ihre kurzen Manuskripte geschickt durch unleserliche Handschriften um das Vierfache zu verlängern wissen. Die ersprießlichen verlassen den Kreis, wie Hahn, der in nächster Woche nach Amerika abgeht, die weniger genießlichen bleiben zurück.
Trotzdem bin ich nun mit meinem Rousseau, den ich aufs Subtilste vollgestopft habe, fertig geworden, so daß ich ihn in den nächsten Tagen abschreiben kann. Im Herbst wird er erscheinen.
Auch Arnold Winkelried habe ich gespielt, indem ich an der Höheren
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| Töchterschule, der Stätte meines künftigen Wirkens, zweimal hospitierte. Der Eindruck war im ganzen ein günstiger. Die erste Klasse, die der Direktor mit deutscher Grammatik traktierte, war eine recht brave Gemeinde, die das Niveau einer recht großen "Popularität" zu wahren wußte. Bei höherer Gewöhnung, die natürlich nur durch gemeinsame Arbeits- u. Energieentfaltung zu gewinnen wäre, läßt sich mehr erreichen. - Die zweite Klasse, bei der ich bereits durch Fixieren mit Augen von 5 cm Spurweite die Komik meines Vorhandenseins gelegentlich herabmindern mußte, behandelte unter Leitung einer Lehrerin die "Klage der Ceres". Jedes Wort, das die Dame sagte, hätte unmittelbar gedruckt werden können; nur vermute ich fast, daß es vorher schon gedruckt war. Die Leistungen und das Interesse waren hier gut, der äußere Eindruck weniger. Mehr als die zahlreichen methodischen Bücher, mit denen mich der wirklich sehr liebenswürdige Direktor
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| belud, erwarte ich von der gleich anfänglichen Herstellung eines zwar straffen, aber guten Verhältnisses zu meinen Schülerinnen. Ich werde darauf allen Wert legen, und denke dabei an Riehl, der sein Auditorium mit dem Auge beherrschte, noch ehe er ein einziges Wort gesprochen hatte. Mein Pensum ist recht groß - wie ich mir das Ziel denke - sehr schwer. Maria Stuart z.B. als Privatlektüre, oder der Bau des Hexameters, sind schon bedeutende Aufgaben.
Am Sonnabend, den 14. April beginnt mein Troeltsch-Aufsatz in der Phil. Litteraturzeitung langsam und allmählich zu erscheinen. Mit Zittern erwarte ich die Korrekturen, da Renners Flüchtigkeit und Rücksichtslosigkeit im Teilen die schlimmsten Confusionen herbeiführt. Ich habe ein dunkles Gefühl, daß diese Sache noch schiefer geht, als sie bereits gegangen ist. Die Druckerei arbeitet
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| vorzüglich, aber Renner reißt alles auseinander. So hat er den vorzüglichen Eucken-Aufsatz von Leser gesechsteilt, und wer weiß, was mir bevorsteht. Ich hatte daher von vornherein einen Separatdruck beantragt. Man hat ihn mir aber nicht nur nicht bewilligt, sondern nicht einmal darauf geantwortet.
Um so erfreulicher ist es mir, von der unfruchtbaren litterarischen Arbeit auf einige Zeit Abschied nehmen zu dürfen und in einer andern Welt zu leben. Bei der Überproduktion der Presse kommt doch heute keiner auf den Gedanken mehr, ein Elaborat als den ernstlichen Ausdruck aufrichtiger Reflexion zu nehmen.
Damit Schluß dieser Zeilen, die Sie hoffentlich im besten Wohlsein erreichen. Grüßen Sie bitte Frl. Knaps vielmals von mir und empfangen Sie von uns allen die herzlichsten Grüße
Ihr Eduard Spranger.