Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. April 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 16. April 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Nachdem ich heute Nachmittag bereits die Eigenschaften eines Berliner Frühlings- und Osterfeiertages mehr als erwünscht genossen habe, will ich diese Zeit der Feste würdiger beschließen, indem ich - dies Jahr zum ersten Male auf dem Balkon - einen Brief nach Heidelberg schreibe. Sie waren so liebenswürdig, uns aus dem blütenreichen Lande einige Grüße zu senden. Die "natürlichen" haben Tage lang unsern Tisch geschmückt und uns erfreut. Die "gemalten" haben hier allgemein, ganz besonders aber bei mir das größte Entzücken erregt. Dieser Anblick weckt so viele schwermütige Erinnerungen in mir, Wünsche,
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| Gefühle, denen ich mich nicht innerlich nicht gewachsen fühle, ganz wie der Blick in die verschleierte, dämmernde Ebene, in der die Rätsel des Lebens verschwimmen. Ist nun die Realität eine solche Blütenwelt, und was dahinter liegt, ein graues Nebelland? - oder ruht hinter diesen Blüten erst die goldne Aue, in der das, was hier ewig unentwickelt bleibt, erst wesenhafte Gestalt empfängt? - Herzlichen Dank für dieses wirklich wundervolle Ostergeschenk.
Das alles aber kann mich darüber nicht hinwegtäuschen, daß alle der Blütenreichtum in Heidelberg etwas verdeckt, was nicht in Ordnung ist. Ist es nun das Befinden allein, oder ist es vielleicht auch etwas andres, was ich ahne? Die mancherlei Kunstwerke, die ich gerade in letzter Zeit von Ihnen empfing, beweisen mir, daß Sie nicht in einem Stadium der Er
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|schöpfung, sondern auf einem Höhepunkte Ihres künstlerischen Schaffens leben, und wenn auch dies gerade immer mit den tiefsten Leiden verbunden zu sein pflegt, so sind es doch Leiden, die süß sind.
Eine eigenartige Fügung giebt uns stets zu gleicher Zeit verwandte Gedanken, vielleicht auch verwandte Schicksale. Wir haben viel gemeinsam philosophiert; aber noch nie haben wir wohl so deutlich wie jetzt gefühlt, daß unsren Anschauungen irgendwo noch irgend etwas Großes fehlt. Dieses Große ist vielleicht nicht ein Gedanke, sondern etwas andres, eine Lebenslage, ein Tun, irgend etwas, was man sich nicht willkürlich geben kann und wonach man doch eine nagende Sehnsucht empfindet. Habe ich recht mit dieser Vermutung? Es arbeitet in uns unablässig, wie ein Vulkan: unablässig bilden sich neue Werte und Wünsche, und dieser Krieg, hinter
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| dem immer ein vermeintlicher Friede steht, ist in Wahrheit das Leben selbst. Unglaublich dürftig ist, was Wissenschaft und Reflexion uns über diese Ziele zu sagen haben. Das sind die Zinsen; wir leben aber vom Kapital. Das Bewußtsein, daß wir uns im Tiefsten niemals genug zu tun vermögen, breitet über den Grund unsrer Seele eine unsägliche Traurigkeit, und die Stunden, in denen sie an die Oberfläche steigt, sind unerträglich. Dazu kommt, daß wir nur durch Betäubungsmittel diese metaphysische Qual bannen. Wer weiß, ob nicht die recht haben, [über der Zeile] die behaupten daß man sie frei emporsteigen lassen soll und das Leben unter ihrer Beleuchtung sehen? Oder - dasselbe [über der Zeile] anders ausgedrückt - ob wir nicht mehr Religion brauchen, als wir haben? Denn sicher haben nur die wirklich religiösen Naturen wirklichen Frieden.
Dieses in mir jetzt allzu häufig wiederkehrende Gefühl läßt mich an der wissenschaftlichen Arbeit, die doch nur sehr wenigen direkt gibt, gegenwärtig weniger Freude als solch sonst empfinden. Zweifel bis zum absoluten
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| Skeptizismus gegen das Wissen kämpfen noch immer in mir, und die unter 4 Augen zu bestätigende Tatsache, daß Eucken, dessen Mysticismus der Tat sonst so prophetisch wirkt, wirklich ein unklarer Kopf ist, unklar bis zur Unwissenschaftlichkeit, wirkt dem nicht gerade entgegen. Ich arbeite so eigentlich ganz allein, mit der Front nach 5 verschiedenen Richtungen, teils nicht gelesen, teils nicht verstanden, und so jedenfalls ohne irgend welchen Dank. Denn die paar äußerlichen Erfolge betreffen ja eigentlich garnicht das, was ich will. Um mich herum aber steigt man auf bequemen Wegen, im Sattel des Pferdes (oder Kameles?) Dogmatismus zu den lichten Höhen einer kompakten Weltanschauung.
Aus diesen Gründen freut es mich, im kommenden Sommer und vielleicht noch länger, die wissenschaftliche Arbeit unterbrechen und eine lebendigere
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| Arbeit verrichten zu können. Die innere Gewißheit, die mir in den Jahren meiner pädagogischen Begeisterung eigen war, ist zerrissen durch die unendliche Fülle von Menschen, Dingen, Standpunkten, die ich inzwischen kennen gelernt habe. Und wo man hingreift - sei es die deutsche Metrik oder die Logik der Fragekunst - ist das meiste falsch, der Rest zweifelhaft oder einseitig. Ich habe einen instinktiven kritischen Blick und fühle den Fehler, manchmal Wochen vorher, ehe ich heraushabe, wo er liegt. Deshalb der langsame Fortschritt auf meinem Wege.
Wenn Sie versuchen, meinen Troeltsch-Aufsatz zu lesen, und da Sie Windelbands Präludien kennen, werden Sie es bis auf die Rickertstellen können, so werden Sie finden, daß sich über jeden Satz ein Aufsatz schreiben ließe; dabei bin ich nun vorsichtig; Troeltsch hingegen ist dog
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|matisch. Wo führt das also hin? Hat eine solche Philosophie überhaupt für das Leben Wert? Wenn man nicht sehr fest daran glaubt, daß der tiefere und weitere Blick zuletzt doch allein den Sieg behalten wird, so möchte man am liebsten verzichten. Denn je gröber und sinnfälliger ein System, um so mehr fallen ihm die Gefühlsmenschen, die nicht mal ihren Verstand von ihrem Gefühl unterscheiden können, zu und neben der triumphierenden Schar steht man als Bettler.
Nr. I. des erwähnten Aufsatzes enthält garnichts von großem Belang; es ist Fachdiskussion. Nr. II. u. III. enthalten die entscheidenden Punkte.
Die Rousseaueinleitung ist abgesandt; Diederichs ist zufrieden mit ihr. Gegenwärtig grüble ich mit Gewinn über der Erkenntnistheorie von Lipps. Hingegen kann ich mit Petsch garnicht zustande kommen, obwohl doch der Gegenstand leicht ist. Ent
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|weder bin ich so dumm, oder das Buch ist miserabel komponiert, obwohl es von außen ganz übersichtlich erscheint.
Wissen Sie mit der Technik der photographischen Reproduktion und ev. mit renommierten Firmen auf diesem Gebiet Bescheid? Wenn ja, möchte ich mich demnächst hierüber wiederholt an Sie wenden.
Nach Bonn sind Sie also nicht gereist. Nun, dann fahren sie zu Hermanns Promotion und zur Examensfeier von Frl. Thönes zu gleicher Zeit dorthin. Vielleicht führt mich der Weg auch an den Rhein, falls ich nicht dringende Anlässe habe, nach Jena zu gehen. Diesmal muß ich - wenn überhaupt! - natürlich die Schulferien benutzen.
Nun für heute Schluß. Merkwürdige Menschen: Sie zweifeln, daß meine Eltern sich über die Blumen gefreut haben, mein Vater jammert seit 3 Tagen, er hätte wohl nicht genug geschrieben. Mein Verleger sprach einmal von Leuten, die "auf die Ausfüllung ihrer Zeit bedacht sein müßten." Wohlan <li. Rand> nur nicht mit Nervosität. Herzliche Grüße von uns allen und die beste Empfehlung an Frl. Knaps. <Kopf> Bitte um Nachricht über Ihr Befinden. Ihr Eduard Spranger.