Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger, an Käthe Hadlich 1. Mai 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 1. Mai 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Schon einmal hatte ich mit der Beantwortung Ihres letzten lieben Briefes und der nachfolgenden Karte begonnen, bin aber darin unterbrochen worden. Auch heute bitte ich Sie, Nachsicht mit mir zu haben. Ohne klagen zu wollen, muß ich meinen momentanen Gesundheitszustand als wenig frühlingsmäßig bezeichnen. Die unzweckmäßige Lebensweise, vor allem das gedankentreibende Rauchen, straft mich am Magen und allen möglichen Organen, und dazu gesellt sich ein Nervensystem, dessen Reizschwelle = 0 ist, so daß sich jeder beglückwünschen darf, der nichts mit mir zu tun hat. Aber das ist einmal Frühlingsrauschen, wird
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| vergehen und kann mir die freudige Grundstimmung nicht rauben, die ich - der Schule verdanke.
Nach einer Einführung, die durch die geniale Rede unsres Direktors auf mich wirklich erhebend wirkte, habe ich am Mittwoch 8 Uhr meinen Unterricht eröffnet. Ich habe nur Deutsch in der II. Klasse, Mi. u. So. von 8 - 10. 26 Schülerinnen, lauter gute Geschöpfe. Der Direktor wünschte die Anrede "Du". Ich entschied mich für "Sie", und ich glaube mit richtigem Gefühl. So gelang es mir, den Verkehr vom ersten Augenblick an auf einen frischen, heiteren und vornehmen Ton zu stimmen. Ihnen gestehe ich frei, wie nervös unsicher ich mich in den ersten Minuten innerlich fühlte. Aber zu meinem eignen Erstaunen war ich von Anfang an absolut Herr der Situation. Von Disziplinhalten ist nicht die Rede: denn
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| ein bloßer Blick bringt jede gewünschte Wirkung hervor. Dabei sind wir eigentlich die ganze Stunde vergnügt, und wären es noch mehr, wenn der Sinn für Humor bei diesen jungen Menschen weiter entwickelt wäre. Viele sind herzlich dumm; Antworten bekommt man, Antworten! - Aber dann überraschen sie auch wieder durch ein schnelles Erfassen, durch unerwartetes Wissen, und alle erfreuen bis jetzt durch rührenden Fleiß und freundliche Sanftmut. Unvergeßlich wird mir der Anblick der Klasse sein, als ich zur Probe den Anfang der Odyssee griechisch recitierte. Diese glänzenden Augen und lauschenden Gesichter sind wohltuender als gute Recensionen. Da ist eine, die Tochter eines Künstlers, und die einzige Adlige, die den ganzen Götterhimmel im Kopf hat, riesig begabt, flüchtig und form
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|los - Heckenrose. Eine andere weilt immer fern bei den Äthiopen. Wenn ich sie aufrufe, wird sie von ihrer Umgebung in die Höhe gepufft, tut den Mund auf und verstummt. Die Älteste, ein Judenmädchen von mehr als 16 Jahren, übt Blickgymnastik, und wenn ich die Klasse verlasse, ist sie da, der Himmel weiß wie, und macht sich Dinge zu schaffen, die sie gar nichts angehen. Die Kleineren aber sind erst recht fleißig wie die Bienen; kurz man sieht mir alles von den Augen ab, und es wird meine Sache sein, den guten Zustand zu erhalten. Die erste Bedingung erscheint mir dafür die absolute Bewahrung der Distanz; denn daß mein lieber Kollege Bolte es nicht ganz so macht wie er sollte, merke ich auf dem Treppenhause, wo bei seinem Erscheinen der Ruf "Herr Bolte" von oben und unten nicht verhallt. Dieser Herr ist zu beliebt. Ich gebe nirgends nach (z. B. bei den Aufgaben, die immer zu viel gefunden werden) und
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| hülle mich in lächelnde Vornehmheit.
Dabei lerne ich sehr viel. Man täuscht sich anfangs sehr in der Wirkung dessen, was man bringt. So wurde z. B. der komplizierte Bau des Hexameters sehr leicht verstanden, während Uhlands "Frühlingsglaube" zu schwer war. Ich las das Gedicht vor, klappte das Buch zu, wartete einen Augenblick - denn zu erklären ist da nichts - und fand wohl, daß das Gedicht intellektuell verstanden war, aber ohne jede Gemütswirkung.
Sie werden es vielleicht für einen sehr bedenklichen Zustand halten, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich alle meine 26 Schülerinnen bereits liebe. Aber die Gefahren sind wohl in direktem Verhältnis mit der Zahl, zumal es sich für mich nur darum handelt, jede individuell zu fördern und allmählich irgend einen Funken
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| in ihr zu wecken. Für einen Mann ist ja ein wirkliches Vertrauensverhältnis schwer zu erreichen, und Sie werden vielleicht der Meinung sein, daß jene erhoffte Wirkung nur Reflex einer sich in mir ausprägenden Weltanschauung sein könnte.
Darauf wollte ich eben hinaus. Denn Ihre letzte Bemerkung über Ihren Naturalismus hat mich sehr stutzig und bedenklich gemacht. Ich habe das Gefühl, daß ich Ihnen an Stelle der Weltanschauung, die ich Ihnen vielleicht genommen habe, keine zu bieten weiß, und Sie werden es mir nicht übel nehmen, wenn ich jenes Beispiel benutze, um mich darüber klarer auszudrücken, obwohl ja diese Frage noch wesentlich anders liegt. Was ich als Lehrer zu geben habe, ist weder Weltanschauung noch Reflex einer Weltanschauung, sondern eine Art zu leben.
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| Durch den lebendigen Umgang mit mir sollen - wenn das Ideal erreicht wird - in den Schülerinnen Kräfte geweckt werden, die an sich nicht hervortreten. Gewiß auch eine bestimmte Art, zu sehen; aber doch nicht dies allein. Sondern eine bestimmte Art zu sein, zu handeln, zu arbeiten, zu wollen und zu werten. Wenn mich einer fragte, worin denn diese Art bestünde, so könnte ich nichts erwidern oder nur: "Höre zu." (NB. [über der Zeile] erst nachdem ich auch in der Technik weiter vorgeschritten bin!) Lehrsätze oder Symbole würden hier garnichts wirken; sondern Pädagogik ist Tat.
Wenn ich nun imstande war, Ihren Naturalismus zu erschüttern (was mich anfangs - als Sie es schrieben - ängstigte und bedrückte) so müssen Sie gewiß sein, daß es nicht schade um ihn ist. Sonst ja wäre dies garnicht möglich gewesen.
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| Es war auch nicht die theoretische Diskussion, die Sie erschüttert hat, sondern etwas anderes, etwas, das mir dabei innerlich vorschwebte. Meine Idee nämlich war es, Sie frei zu machen, Sie zu erlösen aus den Fesseln einer Weltanschauung, die eine Resignationsgeburt ist, und Sie hinzuweisen auf das absolute Recht, das in Ihrer Innerlichkeit gegenüber allen äußeren Symbolen liegt. Sie sind vielleicht heute frei, aber noch nicht fest. Es ist schade: Sie haben nur Mißtrauen, aber noch kein Vertrauen. Sie müssen also noch einen Schritt weiter tun und vollbringen, was ich nicht kann: Neubauen nach dem Niederreißen. Sie müssen sich selbst wiederfinden und die Stelle, wo Ihre Werte wurzeln, erkennen. Die theoretische Möglichkeit, die ich in meinem Troeltsch-Aufsatz entwickle, spielt dabei weniger eine Rolle, als die praktische. Und Sie dür
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|fen überzeugt sein, daß Ihnen noch oft die Gelegenheit kommen wird, andern wider Ihren Willen ebensoviel zu geben, wie Sie mir bereits gegeben haben.
Also das alles zusammen:Weltanschauung ist nichts, wenn sie ein System von bloßen Einsichten ist; sie ist alles, wenn sie zugleich Pädagogik ist. Ihre Einsichten be überzeugten mich nicht; Ihre Person gab mir eine entscheidende Wendung. Natürlich gehören zu solcher Tat auch Einsichten, eine tiefe und weite Kenntnis des Lebens. Aber es ist nur Schein, daß dieses Herbarium alles sei. Man braucht davon garnichts verlauten zu lassen und kann doch das Resultat von alledem in lebendige Wirksamkeit umsetzen. Ich wiederhole, daß ich in Verlegenheit wäre, wenn man mich fragte, was
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| denn meine letzte Überzeugung wäre. Lebensüberzeugungen in einem Satz? Unmöglich! Darum auch kein Naturalismus (= einordnende Hingabe) sondern Personalismus, = Gestaltungskraft. Und dieses Grundgefühl läßt mich leicht darüber hinweg kommen, Sie über der zerstörten Blüte Ihres Naturalismus trauern zu sehen. Denn der Mensch braucht keinen andren Halt und hat keinen, als seine innere Selbstgewißheit.
Ich muß heut hier abbrechen. - Ich möchte Ihnen nur noch danken für die frdl. Förderung meines Troeltsch- Aufsatzes. Ich habe ihn heute an Hermann, Frl. Knaps und Frl. Thönes gesandt. Wünschen Sie sonst noch ein Exemplar? Ob ich ihn an Troeltsch selbst sende, soll von Kügelgens Äuße
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|rung abhängen. Für seine Verbreitung jedenfalls ist jetzt genug getan. Gegenwärtig muß ich das wissenschaftliche Feld ernstlich brach liegen lassen; denn weniger mein Herz, als mein Kopf ist schwer. Und darum gleich eine klare Verständigung über den Sommer: Wenn ich reise, so kommt ausschließlich die Zeit vom 17.VII. bis 13. August in Betracht, und als Ziel eine gesunde Gegend. Ist Aussicht vorhanden, daß Sie etwa nach Thüringen gehen? Mir liegt - bei der Kürze der Zeit - nichts an besonders weiter Entfernung; doch ist es nicht ausgeschlossen, daß ich trotzdem in die Freiburger Gegend oder noch südlicher komme. Darüber aber kann ich noch garnichts Bestimmtes sagen, und auch über den Termin nur das Negative, daß außer der genannten Zeit bestimmt keine in Betracht
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| kommen kann. Erholung brauche ich sehr viel. Vielleicht aber wirkt der Sommer schon hier auf mich so günstig, daß ich - doch an den Rhein oder über den Rhein reisen könnte, an dem ich übrigens nichts zu suchen habe, was ich nicht s. Z. bereits in Eberbach gesucht habe!! Also bitte, nicht doktrinär werden!
Damit für heute Schluß. Lassen Sie mich über Ihre Gesundheit bald Gutes hören. Ein Frühling im Odenwald war längst mein Traum. Wecken Sie diese Geister nicht. Ich bin mit den herzlichsten Grüßen von uns allen
Ihr dankbarer
Eduard Spranger.