Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Mai 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 9. Mai 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Soeben erhalte ich Ihre freundliche Karte. Sie findet mich nicht gerade in der Herrschaft meiner selbst. Mein Magen spielt mir seit längerer Zeit einen Streich, und die Seele ist durchaus nicht auf der Höhe der Situation. Sie plagt mich mit düsterster Melancholie und hindert den Geist an jeder ersprießlichen Arbeit. Dies war auch der Grund, weshalb ich mit Hermann nur kurze Zeit zweimal zusammen war. Er hat in Geschichte das Hauptfach, in Deutsch das Nebenfach erreicht, war sehr heiter und nett, und wir verlebten die kurze Zeit in bester Harmonie.
Gleichwohl fühle ich mich des Dranges nicht überhoben, in Heidelberg Hilfe
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| zu suchen. Eine melancholische Welle von innerer Ungewißheit und Unzufriedenheit ist über mich gekommen, und ich suche vergebens, mir diesen Zustand deutlich zu machen. Es fehlt mir wohl zu fruchtbarer Reflexion an Kraft.
Sehen Sie, das war von jeher die eigentümliche Seite meines Wesens, daß mich nichts so tief ergriff, wie die pädagogische Sehnsucht. Das ist in mir bis zum Pathologischen stark entwickelt, und ich war nur ruhig, als dies alles wegen mangelnder Gelegenheit und äußerer Ablenkung in mir begraben lag. Nun wacht das alles wieder auf und erschüttert die kaum gewonnene Festigkeit. Ich habe schon so schwere Enttäuschungen erlebt und muß auch jetzt über meinen Idealismus lachen. Denn meine Schülerinnen sind mediocre Wesen, wie Kinder sind, liebenswürdig und gut, aber gänzlich unerweckt; meine Aufgabe
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| ist begrenzt, 4 Stunden lumpigen Unterrichts; das Verhältnis bleibt kühl und äußerlich. Und doch kann ich von dem Zwang nicht loskommen, immer wieder über diese jungen Menschenkinder nachzudenken, mir ihre Zukunft und Bestimmung, ihr Glück und ihr Leiden auszumalen. Es ist etwas unendlich Geheimnisvolles, daß der Mensch so am Menschen arbeiten kann, um ein Leben zu wecken, dessen kurze Spanne vielleicht von Schuld, Irrtümern und verfehltem Tun ausgefüllt werden wird. Wie viele von ihnen sind vielleicht schon in ihrer Blüte innerlich gebrochene, halbe, abgestorbene Menschen, und wie wenig kann man ihnen mitgeben - um so weniger, als man selbst an innerer Reinheit eben nicht über dem Kinde steht. Dieses äußerliche Wesen, das man im Unterricht zur Schau tragen soll, diese nie eröffnete warme pädagogische Liebe, sind schmerzliche
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| Gegensätze. Seit langer Zeit fühle ich wieder die Tiefen meiner Natur, ohne mich doch wesentlich fortgeschritten zu fühlen. Jeder methodische Mangel meines Anfängerunterrichts kommt mir wie ein verfehltes Jahr vor, und so lebhaft ich arbeite, so wenig bin ich noch dem Ideal nahe, das mir vorschwebt: d. h. der absoluten Klarheit, verbunden mit der lebensprühenden Wärme. Wie viel besser müßte dies alles eine Frau geben können, und doch - wie wenig Weite und Größe spricht aus diesen pflichtgetreuen, aber resignierten Lehrerinnengestalten. Wenn mir dann von der Mehrzahl der Mädchen heitere Gesichter entgegenstrahlen, fühle ich mich selbst verdoppelt. Aber nur zu oft hemmt eine Äußerlichkeit, eine unbesiegbare Zerstreuung diesen freien Flug. Dann muß man viermal fragen, um einen Satz zu hören, und empfindet zum Überfluß noch selbst, daß dieser Satz ja eben das Fragen nicht wert ist. Vor allem muß ich mich zum besseren Erzähler ausbilden. Ohne dies keine
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| pädagogische Wirkung.
Heute habe ich ein Diktat schreiben lassen. 4 Stunden habe ich daran korrigiert. 3 Fehler das Wenigste, 17 das Maximum, der Durchschnitt 8. Das ist nicht erhebend, und doch verstehe ich die Notwendigkeit, erst an diesem Handwerksmäßigen zu bessern, ehe ich in höhere Regionen steigen darf. Am Sonnabend beginne ich mit der Besprechung der Glocke; daran will ich mein Bestes wenden. Aber auch ich selbst bin nicht unabhängig von der Disposition. Wenn Hedwig Wolter zum 5. Male abschweift und man sie pflichtmäßig immer wieder heranholen muß, so verliert man schließlich selbst die höhere Position und bleibt am Abfragen des Zusamenhanges haften. Ich weiß nicht, ob das bei den Lehrerinnen auch so ist; aber die Mädchen merken dann sehr deutlich, daß das unter meinem Niveau ist und lassen merklich nach. Sie beanspruchen bereits
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| nur Konfekt, und pflichtmäßig muß ich doch Nüsse knacken lassen.
Diese Emotion also hat ihr Licht und ihren Schatten. Dazu kommt nun die immer mehr drängende Frage: Machst Du das Staatsexamen oder nicht? Die Unsicherheit der Habilitation drängt darauf hin, und so vieles andre auch, wennschon sich meine wissenschaftliche Position ja andauernd hebt und meine Chancen größer sind als die manches Utopisten meiner Umgebung. Aber wenn es sich nun ins Endlose hinauszieht - werde ich dann den darin liegenden Verzicht auf Gleichachtung längst beamteter Altersgenossen immer ertragen können? So oft schon macht man mir bedenkliche Gesichter - meist freilich Herren, die 2 Jahre voraus und mit ihrem ersten, staatlichen Examen noch nicht ganz fertig sind. Aber meine wissenschaftliche Position ist einsam, trotz des Beifalls von hier und dort. Ich gehe zu sehr
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| meine eignen Wege, als daß man sie mit Wohlwollen sehen könnten, und Paulsen , der auch wiederum leidend ist, tut im ganzen nichts.
Man hat mich jetzt zum Mitarbeiter der "Jahresberichte für neuere deutsche Literaturgeschichte" ernannt, die Spalten der besten Zeitschriften stehen mir offen, die Theologen haben meinen letzten Aufsatz mit größter Freude begrüßt; aber ich kann nicht immerzu schreiben. Der Troeltsch-Aufsatz hat mich rasend angestrengt. Aber darauf eingegangen sind eigentlich nur Traub und Scholz, der mir einen unvergleichlich liebenswürdigen Brief am Vormittag desselben Tages sandte, an dem ich ihn des Abends besuchen sollte. Simmel äußerte sich dagegen in 4 Worten, und die übrigen haben ihn nicht verstanden.
Sie sehen, das sind Sorgen, und ich bin nicht sparsam gewesen, Ihnen zu beichten. Ich habe deswegen keine Gewissens
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|bisse. Sie gehen ja stets so freundlich auf meine persönlichsten Fragen ein!
Mit Hermann habe ich mich noch einmal an der Betrachtung Ihrer schönen Aquarelle erfreut, und wir haben den Blütenzweig einstimmig die - Palme zuerkannt. Gestern war ich mit Ludwig in Tegel und sah dort zum ersten Mal das Innere des Schlosses, wo mich das Original der Thorvaldsen'schen Hoffnung unglaublich entzückte. Möge es ein Omen sein!
Auch eine Konferenz hatten wir schon. O welch Sandwüste! Da sind meine Mädels 100mal geistvoller und lebendiger. So was Schauerliches! Neulich aber ergoß sich von der Tafel aus ein silberhelles Bächlein durch die Klasse - ein Werk meiner teuren Freundin Else von Hennig. Ohne in Bewegung zu geraten, beantwortete ich diesen schüchternen Versuch damit, daß ich sie die ganze Pause scheuern ließ. Viel Vergnügen! Es ist keine Schulmeisterei, wenn ich Ihnen u. Ihrem Logierbesuch nun ebenfalls viel <li. Rand> Vergnügen wünsche. Herzliche Grüße von uns allen. Ihr Eduard Spranger.