Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Mai 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 15. Mai 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Sie sind sehr gütig, daß Sie sich um meine kleinen Sorgen und Zweifel stets so freundlich bekümmern, und ich nehme diese Güte an in der Weise, wie sie aus einem mit etwas Egoismus gemischten absoluten Vertrauen entsteht. Es soll dann also wieder von mir die Rede sein.
Es geht mir besser, abgesehen von der starken Labilität des Nervensystems. Die Kraft, die Sie in mir vermuten, habe ich nicht entfernt. Es giebt keine Gesellschaft, die mir nicht eine unerträgliche Last wäre, weil ich eben mit der Eigenart meiner Natur nirgends Eindruck mache und doch von einem dahin gerichteten Ehrgeiz nicht frei bin. So habe ich z. B. die sehr temperamentvolle Frau meines Direktors
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| durch meine Nüchternheit in einer Gesellschaft à trois sehr enttäuscht. Gestern bei Paulsen mittags war ich - auch aus Abspannung - noch langweiliger, was aber seinen Hauptgrund in dem erschreckend traurigen Eindruck hatte, den sein Zustand auf mich machte. Er war weich und resigniert - ein schwerkranker Mann, und ich müßte mich täuschen, wenn das nicht auch innere, rein seelische Gründe bei ihm hätte.
Nirgends kann ich mit meiner eigentlichen Natur und Leidenschaft so heraus, wie ich möchte. Diese Schwerfälligkeit ist das gerade Gegenteil von dem, was Sie mir zuschreiben, es ist Kraftlosigkeit und Weltfremdheit. Sie urteilen da nach einem ganz subjektiven Eindruck, weil sie mich in meiner freiesten Zeit kennen gelernt haben und weil ich mich in Ihrer Nähe frei fühle. Sie haben aber gesehen, daß mir die Gegenwart eines Dritten - Fräulein
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| Knaps
allein ausgenommen - schon unendlich störend ist, was sich je nach Laune in Unsicherheit oder in Rücksichtslosigkeit äußert.
Wollen Sie darin nicht einen bloßen Mangel an Erziehung und Selbstbildung sehen, so ist es dies, daß ich jedes noch so flüchtige Verhältnis ohne tieferen Gehalt hasse. Dazu kommt ein mir seit meiner Kindheit eingewurzelter Ehrgeiz, der es mir unerträglich machte, früher als bloßer Student, jetzt als bloßer Dr. behandelt zu werden. Und so wird es auch künftig sein. Vielleicht ist es ein bloßer törichter Ehrgeiz. Vielleicht ist es auch etwas anderes.
Ich weiß nicht, woher ich diese brennende Liebe zur Jugend habe. Früher war dies bis zum Pathologischen stark in mir entwickelt; es beruhigt mich, daß ich jetzt in der neuen Form die alte Leidenschaft, wennschon geklärter, in mir wiederfinde, daß ich imstande bin, dasselbe pädagogische Gefühl auf Mädchen
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| zu übertragen. Hier liegt ein überschwänglicher Idealismus in mir, der sich in der Arbeit an der konkreten Wirklichkeit wohl nie erschöpfen wird. Ich muß ihn auf einem mehr künstlerischen Wege loswerden. Ich fühle eine Richtung in mir, die vielleicht nur in Plato und Pestalozzi ein literarisches Vorbild hat. Ich fühle eine Grundtatsache des Weltzusammenhanges, die einmal heraus muß, wie Schleiermacher der religiösen Tiefe zum Licht verhalf. Deshalb kommt mir jetzt wieder der alte Gedanke, "Reden über die Erziehung" zu schreiben. Sie merken die Analogie.
Die Erziehung ist ein Etwas, das in allen Lebensverhältnissen atmet und wirkt; es ist etwas, was die Welt des Geistes macht und erhält, ein Schöpfen und Fortzeugen, ein Künstlertum ganz für sich, eine Art des Triebes zur Plastik, die ihres Gleichen nicht hat. Sie ist absolut ästhetisch, vielleicht mehr noch als ethisch, sicher mehr als didaktisch. Sie ruht auf dem Grunde des Wohlgefallens,
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| der Liebe, die der Mensch zu den jugendlichen, werdenden Wesen seiner Gattung hat. Sie hat ihren Magneten in der Schönheit des Geistes und des Körpers, mit dem die Natur ihre sich entfaltenden Geschöpfe umkleidet. Davon ist seit Plato nicht in angemessenen Worten geredet worden. Ich habe ein Bedenken gehabt - früher - Sie auf sein "Symposium" und den "Phädrus" hinzuweisen. Sie werden das Griechische, Entartete daran auszuscheiden wissen und den Kern, die unverlierbare Tatsache des pädagogischen έρως (Liebe) herausempfinden. Diese "Reden" wollte ich 1903 in Heidelberg schreiben; es war zu früh, und ich war damals zu krank. Aber es wäre ein falscher Gedanke, wollte ich die intensivere Berührung mit der Praxis abwarten. Diese kann zu jener Grundbestimmtheit meiner Natur nichts hinzufügen. Finde ich nicht jetzt diese Gestaltungskraft, so bin ich überhaupt nicht berufen, diese innere Stimme in die äußere zu verwandeln. Zeit, Kraft und
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| Sammlung liegen freilich auch heute nicht günstig. Aber ich glaube, daß dieser Unterricht, wenn er mich nicht zu sehr in die Realität hinabführt, mich einmal unwiderstehlich zu dem Versuch drängen wird.
Wie Schleiermacher die Religion als eine besondere Provinz des Gemütes entdeckte, so will ich die Erziehung als ein eigenartiges, neues, absolut selbstständiges Lebensverhältnis entwickeln. Dies reicht in die feinsten Tiefen, in die letzten Verzweigungen des Lebens herab. Eine Flut von Gedanken, fertigen und unfertigen, überschwemmt mich, wenn ich nur das Wort nenne. Sie sehen zugleich, daß hier der Ergänzungspunkt aller meiner früheren Arbeiten liegt: sie sind negativ gegen Normierung, Fortschritt und Systematisierung, weil ich das Lebendige, Persönliche der Sache zu intensiv empfinde. Dieser Vorgang ist es, der alle jene abstrakten Phänomene erst schafft, und er ist ein Band, das die Welt erst zusammenhält. Wenn mir dieser Guß
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| gelingt, so werde ich erst in meinem Fahrwasser sein. Und ich bin versucht, den Humboldt noch ganz bis zum Winter aufzuschieben, um die Sommertage diesem Kunstwerk zu widmen. Wenn ich glauben dürfte, daß meine Kraft jetzt dazu ausreicht, so würde die Niederschrift in 4 Wochen vollendet sein. Es ist nichts für die Habilitation, es geht auch nicht ohne teilnehmendes Verständnis, das ich allein bei Ihnen erhoffen darf. Aber es wäre etwas absolut Neues, etwas unerhört Metaphysisches, etwas aller Sprache Entrücktes und darum höchstens in der Form der Rede Vollendbares.
Sie empfinden ja, was ich mit alledem meine: Einen Blick in die jugendliche Seele, ihr Emporringen, ihr Ahnen von der Welt. Dann die helfende Hand, die sich im Kampf mit der Welt hart und müde gearbeitet hat. Die absolute Individualität des Erziehens, die doch ihre Allgemeingiltigkeit nicht hindert, sondern begründet. Die Welt der Werte ud Ideale, hart und nüchtern,
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| aber lebensfähig u. lebensfreudig. Das deutsche Volkstum, die christliche Gewißheit, die heimische Geisteswelt mit ihren Schätzen, die heimische Natur, der deutsche Staat, seine Schule. Die Frau als Bildnerin des Mannes, der Mann als Führer der Frau. Die pädagogische Lebensgemeinschaft, die Ziele der geschichtlichen Entwicklung, der pädagogische Genius, der Sinn der Persönlichkeit, und so ins Endlose. -
Aber das sind Hoffnungen und Entwürfe. Erst wenn der unüberwindliche Drang über mich kommt, wird's zum Gusse zeitig sein, und dieser Guß wird vielleicht schnell gehen, aber mich für lange lahm legen. Oft bin ich zu nüchtern für diese Arbeit. Deshalb muß ich sie vollenden, ehe ich es noch mehr werde, und ich muß es tun, solange mich der Anblick der Jugend immer wieder neu dazu anstachelt. Denn wie u. was diese Jugend ist, ist für mich nichts gegenüber der Tatsache, daß sie es ist.
Damit genug. - Hat man in H. etwas von meinem Troeltsch gehört *)? [li. Rand] *) Von Hermann erscheint nächstens ein Aufsatz bei Renner. Herzlichen Gruß
Ihr Eduard Spranger.

[Kopf] Schumann ist der Denker unter den Musikern.
[re. Rand,S.1] Bitte empfehlen Sie mich Ihrer Frau Tante u. Frl. Knaps!
[li. Rand,S.1] Herzlichen Dank für das Veilchen. Vom Handwerk demnächst mehr.

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Diesen Bogen, den ich eigentlich mit gelehrten Ausarbeitungen bedecken sollte und vor dem ich nun schon 1 Stunde rauchend, zerstreut und untätig sitze, will ich, um wenigstens etwas zu tun, als Krankheitsbulletin nach Heidelberg senden, auf die Gefahr hin, daß Sie nicht ebensoviel Fähigkeit haben, Ihre Zeit zu verbummeln, wie ich. Also mein Zustand ist gefährlich. Ich muß die Diagnose auf 27fache Verliebtheit stellen; wie bedenklich das ist, werden sie begreifen, wenn ich hinzufüge, daß die überwiegende Zahl von diesen 27 recht häßlich, z.T. unliebenswürdig, oder gar echt jüdisch ist. Aber der Fall liegt noch schlimmer: gerade die jüngste (und unreifste) von allen kann ich mir seit Tagen nicht aus dem Sinn schlagen. Die Sache ist also unmöglich normal.
Dies freie Geständnis verdient gewiß Verzeihung. Ich hoffe sie bei Ihnen zu finden. Wenn Verliebtheit ein Mit-dem-ganzen-Herzen-dabeisein ist, so habe ich in der Tat nicht zu viel gesagt. Man kann das aber vielleicht auch anders ausdrücken, und harmloser klingt es, wenn ich Ihnen sage, daß ich ein rasendes Interesse für jede einzelne meiner Schülerinnen habe und gern jeder nach ihren eigensten Bedürfnissen helfen würde. Denn nachdem ich nun die Aufsätze - nicht ohne Seufzen [über der Zeile] 18 Stunden! - gelesen habe, kenne ich eine jede von ihnen als Psychologe von Metier recht genau. Das ist nun höchst amüsant. Da ist z.B. ein Schwesternpaar, anscheinend Zwillinge, an Leistungen absolut gleich und alle beide ausgezeichnet durch irgend eine äußere Lodderei, bloß mit dem Unterschied, daß bald die eine mir ihre Ferkelei zumutet, bald die andere, nie beide zugleich. - Dann eine kleine Jüdin,
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| die man anfangs wenig beachtet, die aber glänzend erzählt und geradezu geistvolle Analysen liefert. Eine andere, rundlich und dick, mit herzensguten Augen, die von mir bereits drei Fünfen geerntet hat, nie zuhört, alles liederlich macht und rechts und links spricht. Donner und Blitz meinerseits führt regelmäßig zu Tränen, aber kurz darauf giebt sie wieder die muntersten Antworten und ist offenbar die lenksamste Seele der Welt. Mit ihr also werde ich mich weiter beschäftigen. - Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon von der Schwerhörigen schrieb, die ich anfangs für boshaft hielt. Durch geeignete Behandlung habe ich sie nach dem Urteil der andren Lehrer bereits ganz umgewandelt. Sie strahlt vor Interesse und Dankbarkeit. Ihr Aufsatz war der beste. Nun kommt Käthe Ihlefeldt, die mir allseitig als mein Mustermädchen signalisiert wurde und schon, weil sie ihre die alleinige Vertreterin des Namens in der Klasse ist, die besten Vorurteile bei mir weckte. Sie ist aber noch weit entfernt, den Namen zu verdienen. Else v. Hennig hat ein feuriges Temperament und weiß unendlich viel. Dabei ist sie ein reines Kind, man muß unabläßig auf ihre Schrift achten, und in den vorzüglichen Aufsätzen, die sie schreibt, erscheint plötzlich der erstaunlichste Unsinn. Sie will ich ganz besonders heranziehen; nächstens bekommt sie privatissime einen Vortrag über Schiller, und wenn sie die nächsten Aufsätze nicht "sehr gut" schreibt, gedenke ich sie zu Tode zu ärgern. Else Müller ist die hübscheste, und ihr Papa schreibt sehr hübsche Aufsätze, bloß mit falschen Jahreszahlen. Meta Heimann ist schwer zu regieren; sie ist zu alt für die Klasse, und die einzige, die zu kokettieren wagt. Martha Roding
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| sieht mich aus stillen poetischen Augen verwundert an und verwendet keinen Blick von mir. Margarete Jacobowitz strömt über von Eifer; da sie kaum über den Tisch ragt, steht sie ununterbrochen und meldet sich, und manchmal platzt ihr die Antwort vor Erregung aus dem Mund, ehe ich sie hören will. Nun kommt aber mein Schmerzenskind, die kleine Elsa Hiller. Sie ist zu jung und unreif für die Klasse. Sie fiel mir zuerst auf, als sie in schmollenden Worten behauptete, sie hätte recht gehabt, und was Betti Goldschmidt gesagt hätte, wäre falsch. Ihr Aufsatz war das Bild der naivsten Hilflosigkeit. Sie hatte offenbar aus meinem Kram garnichts zu machen gewußt. "Da ein Riß manchsmal sehr groß ist, rutschen ganze Häuser hinein" - so beschrieb sie das Erdbeben, und in gleicher Höhe hielt sich der Rest. Es tat mir zu leid, um gerecht zu sein. Statt "ungenügend" gab ich ihr "Mangelhaft". Am Tage der Abgabe war sie von der Arbeit so übermüdet, daß sie mich graußlich angähnte und sanft zu entschlummern drohte; wenn ich sie aber fragte, riß sie sich energisch zusammen. Bei der Rückgabe kam sie jammernd und wußte nicht, was an ihrem Aufsatz so schlecht wäre. Das kleine, niedliche Wesen tat mir mehr leid, als es zur amtlichen Verpflichtung gehört. Man hatte mich vorher darauf aufmerksam gemacht, daß zu Hause ein ungünstiges Zusammenleben herrschen soll. Das fiel mir jetzt ein. Ich habe mir vorgenommen, ihr an Liebe zu ersetzen, was ich von meiner fernen Position aus kann. Sie soll Bücher von mir bekommen; denn zu Hause liest sie garnichts, und den nächsten Aufsatz werde ich mit ihr besonders besprechen; Sie sehen, ich steure bewußt in das Fahrwasser der Ungerechtigkeit. - Zum Schluß kommt eine stille Kolonie. Die sehen sich schon äußerlich gleich, tun
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| das Ihre im allgemeinen, oder auch nicht, und dienen das Bild zu füllen. Margarete Müldau macht 15 orth. u. grammat. Fehler, bekommt "Mangelhaft" und beschwert sich dann mit der Begründung, der Papa hätte den Aufsatz gelesen und "Sehr gut" gefunden. So verschieden sind die Geschmäcker.
Solche kleinen Versuche, wie neulich, sind nie wieder vorgekommen. Sie sind absolut gehorsam und fleißig, und die Stimmung ist im ganzen immer fröhlich und lebendig, wennschon mich neulich 2 Stunden ohne Pause sehr anstrengten. Außerdem gebe ich mit Bewilligung des Direktors statt Handarbeit u. Naturkunde hin u. wieder Einsatzstunden, die immer mit Freude begrüßt werden. Das Beste aber ist dies: Die Städtische Schuldeputation, die mir die Unterrichtserlaubnis erteilt hat, schreibt jetzt an den Direktor, ich hätte keine Berechtigung zum Unterricht an Höh. Töchterschulen. Daß ich keine "Lehrbefähigung" habe, wissen Sie ja. Was ich damit für Ärger u. Zeitverlust gehabt habe, kann ich Ihnen nicht beschreiben. Aber ich komme ohnehin zu nichts anderem. Und wenn ich selbst Zeit habe, es interessiert mich nichts mehr.
Herzlichen Gruß
Ihr
Eduard Spranger.
Weiland Philosoph.