Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Juni 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 5. Juni 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Der Lockung, Ihnen zu schreiben, kann ich trotz Pflicht und Gewissen nicht widerstehen, die mir vorrechnen, daß ich in dieser Woche noch 26 Aufsätze und ebensoviel Verbesserungen bekomme, mich auf Maria Stuart (die ich seit 9 Jahren erfreulicher Weise nicht angesehen) ganz vorzubereiten habe und außerdem noch meine eignen Sachen fördern soll. Jedoch liegt ein sehr gewichtiger Grund vor, Ihnen zu schreiben, der zunächst darin besteht, daß ich Ihnen zu sagen muß, wie sehr ich Sie bei dieser Kälte auf dem Schiff bedauert habe. Aber noch etwas Wichtigeres liegt vor: Es ist nämlich garnicht mit
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|anzusehen, daß Sie dieses herrliche Fleckchen beständig Bacherach schreiben, während mich doch jedes Fröschequaken poetisch daran erinnert, daß es Bacharach heißt. Und genau so kalt war es an dem Tage, an dem ich Kügelgen kennen lernte, ja dies war die erste Veranlassung. Die Karte, die Sie mir schicken (herzlichen Dank!) zeigt gerade den Blick, den ich von meinem Fenster aus hatte. Aber lassen Sie mich damit aufhören; denn ich werde heute nur noch ungern sentimental.
Sie haben richtig empfunden, daß hier bedrückende Dinge vorliegen. Das eine erwähnte ich ja schon: Paulsens Gesundheitszustand, der mir persönlich derartig erscheint, daß ich mich bereits in den Gedanken hineingelebt [über der Zeile] habe, daß es sein letztes Semester ist. Ich bitte Sie natürlich, darüber zu schweigen. Ebenso wie ich darüber schweige,
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| was diese Tatsache für mich bedeutet. - Ein weiterer verstimmender Umstand ist die für den 20. Juni angesetzte Superrevision, die ja hoffentlich glücklich verlaufen wird, aber erstens mit m. Unterricht kollidiert und mir außerdem natürlich jede Stimmung zur Ausführung der geplanten Arbeit nimmt, die damit für ungewisse Jahre wieder von der Bildfläche verschwindet. Sollte der erste Fall eintreten, so werde ich Kräfte haben, dagegen anzukämpfen; ginge die 2. Angelegenheit fehl, so wäre dies eben ein Jahr Gefängnis, für das ich z. Z. keine Kräfte habe, wiewohl ich sie im Winter hatte.
Und nunmehr die 3. Verstimmung. Sie ist, wenn Sie so wollen, die harmloseste und beschäftigt mich eben deswegen am meisten. Also es hat in meiner Klasse nicht geklappt. Sie müssen nun nicht glauben,
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| daß das meine pädagogische Zuversicht irgendwie berührt. Ich entnehme daraus nur die Einsicht, daß meine Mittel einer Revision bedürfen, und weil nun die Pfingstferien dazwischen fallen, ärgert mich die Untätigkeit.
Überdies hängt der Fall mit dem Régime zusammen, soweit es mit meinen Ansichten nicht übereinstimmt. Der Direktor will die Arbeiten, so lange es nötig ist, immer von neuem verbessert haben; ich ließe am liebsten (bei den Aufsätzen wenigstens) schon die 1. Verbesserung fort, weil ich weiß, daß sie doch nicht ordentlich gemacht wird. Die erste also war gemacht und ich hatte 14 zweite Verbesserungen zu bekommen. Die 2 Stunden verlaufen in bester Laune, humorvoll wie nie. Nachher fülle ich die Rangordnung auf Verlangen aus, gebe im Betragen allen 1, Fleiß u. Leistungen nach Eindruck. Außerdem hatte ich den neuen Aufsatz im Unreinen aufgegeben. Ich wollte ihn mir aber nicht vorlesen lassen, um etwas
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| Selbständiges zu sehen, nur mit meinem Schmerzenskind Elsa Hiller packt mich das Mitleid und ich frage, ob Sie damit zustande gekommen sei. Antwort negativ. Ich Esel lasse mir das Diarium geben, um ihr das Unreine durchzusehen.
Im Konferenzzimmer sehe ich mir die Hefte an: Elsa v. Hennig - gähnende Leere, hat garnichts gemacht. Ebenso eine andere. Elsa Hiller 4 Zeilen Verbesserung in liederlichster Schrift mit 3 Fehlern. Und so ging es von einem Heft zum andern. Nur 2 waren in Ordnung. Ich komme zu Elsa Hillers Diarium. Ratlos sehe ich, daß es sowohl vorn als auch hinten anfängt. Oft steht die Schrift auf dem Kopf. Wendend und drehend genieße ich all den Blödsinn, nur von meinem Aufsatz - nicht eine Zeile. Das ist versuchte Täuschung, ebenso wie in dem Fall Elsa v. Hennig. Jetzt packte mich die Erregung doch etwas, erstens, weil ich darin eine Unhöflichkeit sah, zwei
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|tens weil ich diesen Zustand von Lodderei natürlich nicht verantworten kann. Um 11 Uhr versammle ich extra ordinem die Schafe im Stalle, ich selbst vor Erregung wie ein Löwe spazierend. Nun hätten Sie mal die Angst sehen sollen; denn sie kannten mich bisher nur mit freundlichem oder ironischem Lächeln. Ich gestehe, daß ich Mühe empfand, meine Ausdrücke zu zügeln; aber es gelang mir, und ich glaube zum besten der Wirkung. Nun nahm ich sie mir einzeln vor und redete etwas militärisch (mein teurer Nieschling wartete nämlich auf mich und kam wegen dieses Zwischenfalles um das Zusammensein mit mir.) Ich kündigte zugleich an, daß in künftigen Fällen das Mittel der Tadel, auf das ich verzichten wollte, unweigerlich zur Anwendung käme u. ich den Ton künftig abändern werde (was auch geschieht.) Jetzt kam Elsa Hiller. Sehen Sie, dieser Fall
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| konnte und mußte mich schmerzen. Denn ich hatte sie offenkundig bevorzugt, und statt sich Mühe zu geben, über hintergeht sie mich.
Realiter geschah nichts weiter, als daß ich mir die Rangordnung zurückgeben ließ und alle Sünderinnen im Fleiß um 1 Nummer herabsetzte. Der moralische Eindruck war groß: die Lehrerinnen wußten in 3 Minuten alle, was vorgefallen war und versäumten nicht, auf Elsa Hiller, die sie heulend vorfanden, ich weiß nicht auf Grund welcher Kenntnis und welches Gegenstandes sofort - weiterzuschimpfen.
Dies also der tragische Fall, der mich deshalb noch heute beschäftigt, weil ich den pädagogisschen Eingriff, der nötig ist, eben der Ferien wegen nicht fortsetzen konnte. Aber natürlich wird alles Versprochene gehalten.
Von Donnerstag an gebe ich 1 Stunde Religion in der ersten Klasse. Was meinen Sie, soll ich auch dort beginnen:
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| Sie werden Ihren Herrn Jesum Christum schon kennen lernen!!
Fast möchte ich auch Ihnen das zurufen, weil Sie mir eine Antikirchenrede zudenken. Ich fürchte, sie würde mich gegen die Kirche als solche nicht überzeugen, vielleicht nur gegen diese Kirche. Nun, aber diese Predigt überlasse ich Frl. Thönes.
Es gäbe noch viel, indessen der Dienst! Ich habe in den Pfingstfeiertagen wieder etwas Gehöriges gearbeitet. Was sagen Sie zu Hermanns Aufsatz?
Der erste Pfingstgruß, den ich erhielt, war aus Freudenstadt.
Nun genießen sie alle zusammen noch recht schöne Tage und denken Sie an mich, wenn Sie im Glücke schwimmen. Wir alle grüßen Sie herzlich. Bitte auch Hermann u. s. Frl. Braut sowie Frl. Thönes zu grüßen. Den nächsten Frühschoppen auf Ihr allseitiges Wohl.
<li. Rand>
Ihr Schulmeister E.S.