Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Juni 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 16. Juni 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Herzlichen Dank für Ihre letzte Reisekarte. Ich hoffe ja noch Näheres darüber zu hören. Zunächst nur finde ich die alte Wahrheit bestätigt, daß wir beide unverbesserliche Problematiker und Idealisten sind, denen keine Lebenslage Genüge tut. Sie sind - halb und halb - enttäuscht, ich - so gut wie ganz aus meiner Bahn.
Es gibt einen Lebensdrang, der bis zur Verzehrung des Lebens geht. Ist es nun nur eine Laune, daß ich aller Realität zum Trotz diesen feurigen Aufwand von Kräften dem Unterricht widme? Es ist etwas in mir, das - lange verhalten und nun frei geworden - mich drängt und treibt, meine besten Energien für diese Sache hinströmen zu lassen. Aber dies Etwas ist nicht eigentlich mein Ich, jedenfalls etwas weit Dämonischeres, als was mich an die abstrakte Philosophie und Wissenschaft bindet. Die Gedanken, die mich dabei leiten, sind mir selbst nicht
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| klar. Denn was weiß ich von der weiblichen Seele und ihrer Erziehung? Aber es ist auch nicht das, was im Anfang wohl mitspielte, die Freude, sich selbst zur Schau zu stellen; denn meine Hauptklasse, die zweite, besitzt durchaus nicht mehr meine ungetrübte Hochachtung, sie ist durch jene Vorfälle bedeutend im Niveau gesunken. Trotzdem entfalte ich ein Feuer, als hinge die ganze Zukunft der Mädchen davon ab, wie ich eine Stunde Deutsch gebe. Ich fühle, daß diese Krisis wiederum meine Lebensauffassung und meine Lebensideale tief aufwühlen wird. Ganz im geheimen gestehe ich Ihnen, daß mir ein akademisches Katheder gegenwärtig nicht mehr so absolut verlockend scheint, wie bisher. Aber ich mißtraue dieser inneren Stimme, weil ja der Genuß dieser Wirksamkeit (wie mir auch Hahn schreibt) ja eben darin besteht, daß ich mich innerlich über dieser Sphäre fühle und im Bewußtsein eines ungewöhnlichen Reichtums und einer absoluten geistigen Sicherheit vor die Klasse trete. Der Gedanke aber, mich dem Bildungswesen auch nach seiner organisatorischen Seite hin tiefer zu widmen, wird wieder lebendig in mir. Davon nachher noch.
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Auf jenes Gewitter folgte nach den Ferien eine düstere Schmollstunde meinerseits, und sofort verstummte jeder freudige Ton, keine sympathische Lebendigkeit schlug mir entgegen. (Elsa Hiller*) [Kopf] *) dieses Kind macht mir schreckliche Schmerzen, ließ ich sogar um 1 nachbleiben.) Das nächste Mal wollte ich sie zum Kontrast durch äußerste Liebenswürdigkeit und Lebendigkeit bezaubern. Wie schön diese beiden Stunden waren, kann ich Ihnen nicht beschreiben. Verraten Sie nicht die Beichte eines überspannten Schwärmers: die Erinnerung an diese Stunden war so entzückend, daß ich tagelang mit dem Gedanken daran herumlief. Solche Eindrücke sind natürlich seltene Sonnenstrahlen; um so mehr, als die Gesellschaft zu jung ist, um ein Dankbarkeitsgefühl auf 3 Tage zu bewahren. Aber es ging doch ganz nett, bis auf einen, mich immer wieder verletzenden Mangel an Fleiß, den ich natürlich für mich verdoppelt verlange. Heute flaute es ganz ab, weil am Montag eine Landwirtschaftsausstellung besucht werden soll, die in den jungen Köpfen spukt, und ich von einer grenzenlos langweiligen Dampferpartie bis spät in die Nacht (auf Einladung von Paulsens mit dem Steglitzer Casino) der Frische gänzlich beraubt war.
Ein wahrer Sonnenblick war aber die 2. kirchenhistorische Stunde, die ich in Vertretung des Direktors
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| in der 1. Klasse gab. Ein Ton wie im Salon, glänzend gelernt, fließend erzählt, dazu jene Art von Zuhören, die den Redner zu ungeahnten Leistungen begeistert. Ich weiß nicht, ob diese 9 Mädchen schon einmal etwas Ähnliches gehört haben, wie meinen Vortrag über Luthers Lehre v. Glauben u. v. d. Rechtfertigung. Gewiß doch ein schwieriges Thema. Aber ein gewisses Gefühl gemeinsamen Contaktes beflügelte beide Teile. Nun die Rückkehr zu meinen ungelenkigen Schäfchen in der 2. Klasse, wo es doch immer einmal hier und da etwas zu regulieren, zu kontrolieren und zu krakehlen gibt! Auch gestand man mir, daß eine so schlechte 2. Kl. noch nicht beisammen gewesen sei.
Den Entwurf der ersten Rede habe ich unter großen inneren Schwierigkeiten fertiggestellt. Denn daß ich einmal wieder sehr nervös und psychisch so in Wallung bin, daß ich es buchstäblich am Herzen empfinde, merken Sie gewiß längst. Vielleicht bringe ich sie nach Heidelberg mit - hoffen wir, hoffen wir - und wir gehen dann über das Schloß und den Wolfsbrunnenweg nach dem Kümmelbacher Hof (natürlich, Frl. Knaps, fahren wir ein Stück) - und dann reden wir einmal über diese metaphysische Welt! Denken Sie sich einen Dampfer mit lauter Menschen, von denen keiner an dieses Gebiet
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| heranstreift, alles Oberfläche, Außenseite, Langeweile. Vor innerem Ärger über dies gesellige Nichts wurde ich gestern zum ersten Male unhöflich schweigsam. Nie wieder! Wie anders unsre Heidelberger Tage; und Sie müssen diese ganze Litanei schon mitanhören; denn daß ich überhaupt innerlich fähig geworden bin, an eine Töchterschule zu gehen (ein Gedanke, vor dem sich Kügelgen und Nieschling mit Grausen wandten), verdanke ich ja einzig Ihnen. Da liegen nun noch ganze Welten, die mir nach und nach aufgehen werden, und je klarer sie vor mir heraustreten, um so besser werde ich in der Seele der Mädchen lesen. Soeben kam Weiningers Buch zu mir ins Haus. Solche Menschen gibt es; aber wer hätte schon je ausgesprochen, was ich mit Eucken den "Weltcharakter" der beiden Prinzipien nennen möchte, die durch die männliche und weibliche Seele verkörpert sind? Ein Plato ahnte davon nichts, überhaupt kaum ein Philosoph, höchstens Menschen wie Goethe und W. v. Humboldt. In meiner Jugend haben mich Frauen erzogen, die teils nicht meine Hochachtung, teils meine Verachtung und meinen Haß erregten. Der letzte Eindruck hat fast ein Jahrzehnt verbitternd in mir gewurzelt. Er wurde auch dadurch nicht überwunden, daß ich als zwölfjähriger Knabe eine Erzieherin erhielt, die mit mir gemein
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|sam in hohen geistigen Fragen lebte, bis mein erwachsendes Kraftgefühl einen störenden Ton hineinbrachte. Sie starb mit 25 Jahren; ich werde sie nie vergessen. Worauf ich mit all diesen Geschichten hinauswill, ist dies, daß ein Mann, der ja offenbar nicht zur Mutter erziehen kann, diese geistige Welt in sich erlebt haben muß, um zur Gattin zu erziehen, und ich glaube, daß in diesem pädagogischen Verhältnis nicht das Bedenkliche liegt, was manche darin finden, zu denen Gott sei Dank mein hochgesinnter Direktor nicht gehört. Das sagte mir selbst Borchardt, der doch nur mit Knaben zu tun hat, daß sich dieser leichte Hauch von geistiger Erotik noch heute immer wieder in ihm erzeuge.
So komme ich vom hundertsten ins tausendste. Aber das Papier ist geduldig, und ich muß hier alle diese Gedanken einmal in mir verschließen. Denn die hohe Welt von Philosophen, die mich umgibt, versteht diesen Kleinkram nicht, sondern wendet sich zu Leibnitz und Eduard v. Hartmann und andern großen Toten, ohne übrigens auch bei diesen sonderlich in die Tiefe zu dringen. Paulsen und Münch, besonders der letztere, verstehen keinen Enthusiasmus zu nähren. Der erstere aber ist mir auch in diesen Krankheitstagen rührend wohlgesinnt.
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| In seiner schlechtesten Zeit, als er hier in Charlottenburg im Sanatorium des Westens war, las er meinen Troeltsch und schrieb mir von dort mit unsicherer Hand Worte freudiger Übereinstimmung. Er hat jetzt ein kl. Buch über "Das dtsche Bildungswesen in s. geschichtlichen Entwicklung" herausgegeben, das unter seinen populären Werken das allerbeste ist und eine glänzende, geniale Leistung darstellt. Danach hat im Winter seine Schaffenskraft nicht abgenommen, sondern er hat erst die ganze Tiefe, Klarheit und aktuelle Bedeutung seiner besonderen Richtung gezeigt. Wenn er darin nicht eben für lange Zeit Abschließendes, Unübertreffliches geleistet hätte, so daß nur Kleinwerk zu tun übrig bleibt, so würde ich ihm ganz in dieser Richtung folgen. Aber ich will doch versuchen, verwandte Wege zu gehen, und denke deshalb daran, mein Staatsexamen im Winter nebenbei zu betreiben, um mir die rechtliche und offizielle Basis dafür zu schaffen. Leider tut keiner meiner (doch vorwiegend pädagogischen) Gönner etwas dafür, mir hierfür fruchtbringende persönliche Bekanntschaften zu vermitteln. Das habe ich mir durch meine beängstigende frühe Selbstständigkeit verscherzt.
Sie müssen nicht glauben, daß ich die realistische
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| Seite der praktischen Pädagogik dabei nicht auch sähe und nach ihr handelte. Die Aufsatzkorrektur bringt sie ja auch nur zu sehr in Erinnerung.
Das Schwanken über meine künftige Arbeit, das daraus resultiert, hoffe ich in Heidelberg (?) zu überwinden. Jedenfalls werde ich den Humboldt-Plan, der diesem allen ja sehr nahe liegt, nicht aufgeben. Seine "Theorie der Menschenbildung", sein "Plan einer vergleichenden Anthropologie", und manches andre greift ja hier hinein, wennschon das wissenschaftlich nicht eben hohe Anforderungen stellt. Aber ob ich dann nicht mit energischen Schritten an die koncentrierte Behandlung der philosophischen Pädagogik gehen soll, wird mir täglich mehr zur Frage. Nur stört mich hier die notwendige Verbindung des Absolut-Lebendigen mit dem bloß Psychologisch-Theoretischen.
Aber nun endlich genug. Ich möchte von Ihnen gern hören, was Sie für innere Reiseeindrücke gehabt haben, wie Ihnen die Fahrt bekommen ist, wie Sie Hermanns Aufsatz finden und ihn selbst gefunden haben; was Frl. Knaps macht u. s. w. Und dann hoffen wir, daß es mir gelingt, über Weimar-Jena (Eucken) etwa um den 20.VII herum in Heidelberg zu sein. Wäre dies nicht, käme ich in Gefahr, die 5 Wochen Unterbrechung einer Tätigkeit, die vielleicht Oktober ganz aufhören muß, ernstlich zu verwünschen. Mit herzlichen Grüßen auch von m. Eltern Ihr Eduard Spranger.