Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Juni 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 26. Juni 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Nüchtern und pflichtgetreu sitze ich über dem Studium des Mannes, der gesagt hat: "Das, worauf die ganze Größe des Menschen zuletzt beruht, wonach der einzelne Mensch ewig ringen muß, und was der, welcher auf Menschen wirken will, nie aus den Augen verlieren darf, ist Eigentümlichkeit und Kraft der Bildung." (W.v. Humboldt.) Da erhalte ich Ihre Sendung. Obwohl sie erst für morgen bestimmt ist, reizt es mich, die Stille des heutigen Tages mit Ihnen zu verbringen, auf die Gefahr, dem unruhigen "morgen" das Wertvollste zu rauben.
Nun so ganz im Zusammenhang dieser Probleme, mehr als je von Humanitätsgedanken durchdrungen, erblicke ich in veredeltem Gewande, von Ihrem Geist neubelebt einen Aufsatz , den ich im Paroxysmus vor 2 ½ Jahren geschrieben und seitdem
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| nie wiedergesehen habe, ja nicht einmal besitze. Sie können sich nicht vorstellen, wie mich das ergriffen hat! Diese ehrwürdige Klosterhandschrift, und darin von Ihrer Künstlerhand verziert ein paar hingeworfene Gedanken, die mir wertvoll sind, weil wir sie zusammen erlebt und gedacht haben, weil sie verflochten sind in die heiligsten Erinnerungen, die ich noch immer wie ein Wunder verehre! Es ist etwas Dämonisches über uns beiden; auch ungeahnt treffen wir uns immer auf derselben Bahn; denn wie sehr ich diese Wege wieder wandle, werde ich Ihnen nachher noch erzählen. Sie haben eine Gabe zu erfreuen, die wahrhaft rätselhaft ist, die auch mich (stellenweise so undankbaren) Menschen in flammendes Dankgefühl versetzt. Müßte ich nur nicht fürchten, daß Sie sich bei der liebevollen Ausführung dieser zarten und feinen Blüten allzu sehr angestrengt haben, statt selbst hinauszugehen in das blühende Land. Ja, blütenreich ist Heidelberg immer für mich gewesen. Sie wissen, es war mein Wunderland, und ihm danke ich es, wenn ich mit schwellendem Herzen sagen kann,
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| daß ich mich mit jedem Frühling reicher, mächtiger gefühlt habe, immer neue Werte und Werke mir aufgingen; so auch noch jetzt, so wenig Vertrauen ich selbst hegte. Freilich, wenn Früchte daraus werden sollen, muß noch mancher ernste Kampf bestanden werden, und der Abschied von der freien Heiterkeit der Jugend zu der ernsten Gebundenheit des Reifenden ist immer ein Verzicht. Diese Blüten können und werden nicht alle reifen; aber freuen wir uns des Frühlings, den wir gemeinsam verlebt haben, und der wiederkehren wird, so oft wir beisammen sind.
Dies Kunstwerk könnte nicht so schön sein, wenn es nicht zuletzt Symbol wäre für etwas noch Tieferes, noch Echteres, als die Kunst, an der doch immer noch etwas vom Schein ist. Und diese eigentliche Wahrheit ist die, daß Sie zu den Menschen gehören, die immer geben können, fragen Sie sich nicht wie? und was? oder sonst etwas - es gibt Menschen, denen man dankbar ist, daß sie sind, und wie innig ich gerade dies empfinde, sehen Sie daraus, daß ich im allgemeinen von den Menschen nichts erwarte. Sie interessieren
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| mich, aber in ihrer Fertigkeit und begrenzten Möglichkeit haben sie für mich immer etwas Totes, Kaltes, auf die Dauer völlig Versiegendes. Nur die unbegrenzten Möglichkeiten der Werdenden vermögen mich zu erwärmen, und eine jugendliche Seele ist für mich das Ästhetische auf der Welt. Und solche jugendlichen Seelen habe ich nicht nur unter meinen Schülern, sondern auch unter meinen Lehrern gefunden: die Seelen, die für die Welt offen bleiben und nicht aufhören, sich aufwärts zu sehnen und andere mit sich aufwärts zu ziehen.
Es ist nun so gut wie entschieden, und zwar seit Freitag, daß ich die nächsten 1 ½ bis 2 Jahre über "die Entwicklung der Humanitätsidee und des Erziehungsgedankens im deutschen Klassicismus" arbeiten werde, um mich daraufhin zu habilitieren. Ich hatte neulich mit Paulsen darüber ein Stundenlanges Gespräch. Er darf nämlich gegenwärtig nicht lesen, ist aber in guter Behandlung und kam mir immerhin, trotz seiner Schwäche, etwas besser vor. Es handelt sich um Darmblutungen. Er lag auf der Veranda im Triumphstuhl; wenn ihn aber das Feuer faßte, erhob er sich halb und war
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| wie ein Jüngling. Nur für die Zukunft scheint er nicht viel Mut mehr zu haben. Zum dritten Male suchte er mich zur Übernahme einer Arbeit zu bestimmen, die auch in diesen Kreis gehört und zu der er sich verpflichtet hat, aber nicht munter genug fühlt. "Ich würde sie in keinen Händen lieber sehen, als in Ihren." Ich lehnte wiederum ab mit der Begründung, daß er die Lust und Kraft dazu schon wiederbekommen werde. Dann riet er mir zum ersten Mal energisch vom Oberlehrer ab. "Gerade wo Sie mit der Seele dabei sind, würde ich sagen Nein!" Aber Bildungswesen, Pädagogik und praktische Philosophie hätten Aussicht; auch die Unterrichtsverwaltung würde dem sympathisch gegenüber stehen. Mit dem Ministerium steht P. jetzt besser als je. Von Althoff sprach er sehr anerkennend. Übrigens sind im ersten Band der "Kultur" von Teubner-Hinneberg zwei Teile v. Paulsen bearbeitet, die sich eng mit meinen Gedanken berühren. Merkwürdig ist im 4. Bde Troeltschs Beitrag; darüber mehr. P. bedauerte es, daß ich T. kein Exemplar m. Aufsatzes zugeschickt habe. Mir ist es gleich, wennschon ich allerdings
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| über die sonstige gänzliche Wirkungslosigkeit des Aufsatzes erstaunt bin. Sie haben wohl keine Gelegenheit, einmal Erkundigungen über T. s Stellung zu mir einzuziehen? Falls ich annehmen dürfte, daß keine Feindschaft vorliegt, hätte ich nämlich nicht übel Lust, ihn zu besuchen.
Meine "Grundlagen" wurden neulich von einem Gegner (Neukantianer) sehr anerkennend im "Jahrbuch für Nationalök. u. Statistik" recensiert, wobei mir besonders ein Passus gefiel, in dem ich unverkennbarer Schüler Diltheys in höchst schmeichelhafter Weise genannt werde. Auch wird bedauert, daß ich mich noch nicht mit Max Weber auseinandergesetzt habe.
Daß Ihnen der Unterricht Freude macht, ist nicht weiter überraschend; ich glaube, er muß, und zwar um so mehr, als er im Herbart'schen Sinne "erziehender Unterricht" ist. Das wird beim Zeichnen freilich nur die Mädchen betreffen; Knaben sind zu wenig ästhetisch geöffnet. Auch ich befinde mich mit meiner Klasse in höchstem Maße in entente cordiale, und wir schreiten auf
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| unsrem etwas buntgepflasterten Wege gut vorwärts. Morgen früh lasse ich zur Feier des Tages einen Klassenaufsatz schreiben, und zwar wird ein Bild beschrieben. Die schriftlichen Arbeiten gestatten doch einen weitgehenden Einblick in die Individualität der Mädchen. Es ist ganz erstaunlich, wie die Natur ihre Geschöpfe nüanciert. Übrigens möchte ich zweifeln, ob ich im eigentlichen Sinne das Vertrauen der Gesellschaft besitze; mir scheint, daß ich ihnen dazu immer noch zu sehr Rätsel bin.
Und dasselbe den Lehrerinnen. Der Direktor revidiert nämlich jetzt nach allen Regeln der Kunst in den Klassen herum und kuckt jeder Lehrerin über die Schulter. Bei mir aber ist er trotz Ersuchen noch nicht gewesen; er hat mir aber eröffnet, daß er am letzten Mittwoch einmal kommen will. Also die reine Komödie. Übrigens ein prachtvoller Mann, tout-à-fait nach meinem Geschmack.
Von dem Humanitätsaufsatz haben wir selbst kein einziges Exemplar. Ich
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| lasse mir aber welche kommen, oder, falls die Nummer vergriffen ist, von einem Freunde eine geben. Nur bitte ich um eine kurze Frist dafür.
Hermann ist ja in diesem Sommer ungeheuer tätig. Hoffentlich gelingt es ihm, wie mir, beim Militär durchzurutschen. Sie scheinen keinen besonderen Bedarf zu haben; denn von Rechts wegen hätten sie mich nehmen müssen. Es freut mich, daß Sie mit der künftigen Schwägerin harmonieren. Hoffentlich lerne ich die Dame auch bald einmal kennen. Zunächst hoffe ich nach wie vor auf Heidelberg, sollten es auch nur 1 ½ Tage sein. Bei der Tour von neulich habe ich noch als Lichter aufzusetzen: Diner im Freien im Kümmelbacherhof; Kaffee in Neckarsteinach, und als kühnsten Gedanken Dilsberg. Wie schön ist Ihr Land, und mit der Gemüsekarte aus Bacharach haben Sie mich neulich ordentlich sentimental gemacht; Hotel Herbrecht im Vordergrunde mit der Terrasse war meine Wohnung. Herzlichen Dank für die erfrischenden u. glückbringenen Kräuter! Was empfehlen Sie im südlichen Schwarzwald bei Freiburg, hoch, aber nicht zu still? Oder wie denken Sie über Aufenthalt am Bodensee, entweder Bregenz oder Lindau? (bezüglich der Luft?) Herzliche Grüße auch an Frl. Knaps von uns allen und nochmals <li. Rand> meinen allerherzlichsten Dank Ihr getreuer Eduard Spranger.