Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Juli 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 11. Juli 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Keine Antwort mehr auf Ihren letzten lieben Brief - die bringe ich nun selbst in 8 Tagen - sondern nur ein paar Worte zur Reiseverständigung.
Überlingen habe ich liegen sehen. Es hat wenig Wald u. Berge, und wennschon dort Hoffnung auf Rudersport wäre, scheint es mir doch eine (nach außen) nicht zu rechtfertigende Idee, deshalb so weit zu reisen. Sonst liegt es in der Tat sehr hübsch und wäre recht nach meinem Geschmack. Bregenz ist mir doch zu weit, mindestens via Heidelberg, und das ist Bedingung. Was für hochfahrende Menschen aber haben Sie nach dem Schwarzwald gefragt? Warum denn gleich 1500, wo ich doch nicht schlafe? Ich denke jetzt an Hinterzarten bei Titisee, recht nahe an Freiburg, ca 900m. Gefällt es mir nicht, fahre ich im Notfall nach Überlingen.
Aber nun eines ganz offen, ja? Wegen des Paulsenfestes und einer weiteren Verpflich
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|tung am 17. kann ich erst am 19. fahren. Ich bleibe zunächst in Weimar, fahre am Nachmittag nach Jena, um Eucken, bei dem ich mich anmelden werde, zu besuchen. Sollte er keine Zeit an diesem Tage für mich haben, so fällt der Besuch fort, und nur falls er ausdrücklich Wert darauf legt, mich zu sehen, d. h. also mich [über der Zeile] am 20. zum Abend einladet, würde ich einen Tag notgedrungen zugeben, so daß ich dann erst am 20. Nachm. käme. Das würde mir aber sehr wenig passen. Denn wenn ich etwas von der Höhenluft haben soll, so muß ich mindestens 3 Wochen an m. Endziel bleiben, und am 13.VIII. sind die Ferien bereits zu Ende! Daher frage ich Sie - und Sie werden diese Frage bitte weder mißverstehen noch übelnehmen, ob Sie nicht vielleicht ohne nennenswerte Schwierigkeit die Stunde am Sonnabend einmal verlegen könnten? Oder sind es mehr als eine - dann würde ich freilich selbst nicht dazu raten. Aber ich meine auch deshalb schon, weil es am Sonntag in der Umgegend v. Heidelberg eigentlich nirgends hübsch ist. Gern würde ich ja nicht nur 2 Tage, sondern die ganzen Ferien
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| in H. bleiben. Aber die Ausnützung der Erholungszeit scheint mir unter den herrschenden Umständen eine Pflicht, der ich nicht nur das Opfer eines verkürzten Aufenhaltes in H. bringe, sondern auch das, mich in einer Gegend anzusiedeln, die für meinen freien Geschmack eigentlich zu still ist. Die Entscheidung über den Sonntag liegt also ganz in Ihrer Hand. Können Sie es nicht einrichten oder verregnet uns etwa der Sonnabend völlig, so bleibe ich noch; andernfalls hoffe ich auf Ihre Nachsicht und auf Ihr freundliches Verstehen meiner Motive, sowie auf ein ev. Treffen in Freiburg, falls Sie es auf Ihrer Reise berühren, ev. auch Basel. Hierüber erbitte ich noch eine kurze Nachricht.
Ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich Ihnen das Buch v. Paulsen uneingebunden geschickt habe. Es war aber - infolge des Buchbinderstreikes - auch beim Verleger nicht anders mehr zu haben. Die Kantbüste, nach meinem Gefühl ein schauerliches Machwerk, ist nunmehr fertig. Ob wir sie am Montag mit Deputation übergeben [über der Zeile] können, konnte mir
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| Frau Professor, von der ich eben komme, noch nicht bestimmt sagen. Jedenfalls aber bin ich zur Ablieferung anwesend und werde also den Jubilar persönlich sehen. Eben schickt er mir die neueste Auflage s. Ethik, die ich nun in 3 offiziellen Exemplaren besitze.
Ich bin jetzt noch sehr tätig, nicht mit der Freude des Schaffens, aber des Erledigens. Der Humboldt kommt noch zu einem wesentlichen Abschnitt, ebenso mein Jahresbericht, und überdies habe ich in diesen Tagen ein völlig neues, m. E. höchst originelles Prinzip der phil. Pädagogik entdeckt, dessen innere Durchführung in Hinterzarten erfolgen soll und von dem ich mir mehr verspreche, als von allen meinen früheren Arbeiten. Es ist aus meiner innerlichen, vielfach leidenschaftlichen Bewegung in diesem letzten faulen Vierteljahr geboren und führt zu den fruchtbarsten Konsequenzen. Ich freue mich, mit Ihnen zuerst davon reden zu können. Sonst tue ich es nicht, weil es in der Tat etwas ist, was ich mir ungern von Kollegen fortnehmen ließe.
Die Praxis hat in bester Harmonie geschlossen. Als beste Recension*) [li. Rand] Von meiner Schrift erschien in diesen Tagen die 12te! betrachte ich die Ausdrücke des
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| Bedauerns beim Läuten, zu denen ich es jetzt bereits gebracht habe. Als Malmotiv empfehle ich Ihnen: mich - im steifen Gehrock - der fünften Klasse vertretungsweise Märchen erzählend.
Neben die Kaffeekanne bitte ich mir diesmal sogleich Ihre Kunstwerke zu legen; ich gehe diesmal nicht wieder so fort.
Ob Hölderlin ein Pessimist ist? Ich würde es entschieden verneinen. Ich kenne überhaupt keinen reinen Pessimisten, sondern aller Pessimismus ist mir Wandelungsform eines tiefgründigen Optimismus. Gerade Ihr "und dennoch" ist ja das Höchste, was ich Ihnen wünschen kann, was wir überhaupt erreichen können. Darin liegt ja der unversiegliche Glaube und die unüberwindliche Gewißheit. Ich lege Ihnen den Brief eines "Pessimisten" bei, dem ich eben jetzt schreibe, daß ein Mensch, in dem noch solche Sehnsucht lebt, nicht zu verzagen braucht. Der Tag kommt gewiß, wo alle diese gefesselten Kräfte ungeahnt frei werden. Der arme N. schien beinahe am Ziel: er ist pädagogischer Enthusiast und lebte in Sandershausen in einem
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| pädag. Verhältnis, das seine Seele ausfüllte. Da erhielt er einen Ruf ans Kadettenhaus, was ich ihm seit Jahren glänzend gewünscht hatte. Aber schon nach 6 Wochen war alles zerschlagen, und nun sitzt er wieder in Erfurt, wo ich leider - aus den obengenannten Gründen - an ihm vorbeifahren muß. Den Brief hole ich mir selbst ab.
Hermanns Aktien steigen; er wird diesmal einen sehr schönen Geburtstag feiern. Seine Diss. kommt in eine recht gute Sammlung hinein. Warum haben Sie beide mir nicht reagiert, so oft ich wegen des Bölscheaufsatzes anfragte? Ich hatte schon am Erscheinungstage einen ganzen Haufen v. Exemplaren bei mir, dachte aber, H. hielte das Blatt oder hätte schon die Separatabzüge.
An Frl. Knaps kann ich nun nicht mehr schreiben. Ich hoffe aber, mich persönlich für die frdl. Glückwünsche bedanken zu können. Bitte empfehlen Sie mich doch bei ihrer Rückkehr. Falls ich nicht anders schreibe, erscheine ich also Freitag 5 Uhr zum Kaffee. Meine Eltern lassen Sie herzlich grüßen; auch ich bin mit herzlichem Gruß Ihr Eduard Spranger.
[li. Rand] Von den Klassenaufsätzen muß ich Ihnen noch manches erzählen.