Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Juli 1906 (Hinterzarten/Schwarzwald)


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Hinterzarten (Schwarzwald) Linde,
den 24. Juli 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Alles in mir drängt seit der Stunde meiner Abreise, Ihnen zu schreiben, richtiger: zu Ihnen, zurück zu einem vollen, reinen Glück, zu einer unvergleichlichen Tiefe seelischer Gemeinschaft, über die ich staune und die ich doch immer wieder natürlich finde. Daß ich hier nicht glücklich bin, liegt zu sehr in der Natur der Sache, in meiner Natur; vielleicht wäre ich es, wenn die Heidelberger Tage vor mir lägen; nun sie vorbei sind, sehe ich nur das negative Nichts, die Stummheit von Menschen und Gegenden. Ja, ich kann in der Erinnerung glücklich sein - ohne sie würde ich es nicht einen Tag ausgehalten haben - die Zukunft (Ihr letztes Wort) läßt mich hoffen, aber die Gegenwart mit ihren kleinlichen Lästigkeiten sollen Sie mir nicht schönfärben. Es ist das - was Griesbach ohne uns
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| beide war.
Sie sprachen von verschiedenen Welten. Es ist das doch nicht allein. Gewiß streben wir in unsern Gesprächen in eine höhere Objektivität, aber nicht nur. Es ist vielmehr dies ursprüngliche Füreinandergeschaffensein, die rein menschliche Harmonie, die uns auf jedem Boden so naheführt.
Denken sie noch an den Balkon auf dem Dilsberg, so luftig über der Welt? War das nicht noch viel gegenständlicher -möchte ich sagen - als der Schriesheimer Hof? Dabei drückt auf uns immer das eine Gefühl, daß wir nicht aussprechen können, was uns beiden eigentlich auf der Zunge liegt. Wir werden es nie können, wir werden nie den rätselhaften Grund ausschöpfen, den wir erleben, und unser Gedankenaustausch wird stets ein Streben bleiben hinaus aus der Einsamkeit unsrer Seelen, ein Streben gegen den Willen der metaphysischen Macht, die aus uns zwei geschaffen hat, wo wir
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| eines sein könnten.
Daher ist eine Uneinigkeit im Denken für uns etwas Sekundäres, wie die Sprache für den Gedanken etwas halb Zufälliges ist. Nur um eins möchte ich Sie bitten. Seien Sie stark im Glauben! Unterwerfen Sie diese Welt innerlicher Offenbarung nicht den Symbolen der Natur: es ist ja eine neue Welt, was hier geschaffen wird, etwas absolut Einziges, und es wäre traurig, wenn dies Erleben nicht fähig wäre, eine ganze idealistische Weltanschauung zu tragen. Für mich vermochte sies es, sie - darf ich sagen - vor allen, allen andern Faktoren meines Lebens. Also geben Sie keinen trüben Gefühlen über das Ganze des Daseins Raum. Mag es im einzelnen noch so düster sein - im ganzen ist es doch herrlich und wäre es um ein paar Tage im Neckartal. Wie glücklich sind wir, einen so schönen Hintergrund für unser Innenleben zu besitzen! In Berlin besitze ich einen kleinen Ersatz: junge Seelen, auf die ich wirke
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| im steten Gedenken an Sie. -
Hier ist [über der Zeile] es ganz nett; viel [über der Zeile] schwere Gewitter und Regen, Luft nicht gerade sehr kräftig. Gestern war ich in Titisee, heute in der Ravennaschlucht. Den Umständen gehorchend habe ich volle Pension genommen; die Gesellschaft war entsetzlich. Ich lasse mir daher gegen einen kl. Aufschlag einzeln servieren. Es ist alles gut und billig, aber etwas primitiv, woran ich mich erst gewöhnen muß. Bitte schreiben Sie mir nie ohne den Vermerk: Falls verreist, an den Abs. zurück. Denn in 8 Tagen werde ich doch wohl weitergehen. Die Landschaft ist sehr hübsch; aber sie wirkt nicht genug auf mich.
Ihre Geleitworte haben etwas Wahres und doch etwas Strittiges: Gewiß bin ich glücklich, in solcher Gemeinsamkeit mit Ihnen schaffen zu können. Und doch ist das Leiden ebenso tief, einsam durch die Menschen zu gehen. Halten wir also zusammen, halten wir uns auch an Goethe, dann werden die erfrischenden Früchte sich von selbst einstellen! Nichts anderes stählt gegen das Schicksal als das Bewußtsein, keinen ganz einsamen Kampf zu führen.
Freiburg ist nicht so schön wie sein Ruf. Auch die umstehenden Verse sind schlecht; aber Sie sollen sie bekommen, weil ich sie in Heidelberg (freilich todmüde) aufschrieb: sie sind so wenigstens original!
Und grüßen Sie bitte Frl. Knaps und danken Sie ihr für alle Freundlichkeit, wie ich Ihnen noch einmal direkt danke. Und wenn Sie wollen, so sagen Sie Herrn Weise, wie sehr ich ihn um seine Art zu reisen und zu betrachten bewundere und beneide.
In herzlichster Freundschaft
Ihr
Eduard Spranger.