Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Juli 1906 (Hinterzarten)


[1]
|
Hinterzarten-Abwarten, den 26.VII.06.
Liebes Fräulein Hadlich!
Nachdem es mir gelungen ist, hierselbst einige Eselsdisteln ausfindig zu machen, gefällt mir der Aufenthalt viel besser, ich habe gleichsam Geschmack daran gefunden. Ich werde also wohl fürs erste hierbleiben. Herzlichen Dank für Ihren freundlichen Vorschlag; aber das wäre doch nur etwas Halbes. Ich bin jetzt hier ganz ruhig geworden, seitdem mir der Rückzug von der Gesellschaft geglückt ist. Es ist nirgends besser; hier also wenigstens landschaftlich schön, ungezwungen und billig. Neulich habe ich sogar mit dem Pfarrer, dem Lehrer und den Kurgäschten gekegelt, aber
[2]
| scheußlich - mit den hier üblichen Lochkugeln. In Süddeutschland ist es eben doch hohl und bequem.
Herzlichen Dank für die beiden Sendungen. An H.s Diss habe ich nur genascht. Die Einleitung sehr hübsch, leider zu sehr bloße Namenrevue. Der C. Neumann ist feinsinnig, geistvoll, mir sehr sympathisch, obwohl mir scheint, daß die im Hintergrunde liegende Kunsttheorie begrifflich nicht genug geklärt ist. Sie erinnern sich, daß ich Ihnen zwischen Ebesbach u. Zwingenberg sagte, daß das Problem der Kunst zum großen Teil auf das <Maß> gesetzlicher Gebundenheit der Phantasie ankommt (Naturalismus - ästh. Idealismus); natürlich auch auf die <Art>. Zu unsern Ge
[3]
|sprächen über Pädagogik habe ich hinzuzufügen, daß ich Ihnen natürlich nur einen kl. Ausschnitt erzählt habe, und das Wichtigste eigentlich vergessen: nämlich den Übergang von der wertbestimmten Phantasie zur realen Wertbildung, und die Anwendung auf politisch-pädagogische Probleme. Dabei fällt mir ein, daß die Divergenz in der Betrachtungsweise H.s und meiner auch daran deutlich wird, wenn Sie Abschnitt II m. Altenstein mit s. Einleitung vergleichen. Neumanns Begriff v. Historischen S.6 ist übrigens mehr wie rückständig.*) [Kopf, S.2,3] Wenn man für solche Sachen kämpft, ärgert man sich natürlich über Abweichendes, weil es <li. Rand,S.3> hemmt.
Denken Sie, dies schreibe ich auf der 3. Bank im Walde. Ich habe mehrere Bücher mit (leichtes), welche
[4]
| ich erledigen will. Vielleicht komme ich auch zu innerer Verarbeitung. Ich habe ca 3 große Tagestouren vor, die ich auf etwa 9 Tage verteilen will. Zum Schluß sende ich vielleicht den Koffer zurück und wandere über St. Blasien nach Säckingen. Davon später. Einstweilen bleibt m. Adresse. Ihre bitte ich mir nach Möglichkeit anzugeben, aber auch zu verzeihen, wenn ich den Termin einmal nicht erreiche. So wünsche ich Ihrem hochgeehrten Frl. Tante und Ihnen eine recht schöne, glückliche Reise.
Frau und Frl. Knaps bitte ich, mein lebhaftes Beileid auszusprechen. Mit herzlichen Grüßen
Ihr Eduard Spranger.
[5]
|

26.VII.06.
Nein! mein gnädiges Fräulein, dies ist in der Tat kein Zufall, es ist Postdefraude und als solche verwerflich. Warum gewährt der Staat auf Drucksachen ein geringeres Porto? Damit man ihn betrügt und Kalenderblättchen mit Mitteilungen hineinlegt? Ich meine, diese Handlungsweise richtet sich selbst.
Fast müßte ich in diesem Ton des Bürgermeisters fortfahren, wenn ich nicht die theologisch-kritische Textinterpretation von Frl. Thönes fürchtete, die sie damals, wie mir jetzt eingefallen ist, an einer bedauerlich harmlosen Stelle übte. Die Sache ist für Sie Bankos Geist (s. Potsdam, Neuer Garten). Ich will nun aber mal den Schatten Samuelis beschwören. Voran schicke ich, daß ich selbstverständlich, wie jeder mo
[6]
|derne Mensch, auch einmal meine naturwissenschaftliche Periode gehabt habe. (1897 - 1899.) Sie können mit Ihrer Vergangenheit natürlich nicht brechen; aber man kann einseitige Anschauungsweisen überwinden, und in dieser Hinsicht finde ich in Ihrem Denken immer noch eine Kluft, deren Überwindung Ihnen anscheinend schwerer wird als irgend etwas. Sie sind durch meine Art zu sehen angezogen, doch wohl, weil Sie ein Stück Wahrheit darin finden. Trotzdem behält die Naturwissenschaft das absolute Prae bei Ihnen. Ich erlaube mir nun immer wieder zu sagen, daß Sie das nur vermöge der Unterschiebung eines sekundären, ästhetisch u. religiös gefärbten Begriffes von
[7]
| Naturw. können, daß Sie über die erlaubten, scharf gezogenen methodischen Grenzen der Naturw. hinausgehen. Ihre Naturauffassung ist ein psychologisches Phänomen für mich, keineswegs ein Theorem.
Wenn nun dieses Hinausgehen über die positive Naturwissenschaft so - naturnotwendig eintritt, empfinden Sie denn da garnicht das Bedürfnis, dies beides zur Einheit zu bringen? Sie brauchen ja die naturwissensch. Resultate nicht aufzugeben, dürfen es nicht; aber Sie müssen sie auf ihr funktionelles Maß, ihre streng fundierten Grenzen zurückführen, sonst wird Mysticismus daraus. An diesen Punkt wollen Sie nicht
[8]
| heran, da Sie ihn gefühlsmäßig überwunden haben, ist das prinzipiell unerheblich. Aber die Ehrlichkeit zwingt mich zu sagen: an diesem Punkte steht es in der Tat noch - "als es im Anfang war" und hier hat Hermann viel "rechter" als Sie. Ich stelle Ihnen frei, noch 3mal hintereinander Helmholtz' Tats. in d. Wahrnehmung zu studieren oder Riehls Vorträge über d. neuere Philosophie; oder aber selbständig 4 Wochen unausgesetzt darüber nachzudenken; denn Philosophie ist Tat, wie die Kunst. Sie müssen den erkenntnistheoretischen Grundfehler Ihrer Naturphil. innerlich überwinden, ehe Sie ihn auch logisch überwinden. Hierzu lesen Sie bitte Fichte Bestimmung des Menschen, wo Sie Ihre eigne Lebensgeschichte drin finden. Nur daß damals Spinozismus hieß, was heute <ein Wort unleserlich> Weltanschauung <re. Rand> genannt wird.