Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. August 1906 (Hinterzarten)


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Hier abzutrennen!
Hinterzarten, 5.VIII.06.
Liebes Fräulein Hadlich!
Vielen Dank für die freundliche Reisebeschreibung und die vorangehende Speisebeschreibung. Letztere fand ich mit einem herzlichen Brief von Eucken vor, als ich nach 8 stündiger Wanderung vom Feldberg kam. Ich fühle mich hier wohl bis zum Stumpfsinn, denke nicht, esse, esse wieder, schlafe, kegle, schreibe Briefe, lese sehr Gutes (Neumann, Goethe, Nat.tochter), esse, trinke dann, trinke noch einmal, worauf ich nach dem Nachttrunk ins Bett gehe.
Also verlangen Sie keinen Geist. Hat mir doch auch für Ihren letzten Brief die textkritische Auslegung durch Frl. Thönes schmerzlich gefehlt. Ich nehme die Anklage als verdient hin und bemerke nur - wozu ich als Herausgeber Huttens ja ein Recht habe - "Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch". Wenn ich ganz genau wissen werde, wo sich Recht und Unrecht der Toleranz scheiden, werde ich auch ganz gerecht sein, werde keine Launen, keine Nerven, keine Verzweiflung, keine
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| Ratlosigkeit und keinen Zorn mehr empfinden, sondern werde sein wie Gott, wissend Gutes und Böses. Dies versprech' ich auch ganz gewiß. Nicht minder hoffe ich, daß Sie die Grenzlinie zwischen Natur und der Tragik des Menschlichen ganz genau kennen und mir demnächst mitteilen werden. Bis dahin heißt es: Kämpfe um deine Güter! Und wahrlich, dieser Kampf lastet oft zu schwer auf den Schultern, so daß man der Devise laissez faire, laissez aller froh und dankbar sein darf.
Meine Idee, isoliert zu essen, hat so viel Sympathie hier gefunden, daß fast immer 3-4 gleich Gesinnte mit mir speisen. Ade also Einsamkeit und Selbstbesinnung. Es geht wenig vorwärts. Viel Vergnügen zu Ihrem Komfort. Leider würde ich derartige Zustände mit dem Ausdruck "Komm' fort" erwidern müssen. Ohnehin tritt dies am Freitag ein. Am Sonnabend bin ich wohl auf ganz kurze Zeit in Heidelberg, Sonntag bei Erwin Seidel in Würzburg u. bei Nieschling in Erfurt, Montag zu Hause u. Mittwoch in der Schule.
Erholen Sie sich recht, recht gut. Empfehlen Sie mich Ihrem Frl. Tante. Beifolgende Abschrift zurück erbeten. Herzliche Grüße Ihr Eduard Spranger.