Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. August 1906 (Hinterzarten)


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Hinterzarten, den 9.VIII.06.
Liebes Fräulein Hadlich!
Ehe ich meine Sachen zusammenpacke, nur kurz wenige Worte, zur Beruhigung, Ermutigung und Verständigung.
Sie müssen es mir nicht übel nehmen, wenn ich einigen wenigen, aus der Stimmung des Moments geborenen Worten keine so tragische Bedeutung beimessen kann. Ich war damals ärgerlich, gereizt - und so schrieb ich, was nach der kurz vorangegangenen Correspondenz allerdings mein Eindruck war. Ich war aber weit entfernt von der seltsamen Idee, den Inhalt und Ertrag von Jahren so in einer Zeile ausdrücken zu wollen. Was daran Substantielles war, ist es noch heut, und die Offenheit fordert, es meinerseits zu wiederholen: Ich glaube, Sie und Ihr persönliches Verhältnis [über der Zeile] zur Natur zu verstehen. Aber handelt es sich nur um das Verstehen?
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Als Ganzes, als Lebensanschauung kann ich den Naturalismus nicht billigen und kann daher nicht aufhören, ihn zu bekämpfen. Ich weiß, daß Sie nur noch mit halbem Herzen an ihm hängen. Aber wenn diese Hälfte am Pulsieren ist, sind Sie es eben noch ganz (nämlich Naturalist). Über diese unverbundene Dualität müssen Sie hinaus. Ich beklage es tief, daß ich Ihnen für diesen Schritt so garnichts bieten kann. Woran glauben Sie denn heute? Wenn Sie ehrlich sind: doch noch wie früher mit fester Überzeugung nur an die Natur. Dies ging auch aus Ihrer Stellung zum Christentum und zu der etwas äußerlichen Austrittsrede hervor. Das, was Eucken die Wendung zur Innerlichkeit nennt, haben Sie noch nicht vollendet. Ich verstehe, wie ich wiederhole, Ihr Innenleben so tief, wie es bei der herzlichsten persönlichen Zuneigung und einem ernsten Bemühen
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| mir übhpt jemals möglich sein wird. Aber Sie forderten eine Unehrlichkeit von mir, wenn ich Ihren Standpunkt als geschlossen oder als abgeschlossen betrachten sollte. Fragen Sie Ihre Freundin, ob er von ihren Realitäten aus möglich, durchführbar wäre. Und haben Sie nicht auch einen lebhaften Sinn für diese Realitäten?
Ich sehe, daß ich noch ausführlicher werden muß. Sie wollen sich von außen her verstehen; das ist Ihre Philosophie. Der umgekehrte Wert von innen her ist Ihnen interessant, aber Sie schreiten nicht zu der entscheidenden Tat. Ich könnte sagen: Bleiben Sie in der poetisch-zarten geistigen Umgebung, die Sie sich geschaffen haben; ich könnte in der Betrachtung dieser ruhigen und heiligen Sphäre, wie 1904!, glücklich sein. Aber ich darf es nicht, weil ich das Bewußtsein habe, daß dieser Standpunkt das Leben in seiner ganzen Fülle, Tiefe und Tragik nicht genügend heraustreten läßt. Es gibt eine Intensität des Daseins, die sich mit jener Anschauung nicht verträgt. Das ist das Dasein auf der Basis jenes "Dennoch", das in Fichte u. Eucken pulsiert. Ich kann Ihnen die Wahrheit dieser Anschauung nicht beweisen, als durch meine Existenz. Es handelt sich hier - wie ich schon neulich schrieb, nicht um Lehrsätze u. Erkenntnistheorie, sondern um eine Willensentscheidung,
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| um den absoluten Glauben an die Menschheit und die inhaltlichen Werte ihres Lebens. Ich kann die Resignation, der Sie huldigen, nicht mitmachen, wennschon ich der harmonischen Ruhe Ihrer Natur den inneren Frieden mitten in der Aktivität allein verdanke. Wir haben uns in dieser Weise ergänzt und gegenseitig gegeben; nur einen Augenblick hat es nach 1904 gegeben, in dem jeder [über der Zeile] v. uns in die Isolierung seines persönlichen Standpunktes zurücktrat. Ob es glücklich war, wi dieses Nichts nach dem Inhalt und der Fülle des Dilsbergtages selbstquälerisch ans Licht zu ziehen, will ich nicht entscheiden. Mir konnte es nur als eine Anklage erscheinen oder als ein Zeichen noch nicht überwundenen inneren Schwankens. Wie wenig Sie mich damals in meinen persönlichen Absichten verstanden, ist mir ernstlich niemals verdächtig geworden, weil der "Schein" für mich nie länger als einen flüchtigen Augenblick bedeutsam sein kann. Und was ich über Obstalden sagte und von Frl. Thönes so textkritisch interpretiert wurde, gestatte ich mir heute unter Beifügung heute eingegangener Karte v. Oesterreich feierlich noch einmal zu wiederholen; damals war es mutwilliger Scherz, heut ist es blutrünstiger Ernst, der Ihnen um so willkommener sein wird, als Sie ja jetzt täglich mit Bankos blutiger Gestalt an der Table d'hôte!! sitzen. Herzlichen Dank für die Aplenflora. Auch hier gibt <li. Rand> es solche. Beiliegende Pflanze heißt "das vertrauensblättrige Vergessenkönnenkraut." Darf ich es Ihnen <re. Rand> verschreiben? Herzl. Grüße Ihr Eduard Spranger.