Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. August 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 19. August 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Wenn Sie aus der Häufigkeit meines Schreibens in der letzten Zeit Schlüsse auf mein Gedenken an Sie gezogen haben, dürften Sie zu erheblichen Fehlschlüssen gekommen sein. Umstände, zuletzt Mißstände tragen die Schuld an meinem Schweigen, so daß ich mancherlei nachzuholen habe, mehr, als mir die ersten Tage nach der Rückkehr an Zeit gönnen wollen. Aber ich will versuchen, bis nach Hinterzarten zurückzugreifen, wo ich eine so ruhige, glückliche Zeit verlebt habe. Selten habe ich mich so gut erholt, selten aber auch so zweckmäßig und zurückhaltend gelebt, wie dort. Mit den letzten Tagen wuchs die fröhliche Gesellschaft um mich. Sie speisten alle "isoliert", d. h. an meinem Tisch, der schließlich der allein lustige und begehrte im ganzen Hause war. Dahin kamen die Lehrer des Ortes, die Pfarrer, die zur Kur da waren, zuletzt ein reizender französischer Präfekturat Dr. Hubert, ein Frhr. v. Lamesau aus Hannover Freiburg und vor allem
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| der mir in kurzer Zeit herzlich lieb gewordene alte Oberlehrer Budenbender aus Speyer, Organist der Protestationskirche. Mit diesem geist- u. humorvollen Mann habe ich manche Partie gemacht, und wir werden den Verkehr brieflich fortsetzen. Das war alles leider viel zu schnell verrauscht. Unter großem Geleit fuhr ich am 10.VIII. ab, sah in Freiburg noch zufällig Hansjakob und zog bei strömendem Regen in Heidelberg ein. Nachmittags ging ich zu Fuß - mit welchen Gefühlen! - am Neckar entlang bis zum Kümmelbacher Hof. Dort saß ich einsam und gedachte Ihrer beim Weine, und wenn ich einmal Lust habe, schicke ich Ihnen einige Verse von einem Schleier um das Dilsberghaupt. Am nächsten Morgen war ich auf dem Schloß und der Terrasse, Nachmittag bei meinem jungen Freunde Erwin Seidel in Würzburg. Es ist nicht leicht für einen Philister, mit der Jugend zu kneipen; ich war ganz aus der Gewohnheit. Trotzdem bekenne ich, daß die Weinproben im Residenzkeller herrlich schön waren. Sonntag Vormittag waren wir noch in Oberzell am Main, am Abend traf ich
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| mich mit Nieschling in Weimar, der mir einen tiefen, trostlosen Abgrund von f nervösem Pessismismus eröffnete. Montag war ich allein in Tiefurt und am Abend in bester Gesundheit zu Haus, wo ich meine Eltern gleichfalls frisch und munter antraf.
Seitdem ging es etwas abwärts. Die gefürchtete regelmäßige Magenverstimmung stellte sich ein und erschwerte mir die Arbeit und den Unterricht. Trotzdem gestehe ich gern, daß mir die Stunden in der Klasse reinen Sonnenschein bedeuten; ich glaube, ein paar recht gute Stunden gegeben zu haben. In den ersten Minuten waren die Mädchen ganz weg, als ich die Ferien und Goethes Italiensehnsucht und Mignon in Verbindung brachte. Überdies gab ich die ganzen Vertretungen in der 2. Klasse für eine noch verreiste Dame - Handarbeitsstunden! - und eine in der 3. Klasse. Hätten Sie den Jubel gehört, als ich auf der Bildfläche ganz unverhofft erschien und ihnen etwas von Weimar erzählte! Nachher kamen die Kolleginnen einzeln zu mir und berichteten mir, die Mädchen hätten
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| ihnen begeistert erzählt: "Denken Sie sich, Fräulein, wir haben eben bei dem <neuen Herrn> Stunde gehabt"!
Dies ist sehr niedlich, und doch führt auch der Unterricht seine kleinen, vom Reich der Ideen abziehenden Schwierigkeiten mit sich, die mir die erste Woche recht verdorben haben. Das feindselige Verhalten meiner Collega u. Ordinaria Frl. Laabs will ich dahin nicht einmal rechnen; es ist zu ertragen. Wohl aber die jetzt beginnenden Probearbeiten u. Versetzungsscherereien, die die Gemütlichkeit und das Bildende des Unterrichts rauben. Außerdem war der Direktor gestern zum ersten Mal bei mir drin, freilich angemeldet, also keine Kontrole, aber doch mit amtlicher Gravität. Hinterher freundschaftliche Kritik: "Ich will erst sagen, was ich auszusetzen habe:
1) Sie gehen zu viel hin u. her.
2) Sie fragen nicht alle, sondern einige wiederholt.
3) Sie bestätigen die Antworten, durch ja oder Wiederholung.
4) Sie stellen das Fragewort nicht an den Anfang.
5) Sie stellen Entscheidungsfragen, die man vermeiden soll.
Sonst aber machen Sie es recht gut; Sie sind lebendig beim Unterricht und haben auch Interesse. - So sehr ich ihm in allem rechtgeben muß, lache ich doch
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| innerlich, wenn ich bedenke, wie viel mächtiger der pädagogische Enthusiasmus in mir glüht, ohne daß er davon etwas ahnt.
Aber nun kommt die Hauptkalamität: es scheint, daß ich zu Oktober abgehen muß. Die Städt. Schuldeputation hat m. Angelegenheit in der Schwebe gelassen, keineswegs acceptiert. Bei einem Gesuch um Verlängerung kommt der Krach natürlich zum Ausbruch, folglich wird das Provinzialschulkollegium sich hüten, es zu bewilligen. Denken Sie sich, um meine 4 Stunden! Der Direktor könnte mich ganz gut bis Ostern durchschleppen, aber dazu hat er keinen Mut, er läßt nicht undeutlich durchblicken, daß mein Abgang für ihn das Ruhigste wäre, und mein Vater meint: für mich das Vornehmste. Ich werde aber mit aller Energie darauf hinarbeiten, daß mir diese Lebensquelle, die mich innerlich frisch hält, nicht verstopft wird. Soeben habe ich an Paulsen geschrieben, er möchte mein Gesuch beim Minister unterstützen; es sollte mich wundern, ob der Decernent über diesen Umstand für eine Maximalzahl von 6 Stunden nicht schließlich lachen muß. Es ist für meinen Stolz nicht leicht, hier einmal den Petenten zu spielen; aber weil mir die Sache so wertvoll ist, tue ich es, freilich nicht, ohne durch diese
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| quisquilienhafte Eröffnung des neuen Arbeitsjahres verstimmt zu sein und - im Verein mit den andern Erregungen und meinem mangelhaften Befinden - gleich sehr viel Kraft u. Idealismus verschleudert zu haben.
Darüber komme ich nun natürlich nicht zum Arbeiten, kaum zu dem Jahresbericht, geschweige denn zu meinen eignen Ideen. Denken Sie doch, wenn ich selbst den Text des Probediktats dem Direktor zur Begutachtung vorlegen muß. Wenn mir die Mädchen nicht alles reichlich vergälten - dieser Kram lohnt wahrhaftig die Eingabe nicht. Außerdem kommt jetzt mein Rousseau in den Druck, und Renner umschleicht meine Mutter und mich, weil er meinen Troeltsch noch einmal abdrucken möchte, und zwar - was das beste ist - auf meine Kosten.
Sie sehen, daß über dieser praktischen Pädagogik die theoretische nicht fortrückt, bis zu dem Moment, wo einmal der große Zorn anfängt, mir die Feder zu führen. Sie haben zugleich eine Erklärung, weshalb ich erst heute zum Schreiben komme und zum Dank für Ihre Karten an m. Vater und mich. Möge Ihnen in der Schweiz alles so schön idealistisch
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| blühen, als es hier realistisch ist. Nerven kuriert man im allgemeinen nicht, so lange man innerlich glüht und gewöhnt ist, auszugeben was man hat. Was will man auch mehr? Nach dem Unterricht falle ich in der Regel auf einen Konferenzstuhl und bin erst am Nachmittag wieder zu brauchen. Besser wäre es, ich hätte statt des Eifers u. der Glut das Staatsexamen! Aber ich will nicht bitter werden; nur ist der Kampf mit dem Kleinlichen das schwerste für die, die das Große wollen.
Ich muß von Ihnen Abschied nehmen, um noch einige Streifen zu recensieren. Nicht wahr, wir knüpfen nun das Weitere an den Dilsberg an und vermehren nicht das Heer realer Widrigkeiten durch selbstgeschaffene? Ein Wort von Chamberlain hat mich neulich wunderbar getröstet: es ist auch Ihre Überzeugung - trotz entgegengesetzter Formeln - "daß die Welt eine moralische Bedeutung hat"? Mir jedenfalls ist das Lebenselement. Leben Sie recht wohl und gesund. Wir alle grüßen Sie herzlich. Bitte empfehlen Sie mich Ihrem Frl. Tante.
Ihr Eduard Spranger.