Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. September 1906 (Charlottenburg)


Charlottenburg, 1. September 1906
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Wenn ich mich trotzdem in einer ungemein zufriedenen Stimmung befinde, so wohlig, daß ich gar keinen Fleiß entfalte, sondern künstlerhaft herumschlendere, so verdanke ich das der Schule. Vielleicht sind es Abschliedsklänge, aber sie sind schön. Ich habe übrigens, nach einen persönlichen Besuch im Ministerium, eine Eingabe an das Provinzialschulkollegium in der erwähnten Sache gemacht. Paulsen hat mir dazu ein Zeugnis geschrieben, ein Zeugnis, über das ich erröten muß und das ich nicht wiedergeben kann, in so ungemein glänzenden Farben ist es gehalten. Auch Knauer hat mir "gute Disziplin", "Ernst der Persönlichkeit" etc. attestiert. Wie schmeichelhaft! Na also - die Probearbeiten sind geschrieben und - ich weiß nicht, war es ein Gott oder die Mädchen, es sind statiöse Leistungen geworden. Der Aufsatz: "Welche Schritte werden in Schillers "Maria Stuart" zur Befreiung der Heldin getan"? war wirklich schwer; Aber die erste Abteilung, d. h. die vor dem Feuer stehende, hat es sehr nett gemacht. Hier - mit Nietzsche zu reden - die Tafel der Werte: Aufsatz: 1 sehr gut, 2 gut, 6 genügend, 1 mangelhaft, 1 fehlt. Diktat: 1 sehr gut, 4 gut, 1 genügend, 2 mangelhaft, 2 ungenügend. Die 2. Abtei.lung ist freilich ein Höllenpfuhl, aber es sind auch da hübsche Leistungen vorhanden. Die eigentliche Ursache aber meines Sonnenscheins ist der häusliche Aufsatz: "Die Hauptgegenstände des lyrischen Liedes." Drei Stunden habe ich ihn vorbereitet, wir sind die ganze Lyrik unseres Lesebuches und noch mehr durchgegangen. Die Disposition hieß Gott. Natur. Menschenleben (Volks- und Einzelleben.) Dann habe ich gesagt, der Aufsatz könnte ein kleines Kunstwerk werden, und - mit einer niederträchtlichen Miene - ich hoffe, nur Kunstwerke zu bekommen. Am Tage, wo das Unreine fertig sein sollte, kamen einige und sagten, sie hätten nur die Hälfte bis jetzt; es wären 17 Seiten. Darauf Protest meinerseits. Die Länge wäre zu beseitigen, wenn man das Schlechte herausstriche und nur das Gute stehenließe. Antwort. sehr richtig: sie wüßten nicht was schlecht wäre. - So bekam ich denn glücklich am Mittwoch 50 Aufsätzte, die häuslichen bis zu 15 Seiten, da ich versprochen hatte, nicht zu murren. Und die Korrektur war für mich ein einziger Genuß. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wieviel Fleiß, Verständnis und Empfindung die Mädchen hineingelegt hatten. Auch äußerlich war alles diesmal so schön, daß man die Freude und Lust an der Arbeit daran sah. Dabei jede individuell, jede hat andere Gedanken, andere Lieder, andere Neigungen, und zwischendurch immer das deutliche Echo dessen, was ich gesagt hatte. Kein Erwachsener könnte die Sache so schön machen. Man sah die Natürlichkeit, die Reinheit und Tiefe einer ursprünglichen Empfindung. Dabei eine reine Phantasie, eine lebhaft anklingende Sehnsucht, ein Verständnis für alles. Selbst das, was moderne Pädagogen leugnen, eine ganz unbefangene, selbstverständliche Religiosität, die m. E. diesem Alter absolut natürlich ist, leuchtet daraus hervor. Wie hübsch ist es, wenn Charlotte Möller zum Schluß schreibt: "Jedes empfindende Menschenkind sammelt sich die besten dieser Lieder in einem Tagebuch wie Blüten und Perlen zum unverlierbaren Besitz fürs Leben!" Einige natürlich lassen sich immer helfen! aber das meiste ist eigene Arbeit, und eine Beratung von anderer Seite, wenn sie nicht gerade zu diktiert, halte ich für erlaubt und vorteilhaft. Ich bin streng im Zensieren und habe beim Klassenaufsatz, der mehr logischer Natur war, neun unter 14 der 2. Abteilung unter genügend gegeben. Hier aber habe ich gar nicht genug lobende Prädikate. Es ist doch geradezu phänomenal, wenn ich bei meinen Ansprüchen zwei lobenswert, fünf sehr gut, 10 gut nennen konnte, und nur eine nicht ganz genügend ist. Seitdem sind die Mädchen mir erst recht ans Herz gewachsen. Man muß erst ein Verständnis für sie gewinnen. ... Paulsen schrieb mir einen vier Seiten langen, ungemein herzlichen und weichen Brief aus Starnberg......