Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. September 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 20.IX.06.
Liebes Fräulein Hadlich!
Was müssen Sie denken über diese lange Pause! Ich selbst bin erstaunt, daß sie möglich war, wennschon ihre Ursachen mir genug bewußt sind. Ich war eine Maschine in der letzten Zeit, leider eine schlechtfunktionierende. Sie können sich von der Überlastung, die mich gegenwärtig fesselt, keinen Begriff machen. Der Jahresbericht soll am 15. Oktober fertig sein, eine fast unmögliche Aufgabe. Die Bibliographie umfaßt 800 Nummern, von denen ich anstandshalber 150 erwähnen muß. Diese Aufgabe kann eigentlich nur von einer Capacität gelöst werden; es gehört eine allgemeine Bildung und ein Interesse dazu, wie sie in Deutschland nicht viele haben. Das alles für höchstens 150 M ist eine Lächerlichkeit, man macht es einmal und nie wieder. Bei meiner Empfänglichkeit für jeden Standpunkt, jede Idee wurde die Lektüre
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| für mich eine furchtbare Überfütterung. Immer neue Stoffe und Gebiete stürmten auf mich ein, mit keinem wurde ich fertig und über alle sollte ich urteilen. Das hat meine Phantasie so herabgedrückt, daß die Sommerzeit wie in unendlicher Ferne hinter mir liegt. Auch ist es mir gesundheitlich sehr schlecht gegangen bis vor 3 Tagen: ich will darüber nicht klagen; aber mein Nervensystem hat unter der traurigen Diät, einer zu starken Dosis Opium und manchem andern stark gelitten. Ich jammere darüber nicht mehr, sondern halte mich unter strenger Zucht, obwohl es mir manchmal zweifelhaft ist, wohin mich die allgemeine Schwäche meiner Constitution noch einmal führen wird. Wir beide haben mit unsrer Sommererholung kein Glück. Mögen Sie etwas gerettet haben! Ich bin sie gänzlich los.
Heute habe ich mir nun nach mancherlei Hindernissen den Vormittag reserviert, Ihnen zu schreiben. Die Sendung der reizenden Blumen an meine Mutter ist nicht die äußere Mahnung gewesen, deren bedurfte es nicht. Unsre Freundschaft ist zeitlos, auch was die Lücken der Correspondenz betrifft. Nur weiß ich garnicht mehr, wo anfangen, wo auf
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|hören. Ich bin Ihnen, das weiß ich, seit undenklichen (!) Wochen Antworten schuldig auf Dinge, die Sie mir schrieben und die mich freuten. So ganz ungeteilt war diese Freude nicht. Es kommt jetzt manchmal das Gefühl über mich, ob nicht ein Zeitpunkt da ist, wo Sie nur ungern mit mir gehen, nur halb, nicht ohne Rückblicke und schmerzliche Resignation. Und das macht mich ängstlich; es würde mich niederdrücken, wenn ich nicht in dem festen Glauben lebte, daß unser Weg nach oben führt. Wenn ich unsicher bin zu Zeiten, wenn ich imstande bin, für einen Moment absolut und an allem zu zweifeln, so müssen Sie die völlige Einsamkeit bedenken, in der ich innerlich lebe, und dieses Gefängnis öffnet seine Pforten nur da, wo ich mich mit Ihnen aussprechen kann. Dieses Blatt stammt vom Marienkirchhof; ich habe es an einem Tage, als das Scheiden des Sommers mich mit Übergewalt ergriff, geholt. Dort ist die Heimat meiner Familie. Manche Kindheitserinnerung knüpft sich an das Centrum Berlins; wie manchmal bin ich in diesen Tagen auf wenige Minuten in den Park von Pankow geflüchtet. Und in dieser Gegend auch liegt das Schwergewicht meiner jetzigen Tätigkeit. Lassen Sie uns an diesem Orte ein wenig verweilen und die alte Frage: "Was ist das Leben?" wieder in uns laut werden. Es gibt Tage, wo ich unter dieser Frage zusammenbrechen möchte, aber nicht gebrochen, sondern weil ich die Erhabenheit dieses Erlebens nicht in Worte fassen, nicht in Taten ausschöpfen, nicht in Kunstwerken gestalten kann. Und glauben Sie wirklich, daß die Sprache des Friedhofs eine andre ist? Glauben Sie, daß da allein die naturwissenschaftlichen Anschauungen ausreichten, um den Gehalt des Daseins zu fassen? Glauben Sie, daß irgend jemand ernstlich in und von diesen Gedanken gelebt haben könnte? Mir kommt das so vor, als sollten wir ein Gemälde nicht perspektivisch sehen, und doch - beweisen Sie mir, daß es mehr ist als Fläche! Ich kann diese flächenhaften Anschauungen vom Leben nicht leiden; und wenn ich mich heute prüfe, so hat die flächenhafte Skizze, die Sie mir in der Wolfsschlucht vorlasen, einen Mißton in mich hineingebracht, gegen den ich mich nachträglich vergebens wehrte. Sie müssen mich nicht falsch verstehen. Sie sahen den lebendigen Mann dahinter, den lebendigen Christen, den vollen, großen Charakter. Ich sah nichts als den einseitigen Denker und den sich selbst nicht verstehenden Intellektualismus. Ich bin nicht intolerant; ich verstehe jede Richtung; aber es schmerzt mich (wie es mich auch bei Hermann schmerzt), wenn man das Leben flächenhaft sieht. Und deshalb komme ich immer wieder auf den und auf die zurück, die vor allen andern diesen Gesichtspunkt überwunden haben: auf die Welt christlichen Lebens und Tuns, nicht im orthodoxen, aber im zeitgemäßen, bleibenden Sinne. Keine naturwissenschaftliche Einsicht kann mir ein beruhigendes Wort darüber sagen, weshalb ich in der Vergangenheit wurzle, weshalb die Toten für mich nicht tot sind; weshalb ich das Leben liebe, das ich in der Jugendwelt sich entfalten sehe; weshalb ich über Leid und Schmerzen hinweg helfen möchte, dies eine zu erhalten und zu erhöhen: das irdische Leben mit all seinen Tiefen und Werten, seiner dunklen Rätselhaftigkeit, seiner Grausamkeit, seinen Enttäuschungen und seinem unversieglichen idealen Gehalt. Die Gewalt dieses Eindrucks, der mich an allen Orten und immer wieder von neuem packt, verlangt nicht nur nach einem verstandesmäßigen Ausdruck (nach einer Flächenproduktion) sondern nach Plastik, nach Gestalt. Das Leben als Schöpfung, als Geburt ist unendlich höher als jedes System, und nur diejenigen Menschen, die nach dieser Seite hin ruhig geworden sind, lassen den Verstand in sich wuchern; er zeichnet dann eifrig die Linien des Gebäudes nach, das vorher fertig dastand. Leider kommt er damit nicht zu Ende, und es ist rätselhaft, daß das so viele nicht merken. Diese Stütze also muß ich Ihnen nehmen, weil sie unwahr ist, weil sie durch jeden Moment des Lebens widerlegt werden kann und für den ersten Menschen, der Ihnen begegnet, schon nicht mehr gilt. Meine Anschauung aber gilt für alle; sagt sie doch nicht mehr, als daß Leben unendlich viel früher, unendlich viel mehr ist als alle Wissenschaft und Reflexion. Darum nun kein Obskurieren, sondern Fortarbeit an der Reflexion, Durchleuchten des Daseins, Klärung, Besonnenheit. Aber es darf nicht dahin kommen, wie bei Hegel, daß der Begriff nachher als das erscheint, was das Leben macht. Dies ist natürlich auch bei Hegel nur dadurch möglich, daß man nicht allein das Leben begrifflich, sondern auch den Begriff lebendig auffaßt. Und darin sehe ich nichts als heillos unklare Verwirrung, die mich auf immer von Hermanns Standpunkt trennen wird. Daß ich unter den obwaltenden Umständen
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| zu seiner Diss. noch nicht gekommen bin, werden Sie verstehen und verzeihen. Seinen Aufsatz habe ich garnicht verstanden. Soweit ein einheitlicher Gedanke dahinter liegt, ist er spielende Konstruktion einer Sache, die wissenschaftlich von ganz andern Gesichtspunkten aus behandelt werden müßte. Wozu aber dies so wenden? Warum redete man nicht von einer Pflicht zur Erziehung? Denn Rechte (im jur. Sinne) geltend machen kann doch nur eine "mündige" Person. Die ganze Frage ist zunächst eine ethische; sie wird erst innerhalb des Staates zu einer juristischen; kurz das alles fördert uns garnicht und sagt mir nicht zu. Ich habe es Hermann nicht geschrieben; denn für ihn stehen die Grundlinien des Lebens fest, was sie für mich nicht tun. Das ist die Differenz. fing neulich wieder vom Hegeltum an und fragte: "Was würden Sie denn nun gegen diese HegelianePrediger Scholzr tun, Dr. Sp., das ist doch auch für Sie eine Gefahr." Ich antwortete: Sehr einfach: man stellt ihnen eine praktische Aufgabe. Man stellt sie ins Pfarramt oder ins Lehramt. Behalten sie dann diese Anschauungen, so wird es nichts schaden; vielleicht aber bleibt ihnen keine Zeit mehr dafür.
Ich für meine Person entwickle mein Denken an meinem Erleben. So erwächst mir
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| im Unterricht selbst eine philos. Pädagogik, wie Schiller und Goethe vom dichterischen Schaffen aus mit Notwendigkeit zur Reflexion über ihr Tun, über die Gesetze ihrer Produktion gedrängt wurden. In dieser Berührung von Produktion und Reflexion entstand die klassische Ästhetik.
Daß ich lebe, atme und bin in meinem Unterricht und seit seinem Beginn um das Zehnfache innerlich bereichert bin, wissen Sie ja. Ich bin glücklich, daß ich auf Paulsens beiliegende Empfehlung hin anstandslos die Verlängerung bis zum 1. Okt. 1907 erreicht habe. Dabei nehme ich die Dinge wie sie sind, nicht idealistischer, als der Umgang mit der idealistischen, aber energielosen Jugend sie erscheinen läßt. Ich bete das Kind nicht an, sondern suche es über sich hinaus zu fördern, so daß ich selbst Hermanns Hinneigung zu dem Milchpädagogen Otto nicht verstehe. Dabei gebe ich mich ganz frei und mit natürlicher Sicherheit, so wie ich bin, manchmal auch das ganz Schwere und Philosophische vortragend; sie haben es einmal gehört (und je weniger sie verstehen, um so leuchtender die Augen), nicht nach Vorbereitung, sondern im unmittelbaren, gefühlswarmen Vortrag.
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Sie verstehen es, auch wenn sie es nicht behalten. Auch den Geburtstag des Großherzogs von Baden habe ich als nationalen Feiertag erwähnt; der Mann bedeutet für mich was, also auch für meine Schülerinnen.
Etwas anderes freilich ist es, wenn man 7 Nummern über jede einzelne abgeben soll. Bei den mündlichen Prüfungen habe ich ihnen in Gegenwart des Direktors nach Kräften geholfen; wenn er deshalb glaubt, daß ich die Milde selbst bin, irrt er. Denn ich will sie nur schützen gegen den Schulmechanismus. Nun aber diese Einzelheiten wären ohne Ende. Frl. Laabs spielt weiter die Rätselhafte, so daß es dem Direktor jetzt auch aufgefallen ist. Das sind die Dornen an den Rosen.
Am 3. u. 4. Oktober tagen in Potsdam die Freunde der "Christlichen Welt". Ich gehöre geistig zu ihnen; seitdem ich so vorzügliche Bücher wie Boussets "Wesen d. Religion", Weinels "Jesus im 19. Jhrhdt." und bes. Naumanns "Briefe über Religion" für den Jahresbericht gelesen habe, noch mehr. Hier ent
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|wickeln sich moderne Gedanken von großer Tragweite.
Hahn hat mir wiederum sehr wertvolle Briefe geschrieben; ich lege einen [über der Zeile] 2 bei, den [über der Zeile] die ich mit der Abschrift von Ps Empfehlung zurückerbitte.
Sie haben nun Ihr Heim wieder erreicht und fühlen sich hoffentlich nach den schönen Wochen in Cassel gesund und glücklich. Frl. Knaps hat meiner im Schwarzwald so freundlich gedacht; ich habe mich außerordentlich darüber gefreut. Einstweilen bitte ich Sie, ihr vielmals dafür zu danken, wie ich auch im Namen meiner Mutter für die ihr erwiesene hübsche Aufmerksamkeit vorläufig herzlich danke. Lassen Sie mich Gutes von sich hören; was macht der Unterricht? Von welcher Partie stammen die Blumen? Steht der Dilsberg noch und der Kümmelbacher Hof? - Ich stecke manchmal so tief in der täglichen Arbeit, als gäbe es gar keine freundlichen Landschaften und Erinnerungen. Da ist ein Brief an Sie die rechte Befreiung. Nun geht es wieder eine Weile, auch in den trüben Herbsttagen und manchen Hemmnissen, die ich nicht erwähne. Ich bleibe mit herzlichsten Grüßen von uns allen
Ihr dankbarer und treuer Eduard Spranger.

[re. Rand] Der alte Pfarrer von Dieffenbach in Bacharach ist am 9. Juli gestorben.