Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. September 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, Kantstr. 140.
Den 26.IX.06.
Liebes Fräulein Hadlich!
Nachdem ich eben mein "erstes Semester" fröhlich geschlossen, werde ich durch Ihren lieben Brief noch fröhlicher gestimmt. Diesmal soll nun die Lücke nicht so groß werden. Deshalb lasse ich meinem Drang sogleich die Zügel.
Aller Streit der Menschen ließe sich vielleicht im Handumdrehen beilegen, wenn man sich gewöhnte, alle Theorien, Dogmen, Weltanschauungen nur als Bilder anzusehen, denen als Original ein unfaßbares, unsagbares Erleben entspricht. Darin liegt freilich ein Herabdrücken unsrer verstandesmäßigen Wesensseite; aber ich glaube, wir müssen diesen Schritt immer energischer tun; denn es zeigt sich, daß die Gefühle ewig sind, während die Begriffswelt ewig wechselt. Ich bin überzeugt, daß dieser Wechsel im ganzen ein Fortschritt ist; aber eben deshalb müssen wir dahin streben, unsre Begriffe dem wirklichen Erleben immer adäquater
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| zu machen, sie psychologisch zu verfeinern.
Aber noch ein zweites Zugeständnis ist notwendig: das Erleben ist nicht gleichartig, sondern individuell verschieden und subjektiv bedingt. Deshalb erheben wir uns zum Überindividuellen, gleichsam zum allgemeinen Lebensgrunde nur im Verstehen, und deshalb wieder streben wir nach Humanität, weil nur der Mensch von vielseitigem Verständnis das Leben ganz auskostet. In der Humanität liegt eine große Portion Toleranz; tout comprendre, c'est tout pardonner. Aber keine absolute; denn es wird nun das Bestreben sein, andre von ihrer Einseitigkeit abzubringen. Endlich liegt nicht in der Vielseitgkeit allein der Gipfel des Menschentums, sondern es handelt sich um Kraft und Tiefe des Erlebens und eine richtige Stellung zu den Werten dieser Welt, deren Bemessung ich mir heute noch nicht entfernt als eine wissenschaftliche Einsicht, sondern nur als Genialität oder Gnade denken kann. M. a. W.: Ich glaube nicht daran, daß man auf dem bloßen Wege der Philosophie Werte und Ziele in uns hineinbringen kann, die vorher nicht im System unsres Erlebens angelegt waren. Dies ist die Achillesferse meiner Anschauung.
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| Gibt man mir einen Menschen von genialer Größe des Lebensverständnisses wie Christus, Goethe, Plato, so will ich alles andre daraus deducieren. Das ist der Archimedische Punkt. Aber solche Menschen müssen wachsen ; eben deshalb sind sie unentbehrlich; man kann nicht durch Argumentationen eine neue Lebensauffassung erzeugen. Sind Sie in diesem Punkte, den ich Eucken so unendlich hoch anrechne, mit mir einig, so befällt mich kein Zweifel mehr. Der Zweifel ist - abgesehen von Augenblicken vorübergehender Schwäche - immer nur Wirkung einer intellektuellen Lebensauffassung; aber im Intellekt wurzelt eben das Werthafte unsrer Natur nicht. Ich bin nicht Gegner der intellektuellen Arbeit; eher ein Fanatiker derselben. Denn mein philosophisches Ziel ist ja gerade, heraus zu bekommen, wie solche schöpferischen Menschen sich das Leben gestalten, wie dieser Prozeß in ihnen vorgeht, welche Einzelgesetze sich dabei etwa feststellen lassen. Deshalb untersuche ich die Humanitätsideen. Das wird gleichsam eine theoretische Ästhetik der ethischen Lebensführung.
Aber zurück zum Ausgang. Ich sagte, daß das innere Erleben unveränderlicher ist, als die Welt
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| der Begriffe. So sind z.B. Pantheisten und Theisten nur durch einen minimalen Zug geschieden. Beide erleben die Werte, die sich für sie aus dem realen Zusammenhang dieser Welt ergeben. Aber zugleich lebt in ihnen ein Drang, ein Werten, dem in diesem Zusammenhange keine Realität entspricht, ein unendlicher Trieb, wie Fichte sagt. Der Theist entwertet nun entschlossen die Welt; er ordnet ihr eine zweite über, in der jene gehemmten Werte frei werden. Der Pantheist bejaht entschlossen diese irdische Welt; aber dabei denkt er sie selbst unmerklich um; er vergöttlicht sie. Ist nicht die Realität, von der beide ausgingen, dieselbe? Ist es nicht ein ungeheuer zweckmässiger Kunstgriff, überall hinter die Dogmen auf dieses unsagbare Werten zurückzugehen und so das Ursprüngliche statt des Sekundären zu studieren? Die Sehnsucht des Menschen bleibt dieselbe, ob er Pantheist sei oder Theist. Deshalb ist auch nichts unausrottbarer als der Unsterblichkeitsglaube, der als Dogma ja eine unerhörte Utopie ist, aber als Wertverfassung doch einfach nicht fortzuleugnen. Der Wert der Einzelseele, der Wert der moralischen Seite des Lebens, der Wert unsrer ungestillten Ideale, das alles ist da, und es projiziert sich mangelhaft genug im Unsterblichkeitsdogma. Nur 2 Forderungen sind hierfür freilich Vorbedingung: 1) Die Abkehr vom
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| Intellektualismus, 2) Der Ausgang vom Subjekt. Das letztere nun ist an sich ganz unvermeidlich. All unser Denken basiert ja doch auf unserm Erleben, und mag die Naturwissenschaft noch so anthr heliozentrisch sein: Ihre philosophische Verwertung ist immer anthropocentrisch. Nichts ist überhaupt lächerlicher, als die Weltanschauung auf die Maße von Metern zu begründen. Wer einmal durch ein Fernrohr oder ein Mikroskop gesehen hat, weiß, wie sekundär dies Räumliche im Welthaushalt ist.
Metaphysischer Spekulationen enthalte ich mich im ganzen; auch die jetzt folgende ist falsch. Aber ich will sie einmal spaßeshalber machen: die Abhängigkeit zwischen dem Physischen und Psychischen ist Erfahrungstatsache. Nun sagten Sie bisher: der Geist ist vom Körper abhängig; ganz gewiß ist das richtig, aber das Umgekehrte ist auch Erfahrungstatsache. Hier kann man also nur von einer gradweisen gegenseitigen Abhängigkeit sprechen. Man hat also das Recht zu sagen. Der Körper ist imstande, den Geist zu hemmen, d. h. wiederum dasjenige, was im Geist wertvoll ist. Störungen im Körper stören allerdings den Geist. Diejenigen, die ihn eine hemmende Fessel genannt haben, haben
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| nicht unrecht. Aber wenn wir ehrlich sind: Gewißheit der Zerstörung haben wir nur vom Körper; das haben wir tausendfach gesehen und erlebt. Hingegen ob ein Geist zerstört werden kann, hat keiner von uns erlebt; diesen Augenblick, den Hölderlin den heiligsten der Stürme nennt, werden wir alle einmal erleben. Vorher wissen wir hierüber absolut nichts. Nun werden Sie sagen: wir erleben doch ein allmähliches Abnehmen und Verglimmen des Geistes. Das ist nicht wahr; denn gerade das Sträuben, die Trauer, das Festhalten müssen an dem Geistig-Wertvollen bleibt bis zum letzten Augenblick. Die Widerstände sind also größer geworden; aber die geistige Tendenz ist unverändert geblieben. Und wenn man uns fragt: "Wo bleibt denn der Geist?" so beweist man dadurch nur, daß man an den Körper selbst gebunden geblieben ist. Hat dieses "Wo", diese räumliche Bestimmung für die Werte überhaupt einen Sinn? Warum sollte nicht ein Abstoßen dieser Anschauungsweise möglich sein? (Leibnitz, Lessing, Fichte, Hemsterhuis, Goethe, Kant etc.!)
Diese Träumereien werden Ihnen müßig scheinen. Aber ich will nur dies damit erreichen, daß Sie zugeben: sie sind nicht unmöglicher als die materialistische Behauptung. Was die letztere stützt,
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| ist einmal die große Bedeutung der Naturwissenschaften für die körperlich bedingte Lebensgestaltung (die übrigens nur im Rahmen dieser Bedingungen vorliegt.) Aber es ist noch ein tieferer Grund. Sie kennen das unendliche Staunen, das durch die Seele geht, wenn man sich einmal die Frage vorlegt,: "Wie kommt es, daß überhaupt etwas ist?" Das absolute Nichts ist dem Menschen in seiner Dunkelheit viel wahrscheinlicher, viel naturgemäßer, als die Existenz. Daher der Buddhismus. Daher aber auch das Bestreben, die ursprüngliche Existenz auf ein Minimum zurückzuführen. Dies ist der Fall, wenn anfangs das Unbewußte war, ob man es nun im Sinne des Materialismus oder der Ed. v. Hartmanns faßt. Aber Sie müssen einräumen, daß das Umgekehrte, wie es die Gnostik lehrt, nämlich die fortschreitende Entgeistigung und Materialisierung eines ursprünglich rein Geistigen mindestens ebenso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich wäre. Das alles aber sind bloße Dichtungen, die ganz ohne Belang wären, wenn nicht der erlebte Wert des Daseins eben nach einer intellektuellen Deutung drängte. Hat man erkannt, daß dies das eigentliche Centrum ist, so bleibt man am besten auch
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| bei der unmittelbaren Deutung dieses Wertes stehen!
Das ist Sommerlogik in Herbst. Streng genommen läßt sich dieser Beweis viel besser führen, wenn man mit der Frage beginnt: Wie ist unser Begriff des Materiellen überhaupt entstanden? Da findet man dann, daß er wissenschaftliches Abstraktionsprodukt ist, und daß die ursprüngliche Anschauung überhaupt nichts anderes kannte als Leben . In ihm liegt unser Reichtum und unsre Armut. Nur soll ein Produkt dieses Lebens, ein Begriff, nicht Gewalt gewinnen über seinen Erzeuger, das Ganze des Lebens. Und dies, glaube ich, ist unbestreitbar und keine bloße Sommerlogik. Wir kennen Materie nur durch unser Bewußtsein und in den Formen unsres Bewußtseins; folglich kann die Materie nicht umgekehrt als Erzeuger des Bewußtseins betrachtet werden. Deshalb scheitert alle Naturwissenschaft an diesem Problem, weil sie in ihm über ihre abstrakten Voraussetzungen hinausgeht. -
Heute habe ich mit einer nicht verstandenen Schlußrede meine Stunden geschlossen. Klara Runge hat einen tadellosen Vortrag über Bismarcks Briefe an s. Gattin 1870/1 gehalten. Ich schließe immer das Semester mit einem größeren Vortrage, und die vortragende Rätin kann als Belohnung das Buch behalten. Elsa Hiller, seit 6 Wochen zu ihrer
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| und meiner Erholung beurlaubt, bleibt sitzen. So noch verschiedene, die ich nicht retten konnte. Betragen und Fleiß [über der Zeile] Aufmerksamkeit haben ich allen 1 gegeben; aber merkwürdigerweise bekamen die beiden, mit deren Betragen ich nicht durchgängig zufrieden war, von den Damen doch eine Bemerkung ins Zeugnis, wogegenen ich natürlich in der Konferenz keinen Einspruch erhob. Das erste Poesiealbum ist aufgetaucht. Ich muß jetzt Gedenkverse engros dichten.
Maria Stuart hat zum Schluß doch noch viel Freude bereitet. Obwohl garnicht schauspielerisch begabt, habe ich die Leicesterscene im 5. Akt kühn vorgelesen und große Wirkung erzielt. In ästhetischen Dingen stoße ich meist auf ein unerwartetes gefühlsmäßiges Verständnis. Sonst aber sind die Mädchen furchtbar zurückhaltend, so daß mir nur bei wenigen klar ist, ob und wie ich gewirkt habe.
Schief wollte die Sache mit der Promotion meines Direktors gehen. Erlangen lehnte ihn ganz plötzlich ab, weil er nicht immatrikuliert war. Darob große Verstimmung. Auch Eucken, an den ich ihn empfahl, konnte nichts für ihn tun. Ich hoffe sehr, daß es nun in Gießen
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| klappt; denn wenn seine große Arbeit vergeblich wäre, wäre mir das ungeheuer schmerzlich. Er leidet so schon sehr unter der Krankheit seiner Frau. Fräulein Laabs wird zahmer. Die nettesten Damen gehen ab; aber Frl. Naumann, die ich sehr schätze, bleibt zu meiner Freude.
Der Jahresbericht ist mir schon abverlangt worden; aber trotz unheimlicher Arbeit kann er vor dem 10. Oktober nicht fertig sein. Dazu kommt noch der Potsdamer Kongreß, die Hochzeit meines teuren Vetters Ernst und ev. der Rousseau, der sich nicht rührt.
Liszt schrieb mir: Sehr geehrter Herr Kollege! etc. (!?) und Prof. Groß in Graz sandte mir aus Brioni unerwartet eine Danksagung für die Zusendung meiner Notiz. Liszt wird diese Sache nie begreifen. Ich streite schon seit 4 Jahren mit ihm darum.
Herzlichen Dank für das schöne Großherzogsbildnis. Kennen Sie Kaiser Friedrichs Tagebuch von 1870? (Deutsche Rundschau 1888 Oktober.) Da stehen seine Verdienste drin; ich habe sie in der Stunde vorgelesen. S. M. beide Schachtelsätze in Karlsruhe hätte ich beinahe analysieren lassen. Troeltsch Geheimes Kirchenlicht! Ritschl freute
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| sich s. Z., daß er wenigstens nicht Konsistorialunrat geworden war.
Im Oktober gehe ich nun ernstlich an meine Arbeiten; ich bin im allgemeinen frei und habe auch eine Menge Ideen gesammelt. Der Jahresbericht ist wirklich eine geistige Leistung; nur wird das keiner würdigen. Genug, daß ich selbst dabei gelernt habe, - vor allen Dingen auch die Versicherungen der verschiedensten Autoren, die definitive Wahrheit zu bringen, nicht zu ernst zu nehmen. Göhre, Denkwürdigkeiten eines Arbeiters, muß man gelesen haben.
Gesundheitlich geht es mir besser; nur habe ich diesmal die Herbstsentimentalität. Auch fehlt es mir an reichlicherem Umgang. Außer Ludwig habe ich jetzt keinen wirklich nahen Freund hier, und der wohnt am Schlesischen Bahnhof. Das ersetzt mir freilich der Unterricht; denn mit meinen Schülerinnen bin ich allen befreundet, unbeschadet einer gelegentlichen 4.
Nu aber Schluß. Heute ist die Judenfrage im Jahresbericht dran. Soll ich schreiben für, soll ich schreiben gegen?
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Anbei Paulsens Kantbürste.
Empfehlen Sie mich bitte Ihrer Freundin und seien Sie von uns allen herzlichst gegrüßt. [Verzeihen für dieses - wie ich eben sehe - herbstlich vergilbte Blatt!]
Ihr
Eduard Spranger.

Sollte nicht die Art Ihres Herrn Bruders Kurt stellenweise nur Opposition gegen Hermanns reflektiertes Wesen sein? Ein Abend in Marburg beim Wein, glaube ich, und wir wären Freunde.