Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. September 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 30. September 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Bei manchen Anlässen schon habe ich es bedauert, daß ich kein Tagebuch führe. Aber der Briefwechsel mit Ihnen ist mir immer ein Ersatz dafür gewesen. So möchte ich auch den neuesten Eindruck, der mich vielleicht nur wegen meiner jetzigen Nervösität tiefer erschüttert hat, vor Ihnen abladen.
Gestern war die offizielle Schlußfeier, also auch meines ersten Semesters, auf das ich dankbar und glücklich wie selten zurückblicke. Solche Gelegenheiten liebe ich, weil sich dabei immer einige boshafte Witze mitanbringen lassen. In dieser Absicht machte ich dann auch die dafür erforderliche große Toilette mit Brilliantnadel, Kaftan, Bürgerkrone (vulgo Cylinder) etc. Sehr eigenartig fand ich es, daß das Lehrerkollegium, - die Damen glänzten ja noch viel großartiger - in dieser Gala auf einer lehnenlosen Holzbank hinter den Schülerinnen Platz nehmen mußte, weil keine Stühle für uns reserviert waren. Dies reizte natürlich meinen Sarkas
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|mus noch mehr; dazu das Mienenspiel des Chordirigenten - kurz, ich war in ausgelassenster Laune.
Auf der ersten Bank saßen in schwarzen Einsegnungskleidern, mit schwarzen Schleifen im Haar die abgehenden, von denen zwei das volle Zeugnis erreicht hatten. 4 im ganzen hatte ich vor den Ferien einige Stunden lang unterrichtet und alle als nette, gesetzte, echt mädchenhafte Wesen kennen gelernt. Nun hielt der Direktor seine Abschiedsrede, nicht wie seine sonstigen Reden ein Meisterstück, aber durch die herzliche Natürlichkeit seiner Sprache von großer Wirkung. Ich vergaß die Lehne, die ich nicht hinter dem Rücken hatte; nun ein Abschiedsgesang, ein Abschiedsgedicht, die Überreichung der Zeugnisse und ein vernehmliches Schluchzen unter den Abschiednehmenden. Die Feier war zu Ende; das Kollegium lümmelte sich auseinander, die Aula leerte sich; nur die schwarze Schar blieb im Saal und der Direktor mit seiner Frau. Alle weinten, aber die erste bekam einen förmlichen Weinkrampf und ließ sich durch keinen Zuspruch beruhigen. Ich trat hinzu, gab meinen 4 Schülerinnen die Hand - als einziger des ganzen Kollegiums (!!) - und sagte ihnen ein paar Worte.
Ich bin überzeugt, daß dieses Weinen nicht allzu
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| tief ging, daß es noch vor dem Sinken der Sonne sein Ende erreicht hat. Trotzdem war etwas in mir, das mitweinte; denn ich dachte an den weiten, gefahrvollen Weg des Lebens, der sich nun plötzlich vor diesen jungen Geschöpfen auftat. Sie weinten über das, wovon sie Abschied nahmen, und vielleicht lag noch etwas persönliches Leid dahinter, wenn die gute Charlotte Blobel klagte, es sei ihre schönste Zeit gewesen. Ich aber dachte an das, was kommt; an die Irrwege, in denen so manche reine Kinderseele um den Wert des Lebens betrogen wird, an den schmerzlichen Kampf, in den die Frau gerade dieser Stände jetzt schutzlos, bewußtlos hinaustritt, an die Pflicht der Menschen, ihnen Führer zu sein, mehr als die Schule es sein konnte und sein will. Wer wird das tun, wer wird diese Aufgabe verstehen, wer wird es wagen, sich über das moderne Dogma von der Autonomie der Erwachsenen hinwegzusetzen? - Ich weiß eine Antwort auf diese Frage, die mich erbittert: die Philisterseelen werden es sein, die die Blume knicken, die sie behüten sollten.
So trat ich in das Konferenzzimmer. Auch hier Tränen. Eine Lehrerin gab ab, um sich zu verheiraten. Ich hatte sie gern; aber lauf' hin, Du kennst die Welt schon und stehst nicht vor dem geheimnisvollen Schleier, der bald so verlockend,
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| bald so unheimlich die geahnte Zukunft erscheinen läßt. Schwerer wurde mir der Abschied von Frau Eggenstein; ihre Kinder hatten sie wider die Schulordnung mit Zeichen der Liebe überhäuft; dabei war sie nur ein halbes Jahr dagewesen. Das nahm mich noch mehr für sie ein.
So stieg ich nachdenklich die Treppen hinab. Als ich mich dem ersten Stock näherte, vernahm ich wieder ein vielstimmiges Schluchzen. Dort stand noch die erste Klasse. Aber Lotte Blobel machte, als sie mich erblickte, eine kleine Pause in ihrem Weinkrampf, und nötigte mich, ihr Abgangszeugnis auch noch zu unterschreiben; merkwürdig, daß man durch tränenumflorte Augen zu sehen vermag, daß unter 20 Namen gerade einer fehlt! Schnell war ein Federhalter da, ich unterschrieb beide Abgangszeugnisse, noch einmal ein Händedruck, und während ich mit Frau Eggenstein die Vasen und Bouquets fortschleppte, tönte hinter uns der Jammer fort.
Es ist merkwürdig, daß der Mensch die großen Punke seines Lebens so deutlich herausfühlt. Und ich habe die oft lästige Eigentümlichkeit, das allzu stark mitzuempfinden. Sie werden es deshalb verstehen, daß dieser Eindruck noch lange in mir nachzittert. Mögen sie glücklich werden, mögen sie finden, wo ihr Glück liegt. Denn das ist das Höchste und einzige, was wir im Schicksalskampfe vermögen. Herzliche Grüße Ihr E.S.