Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17./19. Oktober 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 17.X.06.
Liebes Fräulein Hadlich!
Herzlichen Dank für Ihre freundlichen Nachrichten, von denen der letzte Brief keine ganz ungeteilte Freude für mich bedeutete. Enthielt er doch zwei Wendungen, die Sie einmal sehr richtig als "schnöde Redensarten" bezeichneten. Hier stehen sie zur ewigen Brandmarkung:"Und dann steht immer das lästige Gefühl im Hintergrund, daß Sie im Grunde gar keine Zeit dafür haben". "Allerlei Sorgen habe ich auch, aber das ist wohl langweilig". Ist es recht von Ihnen, das Papier, das mir so wertvoll ist, mit solchen Sticheleien zu verschwenden? Sie sind unzufrieden mit meinen Briefen, - ich fühle es -, weil sie Ihnen zu viel Äußerliches erzählen und
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| darunter auch dies, daß ich nach allen möglichen Richtungen hin in der Arbeit stehe. Aber ich tue es voll Vertrauen, wenn ich Ihnen so schreibe; denn ich weiß, daß ich keinen anderen habe, dem ich darüber schreiben kann und möchte, - zugleich aber aus Ehrlichkeit; denn ich bin wirklich jetzt so an das Äußere hingegeben, daß ich zum bloßen Genuß ruhiger Innerlichkeit nicht komme. Die Zeit meiner Einsamkeit mit ihrer jugendlichen Poesie ist vorbei; ich suche keinen Hintergrund mehr für Stimmungen in der Natur. Habe ich verloren oder gewonnen - ich weiß es nicht. Oft kenne ich nur das eine Gefühl, weiterzuschwimmen, um nicht in dem Strom zu versinken. Sie empfinden dies als Verarmung, und Sie mögen recht haben; aber lassen Sie mir wenigsten den Reichtum, daß wir wirklich gemeinsam die Straße mit all ihren Windungen wandeln, und deshalb sollten Sie nicht den Schein erwecken, als wollte ich immer bloß das
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| Wort haben; dies allerdings würde mir ein "lästiges Gefühl" bedeuten.
Ist es der warme Herbst, der so schlaff macht? Ich bin völlig erschöpft und muß mich sehr beherrschen, um der Nervosistät, die diesmal den Kopf freiläßt, aber das Gesamtsystem um so tiefgreifender schwächt, zu trotzen. Mein Jahresbericht (über ca 170 Nummern auf 133 Folio[über der Zeile] Oktavseiten) ist auf die Minute fertig geworden. Mannhaft trotzte ich auch dem Polterabend und der Hochzeit. Könnte ein Mensch ahnen, was mir das für Opfer sind, wie sie mich mit ihrer sinnlosen Ausdehnung bis 3 und später angreifen. Dann kam Schulärger. Ich wußte nichts von meinen Stunden im Winter; der Gedanke, daß der Direktor m. pflichtmäßige Kritik seiner Dissertationen (die mir auch Tage kostete) übelgenommen habe, machten mich mürrisch. 4 freie Religions
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|stunden gab er einem neuen Herrn. Und als ich meine Klasse betrat, fand ich mich vor 40 Mädchen. Das wäre denn doch zu viel Idealismus gewesen, wenn ich nur diese schwersten Stunden mit den schwersten Correkturen hätte erteilen sollen. So etwas, solche Kleinigkeiten, machen in Zeiten, die keine Ermunterung geben, sehr mürrisch. Ein Aufsatz hätte mir 4 Tage gekostet. Schließlich ist man sich doch auch eine ökonomische Verwendung seiner Kräfte schuldig. Das Schicksal rächte mich glänzend; am 3. Tage ließ der neue Herr den Direktor sitzen, und ich erwies ihm einen großen Gefallen, indem ich die beiden Religionsstunden in der 3. Klasse übernahm. Es ist so schmerzlich, wenn man nicht weiß, ob man Vertrauen genießt, wenn das Vertrauen plötzlich da ist, wenn der andere eben gegangen ist, wenn man als bezahlter Mensch behandelt wird, wo man doch nur als perfekter Idealist überhaupt als Bewerber auftreten kann. Und Frl. Laabs benimmt sich geradezu kindisch. Ich bin
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| grenzenlos empfindlich; daher kann man mich für eine "Stellung" wirklich nicht empfehlen.
Aber am vorigen Mittwoch, als ich die Tür hinter mir zugeschmissen hatte und der Ärger auf dem Korridor lag, als mir aus allen Augen ein erwartungsvolles Vertrauen entgegenleuchtete und ich nach 10 Minuten merkte, daß die anfängliche Straffhaltung der Zügel hier überflüssig war, fühlte ich mich glücklicher als je. Die neue Abteilung ist eine ganz reizende, kleine Gesellschaft. Frau Eggenstein hat ihnen was beigebracht, und sie sind ganz Feuer und Flamme. Sie werden meine erste Abteilung (lauter Schwamm) mit sich reißen, und wenn sie nicht das Katheder stürmen, so will ich mit ihnen schon vorwärts kommen." Die Hilfsmittel des Verkehrs" - so heißt der neue Aufsatz, der auf dem Alexanderplatz begann und uns bald in die Wüsten Afrikas und die Oceane ferner
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| Weltteile führte. Das machte ihnen ungeheuren Spaß, so daß ich sah, daß mein Griff richtig war.
Schwerer ist die Religionsstunde. Der Stoff ist nicht so selbsttätig; ich muß ihm Leben einhauchen, und zwar pädagogisches, nicht wissenschaftliches. Dabei nun wieder 32 neue Namen und (wie immer in der ersten Stunde) etwas Zügelspannerei - das gibt noch viel Probleme. Aber die erste gelang relativ gut, bis auf die ewige Verwechslung von "Du" und "Sie".
In Potsdam war ich auch. Es war sehr interessant, aber für mich nicht ergiebig. Zwar wurde ich von Frl. Naumann ihrer Schwester, Frau Prof. Rade, vorgestellt, später auch von Scholz Herrn Prof. Rade selbst, aber - wie es bei solchen Gelegenheiten immer ist - ohne dadurch mit ihm bekannter zu werden. Interessant war mir ein Gespräch mit dem Pastor aus Borkum,
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| der mit mir zusammen herübergefahren war. Wir sprachen über den zunehmenden Austritt aus der Landeskirche, und ich sagte dasselbe, was ich Ihnen in der Wolfsschlucht sagte: "Wer hat sich denn um die Kirche gekümmert". Darauf geriet der Mann in Extase - es war bei klarer Sternennacht an der Stelle wo wir telegraphierten - blieb stehen und rief aus: "Warum habe ich Sie nicht schon zu Pfingsten gekannt! Bölsche war bei mir vor seinem Austritt, hätte ich ihm doch das gesagt, was Sie mir eben gesagt haben!" - Sie sehen, ich bin zum Theologen noch nicht verdorben.
Eucken schickte mir einen Aufsatz aus der deutschen Monatsschrift, Oktober, der ein Kapitel seines demnächst erscheinenden großen Werkes, wovon er mir erzählte, darstellt. "Die Lebensordnung des künstlerischen Subjektivismus". Wäre mein Aufsatz über ästh. Weltanschauung nach diesem er
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|schienen, so würde es ausgemacht sein, daß ich von Eucken abhängig bin. Die Übereinstimmung ist wunderbar, und die Wahrheit meiner Beobachtungen bestätigt sich jetzt an W. v. Humboldts reizenden Brautbriefen. Hier habe ich denn wirklich einmal ein ewiges Gesetz auf geistigem Boden ausgesprochen.

19. Oktober.
Sehen Sie, so geht es jetzt: seit 3 Tagen absolut keine Möglichkeit, diesen Brief zu beenden. Arbeit nach allen Seiten, und dabei die schreckliche Angst, im Winter wieder ganz mit den Nerven zusammenzubrechen. Dabei habe ich wirklich nicht unvernünftig gearbeitet; aber es ist in mir ein inneres Feuer, das sich nicht genug tun kann, und so wird mein größtes Glück, der Unterricht, zugleich mein Ruin.
Tagelang mußte ich an das Lager einer Sterbenden, einer 80jährigen guten alten Dame, die mich seit frühester
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| Kindheit kannte und mir mehr als Tante war. Ihre Erlösung war ein Segen und schmerzlich nur für meinen armen alten Onkel, dessen Wirtschafterin sie war, der sie Jahrelang selbst unter völliger Aufopferung seines eignen Lebens gepflegt hat und der nun ganz allein dasteht. Da gibt es täglich zu trösten. - Ebenso schmerzlich ist es, das Dahinsiechen Paulsens mitanzusehen. Von Besserung ist keine Rede, und ich gebe mich über den Ausgang dieses Leidens keinen Hoffnungen mehr hin. Eine weiche Melancholie hat sein ganzes Wesen ergriffen; ich glaube nicht, daß er noch etwas arbeitet; um so teilnehmender ist er für andere.
Gestern erhielt ich die Aufforderung, zum Reformationsfest die Rede zu halten. Ich tue das sehr gern, aber wo bleibt meine Arbeit und meine
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| Gesundheit? Meine schöne Humanitätsidee, die wirklich großartige Perspektiven zeigt und die ich voll Ungeduld fördern möchte, wird immer wieder unterbrochen. Jetzt heißt es: Sonnabend 1 Uhr Photographieren des Lehrerkollegiums, dann schickt mir ein fremder Autor sein neuestes Werk, dann kommen Correkturen meiner Sachen, dann die der Diktate -
ja die Diktate: meine erste Abteilung sehr nett, aber die zweite durchschnittlich 2 ½ Fehler schlechter. Schmeichelhaft für mich, hoffentlich aber bleibt es nicht so. - Auch die zweite Religionsstunde war nach einigen leichten Anranzern sehr hübsch, von klassischer Ruhe und Klarheit. Ich werde auch aus diesen Stunden etwas machen.
Nun sollte ich Ihnen eigentlich einige Neuigkeiten von der Humanität erzählen und so manches andere; aber
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| dann würde sich dieser Brief noch mehr verspäten. Glauben Sie doch ja, wie schwer mir diese Pausen werden, wie ich mich nach einer Zeit ruhiger Aussprache sehne - und sie kommt, sobald ich nur gesund bleibe - und lassen Sie sich nicht dadurch abschrecken, mir ab und zu einen Heidelberger Sonnenstrahl zu senden.
Von Hermann höre ich garnichts; ich denke mit Schaudern daran, daß er jetzt dienen muß; möge es ihm leichter werden als mir und sein Gemüt nicht zu sehr darunter leiden!
Der Herrgott sorgt doch immer dafür, daß es auch was zu lachen gibt. Etwas so duchgängig Herrliches, Heiteres, Frisches wie die Köpenicker Geschichte habe ich noch garnicht erlebt.
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Dies Blatt will ich noch füllen. Denken Sie, man hat mir neulich eine Photographie von Hirschhorn verehrt. Im übrigen aber muß ich auch über meine Freunde klagen. Sie kennen meine Neigung zu kl. Ausflügen; aber keiner ist bereit, mich hin und wieder zu begleiten. Eine leichte Unterhaltung in freier Natur würde mich vor dem einsamen Enthusiasmus behüten, der so sehr aufreibt, weil er nicht ganz in Aktivität übergehen kann. Wer hätte vor ½ Jahr gedacht, daß ich in so kurzer Zeit 90 Mädchen in allem Möglichen unterrichten würde!
Bitte grüßen Sie Frl. Knaps. Ich bleibe in treuem Gedenken unwandelbar
Ihr
Eduard Spranger.

[re. Rand,S.1] Dieser Brief hat nach m. Waage nicht übergewogen; sollte es doch der Fall sein, so bitte ich, es mir jedesmal zu schreiben.