Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Oktober 1906


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20.X.
In der Bahn.
L. F. H.! Wie beurteilen Sie folgenden Fall? Ich möchte von Ihnen hören, ob Sie meine Handlungsweise billigen.
Sie wissen, daß ich mit meinem Direktor auf freundsch. Fuß stand; er gibt sich den Anschein, als wäre es noch so, verfährt aber folgendermaßen:
Nachdem ich ihn am 29.IX. auf s. eignen Wunsch auf einige Unvollkommenheiten seiner Diss. aufmerksam gemacht habe, hat er es nicht für nötig gehalten, mir bis heute über s. Entschlüsse 1 Wort mitzuteilen. Ich finde das unfein.
2) Von m. Unterricht sagt er mir
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| vor Beginn nicht ein Wort, obwohl durch den Fortgang v. Frau Eggenstein Dtsch in I freigeworden war. Ich nahm an, daß er den Deutsch-Unterricht selbst übernehmen würde.
Heute nun injiziert mir Frl. Laabs in boshafter und triumphierender Weise, daß sie den Dtsch. Unt. in I gebe. Ist mir recht. "Wie sind Sie mit der (von mir kommenden) 2. Abt zufrieden?" "Ich lasse sie in Ruhe, damit sie sich einleben kann. Anfangs haben sie mir Blicke voll geheimer Wut zugeworfen, daß ich den Unt. übernommen habe." Ich ging mit ein paar Scherzen darüber hinweg.
Trotzdem bin ich in tiefster Seele
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| verwundet, daß ein Mann, der mir 14 Tage vorher schreibt, daß er es herzlich und aufrichtig mit mir meine, mich dem Triumph dieser Dame preisgibt. Ich verlange nicht die Stunden (– sie gibt 10 in der I.), wohl aber ein ernstes Wort männlicher Verständigung statt dieser hinterhältigen Katzenfreundlichkeit.
Mein Vater kann dabei nichts finden. Ich bin empört. Ich werde der Konferenz am Montag und dem Photographieren am Mittw. fernbleiben und bis zu einer genügenden Erklärung jeden außeramtlichen Verkehr vermeiden.
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Meine II. ist so nett, daß ich gar keine andere Klasse haben will. Doch habe ich mir heute bei einer Vertretung in der IV. zum ersten Mal keine Disciplin schaffen können. - Wollen Sie mir bitte recht bald schreiben, was Sie denken? Ich leide unter diesem subalternen Verhältnis und meine, daß dies nicht m. Nervosität, sondern ein objektives Ärgernis ist.
Mit herzlichem Gruß
Ihr
E.S.

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