Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Oktober 1906 (Berlin, Postkarte)


28.X.06.
L. F. H! In den nächsten Tagen werde ich leider noch nicht dazu kommen, Ihnen einen Brief zu schreiben. Meine Kräfte reichen kaum zu der dringlichsten Arbeit. Vor mir liegen 40 (übrigens recht nette Aufsätze) und die leidige Rede für den 2.XI. (Feinde ringsum.) Eine unverhüllte Aussprache hat das Ärgernis behoben, aber die Tatsachen natürlich nicht beseitigt. Die Disciplin bei uns ist plötzlich schauerlich geworden. Es ist unglaublich, was das Zeit und Kraft kostet. Außerdem nehme ich am Seminar bei Prof. Lenz, dem Nachf. v. Treitschke, teil, für das ich auch arbeiten muß. Er kannte übrigens m. Namen sofort u. sagte: "Das ist sehr ehrenvoll für mich. Sie könnten ja selbst Seminare abhalten." Ich mediciniere ununterbrochen und hoffe, mich diese Woche noch aufrecht zu halten. Ob noch länger, ist sehr die Frage. Mein Kopf ist relativ frei; aber sonst bin ich furchtbar herunter. Selbst gute Aufsätze sind da fürchterlich. Man wird rein wild über dem Kleinkram. Wenn ich nur einmal eine Arbeit leichtsinnig nehmen könnte.
Viel frohe Tage zum Besuch und gutes Befinden! Herzlichste Grüße Ihr E. S.