Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. November 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 4. November 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Jetzt haben Sie keine Zeit, Briefe zu lesen. Aber da ich Ihnen neulich die Klagelieder Jeremiä sandte, muß ich Ihnen nun auch über den Fortgang des Miserere berichten, und wenn Ihnen die Sache zu ausführlich wird, so legen Sie es fort bis zum Bußtag. Vorher aber möchte ich fragen, wie es mit Hermann steht? ich habe den versprochenen Brief nicht erhalten und weiß nicht einmal, ob er nun wirklich dient. Wie viel schöner wäre es jetzt zu vieren in Schlierbach, im Streit über die Theologie; wieviel würde ich darum geben, wenn ich diesen "Spitz" haben könnte! Ich wollte Ihnen klipp und klar beweisen, daß Sie eine Heidin sind; denn wie könnten Sie sonst Göttin der Eintracht sein? - "Entbehren heißt es, sollst entbehren!"
Mein mürrisches Benehmen führte zu einer sehr klaren Aussprache. Der Direktor zählte die Punkte, ich machte sie namhaft. Über den Fall Laabs und die Religionsstunde vermochten mich seine Gründe nicht zu beruhigen. Aber ich habe mich unumwunden geäußert, und im übrigen nun suche ich nur den idealen Siege über Frl. Laabs. Wie ich diesen
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| davontrug, will ich Ihnen ausführlicher berichten.
40 Hefte zu verpacken ist bekanntlich eine Kunst. Ich beschloß daher, die beiden ersten mit diesem Amt zu betrauen. Am Schluß einer Stunde (8 - 9) sagte ich also: "Ich habe einen Vertrauensposten zu vergeben; ich habe in meiner Jugend nicht gelernt, Pakete zu packen; ist eine unter Ihnen, die das virtuos versteht, so melde sie sich." - Nicht eine Hand. Ich warte ab. "Herr Doktor, Meta Heymann will es machen." (Natürlich jüdische Frechheit.) Antwort: "Wenn Sie sich nicht zur rechten Zeit melden können, dann lassen wir es. Ich werde also den Schuldiener damit beauftragen." Eine Stimme: "Der Unglückliche." Von 9 - 10 war meine Stimmung natürlich verändert, und ein kleines Ärgernis mit einer, die ich sonst sehr gern habe, machte mich trocken und mürrisch. - Den Vorfall erzählte ich einigen Damen des Kollegiums, natürlich lachend und spöttisch. Frl. Naumann aber verstand mich und meinte, sie könne sich das nur daraus erklären, daß die Klasse im Moment nicht verstanden habe. "So, wie sie an Ihren Stunden hängen, ist das garnicht anders möglich." Und am folgenden Tage kam sie von selbst auf den Vorgang zurück. "Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich Käthe Ihlefeldt einmal fragte, wie das möglich war?" Mir war es recht. Nach einer Stunde kam sie mit folgender Botschaft: "Ich habe Käthe Ihlefeldt und Luise Goedecke gesprochen. Sie haben gesagt: "Ja, Herr Dr. Spranger hat sich so ausgedrückt: er hätte einen Vertrauensposten zu vergeben, und da kann man sich doch nicht melden.
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| Das sieht ja so aus, als wenn man es ganz besonders schön verstände. Herr Dr. war nachher so verstimmt, und da hat es uns gleich so leid getan, denn wir haben doch die Stunden so sehr gern. Es war schon vor Michaelis schon immer so wundervoll; aber jetzt ist es garnicht mehr so nett; und das macht bloß, weil die dumme 2. Abteilung dabei [über der Zeile] ist, die sind noch so jung und so dumm. Und es tut uns doch zu leid." Frl. N.: "Na, dann sorgt nur bei Gelegenheit, daß Ihr das wieder in Ordnung bringt." - Am nächsten Mittwoch ging ich gleich ins Konferenzzimmer. Als ich die Treppe hinunterging, begegnet mir feierlich und ernst Käthe Ihlefeldt u. Luise Goedecke. Ich ahnte die Ansprache (Nun sagten sie gerade das Gegenteil von dem, was sie eigentlich meinten.) "Herr Dr., würden Sie gestatten, daß wir uns einen Augenblick mit Ihnen unterreden (!). - Bitte sehr! - Frl. Naumann hat uns gesagt, daß Sie uns das neulich sehr übelgenommen haben. - Übelgenommen weiter nicht. - Wir möchten Sie bitten, Ihren Ton gegen uns doch wieder zu ändern; wir werden ihn dann auch ändern." - Die Sache ist längst erledigt; aber ich danke Ihnen, daß Sie mir das gesagt haben", - und damit gab ich beiden die Hand. Unten erfuhr ich, daß sie zu fünfen schon in großer Erregung auf mich gewartet hätten. Natürlich war die Stunde sehr vergnügt.
Nun kam das Reformationsfest; der Direktor fragte, ob ich meine Rede in 2 Teile zerlegen könnte, oder ob er noch ein Gedicht einlegen sollte. Dann sollte ich eine aus m. Klasse nennen. Natürlich war nur das letzte möglich, und ich nannte Hedwig Wolter, enfant terrible von Ruf, die ich sehr gern habe, rundlich, voll Temperament, mit herrlichen offnen Augen und sehr leicht schmollenden Lippen.
Am 2.XI. komme ich die Treppe herauf, großer Kriegsrat: Wir haben die Programme ändern müssen, Hedwig Wolter versagt vollständig. Gestern habe ich es ihr überhört; da hat sie an allen Gliedern gezittert und ist immerzu stecken geblieben. Schön. Wie ich aus dem Direktorzimmer herauskomme, steht Hedwig Wolter glutrot vor mir, grande Dame, weiße Boa, wallender Hut. "Na hören Sie mal, Sie haben uns ja schön sitzen lassen." "Ach, Herr Doktor, ich kann es ganz sicher und ich bleibe ganz gewiß nicht stecken, ich trau mich nur nicht, es Herrn Direktor zu sagen." Na, dann kommen Sie, dann wollen wir zusammen hingehen. Neuer Kriegsrat. Ein reitender Bote meldet: Es bleibt beim Alten, Frl. Wolter wird auftreten.
Nun kam meine Rede; ich war vortrefflich disponiert, ließ nicht das kleinste Faktum [über der Zeile] aus, sprach mit steigender Begeisterung und mit sichtlichem Erfolg. Denn die Mädchen lauschten gespannt und das Kollegium ärgerte sich. Den Schluß der Feier dirigierte ich. Hedwig Wolter kam; ich sufflierte. Hinter jedem Vers ließ sie 10 aus, blieb 4mal stecken und nach einem unrichtigen Schlußsatz sprang sie fort und verschwand unter der Menge. Aber es blieb ja unter uns, und als Gäste waren nur eine Mama und ein Papa
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| erschienen, wovon der letztere der meinige war. Also war alles glücklich beendet. Am nächsten Morgen hatte ich Inspektion; da blieben die Vorüberziehenden an meiner Ecke stehen und beguckten mich sehr genau; sie dachten wohl, ich würde nun Direktor werden. Da kam auch Klara Runge, die jetzt bei Frl. Laabs Deutsch hat. "Na, wie geht es Ihnen denn jetzt, Klara Runge?" Große, freudige Konsternation. "Was machen Sie denn in Deutsch? Haben Sie schon einen Aufsatz geschrieben?" "Ja, wir haben zu heute einen auf", stotterte sie. "Wie hieß denn das Thema?" - - Das - weiß ich nicht mehr (!). - - - Ach ja: Das Lutherdenkmal, ich habe noch viel von dem verwertet, was Sie gestern gesagt haben." - - Sehen sie, darüber wird sich Frl. Laabs gewiß freuen; denn so haben es natürlich alle gemacht.
Das also sind so kleine Schulplaudereien. Der Direktor behandelt mich mit einer Delikatesse, die wirklich nichts zu wünschen übrig läßt. Nun werden Sie verstehen, daß der Fortgang von Frl. Naumann, die 8 Wochen Urlaub nehmen mußte, mir einen großen Verlust bedeutet. Denn sie hatte wirklich das Interesse, mir zu helfen und meine Freude an der Sache warmzuhalten. Im ganzen aber kann ich Ihnen versichern, daß dieser Unterricht mit alll seinem Kleinen und Kleinsten
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| mich absolut glücklich macht. In der 3. Klasse (ach so, das sind die Religionsstunden, die keiner haben wollte, - meinte die Zeichenlehrerin) bin ich wirklich unter Kindern, und wir vertragen uns sehr gut; denn ich habe so viel Heiterkeit und Verständnis für Kinder, daß ich selbst im Religionsunterricht keinen Talar anziehe. Das ist übrigens noch nicht viel wert; ich muß mich noch mehr dahineinversenken können.- Die Aufsätze waren wieder ganz vortrefflich. Und wenn Sie gesehen hätten, wie sie gestern bei der Einleitung zum Erlkönig lauschten - Sie hätten Ihre Freude gehabt. Ich lese übrigens, obwohl garnicht dafür begabt, mutig alles vor, ja ich singe sogar im Notfall, und der Erfolg ist sehr gut.
Paulsen fand ich am Abend des Reformationsfestes recht gut aussehend. Frl. Mauderer läßt Sie mit Emphase grüßen. Sie hat mich nach Kiel eingeladen. Kurz nach Weihnachten, wenn ich nicht irre, ist Hochzeit.
Wissen Sie, daß ich früher auch philosophierte? Es ist lange her. Hahn gibt mir hin und wieder einen Stoß. Aber es geht nicht mehr. Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder...Bitte grüßen Sie Frl. Knaps und Frl. Thönes. Verleben Sie die Tage recht froh. Meine Gedanken sind wüst, aber sie werden <li. Rand> bei Ihnen sein. Meine Mutter läßt herzlich danken für <Kopf> die schöne Karte. Herzliche Grüße v. uns allen Ihr E.S.
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<auf Visitenkarte>
Eben will ich den Brief absenden, da erhalte ich Ihr wundervolles Aquarell, für das ich nicht Worte des Lobes und der Bewunderung genug finden kann. Auch vom ethischen Standpunkt hat es diesmal ganz meinen Beifall, und ebenso Ihr lieber Brief, den ich in meiner Freude gern gleich beantworten würde.
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| Aber ich kenne die trüben Postverhältnisse eines Heidelberger Sonntags, und daher ist es mein erster Wunsch, daß Sie meine herzlichen Glückwünsche rechtzeitig erhalten. Viele Grüße Ihr dankbarer
<Gedruckt:
Eduard Spranger
Dr. phil.
Charlottenburg 2
Kantstr. 140.
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