Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21./ 22. November 1906 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg 2, den 21.XI.06.
Liebes Fräulein Hadlich!
Trotz der vergrößerten Entfernung nach Berlin hat mich Ihr lieber Brief erreicht; auch für den vorigen, der sich mit meinem gekreuzt hat, bin ich Ihnen noch Dank schuldig.
Was zunächst die Entfernung nach Berlin betrifft, so sind Sie ganz falsch berichtet; es handelt sich um eine kleine Erhöhung des Fahrpreises infolge der Fahrkartensteuer; von einer Vermehrung der Kilometerzahl aber zu finanzpolitischen Zwecken hat der Staat vorläufig noch Abstand genommen. Kommen Sie also im Januar zur Jahresfeier, kommen Sie nach Berlin! Es ist nur der halbe Weg bis Cassel, und "Nichts halb zu tun....." Sie würden mich ganz so finden wie im Januar 1906, garnicht als Scheusal aus der Wolfsschlucht, sondern als Dilsbergritter. Ich versichere Ihnen hoch und heilig, daß zwischen uns nichts ist, daß der Gedanke an Sie nach wie vor meine liebste Zuflucht ist in der Hast des Tages. Ich versichere
[2]
| es Ihnen um so lieber, als Ihre gegenteiligen Empfindungen, die, wie Sie mir zugeben werden, ganz ohne greifbares Objekt sind, nicht ohne Grund sind. Sie haben ein feines Gefühl für jede seelische Veränderung; so ist es Ihnen trotz der Entfernung nicht entgangen, daß ich verändert bin. Ich selbst frage mich vergeblich, worin diese Veränderung besteht, und ich kann die entscheidende Stelle weder finden noch angeben. Ich würde über dieses Gedankending nicht reden, hätten Sie durch Ihre implicite Anklage es nicht angeregt. Vielleicht ist es der Umstand, daß ich seit meiner Rückkehr - wenn auch nicht krank, so doch nie eigentlich gesund bin; vielleicht hat mich die praktische Tätigkeit aus meinen Bahnen geworfen. Es wäre mir heut ein unglaublicher Gedanke, jeden Nachmittag, wie ich es 1904 um diese Zeit machte, allein in den Grunewald zu gehen. Damals suchte ich die Einsamkeit und fühlte sie, aber sie war für mich Genuß und Gewinn; heute habe ich eine grenzenlose Angst vor der dauernden Einsamkeit; denn ich fühle mich schon im täglichen Treiben so einsam, wie es jedem geht, der mit dem Höchsten, was in ihm lebt, nicht herauskann. Dies "Nichtherauskönnen" gilt im weitesten Sinne. Erstens kann ich nur zu wenigen von dem reden, was mich jetzt erfüllt; so war es stets; zweitens aber kann ich selbst nicht
[3]
| genug ausdrücken, was ich jetzt erlebe; es ist in Worten ein Nichts, während es mich mit der Intensität kleiner Züge unendlich packt. Und indem ich nun strebe, dies durch die Tat zu ersetzen, kommt das dritte: Ich kann mir nicht genugtun. Dies ist die Hauptsache. Es will etwas an den Tag, was immer gehemmt wird. Vom Morgen bis zum Abend leide ich an einer entsetzlichen Ungeduld. Das geht bis ins Kleinste. Ich kann vor Ungeduld vergehen, wenn ich, wie am Sonntag mit Nieschling, eine Droschke suche. Die Uhr ist mein Gott. Ich kenne keine Sammlung und keine Ruhe mehr. Ich würde meinen, daß mir nur ein kurzes Leben zugemessen wäre, wenn ich nicht Gott sei Dank von Ahnungen ganz frei wäre. Trotzdem betreibe ich jede Arbeit, als wäre es 1907 aus. Ich habe das Gefühl, als wäre ich alt, als hätte ich die eigentlichen Jünglingsjahre hinter mir, ohne aus ihnen gemacht zu haben, was ich gesollt hätte.
Ganz ohne Grund ist das nicht. Meine äußere Position ist ohne festen Boden. Privatlehrer mit untergeordneten Stunden an einer höheren Töchterschule, das ist mindestens die Außenseite. Und das andere kommt nicht zu Tage. Ja mein
[4]
| philosophisches Streben paßt nicht in die Wissenschaftslage, die ich vorfinde. Die Rückwendung zu Hegel und der spekulativen Philosophie, die sehr an Breite gewinnt, ist für mich, wie ich Ihnen als der Schwester Hermanns ungern bekenne, ein tiefer Schmerz. Denn sie legt mich lahm. Ich stehe dieser Richtung so negativ gegenüber, daß mich selbst das Freundesinteresse über die ersten 20 Seiten von Hs Diss. nicht hinauszwingen konnte. Ich [über der Zeile] Es schmerzt mich, daß ich ihm nichts darüber schreiben kann; aber ich könnte ihm nur schreiben, daß ich seine und Hegels Stellung zur Welt nicht verstehe. Habe ich früher anderes gesagt, so habe ich mich getäuscht. Ich kann diesen Standpunkt nicht einmal neutral verstehen; es ist eine Grenze in mir. In den Preuß. Jahrbb. Novemberheft steht eine sehr ehrenvolle 4 Seiten lange Recension über Hermann von dem Spekulativen Ferd. Jac. Schmidt, von dem mir nur das eine genießbar ist, daß ich einmal, als er noch auf Habilitationsfüßen ging und das Spekulative mit der Serviette bedeckte, mit ihm allein bei Dilthey dinierte.
Nirgends klingt von hier ein verwandter Ton, ein mehr als Anerkennung enthaltendes Verstehen. Und wenn ich sehe, wie der Unterricht als solcher mich glücklich macht, so empfinde ich es bisweilen als
[5]
| einen tragischen Zwiespalt, daß ich einem Ziel nachjage, für das ich vielleicht nicht in gleicher Weise metaphysisch vorbestimmt bin. Andererseits weiß ich nicht, wie weit der Unterricht unter andern als diesen lockeren Bedingungen mich glücklich machen würde.
Nun bin ich allerdings himmelweit von der Ansicht entfernt, daß es unsre Bestimmung hier ist, glücklich zu sein. Es muß nur herauskommen, was in uns ist, und insofern verstehe ich Hegels "List der Vernunft". Gerade das Tragische ist der Quell großer Schöpfungen. Diesen Quell finde ich versperrt. Meine jetzige Lage ist vielleicht zu sehr nach meinem Wunsch. Hätte ich den Unterricht verloren, hätte mich das innere Leiden darüber gewiß zu einer bedeutenden Schöpfung getrieben, während so höchstens ein vernünftiger Aufsatz daraus wird. So problematisch ist der Mensch. Außer einer gewissen Vereinsamung, einem gewissen Mangel an Menschen, bin ich jetzt durchaus munter und froh. Aber das ist so äußerlich; denn wenn irgend ein Bild der Vergangenheit vor mir auftaucht, ist es mit so traurigen Gefühlen verbunden, als wäre ich sentimental und melancholisch, was ich längst nicht mehr bin. In summa: ich bin mir selbst nicht
[6]
| klar, während die Gesamtauffassung des Lebens in einer ruhigen Klarheit vor mir liegt. Wie das möglich ist? Nur so, daß ich weiß: es ist in bloßer Betrachtung und Wissenschaft dem Rätsel des Daseins nicht ein Wort weiter abzugewinnen, sondern nur durch Vertiefung unsres Wesens, unsres Tuns und Erfahrens. Daher die Ungeduld: Es soll alles Tat werden, alles Schöpfung, keine Kontemplation, kein Hegeltum.
Und auch Sie fühlen keinen Fortschritt: Sie fühlen sich klein vor Frl. Thönes? Darüber kann ich Sie beruhigen. Die Ruhe bei Thönes ist Enge; für uns aber gilt, daß nichts von unsrem Tun verloren ist. Jeder Kampf in uns selbst erhöht uns selbst. Und nach Jahren noch wirkt in anderen das von uns nach, was wir selbst verloren gegeben haben. Ein neuer schöner Beweis ist mir Ernst L. Obwohl er seit Jahren nur flüchtig mit mir zusammenkommt, ist er im ganzen das geworden, was ich aus ihm machen wollte. Jedes Wort von mir hat in ihm gewurzelt, und so wird er noch ferner immer mehr Schlacken abstreifen. Er hat eine ungeheure, reflektierte Freude an sich selbst; wenn dies heut noch ein Fehler an ihm ist, so ist es ein hoffnungsvoller.
Mit der Religion hapert es auch bei mir auf
[7]
| vielen Füßen; das merke ich am Religionsunterricht. Wir sind so durchgesiebt und durchgedacht und durchkritisiert, daß wir recht gebrochene Christen sind. Und doch sage ich mit Naumann [über der Zeile] u. Ratzel: Ich fühle, daß ich im ganzen genau dieselbe Stellung zum Leben habe wie die Vorväter. Ich bitte Sie: zum Leben! nicht zur Naturwissenschaft, zur Geschichte, zur Kunst, sondern zu diesem eigentümlich durchwogten Ganzen, das nun einmal Leben heißt und von dem wir mehr wissen, als vom gestirnten Himmel und der Geburt Christi und dem Genie Michelangelos. Wohl denen, die mit dem Christi und dem Genie Michelangelos. Wohl denen, die mit dem Hegel'schen Exivit auskommen. Ich brauche mit Ritschl eine kräftigere Speise.

22.XI. Daß kräftige Speisen mir nicht bekommen, ist nun seit ¼ Jahr mein Leiden; es bringt mich ganz herunter. Aber engelsgleich war es, daß es mich am Dienstag mit Fieber ins Bett trieb. Dadurch entging ich der Kollegiumsgesellschaft mit Gesang und Tanz, die bis ½ 4 dauerte und für die ich bereits zugesagt hatte. Die Notwendigkeit, mich 12mal einzeln darüber zu erklären machte mich heute so wütend, daß ich m. Klasse miserabel behandelte. Der Erfolg war, daß sie auch mürrisch wurde, und nun verhöhnte und ärgerte ich sie mich noch mehr. Ich gab 3 Vorträge
[8]
| freiwilliger Art: Prinz v. Homburg, Sappho und Götz. Dann ließ ich über 3 Aufsatzthemata abstimmen: 1) Bedeutung der Geschichte, erläutert an Schillers Tell. 2) Folgsam fühlt' ich immer meine Seele am schönsten frei (Iphigenie.) 3) Ludwig Richter, ein deutscher Maler. Meine Diagnose war richtig: 1) 0 Stimmen. 2) 5. 3) 32 Stimmen. 3 fehlten. Also nahmen wir den "Richter". Ich habe eben 1 Stunde sehr angeregt mit m. Ludwig darüber gesprochen; es wird sehr fein werden. Die Basis ist die 1. Mappe des Kunstwerks, speziell die Überfahrt am Schreckenstein. Ich bitte Sie nun, sich, wenn Sie Zeit haben, möglichst ausführlich über Ludwig Richter zu expektorieren; ferner, für meine Humboldtarbeit, über Ihre philosophische Auffassung der Plastik, besonders die Antike und Ihre Meinung von Winckelmann. Ich habe hier Neues entdeckt, worüber demnächst mehr. Ich bin nämlich in der letzten Zeit trotz starken Unwohlseins am Humboldt sehr fleißig gewesen und habe ein großes Stück geschafft.
Meine Reformationsrede lege ich ein oder schicke sie gesondert als Ms. Sie müssen den Teil "Quellen" bitte an den betreffenden Stellen einschalten. Die Quellen sind etwas im Ausdruck modernisiert, damit die Schäfchen es verstanden. Heute habe ich über Jesus als Wundertäter gesprochen. Sehr orthodox war es nicht. Der Rousseau, wie alle literarischen Dinge, schweigt. Vielen Dank für den Brief Ihres Bruders, in dem mich die Nachrichten über Hermann sehr erfreut haben. Mit den herzlichsten Wünschen und Grüßen von uns allen sowie Grüßen an Frl. Knaps.
Ihr getreuer Eduard Spranger

[Kopf] Nieschling war 2 Tage hier, einen Moment auch bei mir.
[Kopf,S.5] Kügelgen ist Prediger in Zwickau geworden.