Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6./8. Dezember 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 6. Dezember 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Sie haben sehr richtig bemerkt, daß meine Antworten keine "Antworten" sind und wollen mir deshalb mit einer "schnöden Redensart" gestatten, Ihren Brief "ad acta zu legen". Die Consequenz wäre eigentlich, daß ich mein Schreiben verschöbe, bis in meinen turbulenten inneren Menschen wieder Ordnung gekommen wäre. Ich bin aber zu sehr gewöhnt, vor Ihnen alles frisch und furchtlos zu expektorieren, um an dieser schnöden Redensart Ihres sonst so lieben Briefes hängen zu bleiben.
Und nach diesen Scherzen zur Sache. Die Antworten kommen auch noch; wichtiger aber scheint mir, um offen zu sein, die Beichte, die ich in alter Weise vor Ihnen ablege. Seit Jahren verberge ich Ihnen nichts; ich gebe Ihnen, was ich Ihnen zu geben vermag: die völlige Wahrheit über mich, sofern ein Mensch über sich selbst zur Wahrheit gelangen kann. Darin, daß mir dies immer wieder dringendstes Bedürfnis ist, liegt das Unzerstörbare unserer Beziehung, deren Quell vielleicht noch mehr unter Schwarzwaldtannen als im lieblichen Odenwald liegt. Jeder Strom aber hat ja von Natur viele Quellen. Weil ich immer
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| noch die dunkle Empfindung habe, daß es leider nicht überflüssig ist, lege ich Ihnen nun doch die Verse bei, die ich auf dem Kümmelbacher Hof in Gewitter und Nebel niederschrieb am 11. August, nachdem ich sie auf der Landstraße in lebhaftester Wallung zusammengequält hatte. Sie sind ein Ausdruck des Moments, keine Poesie.
Könnten Sie hineinsehen in diesen Sturm in mir, der nicht aufhört und mich so erschüttert, daß ich mit allen Freunden, die mich hierin nicht begleiten und verstehen, gebrochen habe; nicht äußerlich; aber innerlich kann ich mir eine wachsende Kälte gegen sie nicht verhehlen. Außer Hahn und Ludwig ist es absolut einsam um mich. Ich fühle mich wie ein Mensch, der seine eigentliche metaphysische Bestimmung plötzlich in sich entdeckt hat. Manche meiner anderen Ziele erscheinen mir wie ein großer Irrtum, als bloße Erzeugnisse des Ehrgeizes. Sie selbst wissen ja nur zu gut, daß der Zusammenhang beider Tendenzen doch weit inniger ist, als mir immer gegenwärtig bleibt.
Wenn ich in meiner 1. Rede, die übrigens Fragment bleiben wird, den Glauben als meine Grundstimmung charaktierisiert habe, so darf ich daneben die Liebe stellen. Eine glühende pädagogische Liebe. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ein junger Mann in meiner Lage könnte sich über die eigentliche Natur seiner Gefühle täuschen. Ich schwöre Ihnen, daß ich mir darüber vollkommen klar
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| bin. Gewiß habe ich die weibliche Eigenart erst jetzt tiefer kennen gelernt, und ich verehre und liebe auch sie. Aber ich vermag diese Empfindungen durchaus von meinen pädagogischen Gefühlen zu trennen. Ja ich bin erstaunt, in wie hohem Grade man als Lehrer gerecht sein kann, wie wenig die individuelle Zuneigung ins Gewicht fällt. Was stattdessen mein eigenstes Wollen ausmacht, brauche ich Ihnen nicht zu sagen.
Ein Beispiel dafür hat mich besonders gerührt. Ich habe eine kleine Schülerin, die vor kurzem den Vater verloren hat. Sie ist sehr gut und fein erzogen; in den häuslichen Leistungen vortrefflich, in der Schule aber traut sie sich vor innerer Angst nicht heraus. Dieselben traurigen Verhältnisse habe ich bei einer sehr schwächlichen und auch in den Leistungen schwachen Schülerin. Bei beiden lege ich in meinen Ton so viel Herzlichkeit, als ich nur kann. Nun habe ich neulich aus meinen Stadtbahnbeobachtungen die Geschichte von einem Vater erzählt, der nicht nur für seine beiden Töchter, sondern auch für deren Freundinnen die Aufsätze macht. Daran dachte ich nicht mehr, als ich neulich einzelne durchfragte, ob sie mit dem neuen Aufsatz auch allein zustande gekommen wären; so auch die ersterwähnte Luise Menz. Da traute sie sich zum ersten Male heraus und fügte aus freien Stücken hinzu: "Ich habe ja keinen, der mir helfen kann". Das aufwallende Vertrauen und zugleich die Tragik, die darin lag, hat mich tief ergriffen.
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Nun will ich Ihnen aber von meinen ersten, glücklichen Erfolgen als Lehrer erzählen. Wir hatten gestern einen sog. Elternabend, mit 2 Vorträgen, Arbeitsausstellungen und einer laut Programm "zwanglosen Aussprache zwischen Eltern und Kollegium". Ich war mit meiner Mutter dort, und erwartete nicht, daß sich jemand an mich heranwagen würde. Trotzdem hielt ich mich parat, setzte meine Mutter auf einen Stuhl und durchwanderte gelangweilt das Publikum.
Schon in der ersten Pause, gegen Schluß, kam eine Dame auf mich zu: "Habe ich vielleicht die Ehre mit Herrn Dr. Sp.? Mein Name ist Runge". Ich: "Sehr interessant etc". " Meine Tochter hat mir auf die Seele gebunden, ich soll nicht weggehn, ohne Sie gesehen und gesprochen zu haben. Wir sind ja so unglücklich, daß Sie sie nicht mehr im Deutschen haben". Einiges über die Eigenart ihrer Tochter, Gehör, Sprache etc. Ich sagte ihr das Vorteilhafteste über sie. "Und denken Sie nur, jetzt haben wir einen Brief bekommen, daß sie vielleicht garnicht einmal versetzt werden kann." Ich: Woran liegt es denn? Rechnen? "Ach nein, am Deutschen. Ach, es ist ja ein Elend. Die Dame ist wohl halsleidend, und wie das dann so ist. Aber reden Sie nur nicht darüber." Nun packte mich eine fürchterliche Wut über Frl. Laabs; gern hätte ich noch mehr gehört. Aber die zweite Rede begann, und wir schieden freundschaftlich, ich glücklich über meine "erste Mutter".
Meine eigne Mutter drängte nach Hause. Ich blieb pflichtmäßig da. Wirklich kommt ein Papa, ein einfacher Handwerker, Vater meiner Ersten aus der 2. Abtei
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|lung, einer wahren Freude und Sonne der Menschen (Erna Ewert.) Er wurde etwas ausführlich über seine Familie, sagte nichts vom deutschen Unterricht. Aber daß dieser schlichte, prächtige Mann kam und mich suchte, sagte mir, daß man gut von mir denkt. Abschied unter Händeschütteln. - An der Garderobe stand diejenige Mutter, die mich am meisten interessiert, weil sie dreinredet und behauptet, daß sie auch nicht so schnell schreiben könnte, wie ich diktiere. Vorstellung ihrerseits. "Herr Dr. Sp. ist jetzt das dritte Wort zu Hause (es sind 2 Schwestern). Das ist doch mal ganz etwas Neues unter all den Lehrerinnen". - So hatte ich doch einmal hinter die Kulissen gesehen; und es müßte doch auch mit dem Teufel zugehen, wenn das Feuer, das ich entwickle, nicht zündete.
Und da muß ich doch Ludwig Richter verteidigen. Auf mich wirkt er unendlich tief. Und die Mädels waren ja nach dem Bilde entzückt (bes. Überfahrt am Schreckenstein), oder sie lachten sogleich frisch und munter los. Ja ist denn das nicht ein großer Maler, der so vernehmlich spricht? Kommt es denn nur auf die Technik an - deren Fehler erkennt selbst mein enterbtes Auge - , gibt es nicht auch einen Gehalt. Und den hat Marta Ruben, wie ich beim Vorlesen ihres Aufsatzes sah, besser beschrieben, als ich es könnte: man merkte, es war etwas in ihr in Bewegung geraten. Und ich weiß
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| genau: den Richter habe ich ihnen belebt; ich werde sehr schöne Aufsätze bekommen. Sie sind ganz Feuer und Flamme, ich bitte Sie: für einen Aufsatz!! Es gibt nur einen Vergleich für Richter: er ist der Lortzing der Malerei, und das ist sehr, sehr viel. - Heute muß ich abbrechen. Nach Art der guten Redner aber gebe ich einen Überblick über das Folgende: Eine Kunsterziehungsdebatte in der Konferenz. Die Probleme des Religionsunterrichts. Mein Verhältnis zu Scholz. Jetzt aber sage ich Ihnen nur noch mit Erröten: ich habe heute (in der III.) meinen ersten Tadel gegeben, wegen hartnäckigen Nichtkönnens der 10 Gebote.

8.XII.
Wieder einmal befinde ich mich in dem eigentümlichen Zustande, daß ich in der besten Arbeitszeit untätig vor meinem Schreibtisch sitze und mich nach einem Mittel sehne, meine Erlebnisse zu objektivieren. Philosophie und Poesie wollen nicht verfangen. So wähle ich den alterprobten Weg und schreibe an Sie. Sie dürfen es dann ad acta legen.
In der Kunsterziehungsdebatte sprach zuerst der Direktor, etwas diffus und allgemein, von "Persönlichkeit" und Beleben" etc. Die Diskussion begann mit einer spitzzüngigen Meinungssverschiedenheit der beiden Zeichenlehrerinnen. Die jüngere schimpfte weidlich über den schlechten Geschmack der Schülerinnen, betonte aber, daß sich bei ihrem Unterricht das mit
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| der Zeite änderte, besonders wenn sie ihnen sagte, warum etwas schön wäre. Da fiel ich aus der Rolle, wurde grob - Sie kennen mich ja - und rief: "Das können Sie auch nicht sagen, gnädiges Fräulein". Allgemeiner Alarm, im ganzen zu meinen Gunsten. Schließlich erlaubte ich mir, meine Erfahrungen dahin zu formulieren: 1) Ganz junge Kinder genießen an Kunstwerken in der Tat nur das Sachliche. Also schadet der Anschaungsunterricht an Kunstwerken nichts; denn was nicht da ist, kann er nicht zerstören. 2) Ältere Kinder haben einen erwachenden dunklen Kunstsinn. Man soll sich nicht dadurch, daß sie sich darüber nicht äußern können, abschrecken lassen, Kunstwerke zu bieten. An der Lebhaftigkeit, mit der sie sie aufnehmen, merkt man, daß es wirkt. Nur ist es ihnen ganz unmöglich, sich über ihre Gefühle Rechenschaft zu geben. Selbst von der besten habe ich in dem obligaten Schlußteil der Aufsätze: "Mein Gesamteindruck" noch nichts Vernünftiges gelesen. Die Art des Unterrichts ist bei mir die, daß ich ihnen einfach sage, was ich bei einem Bild empfinde, nicht die Sache, sondern allein die Stimmung beschreibe. Und dann sehen sie mich groß an. Damit fand ich allgemein Beifall.
Ebenso sollte es wohl mit dem Religionsunterricht sein. Hier aber stört, daß wir doch zu kompliziert empfinden. So habe ich bis jetzt immer den Fehler gemacht, daß ich intellektuelle Widerstän
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|de wegräumen wollte, die nicht da sind. Wichtiger ist es, das abscheuliche, problemlose Wortwissen, mit dem die Mädchen ausgestattet sind, zu beseitigen. Seele, Himmel, Gott, Gewissen, Erlösung von den Sünden sind ihnen Currentmünze, und es ist sehr schwer, durch diesen religiös wertlosen Kram bis zu einem so einfachen und doch centralen Gedanken vorzudringen, wie: Jesus unser Vorbild.
Hierüber habe ich neulich Scholz ausdrücklich um Rat gefrat. Er sagte mir in wenigen Worten sehr Wertvolles, Ermutigendes. Vor allem meinte er, er habe unter seinen Konfirmandinnen kaum eine mit den genannten intellektuellen Widerständen gefunden, und wenn, so sei es ganz äußerlich angelesenes Zeug gewesen. Bei dieser Gelegenheit wurde mir wieder sehr deutlich, wie wunderbar ich im ganzen mit diesem Mann harmoniere. Er sagt nicht ein Wort, das mich nicht verwandt berührt und gleiche Töne in mir anschlägt, und ich glaube, daß auch er Gefallen an mir findet. Morgen über 8 Tage bin ich wieder dort.
Gestern war ich bei Paulsen und fand ihn bei gutem Aussehen, aber immer noch in schmerzlicher Stimmung. Er drang wieder in mich, nach Vollendung meiner Humboldtarbeit auch die seine zu übernehmen; er fühle sich nicht so, daß er hoffte, je dazu zu kommen. Auf meine Ideen ging er zustimmend und freudig ein, nur das pädagogische Kindlein will noch immer keine
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| Krippe finden. Reuther und Reichard wollen es zuletzt ja nehmen; doch empfehlen sie mir mehr eine Zeitschrift, und da gibt es keine geeignete. Ich muß aber diese Sache heraushaben, tot oder lebendig, wenn ich für die Humanität ganz frei sein soll. P. verabschiedete mich mit den wehmütigen Worten: "Nun, freuen Sie sich Ihrer Jugend und Ihrer - Humanität." Morgen mache ich nun mit der Paulsen'schen "Jugend" eine Grunewaldpartie, wirklich die letzte mit "Mädi" Mauderer; denn am 20. dieses Monats macht sie in Steglitz, Fichtestr. 31. Hochzeit. Wenn Sie daran dächten, würde sie sich gewiß sehr freuen.
Heute habe ich wieder zwei herrliche Stunden gehabt; die Mädchen und ich haben es gleich gut gemacht. Es ist rührend, wie fleißig sie für mich sind und wie sie in den kleinsten Dingen ihre Anhänglichkeit beweisen. Wenn es Ihnen keine Mühe macht, schicke ich Ihnen um Weihnachten einmal die Bilder der ersten und zweiten Klasse. Darf ich?
Auf nach Cassel,
wie wird's sein?
Viel Schlamassel,
wenig Schwein!
So schrieb mir Nieschling, als er auf die Kriegsschule zog. Und gern würde ich dem ersten Teil dieser Devise folgen. Aber der Zeitpunkt ist einem solchen Unternehmen nicht günstig. Meine Gesundheit gibt
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| im Winter nicht viel Außergewöhnliches her. Darin wie in machem anderen fehlt mir noch immer die Sicherheit der Existenz. Ich bin froh, wenn der Sommer meine Pläne zustande kommen läßt. Vielleicht komme ich noch einmal zu einer solchen Freiheit, die doch für die Frische des Geistes unentbehrlich ist. Aber lassen Sie uns einmal folgende Idee im Auge behalten - ohne Verbindlichkeit, denn das Schicksal schreitet schnell: die Mitte zwischen Cassel und hier ist der Kyffhäuser; ein Convent von Hermann, Kurt und uns dort um Ostern oder Pfingsten wäre doch nicht übel. Indessen - .
Wenn ich Frl. Th. falsch beurteilt habe, tut es mir leid. Ich glaubte an ihr eine gewisse Abgeschlossenheit zu bemerken, die mit meiner sokratischen Manier im Widerspruch steht. Hingegen haben Sie ganz unrecht, wenn Sie glauben, daß ich nicht für sie die lebhafteste Sympathie empfände. Hermanns Arbeit will ich in den Weihnachtsferien noch einmal vernehmen. Sie ist an sich sehr klar und voll Akribie, nur hat Ferd. Jac. Schmidt recht, wenn er sagt, daß sie dem Widerstrebenden keinen Zugang zu Hegel eröffnet. Über Ihr Verhältnis zur Antike müssen Sie mir noch etwas sagen. Worin liegt für Sie das Klassische dieser Kunst?
In dem beiliegenden Heft finden Sie außer einer Rec. von mir den Aufsatz einer Dame, die die
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| Veranlassung der zwischen Oesterreich und mir eingetretenen Entfremdung ist.
Was Sie mir von der Wirkung meiner Reformationsrede schreiben, hat mich mit Dank und Freude erfüllt. Hier hat kein einziger des Kollegiums ein Wort dafür gehabt. Der oben erwähnte Fall Laabs ist doch sehr charakteristisch. Selbstverständlich wird Clara Runge nicht sitzenbleiben, solange ich an den Versetzungskonferenzen teilnehme. Eher würde ich selbst gehen. D
Die Weihnachtzeit rückt näher. Ich werde kaum noch vor dem Fest nach Heidelberg schreiben. Also grüßen Sie bitte Frl. Knaps recht herzlich von mir; ich wünsche ihr ein frohes Fest. Was macht Herr Weise?
Ist das nun alles? Nein; aber legen Sie das Fragment ad acta. Ich muß aufhören.
Herzliche Wünche für Ihr Wohlergehen und glückliche Reise, viele Grüße von uns allen
Ihr getreuer
Eduard Spranger.