Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, Kantstraße 140.
Den 22. Dezember 1906.
Liebes Fräulein Hadlich!
Nach den unbestimmten Andeutungen Ihres letzten Briefes weiß ich kaum, wie und wo Sie Weihnachten feiern. Wo es nun auch sei, so wünsche ich, daß die echt weihnachtliche Stimmung Sie erfüllen möge, die jetzt auch den Widerstrebenden mit sich fortreißt, wie viel mehr den Empfindenden.
Wir haben uns zu Weihnachten immer besonders viel zu sagen gehabt, und auch diesmal erfüllt uns wohl Gedenken an Vergangenes und Zukünftiges. Ihre Zeilen von neulich brauchten mir nicht erst die Gewißheit zu geben, daß wir verbunden durch das Leben gehen. Ich weiß es längst, und sollte ich je daran zweifeln, so müßte ich aufhören, über mich selbst klar zu sein. Auch in der geistigen Welt gibt es Fakta, die ganz unabhängig davon existieren, ob Sie oder ich im Moment geneigt sind, sie anzuerkennen. Vor einem Jahr konnte ich Ihnen - gleichsam in einer Handarbeit - einiges sagen, was vielleicht
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| teilweise den Reiz des Neuen hatte. Ich könnte heut nur dasselbe wiederholen; es ist für mich in den markigen Linien, die ich inzwischen meinem Lebensgange geben durfte, ein scharfer, unverlöschlicher Zug geworden. Die wenigen Worte, die ich diesmal gefunden habe, drücken nach meinem Gefühl mehr aus als alles Frühere. Denn ich bin aus dem bloßen Genuß einer stillen Innerlichkeit, die wir in manchen reizvollen Stunden teilten, hinausgetreten in den Beginn einer Wirksamkeit, die, wie sie sich auch gestalte, immer wieder von Ihnen reden wird. Deshalb habe ich die eine Weihnachtsbitte: Glauben Sie diesem Bekenntnis und stoßen Sie sich nicht am Kleinen und Kleinsten; wir wollen beide unsre Nervosität im neuen Jahr dämpfen und mit gläubigem Vertrauen das große Glück genießen, das uns in uns beiden gegeben ist. Dazu gehört auch, daß die Rücksichtnahme einer gewissen Art in den Hintergrund tritt. Sie müssen nicht meine Zeit schonen wollen. Denn es kann wohl sein, daß ich beschäftigt bin; aber bisher hat kein Geschäft mir wertvoller sein können, als das, was Sie
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| mir gaben. Und wenn ich zuweilen schroff erscheine, so ist das gewiß ein Fehler, eine momentane, tadelnswerte Reizbarkeit. Aber es ist doch nicht immer ein Fehler, sondern vielleicht teilweise nur eine Folge der veränderten Ausdrucksweise, die ein Gedanke beim Durchgang durch das männliche Denken annimmt, und teilweise ein Zeichen dafür, daß gewisse Überzeugungen in mir fester, die Möglichkeiten begrenzter werden. Ich habe eine Schule des allseitigen Verstehens bei Dilthey durchgemacht, aber ich habe gesehen, daß man mit dieser Toleranz nicht leben kann, daß auch der geistige Organismus einen Knochenbau verlangt. Aus dieser Tatsache kann uns nur dann eine ernstliche Gefahr erwachsen, wenn es uns an freier Aussprache hindert, so daß bald ganze Gebiete erstehen, um die wir mit ängstlicher Schonung herumgehen müßten. Denn das sind niemals die Gebiete, auf denen die Ansichten divergieren, sondern die, auf denen man der Divergenz nicht mutig bis auf Wurzel nachgegangen ist. Ein solches Gebiet sehe ich bei uns nicht. Wir sind im Herzen ganz einig, und die Verschiedenheit der Bilder wird uns eher wertvoll als
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| störend werden, je mehr wir sie aus dem Ganzen unsrer Naturen, vielleicht aus der Kampfstellung eines jeden von uns verstehen. Denn was der Mensch ablehnt, ist für ihn charakteristischer als was er zugibt.
Die Gefahr, vor der Frl. Knaps Sie warnte, daß wir christlich werden könnten, sehe ich in sehr naher Nähe, für mich fast vor Augen. Und damit komme ich auf die beiliegenden kleinen Bücher. Ich entschuldige mich nicht wegen der Einfachheit dieser Weihnachtsgabe; der hätte sich abhelfen lassen, wenn meine Absicht darauf gerichtet gewesen wäre. Mein Gedanke dabei aber war ein tieferer: nämlich der, Ihnen das Wertvollste auf den Weihnachtstisch zu legen, was mir in meiner ausgebreiteten Lektüre 1906 begegnet ist. Besonders "Die Briefe über Religion" stelle ich Ihnen zur eingehenden Diskussion; in dem andern betone ich mehr das Ästhetische.
Möge das Weihnachtsfest nun Sie alle in fröhlichem Kreise vereinen. Grüßen Sie bitte alle Ihre Lieben von mir, vor allem Hermann und seine Braut. Ich muß am 1. Feiertage wieder einmal Pate stehen, eine mir im höchsten Grade dubiöse Funktion. Sonst
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| folgt mir auch in diesen Tagen die Arbeit. Ich muß täglich zu meinem Direktor, der - nachdem seine Diss. zu meiner Freude angenommen worden ist, - Anfang Januar in Gießen promovieren wird. Mein großer Jahresbericht ist mir soeben in Correktur zugegangen und wird auch im Januar erscheinen (ca 1400 Zeilen). Nur Rousseau, der übrigens in Diederichs' Weihnachtskatalog schon angezeigt ist, rührt sich noch nicht. Hingegen werde ich den Entwurf für die ersten 150 Druckseiten meines Humboldt in den Weihnachtsferien ausarbeiten; vielleicht wird der erste Band noch im Mai fertig.
Ich habe hier in dieser Woche eine sehr schwere Situation gehabt, die ich Ihnen nicht in der Kürze entwickeln kann. Renner wollte eine große Philosophische Gesellschaft für ganz Deutschland gründen. Es entstand für mich die Frage, ob ich allein weitergehen sollte oder von vornherein Anteil an der Leitung dieser Bewegung suchen sollte. Im Ehrenpräsidium sollen sein - und sind - Dilthey, Riehl, Meinong; in das Präsidium sollte ich mit aller Energie gewählt werden. Bei der Generalversammlung habe ich erkannt, daß
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| es sich um eine ganz unreife und ziellose Sache handelte, durch die ich meine Laufbahn ernstlich gefährdet hätte. Ich trat also als lebhaftester Opponent auf und lehnte die Wahl trotz alles Dringens standhaft ab. Damit wird wohl mein gutes Verhältnis zu Renner sein Ende erreicht haben; ihm zu liebe habe ich mich bewegen lassen, die Gesellschaft mitzukonstituieren; aber die Diskussion zeigte klar, daß sie tot geboren, vielleicht nur ein finanzielles Unternehmen ist, in das man mich durch Überrumpelung hineinziehen wollte. -
Heute nun bin ich noch berauscht von unsrer gestrigen Weihnachtsfeier in der Schule. Auch diese brachte Ärger für mich. Ich sollte an der Tür die Honneurs machen; aber ich habe dieses Ansinnen glatt abg[über der Zeile] elehnt, was zu einem neuen Konflikt mit Frl. Laabs führte. So war ich mit meinen Eltern und meinem Onkel rein a. G. anwesend, übrigens der Gegenstand einer neugierigen Aufmerksamkeit, die mir wenig Freiheit gestattete. Die Kleinen spielten reizend; ein Weihnachtsreigen gehörte zu dem
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| Feinsten und Anmutigsten, was ich gesehen habe.
Erna Ewert und Hedwig Wolter als Genien, Käthe Ihlefeldt als Weihnachtsengel (sie und Clara Runge stellte ich meiner Mutter vor), Lotte Bock und Togotzes als Jungens - alle waren ganz prächtig.
In der Erwartung bezüglich der Richteraufsätze habe ich mich nicht getäuscht. Sie waren [über der Zeile] 6 sehr gut prachtvoll , voll rührenden Fleißes und Verständnisses. Das letztere natürlich in den erwarteten Grenzen. Vielleicht lesen Sie einmal einige Muster des Schlusses und senden mir den Zettel zurück. Leider habe ich Meta Heymann gegenüber einen Mißgriff gemacht, der amtlich vollkommen richtig war, aber ein grober pädagogischer Fehler, weil er geeignet war, das Vertrauen der Klasse zu mir zu erschüttern. - Finden Sie es übrigens passend, daß mich bei dem gestrigen Feste höchstens 1 oder 2 zuerst grüßten?
In der 1. Klasse habe ich in einer Vertretungsstunde die ganze Geschichte der Architektur von Griechenland bis heute vorgetragen, daß ihnen Hören und Sehen verging. Die Mädchen waren nachher ganz aufgeregt. - Einen Zwischenfall lege ich Ihnen in Originalkorrespondenz bei. Die Abänderungen in m. Antwort beruhen auf Wunsch des Direktors.
In den Ferien werde ich viel Besuche, auch auswärts machen müssen, ferner die Nationalgalerie und das Museum studieren für Humboldt. Die pädagogische Sache kommt wieder nicht zur Reife, obwohl sie eingehend verhandelt worden ist.
Frl. Mauderer ist nun seit gestern Frau Kaftan; ich war weder bei dem Polterabend bei Sr. Magnificenz, noch auf der Hochzeit selbst. Geschenkt habe ich ihr Bielschowskys Goethe, nachdem ich mit der gewünschten Korridorampel nicht zu stande gekommen war.
Meine Eltern grüßen Sie herzlichst und wünschen Ihnen mit mir fröhliches Fest und glückliche Reise. In der Hoffnung, bald Gutes von Ihnen zu hören, verbleibe ich mit weihnachtlichem Friedens- und Freudesinn
Ihr getreuer
Eduard Spranger.