Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Dezember 1906 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 25.XII.06.
Liebes Fräulein Hadlich!
Wennschon ich vor der Taufe keinen eigentlichen Brief mehr zu stande bekommen werde, so möchte ich doch meinen Dank für Ihre wundervolle Weihnachtsgabe unmöglich länger aufschieben. So sehr Sie mich verwöhnt haben, so wissen Sie doch jedes neue Werk Ihrer Kunst mit neuer Eigenart zu krönen, und durch diese Kunst hindurch sehe ich in die Tiefe eines mir verwandten und vertrauten Erlebens. Gerade um die Weihnachtszeit strebt ja das Herz nach Ewigkeit; ich habe es diesmal in der Unrast meines Innern besonders lebhaft empfunden. Da ist es dann etwas Schönes, diesen ewigen Fluß, wie ihn die Seele mit den Gewässern gemeint hat, durch die Kraft des Künstlers festgehalten und der Ewigkeit näher geführt zu sehen. Sie haben es nicht gewußt, aber Sie haben es gewiß geahnt in der Schweiz, daß mich diesen
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| Sommer noch mehr als schon 1904 gerade der Anblick der Wasserfälle bis zur Flucht quälte, eben wegen des Rätselhaften und Problematischen, das von ihnen aus sofort in die Seele wirkt. Das Rauschen, das im Anfang so wohltuend ist, wurde mir dann geradezu unerträglich, besonders in der Ravennaschlucht. Sie aber zeigen auf Ihrem Bilde die schönen Weiten und Fernen, die ruhige Sammlung der Wiesen und den charaktervollen Ernst der Berge.
Verzeihen Sie, wenn ich Ihr Bild so symbolisch deute; ich setze nur den von Ihnen angesponnenen Gedanken fort. Sonst aber lasse ich mich so leicht nicht von dem rein ästhetischen Eindruck fortlocken, und ich empfinde es mit Freude, daß ich unter Ihrer Einwirkung der Malerei in meinem Verständnis um ein wesentliches nähergekommen bin. Mein Auge selbst zwar läßt sich wenig bessern, wohl aber der "Sinn" im höheren Verstande. Und dies wohl nur dadurch, daß ich das ursprüngliche Erleben, das sich in Ihnen zum
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| Bilde gestaltete, so nah mit Ihnen teilen durfte. Nehmen Sie also in schwachen Worten für dies und alles, was Sie mir gaben, vor allem auch für Ihre freundlichen Worte, innigen Dank. Was ich sonst noch "bekommen" habe, wird Sie wenig interessierern. Es reicht auch an dieses so persönliche Geschenk in seiner utilitarischen Unpersönlichkeit nicht heran. Sonst habe ich bis Heiligabend Mittag gearbeitet, bin dann träumend duch einige alte Straßen des östlichen Berlin gewandert, ohne die rechte, fruchtbringende Stimmung finden zu können. Es war noch zu geschäftlich. Jetzt will ich etwas Winterlandschaft genießen; freilich habe ich auch viel zu tun. Sollte sich daher mein eigentlicher Neujahrsbrief um einige Tage verfrühen oder verspäten, so werden Sie es mir nicht übelnehmen. Denn am Silvester ist immer eine poesielose Markenkleberei bei uns. Mein Direktor kommt nächstens auf der Fahrt nach Gießen durch Cassel, und hier schicke ich Ihnen 1/3 der Schule, d. h. als Drucksache morgen, spätestens übermorgen folgend; einliegend nur die schematischen Erläuterungen. Ich bitte Sie aber sehr,
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| die Bilder nicht etwa eingeschrieben [über der Zeile] Verschwendung! zurückzusenden; nur vermeiden Sie bitte den Neujahrsverkehr. Für Ihr freundliches Interesse im voraus vielen Dank.
Mein kl. Paket ist hoffentlich rechtzeitig in Ihre Hände gelangt. Sie wollten mir noch von einigen Vorfällen der letzten Wochen, deren Andeutung am 10.XII mich beunruhigte, Nachricht geben. Hoffentlich ist alles in Ordnung, und Stimmung und Befinden bei Ihnen gleich gut. Vielleicht finden Sie Zeit, mir auch über Hermanns Ergehen etwas zu schreiben. Ich habe seit August nichts direkt von ihm gehört. Bitte grüßen Sie alle die verehrten Ihrigen von mir, auch den Herrn Referendarius. Ebenso empfangen Sie von m. Eltern die herzlichsten Grüße.
Ihr dankbarer und getreuer
Eduard Spranger

Fröhliche Wintertage in Cassel!