Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, Dezember 1906


W e i h n a c h t e n 1 9 0 6

Welch Laufen auf den Treppen und den Fluren!
Das Weihnachtsfest: bei uns auch zieht es ein;
Auf den Jahrtausend alten heil'gen Spuren
Soll nicht die frische, frohe Jugend sein?
Wie bin ich arm, wenn so die junge Seele
Erglüht auf jedem Mädchenangesicht;
Kein andrer ist, den sie zum Führer wähle,
Als er, der immer neu zum Herzen spricht.
Du wonnevolle Jugend, ja ich bete
Dich an mit tief verständnisvollem Sinn:
Auch ich bin jung, doch mancher Sturm umwehte
Mir schon die Brust; wie vieles sank dahin!
Willst Du auch mir ein Weihnachtsfest bereiten,
So schenke mir vertrauend Dein Gemüt:
ich will es pflegen, will er führend weiten,
daß es voll Kraft und voll Gehalt erblüht.
Woher die Zuversicht, dies heiße Streben,
Das freilich ahnt Dein junges Denken nicht.
Ich aber weiß: dies ganze volle Leben
Gab mir der Freundin Weg erhellend Licht!