Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1906


Am Neckar wand'r ich still am Wegesrand,
Wehmütigen Abschied lächelt die Natur,
Und mit dem Auge such' ich unverwandt
Am feuchten Rain die kaum verwehte Spur.
Hier schrittest Du; nun ist das Land geweiht,
Von meinem Selbst ward es ein heilig Stück.
Wie dringt die wonnevolle, goldne Zeit
Gewaltig heut in meinen Sinn zurück!
Da taucht der Hof von Grün umgeben auf,
Noch eine Wendung und der Dilsberg winkt,
Von dem der Fluß in rastlos muntrem Lauf
Bedeutungsvoll mir liebe Grüße bringt.
Von einem Schleier ist sein Haupt umwallt,
Der Tag ist trübe und das Tal so schwül,
Und tief aus meiner Seele Grunde hallt
Ein herber Ton, ein wahres Schmerzgefühl.
Dein Zweifel wob das dunkle Nebelkleid,
O leug'n es nicht, befrage Dich genau:
Nun schwand die jubelfrohe Sommerzeit
Hinab, hinab ins lichtentwebte Grau.
Hier will ich ruh'n, wo wir so manches Mal
Im Tiefsten eins die Abendsonne sah'n;
Vielleicht, daß mir in einem Scheidestrahl
Noch einmal ihre alten Zauber nah'n.
Und dieses Vöglein, das mit kühnem Mut
Mir auf den Tisch hüpft und ins Auge schreit,
Es sei mit Grüßen von der alten Glut
Weit über Land und Bergeshöh'n betraut.