Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3./4. Januar 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 3. Januar 1907.
Liebes Fräulein Hadlich!
Es tat mir sehr leid, daß ich diesmal zu Neujahr unter einer Fülle heterogener Geschäfte so kurz sein mußte. Ich danke Ihnen herzlich für Ihren lieben Brief und die darauf folgende Karte. Das Bewußtsein, gemeinsam mit Ihnen in das neue Jahr zu gehen, stimmt mich froh und zuversichtlich. Denn aller früheren Skepsis zum Trotz bleibt es nun doch einmal wahr, daß ich das Verständnis, dessen ich bedarf, nur von Heidelberg erwarten kann. Sie allein sehen das Innere, aus dem meine äußeren Produktionen hervorgehen; Sie sind nächst meiner Mutter der einzige auf der Welt, der mich innerlich kennt; und dies Bewußtsein einer (nicht zwecklosen) absoluten Offenheit gegen Sie hat auch das Schuldbewußtsein in dem mehrfach berührten Falle in mir nicht aufkommen lassen.
Wir nähern uns nun dem Jahrestage des Potsdamer Zusammenseins (denn nur dies ist von Ihrem Berliner Aufenthalt zu zählen), und die Erinnerung an das unvergleichliche Eröffnen dieser Stunden wird in mir noch lebendiger. Wir können et
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|was Derartiges immer nur von besonders geweihten Minuten erhoffen. Es ist seltsam, daß auch mir der Augenblick, als beim abendlichen Lichterglanz die Lohengrinklänge ertönten, tief in der Erinnerung geblieben ist. Wir sprachen damals nichts, und es hat etwas Überwältigendes, wenn man bei aller Reflexion den Gehalt eines Momentes nicht auf einen Ausdruck bringen kann. Ich erinnerte Sie schon einmal, daß man selbst die Gespräche solcher Situationen rein vergißt. Wissen Sie noch: die einsamen Kiefern im ersten Jahre, dann das Wiesendreieck, der regnerische Morgen in Griesbach, der Regenabend auf dem Kümmelbacher Hof, der göttliche Dilsberg (sicher das Schönste), Eberbach -
Das alles ringt mit geheimer Gewalt im Grunde meiner Seele nach fester Gestalt: Laß an, laß ab, der Kampf ist vergebens, Du schöpfst es nur aus im Gehalt eines Lebens!
Ich habe nichts, womit ich das vergleichen könnte; denn meine Seele ist kalt, wo es sich um ungeteiltes Eröffnen handelt; sie hat es bisher nur einmal gekonnt. -
Hermanns gereizter Neujahrsbrief hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß er meine letzte Recension auf sich gedeutet hat. In Wahrheit ist Leopold Ziegler der gemeinte und überhaupt die ganze Rich
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|tung. Übrigens ein seltsamer Gedanke, daß ich eine Rec. als Gelegenheit benutzen sollte, Gehässigkeiten gegen meine Freunde vom Zaun zu brechen. Das hat sich Hermann wohl nicht überlegt. Die Anzeige hat mir vom Autor, von Hahn und anderen lebhafte Lobsprüche eingetragen, und ich selbst lege prinzipiell Wert auf sie. Auch Hermanns Äußerungen zeigen mir, daß ich den entscheidenden Punkt getroffen habe: denn ich wüßte nicht, was eine Philosophie anderes geben sollte, als das was die Welt "für uns" ist. So wie Ritschl dies "für uns" in der Theologie prinzipiell vertritt, ruht auch mein ganzes Denken darauf, und ich muß geradezu sagen, daß eine Philosophie, die nicht "für uns" ist, mir keinen gesicherten Ausgabepunkt zu haben scheint. Demgegenüber ist der terminus "psychologisch" sekundär, ebenso wie die Frage nach Naumanns Wissenschaftlichkeit. Ich bin nicht der Ansicht, daß man aus bloßer Wissenschaft eine Lebensansicht bilden kann. Eine Einigung mit Hermann liegt jetzt ganz außer meinem Gesichtskreise. Es hat keinen Sinn, daß wir uns zu Neujahr Spitzen sagen, sondern wir müssen abwarten, ob die Wirklichkeit des Lebens uns einmal näher führt. Allerdings glaube ich, daß - wie ich schon zu Scholz sagte - allein die Realität der Lebenserfahrung die Haltbar
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|keit der spekulativen Philosophie begründen kann. Bei Scholz kommt mir der traurige Fall <Name unleserlich> in den Sinn. Ich war mit ihm noch am 16.XII. beim Geburtstag des kleinen Scholz zusammen. Seine kleine Schwester war mir eine sympathische Tischdame. Wir haben sehr nett, wie lange nicht, philosophiert; es tut mir leid, schon für dieses fein empfindende Wesen.
Ihre Urteile über die Bilder interessieren mich sehr. Über Frau Direktor bin ich mir noch garnicht klar. (Er macht morgen sein Mündliches - gottlob, daß diese Arbeit für mich damit aufhört.) Die II a, also meine Abteilung, hat mir zu Neujahr gratuliert. Es hat mich recht gefreut. Über das Grüßen denke ich anders. Ich nenne die Mädchen auf meinen eignen Wunsch "Sie", und sehe keine Spur von Grund, weshalb ich diese Kinder galant behandeln sollte. Ich bin höflich, aber unnahbar, und grüße auch die 1. Klasse nicht zuerst. Die wenigen, die es etwa erwarten, sind völlig im Irrtum über mein Verhältnis zu ihnen. - Ihr physiognomisches Urteil hätte ich gern über Luise Goedecke, Martha Roding, Luise Menz, Frida Pütter, Charlotte Möller und Else Müller.
Frl. Naumann u. Herr u. Frau Professor Rade haben mir zu Neujahr gratuliert. Rade scheint etwas von mir zu wollen. Überhaupt habe ich zu Neujahr
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| mehr Zeichen freundschaftlichen Interesses erhalten, als ich verdiene. Professor Fujii, der Paulsens Ethik ins Japanische übersetzt hat, sucht jetzt meinen Umgang. Gleichzeitig erhielt ich das Angebot einer Dozentur in der neuen philos. Gesellschaft, das ich soeben abgelehnt habe.
Denn ich habe mit der Ausarbeitung meines Humboldt begonnen und stecke so tief darin, daß mir zwei Freunde heut vom Gesicht ablasen, daß ich wieder mit gelehrten Arbeiten beschäftigt bin. Der eine, Fritz Ludwig, hat leider seine Schwester (nach 7 Jahren) wieder in die Irrenheilanstalt bringen müssen, ein trauriges Neujahr für diesen treuesten und lustigsten meiner Kumpane.
Von Frau Mädi erhielt ich eben eine Karte aus Starnberg; ebenso eine aus Hinterzarten und eine von Budenbender in Speyer.
Um nun auf die Humanitätsidee zu kommen, so gewährt sie mir neben manchen Schmerzen zunächst die Freude, ein großes Material mit philologischen Mitteln "zusammenzudenken". Ein guter Instinkt hat mich von Anfang an auf den entscheidendsten Punkt geführt; vieles andere freilich habe ich übersehen und muß es nacharbeiten. Ich glaube, Sie können sich von der Natur einer philologischen Arbeit schwer
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| eine Vorstellung machen. Sie entsteht aus Tausenden von Zetteln, deren jeder ein Gewicht von 1 Ctr darstellt; die Arbeit ist erst dann gelungen, wenn sie rein aufgeht. Mein Altenstein ging s.Z. rein auf. Bei Humboldt ist die Sache viel verzweigter, und die Schwierigkeit die, das tote Gerippe nun mit Geist und mit begrifflicher Schärfe zu präparieren. Es ist eigentlich nur eine Frage meiner Arbeitskraft und Gesundheit, ob die Arbeit Ende Mai in den Druck kommt. Wenn sie das wird, was sie werden soll (meiner Vorstellung nach), so wird sie mir auch die Wege ebnen. Aber es gibt so viel, was mich von der Concentration abzieht, und die Aktivität, die ich einst so suchte, will mich bisweilen ersticken.
Mein Rousseau wird wohl erst in Gang kommen, wenn der Jahresbericht heraus ist. In diesem nämlich habe ich den ganzen Diederichschen Verlag unter dem Messer, und wenn ich auch nach voller Objektivität strebe, wird D. es vermeiden, mich zu erzürnen.

4.I.07
Soeben erhalte ich die Depesche aus Gießen, daß Direktor Knauer gut überwunden hat. Macte virtute! Sie fuhr mir direkt zwischen einen tadellosen Gedanken, der mir über Kant auf
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|ging; doch ist es gelungen, die beiden Hälften zusammenzuleimen. Er wies übrigens bedenklich nach Marburg hin, so daß ihn mir Knauer wohl zugesandt hat. - Meine Idee, fleißig Museen zu besuchen in den Ferien, ist nun wieder hin. Ich brauchte dies nötig, um mir einen allgemein menschlichen Gedanken, der mich in meiner Krisenzeit praktisch sehr gequält hat, in aller Ruhe theoretisch zu präparieren.
Wenn sie nämlich die Bilder von den Kindern ansehen, so haben Sie sofort Sympathie oder Antipathie, doch nicht mit den Leibern, sondern mit den Seelen, die Sie hineindenken. Ist Schönheit das Zeichen einer moralisch edlen Seele? Die Antwort, glaube ich, muß glattweg nein heißen, aber nur, weil die Frage zu roh gestellt ist; der Zusammenhang selbst existiert, wennschon mit Relationen, die mich hier nicht interessieren. Die Plastik aber beruht geradezu auf diesem Hindurchscheinen der Seele durch die Hülle, und weil Winckelmann [über der Zeile] unter den Neueren zuerst die Gabe in eminentem Maße besaß, diese Sprache der Natur zu entziffern, d. h. Natur geistig zu sehen, so übte er diese immens erweckende Wirkung aus. Aber er kümmerte sich nur um die Antike, und hier fast nur um die schöne, und überdies hatte er eine ganz bestimmte ethische Anschauung (nämlich die
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| stoische), auf der seine ganze Ästhetik ruhte. Die Hauptsache aber ist, daß die Plastik nur im Zusammenhang eben dieser Weltanschauung gedeihen kann, daß die Natur einen geistig-moralischen Sinn birgt. Dieser Idee bin ich historisch nachgegangen bei Shaftesbury, Winckelmann, Hamann, [über der Zeile] Mendelssohn, Engel, Herder, Ziller, Moritz, Humboldt, Jacobi, Kant, und ich habe dabei etwas ganz Neues, Fundamentales entdeckt, das sich nachher in Schellings Metaphysik konsolidiert. Der Reiz dieser Forschung war ungeheuer, weil es sich nicht um die Entwicklung von Begriffen, sondern um einen Punkt handelt, an dem alle Lebensgebiete wieder einmal so innig verknotet sind, daß nur der metaphysische Ausdruck dafür genügt. - Bei den Antiken nun - das hätte ich gern von Ihnen gehört - ist bei aller Schönheit eine große Armut an Charakteristik, Ausdruck, Differenziertheit, und das bestätigt wieder Schillers Geschichtstheorie, die durch Herder, Mendelssohn und Engel gleichsam vorbereitet wird. Darin haben Sie einen kl. Ausschnitt aus meiner Arbeit, der Ihnen unter dem Titel "Die Chiffreschrift der Natur" in dem Buche, wenn ihm Vollendung beschieden ist, wiederbegegnen wird.
Bitte empfehlen Sie mich allen sehr verehrten Ihrigen und danken Sie Hermann in m. Namen für seinen Brief. Wann verlassen Sie das verschneite Cassel? Ich sollte neulich mit Paulsens Töchtern und den tollkühnen <li. Rand> Professoren Menzer und Rieß auch rodeln, habe es aber gelassen, altershalber. <Kopf> Meine Eltern lassen für die schöne Karte u. die frdl. Worte vielmals danken. Herzliche Grüße Ihr Eduard Spranger.