Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21./24. Januar 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 21. Januar 1907.
Liebes Fräulein Hadlich!
Der Wind bläßt kalt von Norden her - ein stiller Abend nach unruhvollen Tagen zum Expektorieren. Wo bleibt unter all dieser Fülle von Dingen und Objekten unser tieferes Selbst, wo die Sammlung über das, an dem wir mit innerster Seele beteiligt sind? Da ist eine unendliche Fülle von Fäden, und keiner, den wir in der Besinnung bis zum Ende verfolgen könnten, kein Mensch, den wir bis in sein Leztes durchdenken könnten. Eben habe ich den Schwager des Direktors begraben; ich habe ihn kaum gekannt: er starb 2 Tage, nachdem er erkrankt war, an Blutvergiftung. Was mich an den tragischen Fall beschäftigt, ist der alte Vater, um dessentwillen wir neulich die Doktorfeier verschieben müßten, weil er selbst krank war. Und heute, dieser königliche Greis von 75 Jahren, der einzige Gefaßte, allen Anforderungen Gewachsene. Wovon lebt dieser Mensch, wodurch lebt er? Kann man sich dieses Rätsel klar machen? Der Mensch gewöhnt sich an Verluste. Aber wenn ich nur denke, daß ich jetzt von meinen Kindern scheiden sollte, so
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| weiß ich nicht, ob ich's ertrüge. So schwer trennt sich der Mensch von dem einzelnen Lebendigen. Ich kann Ihnen garnicht wiedergeben, was jedes einzelne dieser Wesen für mich bedeutet, wie wenig meine Papiere, die zu Hause liegen, mich kümmern, wenn ich irgend etwas für sie tun kann. Ist dieses Leben so viel wert, daß es so viel Erziehung lohnt? Es muß wohl. Und ich vertraue darauf, daß genau so viel, wie ich an Energie abgebe, hier einmal in anderer Gestalt fortwirken muß. Ein kühner Glaube, aber ein notwendiger, und zwar nicht, weil er auf diesem oder jenem Fundament ruht - keine Metaphysik erschöpft das - sondern weil er auf sich selbst ruht. Im Glauben selbst werden wir seiner Realität inne.
Mir sind in diesen Tagen so manche Bilder aufgetaucht von der Kniebisstraße, von Klösterle, von Schwarzwaldtannen. Lachen Sie über mich; aber mir ist das alles wie wunderliche Fügung, und ich könnte weinen, wenn ich sehe, wie das jetzt alles nach außen ausgegeben wird und wie ich für halb Fremde tue, als wären sie meines Blutes und meiner Seele. Mein Unterricht mag schlecht sein, eines ist er immer: absolut aufrichtig, absolut erlebt.
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| Mir kommt nie der Gedanke: Du könntest Deine Fähigkeiten ökonomischer verwerten, glänzendere Aufträge annehnmen; sondern mir ist, als ob ich allein in der Neuen Königstraße gebraucht würde und nicht abkommen könnte, selbst wenn ich einen Ruf nach Posen erhielte.
Das ist so meine wunderliche Konstitution, ganz begreiflich nur dem geborenen Pädagogen; aber nur dem schaffenden, nicht dem tradierenden. So klein mein Bezirk ist: ich schaffe Neues aus eigner Kraft, und es ist nicht Schiller, was ich lehre, sondern mein Erlebnis, meine Persönlichkeit. Vielleicht ist es der Vorzug meines Idealismus, daß er prinzipiell real ist, nicht an seinen Endzielen haftet, sondern sich um Kenntnis und Beherrschung der realen Mittel bemüht, wären es auch nur die gängigen des Schulbetriebs. Nie werde ich Anarchist oder Utopist auf diesem Gebiete werden, nicht einmal in dem Sinn, daß ich allein für die Begabten sorge. Ich bin nicht genug bloßer Philosoph, um nicht die Forderungen des wirklichen Lebens zu kennen und zu schätzen.
Diese Gemütsverfassung hat für mich eine eigenartige und bedenkliche Konsequenz. Sie führt
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| mich dahin, von der bloß denkenden Vertiefung des Lebens wenig zu erwarten. Es kann auf diesem Wege nur methodisch Neues, kein neuer Gehalt ergründet werden. Aber auch fremdes Leben ist mir in seinen Hauptgestalten bekannt, sofern die Berührung durch Umgang oder Geschichte einen Einblick gestattet. Selten eröffnet sich ein absolut neuer Blick, und dann auch ist er neu nur durch die Eigenart der Kombination und des persönlichen Schicksals, nicht durch die Elemente der Zusammensetzung. Selbst die pathologische Richtung der modernen Literatur gibt mir nichts, was ich nicht nachfühlend in mir erzeugen könnte, wenn ich sie sichte. Gehöre ich doch auch zu denen, die wie Hamann durch die "Krankheit ihrer Leidenschaften" eine seltene Stärke der Denkkraft erlangt haben. Deshalb nun, glaube ich, bin ich Pädagoge; denn jedes Sein, das ich vorfinde, erweckt in mir sofort eine Vorstellung davon, wie es behandelt sein will, um gefördert zu werden. Und diese Aufgabe ist unendlich, während die der Philosophie nach meinem gegenwärtigen Gefühl endlich, d.h. absolut unlösbar ist.
Die Täuschung meines gegenwärtigen Empfindens sehe ich genau: nicht immer wird dieser Kreis in NO 43 mich ausfüllen können; nur jetzt strömt alles noch so,
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| und vielleicht würde ich meine 1. Abteilung noch 1 Jahr durchführen mögen, vielleicht auch länger. Fürchten aber muss ich mich vor dem Kreislaufförmigen des Daseins, das zur Hälfte doch von Stoffe haftet, denn der Reichtum der Individualitäten bei uns ist gering.
Wenn ich mir unsre Lehrerinnen ansehe - Sie sind alle brav und fleißig und alle haben ein großartiges Centrum, das Sie zu verbergen meinen, wenn Sie es nicht direkt formulieren; man sieht es aber durch die Wände. Von Pädagogik in 2/3 Fällen keine Spur: du hast mich geärgert, also schreib' ich es die in die Censur. Dabei haben wir gar keine alten Scharteken, die Ihren Beruf überhaupt nur als Mittel zu Ihrer persönlichen Respektierung ansehen, sondern fast nur junges Volk. Wir haben einen guten Durchschnitt, eine leistungsfähige Garde. Aber wie problematisch Erziehung ist, sehen wenige - weil sie mit dem bloß mütterlichen Gefühl erziehen, nicht aber mit dem problematischen Sinn von Frl. Naumann oder selbst Frl. Treitel. So viel von der Schule wieder einmal, und dann für heute Schluß.

Den 24. Januar
Aber, nach lustig durch< Wortteil unleserlich> Tagen - Fortsetzung.
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| Ich will heute erst das Pragmatische erledigen. Nr. 1 der Phil. Wochenschrift brachte eine unzutreffende Vorstellung der Vorgänge bei der Generalsammlung und stellte "die Schüler Paulsens" gegenüber Dilthey und Riehl in gehässigem Lichte dar. Mir war es sehr peinlich, P. in dieser rachsüchtigen Weise hineingezogen zu finden. Er selbst ignorierte die Sache; ich aber zog meinem im Druck befindlichen Aufsatz unter Erstattung der Satzkosten zurück und habe damit die Verbindung mit dem Blatt wie dem Redakteur abgebrochen. Wennschon der beleidigte ich war, lag der politische Fehler auf Renners Seite. Denn da er keinen äquivalenten Ersatz für mich finden wird, dürfte er mich nicht provocieren. Er müßte vielmehr das, was ich freiwillig für seine Sache getan hätte, annehmen und bedienen. So ist das Unternehmen - aus Mangel an Kräften - totgeboren.
Meine Revanche erscheint bereits in 8 Tagen, als ich zum ersten Male als Mitarbeiter der dtsch. Literaturzeitung figuriere. In dieser Position bin ich wenigstens vor allzu großen Unverschämtheiten (wie sie mir kürzlich auch von den Kantstudien geboten wurden) gesichert. Ferner bin ich zur Mitarbeit an der Ztschr. f. Theol. u. Kirche aufgefordert worden - also Angebote, wie Sie
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| sehen, denen ich aus Mangel an Zeit garnicht einmal entsprechen kann.
Im übrigen ist nichts vorgefallen. Ich bin mit ruhigen Bienenfleiß bei Humboldt und unterdrücke jeden Seitenblick im Keime. Die Arbeit befindet sich in einem Stadium, wo sie gar keinen Kopf, sondern nur Fuß erfordert. Dazu muss ich mich nun in den nächsten Monaten zwingen. Gestalten und Formen finden mich dann hoffentlich frisch und als Herr des Materials.
Die Gestaltung der nächsten Zeit beschäftigt mich jetzt bereits wieder. Und es wäre mir lieb, Ihre Worte über meine Absichten zu hören. Meine Arbeit erfordet alles in allem wohl noch den Sommer für sich. Große Pläne wie äußere Angebote liegen also ganz außer meinem Gesichtskreise. Es ist mir nun. wenn ich mich ernstlich prüfe, völlig unmöglich, den Verkehr mit der Jugend zu Ostern ganz aufzugeben und wieder in meine alte wissenschaftliche Einsamkeit zurückzukehren. Meine Organisation ist derart, dass dadurch mein seelisches Gleichgewicht erschüttert wurde. Ich würde der entstehenden Melancholie die entweder gar nicht oder mir durch Wiederaufnahme des pädagogischen Planes Herr
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| werden können. Die Pädagogik aber soll ruhen, bis die Humanität gedruckt ist. - Unterrichtserlaubnis habe ich noch bis Oktober. Aber freilich sehe ich hier neue Konflikten voraus. Angenommen selbst, daß mein Direktor nicht den stillen Wunsch hat, mich loszuwerden - was ich z.Z. glaube - so entsteht die Frage, ob ich die Kombination, wie sie heute liegt, fortsetzen kann. Daß Frl. Laabs die erste Klasse behält, würde ich meinerseits sogar wünschen. Denn was einmal gegangen ist, geht auch weiter. Hingegen ist es nicht gegangen, daß Frl. L. das Ordinariat in der II. Klasse behält. Dies führt zum Schlandrian und zum Scheinregiment, wenn sie nicht d 1 Hauptfach in der Klasse gibt. Ich kann kein Ordinariat führen; im laufenden Winter aber habe ich tatsächlich Kontrole etc. so suchen müssen, als wenn es übhpt. keines in der Klasse gäbe. Dazu kommt, daß statt 40 wahrscheinlich noch mehr in II sitzen werden; das kann ich natürlich auch nicht übernehmen. Denn schon jetzt erlahme ich an der Masse, ohne das orale Äquivalent, das ich für mich selbst fordern muss, dafür zu geben.
Diese Angelegenheit wird zu einer großen Verwicklung führen: denn 1) freiwillig gehe ich nicht, falls kein Konflikt erfolgt. 2) Bedingungen stellen, kann ich nicht. 3) kann der Direktor keine meiner
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| Forderungen ablehnen. 4) muss der Direktor tun, was s. Frau will. - Sie sagen, daß 1) - 3) keine prinzipielle Hindernisse bieten, und daß wir an 4) scheitern werden. Denn da sich nicht einmal die Heizung des Konferenzzimmers durchsetzen ließ, wovon ich mir, wie ich jetzt einsehe, meine chronische Störung zugezogen habe, so wird es hierbei nicht besser sein.
Sie werden mir nachfühlen, daß es eine große Leidenschaft sein muss, um derentwillen ich mich mit solchen Kleinlichkeiten aufhalte. Und in der Tat liegt hier die Wurzel meiner innersten Konflikten. Ich fühle es ganz deutlich, daß ich mehr zum Lehrer im philosophischen Sinne als zum Philosophen berufen bin. Deshalb wird weder die Schule alleine, noch die Wissenschaft alleine mich jemals befriedigen. Ich brauche lebendige Menschen, auf die ich wirke, und zwar - wie Sie mir vielleicht nicht sogleich nachfühlen werden - Kinder. Aber es liegt in meiner Natur, daß sich alles Ästhetische, Religiöse und Pädagogische für mich unlösbar verbindet mit der Liebe zu demjenigen Lebensalter, in dem der Mensch sich entscheidet, also 14 - 20. Alles Übrige betrachte ich als Gabe, die mir gewährt wird, nicht als Beruf. Wenn es erlaubt ist, in allem Ästhetischen einen Hinweis auf das Metaphysische zu sehen, so
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| gibt es hierin für mich gar keinen Zweifel. Denn das Psychische dieser Lebensjahre, (erst in zweiter Linie auch das Physische) ist es, was mich anzieht und meine Erfindungskraft befruchtet. Natürlich fasse ich diese Aufgabe in einem höheren Sinne, und so wenig ich Grammatik oder Orthographie unterschätze, so sehr ist doch das Humanistische mein einziges Ziel. Dieses Humanistische gewinnt und bewahrt man nur aus eignem Reichtum, eigner Fülle, unablässigem Studium des Menschlichen. In diesem Werterlebnis koncentriert sich dann für mich das Leben: es gibt keinen wissenschaftlichen Trieb, der mich darüber hinaus ins Metaphysische zwänge, sondern was ich darüber hinaus brauche, nimmt für mich religiöse Gestalt an (leider niemals konkret-künstlerische, was mir sicher eine ungeahnte Befreiung bedeuten würde.) Bei dieser Veranlagung kann ich eine Bereicherung meines Lebens also nur erwarten aus der Fülle des Materiales, das sich meinem Bildungsbetriebe darbietet und mich in neue Meditationen, Ideen, Anschauungen hineinlockt. Die bloße Wissenschaft ist mir demgegenüber nur Mittel zur Befriedung des Ehrgeizes; und wenn ich sehe, daß Schiller wie Humboldt später mit Verachtung auf ihre philosophische
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| Periode zurückblickten, so kommt mir manchmal der Gedanke, als wenn auch für mich die Phil. nur ein Durchgangsstadium meiner Bildung gewesen wäre. Denn ich habe weit weniger das Bedürfnis, die Wirklichkeit mit Begriff zu durchdringen, als sie erlebend zu gestalten. Vermöge der eigensten gabe des weiblichen Geschlechtes kommen mir die Mädchen hier mit freierer Empfänglichkeit, was mich bei Knaben immer noch angenehm enttäuscht hat.
Sie kommen hier in dieselbe Lage, wie Humboldt, als ihn Schiller fragte, ob er epischer oder dramatischer Dichter von Anlage sei. H. antwortete: beides, aber mehr dramatisches, und die Zukunft gab ihm freilich recht. Ich denke mir nun, ich wandelte wieder in der Finsternis am Kümmelbacher Hof hinunter und erfreute mich sicherer Führung. Deuten Sie mir diesen Traum; er ist der entscheidenste meines Lebens. Denn wie auch die verhängnisvolle Zukunft sich gestalten mag, so zweifle ich nicht, daß ich einmal sagen werden: die Zeit in der Höheren Töchterschule 1906/07 war die glücklichste Deines Lebens. Aber ich weiß wohl, daß ich nach diesem
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| Glück, der uns mit Tag für Tag lieblichen Eindrücken umschmeichelt, nicht ohne weiteres trachten darf. Vielleicht bin ich gerade hier als diejenige Leidenschaft gestellz, da meine Natur allein die Gefahr des Erliegens droht.
Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich so viel von mir rede? Sie selbst kennen ja, das Problematische des Unterrichts, wie er den Ernsten immer wieder durchdringt und ihn über sich selbst ungewiß macht.
Das Merkwürdigste in meiner ausgewogenen Correspondenz war mir dieser Tagen ein ausführlicher Brief Kügelgens, von dem ich mich innerlich bereits recht weit entfernt hatte. Er revoriert jetzt Ritschl, ernennt Dilthey (!) u. Biedermann seine Lehren und findet alles im "Erlebnis" - eine Idee, die ich in meinen Schriften u. Briefen ihm seit Jahren unterbreite und längst für seine halte. Er aber meint, die allergeläufigsten Termini dieses Adjunkes selbst erfunden zu haben und will darüber ein Buch schreiben, das prinzipiell ja eigentlich in m. Diss. vorliegt: "Psychologie der Sophisten." Ich freue mich hierüber wenig, denn es zeigt, wie wenig sich Menschen verstehen (bis zu dem Punkt, dass sie Jahrelang an einander vorbeidenken.), und zweitens ist mir z. Z. nichts gewisser, als das ich in systematischer Beziehung in der Dichtung schon Unbestimmtheit nun gründlich ausgelernt habe. Ich wiederrufe meine Vergangenheit nicht, aber ich will über sie hinaus. - Sie aber schreiben mir, bitte, von sich ebenso ausführlich <li. Rand> als ich kühner Weise. Bleiben Sie gesund und nehmen Sie die herzlichsten Grüße von uns allen. <Kopf> Ihr stets getreuer u. dankbarer Eduard Spranger.