Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14./16. Februar 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 14. Februar 1907.
Liebes Fräulein Hadlich!
Nach einem 15 Stunden-Arbeitstage beginne ich Ihnen zu schreiben. Wenn auch manche leere Viertelstunde dazwischen ist, so werden Sie mir nachempfinden, daß dabei die Seele nicht besonders frisch bleiben kann. Nur der endlose Wechsel der Materien macht diese Leistung überhaupt möglich. Sie werden daraus ermessen, wie willkommen mir schon deshalb ein paar Tage völliger Arbeitslosigkeit sein müssen. Wenn ich sie nun gar mit Ihnen verleben könnte, so würde für mich das Märchenland Realität werden. Denn alle Ausflüge meines Geistes gelten nach wie vor Ihnen; ich habe nichts, was sonst an Erinnerungen oder Neigungen in die Tiefe meiner Seele griffe, und ich dächte es mir ideal, wenn dieser Fleiß mir wenigstens ermöglichte, einmal so ganz unverhofft und "vom Eise befreit" im Neckartal aufzutauchen. Ansprüche zu stellen, habe ich verlernt. Meine Existenz ist einmal Kampf, ja ich muß Mut behalten, noch einige Jahre so ohne Basis fortzustreben und die dadurch gebotenen
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| Verzichte mit in den Kauf zu nehmen. Daß sich auch der Freundeskreis dadurch so um mich lichten würde, hatte ich eigentlich nicht gedacht. Aber wer nie Zeit hat, muß sich gefallen lassen, daß man ihn vergißt. Feiertage für mich sind es, wenn man in Schwetzingen oder in der Stiftsmühle meiner gedenkt. Und schließlich muß ich dankbar sein, daß ich um den Preis dieser Mühe mir ein Leben erkaufe, das mit meinen innersten Zielen im erwünschten Einklang steht. Denn trotz aller Hast zögere ich nicht, diese Zeit als ein Glück zu empfinden, das ich zu Lehen trage und von dem ich Rechenschaft ablegen muß. Trotzdem richte ich meine begehrliche Hoffnung auf Dresden; zu Pfingsten ist es dort nicht sehr gemütlich - Sie wissen, ich bin an die Schulferien gebunden, also wahrscheinlich nur von Donnerstag vor dem Fest bis längstens Mittwoch nach dem Fest frei. Günstiger läge es ev. zu Ostern. Sollte Ihnen Dresden zu unbequem sein, käme dann nicht etwa Weimar oder Gotha in ähnlicher Weise in Betracht? Und gesetzt auch, daß kein günstiger Gott dies gewährte - Sie haben dieselbe Scheu vor weitausschauenden Plänen wie ich - so hoffe ich wiederum auf den Sommer, der uns ja bisher immer freundlich gesinnt war. Ich hätte nicht übel Lust - rein hypothetisch geäußert -
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| einmal auf eine ordentliche Höhe in der Schweiz zu gehen, um in kurzer Zeit viel zu schaffen. -
Heute morgen ist mir im Religionsunterricht etwas Eigenartiges begegnet; man kann es heiter fassen, und auch ernst. Im ersteren Sinne würde ich lästern: "Religionsunterricht mit praktischen Demonstrationen". Aber es liegt eigentlich tiefer. - Ich behandle das Gleichnis vom Schalksknecht, spreche vom Vergeben und von Tolstois: "Auf Feuer habe acht, daß du es zeitig löschest". Da sehe ich, wie Gertrud Uhl, eine mir durch Temperament und Geist liebe, aber innerlich wie die ganze III. Klasse fernstehende Schülerin, zwei Bänke vor mir unter dem Tisch ein Buch liest. Auf Französisch oder Englisch gefaßt, verlange ich das Buch. Sie gibt es nicht; ich werde scharf. Offenbare Schrecklähmung; die Nachbarin muß es auf ihr Ersuchen vorholen. Ich lese: Declamatorium von Bloch etc., werfe es auf das Katheder, und durch die Kühnheit geärgert, schweige ich einige Sekunden, während die Klasse betroffen dasitzt. Etwas derartiges ist nun einmal nach der dummen Schulregel ein Kriminalfall. Ich weiß nicht, wie ich dazu kam, es ebenso anzusehen, vielleicht, weil etwas Ähnliches zum 4. Male vorkam. Ich bin ganz sichtlich verwirrt, und komme mühsam in mein Thema. Fahre nun fort mit der Lehre vom "Vergeben", und da zuckt mir
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| plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß ich hierüber nicht weiter reden kann, so lange das Ding daliegt. Es zurückzugeben, schien mir auch wieder ein Theatercoup. Nun merkte wohl die Gesellschaft, wie mich das innerlich beschäftigte; denn ich brachte keinen vernünftigen Satz zu Tage. Endlich nehme ich das Ding und schmeiße es ihr wieder hin. Eigentlich schämte ich mich; denn daß ich damit praktisches Christentum übte, konnte ich mir selbst nicht einreden. Aber mir ging plötzlich die ganze Antiomie auf, das ganze Sophisma, das in diesem Moralunterricht an fingierten Fällen liegt. Und schließlich hatte ich doch das Richtige gewählt, sofern die kindliche Seele als Richter in Betracht kam. Denn die Delinquentin hatte offenbar das ganze Gedankenspiel in mir verstanden. Sie meldete sich nun, als ob die ganze Versetzung von den nächsten drei Religionsfragen abhinge, und ich fragte sie, wie ich es in ähnlichen Fällen nicht tun würde.
Wenn ich Sie mit diesem kleinen Fall aufhalte, so werden Sie als Leserin Neumanns mich verstehen. Die Evangelien bei aller Tiefe sind grobe Malerei. Wenn man nicht den ganzen Unterricht zu einer wirklichen Seelengemeinschaft machen kann, kommt dabei nichts heraus. Nie ist mir dies so deutlich aufgegangen wie hierbei. Es wäre undenkbar, daß eine bei mir in Deutsch etwas anderes läse. Täte sie's, so würde ich sie buchstäblich raussetzen. Und so werden Sie es verstehen,
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| daß ich auf meine kleine Gemeinde in Religion weit stolzer bin. Sie ist schwer erworben, gleichsa-m erkämpft, garnicht geschickt, nicht durch überlegene Sicherheit, sondern duch mühsame Arbeit, duch ein Umbiegen der Seelen in die Richtung, die mir gemäß ist: d.h. in eine unmetaphysische, rein praktische Auffassung der Dinge: Christus unser Vorbild, das uns gezeigt hat, was der Mensch kann: "Deine Götterkraft war's. Aber das ist unendlich schwer und verantwortungsreich. Was würde die Revision sagen, wenn sie hörte: "Erlösung? Ach, das ist so eine herkömmliche Wendung. Wir müssen uns doch nun auch etwas dabei denken!?"

16.II.07
Zwei Tage vergangen ohne jede Möglichkeit einer Fortsetzung. Und dabei ist der Stoff noch so groß. Zunächst von Troeltsch, für den ich noch einmal herzlich danke. Seine Entwicklung der 3 Kirchenbegriffe ist meisterhaft scharf, und das will bei diesen historisch getrübten Begriffen viel sagen. Aber seine praktisch-politischen Vorschläge leiden unter dieser Tugend: sie sind rein begrifflich und wollen etwas durch Nachdenken regeln, was eigentlich das geschichtliche Leben nur aus sich selbser schafft, und dafür ist die Stromregulierung doch bis heute sehr begränzt. Harnack
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| macht auch Politik, aber viel geschickter; zunächst versteht er es, wie ich konstatieren muß, nach 2 Monaten genau das Gegenteil von dem zu sagen, was er damals sagte, weil es von oben so gewünscht und im Moment in der Tat opportun ist. Und der ehrliche Paulsen macht ihm noch in der Dtsch. Literaturzeitung ein Kompliment wegen seiner schönen Gesinnung und seines "Glaubens". Der Zugang zu einem großen Teile von Harnacks systematischer Theologie ist die Politik, darüber hege ich keinen Zweifel mehr. - Über Troeltsch sagte übrigens Scholz: "Ich habe nun von T. vorläufig genug gelesen. Dies ewige Herumsuchen, und er kommt ja doch nicht weiter!"
Dann ginge es ihm also wie mir; innerlich komme ich wohl noch relativ weiter. Äussere Umstände haben mich wieder in Kants Garn geführt, und je öfter man sich mit ihm beschäftigt, um so größeren Gewinn trägt man von ihm fort. Es ist doch ein ganz enormes Gebäude; gegen das stuzende Umdenken, das er von uns fordert, ist die Erziehung zur Wagnerschen Musik, die wir durchmachen mußten, nichts. Solche wahrhaft kopernikanischen Umwälzungen können immer
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| erst in langen Zeiträumen Gemeingut werden; freilich muß dazu im Kantischen Stall selbst noch manches gesäubert werden, mit dem bloßen Nachbeten ist es nicht getan. Unbehaglich ist es nun, wenn man, wie ich, das lebhafte Bedürfnis hat, hiermit wenn auch nicht aufs Reine, so doch einen Schritt weiterzukommen, und dafür absolut keine Zeit und Sammlung findet.
Ganze Bücherschätze sind mir dieser Tage ins Haus gekommen. Mein Direktor sandte mir mit beiliegendem Brief folgende Folianten: Eisler, Wörterbuch der phil. Grundbegriffe. Ziegler, Geschichte der Pädagogik, Lipps, Leitfaden der Psychologie. Außerdem bekam ich von der histor. Vierteljahrsschrift die Kultur der Gegenwart, Bd. I, in tadellosem Einband 18 M zur Recension. Das Werk ist auch innerlich viel bedeutender, als ich vor seiner ersten Lektüre im vorigen Jahre vermutete. Besonders die Beiträge von Matthias und Gaudig sind glänzend.
Aber dies verteufelte Recensieren; ich bin zu gewissenhaft für das Geschäft. Für jede Anzeige mache ich 3 Konzepte, für meine eignen Sachen manchmal kaum eins. Darunter leidet Humboldt
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| natürlich sehr; doch habe ich eine glänzende Vorarbeit entdeckt von Robert Sommer, Psychiater s. Z. in Würzburg, jetzt Gießen: Geschichte der dtsch. Psychologie u. Ästhetik von Wolff-Baumgarten bis Kant-Schiller. Die Zeitrechnung war ganz verfehlt. Ich werde kaum im Herbst mit dem 1. Teil (Humboldt selbst) fertig. Der Rest geht ja schnell, aber ich habe zu wenig zusammenhängende Zeit. Die nächste Woche geht mit den Versetzungsarbeiten wieder halb verloren. Trotzdem habe ich mich für den Sommer leicht u. gern gebunden unter der Bedingung, daß in der II. Klasse nicht mehr als 40 sind. So wenig ich objektiv schaffe, darf ich doch sagen, daß ich diesen Winter ganz enorm fleißig gewesen bin. Um so trauriger, daß an das Erscheinen von Rousseau oder nur den Jahresbericht noch garnicht zu denken ist.
Ich muß hier abbrechen, damit der Brief endlich fortkommt. Über akademische Chancen läßt sich heute tätsächlich nur phantasieren. Hermann, der mich durch einen ausführlichen Brief erfreute, sieht in n Hinblick auf die Zukunft auch nicht rosig. Doch gibt es m. E. für ihn nur einen absolut gebotenen Weg: sofortige Absolvierung des Seminars. Alles andere kann er später immer noch verfolgen. - - Ihr Urteil über Neumann verstehe ich: es ist der Gegensatz von Naturinteresse und Geschichte. Sie lesen doch jetzt aus der Renaissance. Sagen Sie mir doch bitte einmal, was Ihnen die Geschichte ist und was sie Ihnen nicht ist. Mein Jahresbericht enthält manches darüber. - Sind die <Kopf> Kinder wieder gesund? Hoffentlich! Nun frischauf, dem Frühling entgegen. <li. Rand> Berlin ist jetzt die reine - Tautologie. Die Mädels sind immer noch nett. Herzl. Gruß von uns allen <re. Rand> Ihr stets dankbarer u. getreuer und stets gesetzter
Eduard Spranger.
Bald mehr.
[re. Rand] Der Kl. Scholz hat heute den Schleiermacher-Preis (600 M) bekommen. Das hat damit zwar nichts zu tun, aber er wird mir immer lieber.[li. Rand] Neulich habe ich seine ganz excellente erste Predigt gehört. Das NB in der letzten Recension bedeutet, daß die betreff. Mitteilung sehr wichtig ist: sie besagt, daß auch Dilthey erklärt, nicht zum Ehrenpräsidium bei Renner zu gehören. Wie man darüber zu denken hat, frage ich Sie!