Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, 23.II.07.
Liebes Fräulein Hadlich!
Zu den Sonnenstrahlen, die jetzt schon häufiger den trüben Winterhimmel erhellen, rechne ich vor allem den übermorgen anbrechenden Tag. Ich fühle mich jedesmal besonders arm, wenn ich meinem festlichen Gefühl aus diesem Anlaß Ausdruck geben soll: denn die symbolische Sprache, die dazu allein ausreicht, wird mir zu meinem Schmerz wohl niemals zuteil werden; ja selbst das Wenige, das ich zustande bringen könnte, ist mir unter der Hast dieser Tage nicht gediehen. So trete ich denn mit bloßen Empfindungen und Wünschen vor Sie hin und bitte Sie, zu nehmen, was ich Ihnen
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| heute wie stets allein zu geben vermag: die Versicherung meiner unwandelbaren dankbaren Verehrung und Zuneigung, die mich wünschen läßt, daß Sie auch künftig zum Geben heiter, gesund und - nachsichtig sein möge.
Es scheint nicht, daß der Frühling zu diesem Tage rechtzeitig hier sein wird. Möge es denn in Ihnen Frühling [über der Zeile] sein und Sie den Tag in Gegenwart und Gedenken guter Freunde, Frl. Knaps an der Spitze, munter verleben. Der Brief, den ich kürzlich aus Heidelberg empfing, hat mich sehr erfreut. Wollen Sie bitte meinen herzlichen Dank sagen?
Der Nachrichtenteil wird diesmal nur kurz sein, da der brave
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| Professor Fujii (Universität Tokio) gleich bei mir auftauchen wird - ich hatte Ihnen wohl davon schon erzählt - und dann alles für die Post fertig sein muß, weil ich nicht weiß, wie lange er mich - mißverstehen wird.
In diesen Tagen ist die Rousseaueinleitung gedruckt worden. Auch war ich am Dienstag mit Herrn Diederichs selbst hier zusammen; ein seltsamer Schwärmer, von dem ich Ihnen gelegentlich noch erzählen muß. Von ihm aus ging ich gleich nach der Zeichenausstellung, deren Prospekte ich beilege. Lachen Sie nur nicht über das Elementarbuch, das ich Ihnen schicke. Ich dachte: vielleicht kennen Sie diese neueren methodischen Schriften noch nicht und entnehmen vielleicht doch hie und da etwas - wäre es auch
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| nur ein Anlaß zum Widerspruch aus eigner Erfahrung. In die Ausstellung ging ich nur, um mich einmal durch diese Gegenstände auch äußerlich an Sie erinnern zu lassen. Was ich sah, interessierte mich sehr. Mein alter Schreiblehrer Nüsse (vom Doroth. Realg.), der die Honneurs machte, bestätigte das Urteil der Kaiserin, daß die Jungens besser zeichnen als die Mädels.
Ja die Mädels! Diese Woche haben wir die Versetzungsaufsätze u. -diktate geschrieben. Ich freute mich, weil ich vor dem Direktor mit diesem einzigen Schaustück meiner Arbeit zu excellieren dachte. Die Aufsätze waren schauerlich: Von 13 (1.Abt.)
1     I.
2     II.
5     III.
5     IV.!
Dabei noch ein fataler Zwischenfall. Mein Theekind Hedwig Wolter schreibt aus dem
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| Buch ab; ich konstatiere, nachdem ich sie dabei ertappt habe, einen groben Vertrauensbruch. Nun war die ganz geknickt, versicherte mir unter lauten Tränen, sie hätte mich noch nie betrogen etc. Das tat mich doch leid, daß so wenig moralische Besinnung in ihr steckt. Der Fall ging glatt, weil der Aufsatz ohnehin mangelhaft war; sonst wäre die Angelegenheit fatal geworden.
Die Diktate waren dafür fein (natürlich heißt es: sie waren eben zu leicht). Was man doch in der individuellen Behandlung vorsichtig sein muß, habe ich heut wieder erfahren. Die liebe kleine Luise Menz, die mir damals sagte: "Ich habe ja keinen, der mir helfen könnte", hat gefürchtet sie hätte den Aufsatz bei mir "Mangelhaft" geschrieben, und da sie schon in Französisch Unglück gehabt hatte, so
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| soll sie davon gesprochen haben, sich das Leben zu nehmen. Das war nun wohl nicht so schlimm gemeint; auch war der Aufsatz genügend. Aber welche Schonung verlangen solche krankhaft reizbaren Naturen! Ich bin doppelt froh, daß ich sie immer mit der ausgesuchtesten Zartheit behandelt habe. Das arme Wesen (Sie erinnern sich ihres Bildes*) [re. Seite] *) Ihre physiognom. Urteile bestätigen sich glänzend hat garkeine Eltern mehr, sondern wird mit ihrer Schwester bei einer Familie erzogen, deren Tochter ich in der 3. Kl. in Religion habe. Warum kann man nicht rechtzeitig über solche Dinge mit der Ordinaria reden? Wenn Frl. Naumann nicht da wäre, hätte die Sache überhaupt keinen pädagogischen Sinn mehr für mich.
Ich glaube nicht, daß die viele Zeit, die ich auch solchen individuellen Meditationen widme und die meine Humboldtarbeit jetzt seit 14 Tagen schon völlig unterbindet, verloren ist. Ich sehe so das Leben durch einen besonderen Ausschnitt und hoffe, in der großen Kunst des Verstehens und Helfens vorwärtszukommen, in der ich Sie bisher stets als meine Meisterin und mein Vorbild erkannt habe.
Fujii kommt. Daher noch einmal herzlichste Wünsche und Grüße und - wenn Sie erlauben - ein Prosit!
Ihr stets dankbarer und getreuer
Eduard Spranger.

Bald mehr!