Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. /12. März 1907(Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 11. März, 9 Uhr 45.
Liebes Fräulein Hadlich!
Herzlichsten Dank für Ihre lieben Zeilen und die freundliche Sendung, die anbei zurückfolgt. Von den Skizzen erteile ich dem Mausbachtal den Preis, und Sie werden es entschuldigen, wenn es vielleicht nicht rein künstlerische Motive sind, denen dies Urteil entspringt. Von dem andern nachher.
Denn da Sie so freundlich sind, mir Vorschläge über den Dresdener Tag zu gestatten, so beginne ich damit. Zunächst habe ich mir die Entfernung Cassel-Dresden angesehen und sie so groß gefunden, daß ich dringend hoffe: nur die Kunst, die Galerien, veranlassen Sie zu diesem anstrengenden Opfer, und Sie wollen mir freundlich gestatten, an diesen schönen Genüssen in so bequemer Weise teilzunehmen. Dies vorausgesetzt meine ich nun, daß Mittwoch nach Ostern wegen des Reiseandranges der früheste ratsame Tag ist. Falls es Ihnen genehm ist, am Morgen dieses Tages von Cassel abzufahren, würde ich Sie am Dresdner Hauptbahnhof empfangen. Kennen Sie den Ort und haben Sie dort irgend
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| welche Verbindungen? Wenn nicht, so bitte ich Sie, mir Ihre Wünsche bezüglich eines Hôtels mitzuteilen. Ich werde dann versuchen, mit Hilfe Kügelgens ein geeignetes festzustellen und alles vorher bestellen, wobei ich zu reüssieren hoffen. Mir hat Prof. Fichte ein Logis empfohlen. Es wird Ihnen nicht angenehm sein, dasselbe zu wählen. Finde ich aber kein geeignetes, so sind sie dort gut aufgehoben, und ich komme anderwärts unter. Über die Dauer des Aufenthaltes entscheidet außer Ihren Bestimmungen wohl auch das Wetter. Wir brauchen also nur ernstlich zu wollen, so werden wir dort mit Gottes Hilfe ungestörte und schöne Stunden verleben. Ich bitte Sie nur, mich möglichst bestimmt über alle Ihre Wünsche zu informieren, so werde ich nach meinen schwachen Kräften für alles sorgen; denn ich bin selbst in Dresden (seit 1893) nur sehr dunkel orientiert.
Sie erweisen mir, abgesehen von der tieferen Bedeutung dieses Zusammentrefffens, schon insofern einen großen Gefallen mit diesem Plan, als Sie mich einer erstickenden Last von Geschäftigkeit (kaum "Arbeit") entziehen. Ich werde aufatmen, und Sie werden Nachsicht haben, wenn ich abgetrieben vor Ihnen erscheine. Denn ich bin es. Meine Kraft ist von der Winterkampagne konsumiert. Ich habe in der letzten Zeit seelisch viel aushalten
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| müssen. In der vorigen Woche war ich entschlossen, den Unterricht zu quittieren. Der Ausfall der schriftlichen, noch mehr aber der mündlichen Prüfung, war so, daß darin ein Mißtrauensvotum liegen mußte, das der Direktor auch nicht ganz verhüllte. Ich forderte ihn auf, frei zu kritisieren. Das Bewußtsein, mehr als das Mögliche getan zu haben und nur an der Form der Prüfung gescheitert zu sein, gab mir den Entschluß, bei tieferen Differenzen zu gehen. In Deutsch ging es während seiner Anwesenheit passabel. Sein feierliches Schweigen spannte mich auf die Folter. Aber - denken Sie - in Religion excellierte ich dank dem Feuer der III. Klasse so, daß ich nie eine bessere Stunde gegeben habe und er selbst mit Interesse verweilte. Die technische Methodik stand natürlich im Vordergrund; aber - obwohl es sich um den heiklen 3. Artikel handelte, brauchte ich mich auch des Inhalts nicht zu schämen. Daher fiel nun die Kritik ganz anerkennend aus, und es bleibt im Sommer beim Alten. Das Vertrauen zu meiner innerlichen Wirkung hatte ich nie ganz verloren, und heute steht es fester als je. Ich habe Wunder geleistet mit der Klasse, wenn man objektiv und verständnisvoll urteilt. Sie entwickelt einen Fleiß, wie ihn nur die innerlichste Liebe und glühende Begeisterung erzeugt. Es ist oft rührend und ergreifend, wie wertvolle Seiten mir die jugendliche Natur hier enthüllt, und unser Schlußaufsatz: "In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne" Erläutert
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| an Schillers Leben und Werken) gibt davon einen glänzenden Beweis. Wenn sie nichts wissen, eins haben sie gelernt: selbstständig arbeiten und denken. Jede einzelne Arbeit fast ist ein individuelles Werk, in mühsamster Concentration der eignen Kraft abgerungen, und diese Erfahrung entschädigt mich über so vieles Widrige, das mir die Gegenwart bringt. Denn der Mensch kann doch nichts Schöneres finden, als Liebe und Vertrauen. Wenn ich früher von der "Schwärmerei" der Backfische hörte, dachte ich mir etwas sehr Irreales darunter. Ich habe aber gefunden, daß es zu den liebenswürdigsten Seiten der menschlichen Natur gehört, daß es garnicht der Person gilt, sondern der Person als der Vermittlerin einer wertvollen Sache, und daß diese Verschmelzung von Person und Sache sehr ernst und heilig genommen wird, garnicht als Tändelei. Wenn Hedwig Wolter, deren 1. Aufsatz im Sommer ich schriftlich mit "Ungenügend", mündlich mit "Geschwätz" censierte, 3 Tage vor ihrer Einsegnung einen 20 Seiten langen, durchdachten und Satz für Satz mir nach empfundenen Aufsatz liefert, so ist das ein moralischer Erfolg, den man schätzen soll. Käthe Ihlefeldt nun gar (meine beiden ersten, und sie allein, heißen Käthe!!) lieferte ein philosophisches Kunstwerk, das ich eigentlich nur bewundern, nicht censieren sollte. An diese Reinheit und Höhe reiche ich garnicht heran. Es ist doch nichts beglückender als der Verkehr
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| mit und die Einwirkung auf Na Individualitäten, und ich glaube hier an das Gesetz, daß keine Wirkung in der Welt verloren geht. - Äußerlich übrigens habe ich im Einvernehmen mit Frl. Naumann, durch Parlamentsreden in der Konferenz, unsre beiden Lieblinge gerettet, während eine Hoffnungslose und 2 Jüdinnen mit wenig freundlichem Betragen fielen.
Privatneigungen hat - leider - jeder Mensch, und so - schwebt z. Z. auch meine Wahl zwischen Hedwig Wolter - und Luise Menz, sehr charakteristisch für mich. Die eine ist feurig, heiter, geistvoll, ein muntrer Backfisch, halb Kind, halb aufgeklärt, oft etwas leichtsinnig und huschelig, aber fleißig, wenn es gilt, mir eine Freude zu machen, und begeisterungsfähig für alles, was sich sage. Das gefällt mir. Die andre ängstlich, selbstquälerisch, langsam, aber von einer Unermüdlichkeit in der Arbeit, von einer sich nie genugtuenden Gewissensangst und Sorgfalt, die ein Anzeichen dafür ist, daß sie einmal sehr tief in ihr Inneres hineinleuchten wird und die Kunst des Leidens wohl versteht. Auch das gefällt mir. Ich glaube aber, daß ich für längere Zeit nur mit dem Naturell der Luise Menz leben könnte, denn ihr allein traue ich Stetigkeit und Treue zu, während bei H. W. die Flamme auch einmal verflackern könnte. Aber da sind nun Mittel
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|glieder die Fülle: Frida Pütters Fleiß, der nichts verlangt, sondern nur gibt, ganz still, stetig und dankbar. Luise Goedeckes verständiger Haussinn. Gertrud Müllers nervöses Bemühen, mich nicht zu enttäuschen. Martha Rodings brave, aber - wie Sie richtig ablasen - wenig energische Pflichterfüllung. Lotte Bocks schwerer Kampf gegen unreife Albernheit. Erna Ewerts Ärger, wenn die andren nichts können. Margarete Voß' kluge Fuchsaugen. Und so wüßt' ich von jeder etwas.
Es entspricht dieser individuellen Auffassung jeder einzelnen durch mich, wenn ich möglichst jeder einen eignen Vers ins Poesiealbum schreibe. Ich lege Ihnen die bisherigen bei; vielleicht deuten Sie einmal mein Hauptinteresse heraus, ich will Ihnen dann die Namen der Empfängerinnen mitteilen. Der Abschied am 23.III. von der ersten Abteilung und mancher Abgehenden wird mir sehr schwer werden. Ferner lege ich Ihnen die Rousseaueinleitung in den Correkturbogen bei, da doch auf Monate hinaus keine Aussicht auf Erscheinen ist, und bitte Sie, sich zuzueignen, was Ihnen davon gehört.
Mit Paulsen und seiner Familie habe ich in der letzten Zeit viel verkehrt. Er war wieder kränker und wendet mir immer mehr seine persönlichste Liebe zu. Auf seinen Wunsch soll ich nun eine Schrift von Fechner (Seelenfrage) neu herausgeben. Meine Arbeit kommt oft wochenlang nicht weiter. Ich hoffe nur, daß diese Zeit nicht ver
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|loren ist. Denn auch beim Recensieren lerne ich ja, und Sie werden später sehen, wie ungewöhnlich fleißig ich in diesem Winter, unter manchen Leiden des Leibes und der Seele, ich gewesen bin. Denn daß ich oft auch unter dem Problematischen im Leben meiner Schülerinnen leide (L. Menz), liegt nun einmal in meiner Pädagogennatur.
Eben deshalb kann ich Humboldt nicht beschleunigen. Abgesehen von der Schonung, die ich mir auferlegen muß, beherrscht diese Arbeit jetzt der Gedanke: Ich muß mit ihr systematisch in eine neue Tiefe schürfen, falls ich über das bloß historisch-philologische in ihr hinauskommen will. Wo ich damit hinkomme, hoffe ich Ihnen in Dresden zu erzählen. Eine neue Tiefe zu entdecken, ist die Pflicht aller, die geistig intensiver leben, und ich sehe hier die Bruchstücke einer ganzen neuen Welt. Das ist meine Mystik. Sie unterscheidet sich sehr von der Diederichs'schen. Mit ihm war ich neulich hier zusammen. Auch darüber mündlich mehr. -
Ihre Influenzakarten hätte ich durch eine von mir vermehren können. Es war wohl mehr akute Schwäche, was mich gerade an Ihrem Geburtstage ans Bett fesselte. Ich kann nur immer wiederholen: meine Natur ist der Fülle von Verpflichtungen noch nicht gewachsen. Die 40 Aufsätze erschöpfen mich allemal gänzlich, und nun gar
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| das Gerechtigkeitsstreben bei den Censuren, oder 2 ½ stündige Konferenzen, erschöpfen mich ganz. Ich muß im Sommer vorsichtig abrüsten. Denn nur der tägliche Zwang schützt mich vor einem Collaps. Mancherlei Symptome und eine Neigung, mich unverhältnismäßig verstimmen zu lassen, deuten auf eine leichte Leberaffektion hin. Insofern wäre es besser, wenn ich den Sommer ganz frei wäre; aber ich hoffe jedenfalls auf eine sehr geringe Schülerinnenzahl. Denn 40 Schülerinnen mit je 5 Aufsätzen u. Diktaten für 40 M [über der Zeile] 4 Stunden im Monat ist zu sehr gegen die Anschauungen von Schmoller und A. Wagner, deren Schüler ich bin.

12. März unter großem Trubel.
Die Photographie von Frl. (Dr.?) Thönes finde ich sehr gut. Ganz so erinnere ich mich ihrer aus den Wandelgängen der Universität. Geradezu bezaubernd aber ist das Kinderbild. Das ist wie aus dem Paradies abgenommen; kein Maler könnte diese Wirklichkeit übertreffen! Gewiß ist im Mausbachtal der Schnee nun getaut, und die interessanten Farben weichen dem freundlicheren Grün. Wie sehnsüchtig grüßte mich der Heiligenbergturm. Aber lassen Sie, in Loschwitz werden wir für alles entschädigt. Dort reden wir auch über das andere, die beiden Briefe etc. Hier ist heut der Teufel los. Wir reden auch von der lebenwirkenden Macht der Geschichte, und, seien Sie sicher, Winter, Depression, Kampfesmüdigkeit und Nervenqual wollen wir bannen - in Elbflorenz. Herzlichste Grüße von uns allen Ihr getreuer
Eduard Spranger.

[li. Rand] Bitte grüßen Sie auch Frl. Knaps. - Ich lege alles getreulich wieder bei. Oder fehlt etwas?