Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. März 1907 (Charlottenburg)


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Ch. 2, 26.III.07.
Liebes Fräulein Hadlich!
<Zeichnung eines Pfeils>
Wir können also die Feindseligkeiten in Dresden fortsetzen! Was Sie auch alles aus so einem Brief hinein[über dem Gestrichenem] herauslesen, wunderbar! Trotzdem hatte ich dennoch Recht, wenn auch die Verleugnungsfamilie nach Zwickau fährt und ich vom Fechner-Archiv noch keine Nachricht habe. Ein lebhaftes Mitleid über Ihren Husten kann mein gutes Herz natürlich nicht unterdrücken. Übrigens geht es mir selbst so jammervoll, daß ich in diesen Tagen unmöglich gekonnt hätte.
Deshalb s also "bestimme" ich "energisch", daß jede Anstrengung in Dresden vermieden wird, alles con amore; das ist viel "vernünftiger" als Galerienhatz und dann 8 Tage Nachkur in Cassel. Fahren Sie also bitte mit dem Schnellzug 8 Uhr 30 ab Halle, an Dresden 11.20. Ich fahre ab Berlin 8 Uhr 5 und bin
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| 11 Uhr 6 in Dresden, erwarte Sie also an dem Punkte, wo das gleichschenklige Dreieck seinen Scheitel hat.
Bitte teilen Sie mir nur noch mit, ob Sie bereits festes Logis in Dresden haben; denn wenn ich dieserhalb noch Schritte tun soll, ist es wegen der Feiertage höchste Zeit.
Ihnen allen herzliche Grüße von uns allen, vielen Dank für Ihren freundlichen Brief und frohe Ostertage in Halle und Cassel
Ihr gehorsamster
Eduard Spranger.

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Martha Roding ins Poesiealbum, die malerisch sehr talentiert ist, übrigens mich neulich während der Stunde porträtierte, wogegen ich protestierte:
O Kinderwelt*)[Fuß] *) Von fremder Hand als Anfang des bekannten Stammbuchspruches "O Kinderzeit" irrtümlich geschrieben und von mir vorgefunden.
sie bleibt von allen Welten
Die herrlichste. Wohl dem, der sie bewahrt
In treuem Busen. Diese Worte gelten
Vor allem für des Künstlers Lebensfahrt.
Nur wer mit kindlich-klarem Aug' die Dinge
Geschaut, strahlt rein und herrlich sie zurück.
In jedes Bild, daß es ihm recht gelingt,
legt er von seinem Innersten ein Stück.
So rein und lauter, wie er selbst gewesen,
Stellt sich sein Werk dann unsern Blicken dar.
O möge man aus Ihren Bildern lesen,
daß jene Welt ihr tiefster Ursprung war!
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Der humanistische Aufsatz hat viel Ärgernis gegeben; sympathische Stimmen von Speyer und Heidelberg (J. Ruska), mit dem ich dadurch in nähere Verbindung gekommen bin.
Ich werde Ihnen in Dresden eine absolut neue Gedankenfolge vortragen, (tiefgreifender als die Chausseepädagogik Eberbach- Zwingenberg,) in der mein Nachdenken über die Humanität [über der Zeile] historisch und systematisch nunmehr seinen Abschluß erreicht hat. Sie werden darin einen Beitrag zur Continuität des Denkens finden, die immer unbewußt bleibt. Denn während wir die einzelnen Gedanken spontan erzeugen, heißt es von unserer gesamten Gedankenwelt in einem idealistischen Sinne:
"Es denkt in uns!"