Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. März 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, 30.III.07.
Adresse Dresden: Stürmers Hôtel, Lindenauer Str. 11.
Liebes Fräulein Hadlich!
Der zehnte Brief heute, aber doch endlich ein angenehmer. Denn durch den Nebel ärgerlicher Geschäfte sehe ich Dresden, und komme bereits so weit zu mir, mich sehr darauf zu freuen. Mitzuteilen gibt es heute nichts, als daß ich Ihnen in unser aller Namen u. zugleich in dankender Erwiderung Ihrer lieben Karte an meine Mutter ein fröhliches Osterfest im Hallenser Freundeskreis wünsche.
Ganz fatal hat sich die Fechnersache entwickelt. Bis vor zwei Stunden hatte ich die Absicht noch nicht aufgegeben, gleich von Leipzig[über der Zeile] 2. nach Dresden[über der Zeile] 1. zu fahren, die Taschen dick voll mit Empfehlungen
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| von Wundt, mit Adressen und mancherlei neuen Beziehungen. Nur eins fehlte: nämlich das Originalwerk, das ich herausgeben soll und noch nie, wenigstens nur sehr flüchtig gesehen habe. Bis zum letzten Moment habe ich die Bemühungen nicht aufgegeben, aber umsonst. Ein tückisches Schicksal legt mir auch hier vom 1. Tage an Hindernisse in den Weg: es ist nirgends auch nur leihweise zu beschaffen, überall spurlos verschwunden. So unvorbereitet kann ich natürlich nicht hinfahren, habe mich daher, falls kein neues Moment eintritt, entschlossen, diesen Plan fallen zu lassen.
Durch äußere Anlässe bin ich in diesen Tagen wieder nicht zu Humboldt, sondern zur Religionsphilosophie zurückgeworfen worden. Infolge
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| der Festunruhe scheint aber auch diese Gärung zu keinem Resultat zu führen; die 3 Recensionen müssen also ebenfalls liegen bleiben, wie so manches in diesem Jahr.
Weshalb so tragisch über mein Schweigen betr. des Schulabschlusses? Mein Eindruck war natürlich auch diesmal tief, weil es ja z. T. meine eignen und sehr liebe Schülerinnen waren, die da fortgingen, auch mein Schmerzenskind Elsa Hiller. Aber der Direktor hat mir diesmal durch seine Rede die Sache "verlabbert". Er hielt 4 Ansprachen und wurde immer weihmütiger , bis ich vor Hunger zornmütig wurde.
Alles andere am Dienstag, 11 Uhr 20.
Herzliche Grüße in Ungeduld
Ihr Eduard Spranger.