Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. April 1907 (Dresden)


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5. April 1907 ab Dresden 7 Uhr 7.
Der Zug enteilt, entrückt mich Deiner Nähe,
Ein weher Schmerz macht es mir jäh bewußt,
Und wie ich durch die Frühlingsdämmerung spähe,
Erwacht des Herzens quälender Verlust.
Dein Auge seh' ich nicht mehr, Deine Züge
Bald heiter froh, bald sinnend tief belebt,
Des Raumes endlos trennendes Gefüge
hat wieder nun sein Reich um uns gewebt.
Wenn sonst des Abschieds Stunde uns umfangen,
So schlug sie uns mit bangem Zweifelston. -
Nun klage nicht; denn muntre Vöglein sangen
Und dieses Mal von Frühlingssonne schon!
Kein Herbst bedroht, was wir in uns gegründet:
Es prangt in Reife, früchtesegenvoll,
Und aller Schmerz, und alles Leid, es mündet
In die Gewißheit, die Dich trösten soll:
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Sie führt bergan, die Straße, die wir wallten,
Und schon umweht uns frischer Höhenwind,
Hab' ich empor an Dir mich einst gehalten,
So sahst Du jetzt mich siegesfroh gesinnt!
Empor, empor, so laß uns weiter wandern,
Vertrau' dem Arm, der sich durch Dich gestählt,
Denn was wir sind, ist einer durch den andern:
Kein Schwanken mehr, die Bahn - sie ist gewählt!
Brüderlich
E.