Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. April 1907


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Nach Dresden 6.IV.07.
Liebes Fräulein Hadlich! Je gewisser mir ist, daß sich das Tiefste nicht in Worte fassen läßt, um so mehr mußte ich am Ende dieser schönen Tage verstummen. Es war vielleicht ein anfangs schmerzliches, aber doch sicher das beste Resultat unserer Elbewanderung, daß wir nun definitiv über die Sphäre der Worte hinausgingen. Ich meine, wir zweifeln nun nicht mehr, daß unser Bestes, Glaube und Vertrauen im weitesten Sinne, nicht von der Formulierung abhängen. Den Wert der Symbole wollen wir deshalb nicht unterschätzen und sie uns weiter "zeigen". Aber wenn alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist, so ist auch alles Gleichnis vergänglich, momentan, und wir wissen nicht, wie weit wir uns in unsern Symbolen dem Ewigen überhaupt nähern. Ich wiederhole noch einmal: wir können und wollen die Echtheit des Ringes nicht beweisen, wohl aber seine Kraft . In dieser Gewißheit kam ich; nicht wie früher manchmal, zur Aussprache, sondern zum Zusammenleben . Wundert Sie das? Dann muß ich Ihnen gestehen, daß Ihr Kommen bei allem Dankbarkeitsgefühl mir zu meiner
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| eignen Verwunderung wie selbstverständlich war. Müssen wir nicht da sein, wo wir unsre Heimat ahnen? Ist das nicht auch eine Art von ewigem Gesetz?
Und sie kamen mit Spießen, Stangen, Messern und "Nadeln". Sollte Sie nun künftig etwas an mir stechen oder schneiden, so nehmen Sie an: es kam von Ihnen. Mein Schiff segelt in eine Gegend, von der ich wohl weiß, daß sie Ihnen nicht sympathisch ist, nämlich in die christliche. Aber Sie wissen, daß ich nichts tue, was nicht mit Notwendigkeit und Aufrichtigkeit aus irgend einem Winkel meiner Seele kommt; und wo wir hinsteuern, das steht doch nicht in unsrer Hand. So ist auch Ihr Sein und Denken mir ein notwendiges und wertvolles, aber beides nicht in dem Sinne, daß wir einander nicht abgeben und nicht miteinander ringen sollten. "Und so fortan!"
Als ich meine Abschiedsstummheit überwunden und die obigen Zeilen in mein Notizbuch geworfen hatte, erschien in Röderau ganz unvermutet Frl. Naumann im Gange des Zuges. Wir fuhren zusammen; sie wird nie einen schlechteren Gesellschafter in mir gefunden haben: halb war er blind, halb stumm. - Angelangt erstattete ich Bericht über die Dresdner Reise. Meine Eltern waren über
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| alles herzlich erfreut, sehr erstaunt über Ihre ausdauernde Tapferkeit und dankbar für die schönen Ferien, die ich durch Sie nun einmal wirklich, nicht nur nominell, gehabt habe. Hoffentlich kommt bei Ihnen die Müdigkeit nicht noch nach, sondern haben Sie Halle munter und glücklich erreicht und den Husten der Engländerinnen-Unity hinterlassen. Empfehlen Sie mich unbekannter Weise in Halle, grüßen Sie in Cassel und geben Sie Hermann bitte eine von den Recensionen.
Hier lag ein Packen Briefe, darunter ein sehr lieber von Hermann, ein Ostergruß von Helene Schulze (meiner Zeiten) und beiliegende Karte von Eucken, die ich gelegentlich zurückerbitte. Bei Hahn anscheinend gänzliche Verwirrung über sein Lebensschicksal; aber das sind die Schlechtesten nicht! Dienstag beginnt die Schule, Frl. Naumann freut sich auch.
Vielen Dank für die beiden Karten. Von Frl. Knaps habe ich doch "immerhin einiges" lesen können. Entschuldigen Sie mich und kehren Sie alles zum besten. Wenn Sie in Heidelberg wieder in Ruhe sind, so senden Sie auch mir eine Augenspiegeltafel in Gestalt eines Briefes.
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|Mögen Sie viel Freude an den Kleinen haben!
Ruhen Sie sich in Cassel ja noch aus, und behalten Sie das schöne Frühlingsmärchen in ebenso freundlicher, freundschaftlicher Erinnerung wie Ihr herzlich zugetaner
Eduard Spranger.
Die herzlichsten Grüße und Wünsche von meinen Eltern!

P.S. Die Nadel steckt schon. Es wird einiges Flüstern geben! Charlotte Fricke, beschäftigen Sie sich nicht mit fremden Dingen! -
Ich hätte noch die zweite Hälfte des Bogens an Sie gewendet, aber die Hauptsache ist mir, daß der Brief Sie noch in Halle erreicht.
Herzlichen Dank auch für die Chokolade, die mir die "Zunge" löste!!