Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11./12. April 1907 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 11. April 1907.
Liebes Fräulein Hadlich!
Schöne Dresdner Nachklänge waren mir Ihre lieben Zeilen aus Cassel. Solche Tage und solche Worte haben darin ihren Wert, daß sie als ein freundliches Gestirn über den aufreibenden Kämpfen des Hier und Jetzt stehen und den Weg erleuchten. Hoffentlich fühlen Sie sich nun nach der Rückkehr in die Heimat nicht "angegriffen", sondern munter und kräftig.
In meiner Seele ist es auch heute noch licht; nicht so gut geht es dem Körper; ich war völlig erschöpft, z. T. weil wieder einmal Tage waren, in denen ein grundloser, ungemessener Ärger in mir wütete. Jedes Menschen Glück ist auch die Quelle seines Leidens. Und bei mir sind die Fälle jetzt so häufig, daß ich mich ohne objektive Veranlassung "beeinträchtigt" fühle, was nach Aussage der Psychiater ein
[2]
| Zeichen von Schwachsinn sein soll. Der Schauplatz war natürlich die Schule.
Ein entsetzliches Bild von neuer Kollegin tauchte vor mir auf. Der letzte Witz blieb mir am Treppenabsatz liegen, als über dem zahnlosen Mund das strenge Auge durch die Brille strafte. Dies also, dachte ich, ist die Seele, die in der I. Klasse Deutsch etc. geben wird. Wutkochend hörte ich die stereotype Begrüßungsrede, ebenso empfing ich den Zettel: Deutsch in IIa, Religion in - IIIa + b. Ich kam mir entsetzlich subaltern vor: gar kein Avancement, obwohl alles frei war, die Bergpredigt mit den Kindlein - ein furchtbarer Gedanke für einen Akademiker, um so furchtbarer, als Frl. Treitel neben mir in ein Schmerzgeheul beim Anblick der Collega ausbrach. In stummer Wehmut dachten wir beide an Frl. Laabs.
Und doch war das alles grundlos. Denn Frl. Ebel frißt durchaus keine Menschen, auch gibt sie nicht ½ Stunde in der I. Klasse, sondern hat die IV b, die ihr der Herr segnen möge, und in der I waltet der Herr Direktor selbst. Letzteres
[3]
| ist für mich nicht eben ein Vertrauensvotum, aber durchaus in der Ordnung. Und die II a mit 17 Schülerinnen unter dem Ordinariat von Frl. Naumann - das ist ja geradezu ideal! Daß ich Religion in der II. nicht bekam, ist ebenfalls in der Ordnung; denn Frl. Naumann konnte neben dem ihr zukommenden Deutsch nicht auch diese Stunden abgeben. Ich habe also die besten Stunden, die unter dem Direktor zu vergeben waren, und ärgere mich - über meinen gestrigen Ärger.
Aber auch dieser war nicht ohne Süße. Kollege Bolte, der der Luise Menz Klavierstunden gibt, gestand mir beim ersten Begegnen, daß sie unablässig "geforscht" hätte, ob ich sie weiter in Deutsch unterrichten würde. Sie hätte nämlich eine kolossale Verehrung für mich. Und Frl. Naumann erzählte mir etwas resigniert, daß "ein großes Freudengeheul" ausgebrochen wäre, als sie sagte, daß ich "vermutlich" Deutsch geben würde. Diese deutschen Stunden sind nun der reine Privatcirkel: lauter liebe, willige Mädchen in kleinem Kreise dicht vor mir, keine große Begabung, aber viel Wärme; dazu die Odyssee, in der ich lebe und webe,
[4]
| alles idyllische Behaglichkeit, wie sie zum alten Homer paßt. Die kleine Grete Voß sieht mich immer an, als müßte es im nächsten Augenblick noch viel erstaunlicher werden. Trotzdem fehlt mir zweierlei: innerlich ist es mir, als wären aus einem Freundeskreis liebe Zugehörige fortgerissen. Wo ist Käthe Ihlefeldt, Frida Pütter, Martha Roding, Hedwig Wolter, Luise Goedecke, Gertrud Müller, Martha.....u.s.w. u.s.w. Und wenn sie auch gerade nicht der strengen Alten verfallen sind, so.....u.s.w. Äußerlich fehlt mir zunächst das Rhetorische, das beim Verkehr mit 40 gelegentlich auch zur grandiosen Deklamation werden durfte. Hierher gehören stillere, innerlichere Töne. Aber das ist eine Änderung, kein Verlust.
Denn in Religion sitzen 38, ein böses Volk, langschlaksige Personen, nach Rempeleien begierig, und nicht nach den Seligpreisungen, die ich eigentlich zuerst durchnehmen sollte. Aber wozu ist man Psychologe? Mir klopfte wohl etwas das Herz, als ich heute hereinkam; aber ich war entschlossen, zu siegen oder zu sterben. Zuerst also verkündete ich mit Leutnantstimme meinen Entschluß, "Sie" zu sagen, oder gegebenenfalls auf Sie ebenso unangenehm
[5]
| zu werden, wie auf Du. Dann, als ich sah, daß das ungemein interessant wirkte, kritisierte ich jede Antwort mit dem niederträchtigsten Hohn, den ich hatte, ließ auch Religion Religion sein und suchte erst mal Frühling. Da bemerkte ich dann, daß diese Seelen innerlich alle viel weicher sind (sie kommen von Frl. Naumann), als es scheint. Aber es half nichts, ich blieb beim Realismus. Ob ein Opfer von 100 Stieren nicht eine unsinnige Verschwendung wäre? Da kamen nun die goldenen Gemüter: für die Gottheit wäre nichts zu schade etc. in 1000 Variationen; ich aber entwickelte mit eisiger Kälte, daß die Götter bloß die ungenießbaren Eingeweide bekommen hätten, und daß man das übrige sich schmecken ließ. Zum Schluß waren sie ganz weg vor Neuheit. Nun sollen Sie mal sehen, wie das wirkt, wenn ich auf einmal von einem tiefergreifenden Punkte mit meinem Gemütsanteil herauskomme. Da werde ich sie schon fassen.
Aber solche Stunden energischer Koncentration nach schlecht und kaum durchschlafener Nacht machen doch müde. Ich war heute so schwach, daß ich am liebsten gelegen hätte. Hoffentlich hält das nicht an. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, was für einen
[6]
| tiefen und reinen Genuß dieser Verkehr mit der Jugend mir bietet. Jede Seele ist mir wie eine aufgeschlossene Knospe, durch die ich unmittelbar ins Metaphysische blicke, der unendliche Wert der Individualität ist mir wie eine unablässige Offenbarung, und diese Offenbarung nicht zu empfangen, sondern sie meinerseits zu gestalten und den Geheimnisvollen herauszuhelfen, das geht eben über alles Begreifliche und Mitteilbare, ist auch keine hysterische Täuschung, sondern ein freudiges, frisches Erleben, das mich in den Stunden selber zum Sonnenschein macht. Das fühlen die Mädchen dankbar heraus, und in den Augen spiegelt sich die Sonne und strahlt noch heller und herrlicher zurück. Trotzdem weiß ich eins: Nur weil ich über der Sache stehe, nicht unter 20 Stunden und hunderten von Kindern erliege, kann ich das. Aber es zu können, ist das schönste, rätselhafteste Glück meiner Jugend, die ich sonst im ganzen ernst und streng gestaltet habe. Nur wenn man sich selbst im ganzen frei und rein fühlt, kann man das, und deshalb ist dieser Beruf für mich ein steter Antrieb zur Selbstbewahrung.
[7]
|

12.IV.07
Ich will noch ein Blatt an Sie wenden. Sollte das kleine Büchlein ein Tagebuch werden? Warum habe ich es nicht in Dresden geführt; es hätte von so viel mehr Sonnenschein berichtet. Glauben Sie nicht, daß ich professionell stöhne. Aber Sie wissen ja, der täglichen Eindrücke sind so mannigfaltige, daß die große, feste Gewißheit sich leicht umschleiert, besonders wenn man - niemanden bei sich hat, dessen Gegenwart innere Kraft u. Freude gibt. Eben komme ich von Paulsen. Er war heute morgen abgereist. Die Gesundheit ist sehr schlecht; die Darmblutungen sind von neuem aufgetreten. Ich fürchte, daß der Aufenthalt in Baden-Baden nicht zum Guten dienen wird. Da gäbe es denn äußerlich und innerlich viel zu ertragen. Mein Kopf ist wüst; wann kommt ein Tag der Stille und Ruhe?
Nieschling schreibt mir heute einen traurigen Brief: verfehlter Beruf, versiegendes Leben. Nur aus Heidelberg kam Sonnenschein: Ruska heißt mich in s. Familie willkommen und bietet sich als Odenwaldführer an. (Wir
[8]
| sind allda hiesig!!)
Und Fechner, das Untier! Ich zweifle sehr, daß ich nach Leipzig fahre.
Rätselhafte Welt voll Kampf und Leid. Glück strahlt nur aus einer Tiefe: dem individuellen Umgang und Wirken! Merkwürdig, daß das Lebenwecken so viel Genuß gewährt, wo doch Leben Leiden ist! Wohl dem, der das ahnungsvolle Dunkel mit freundlichen Vorstellungen umkleiden kann. Durch die Risse und Brüche unserer Kenntnis strahlt es wunderbar, und es ist guter Grund, zu hoffen, daß alles voll Herrlichkeit ist. Woher sonst die tiefe Qual, der große Anspruch, der entsagungsvolle Kampf? Also mutig voran, und doch fühle ich Prediger in der Wüste, so oft die Wüste mehr als die Predigt. Deshalb überwand der die Welt, der das größte Vertrauen durch den schwersten Tod, den Tod aus Liebe und Vertrauen, besiegelte.
Herzlichste Grüße von uns allen auch an Frl. Knaps, die mir eine milde Richterin sein möge. Treulich und herzlich Ihr Eduard Spranger.